Gewichtsbezogene Stigmatisierung, kurz Gewichtsstigma, „bezeichnet die Zuschreibung negativer Eigenschaften auf Menschen mit Adipositas und umfasst negative gewichtsbezogene Stereotype, Vorurteile und Diskriminierung.“ In Bezug auf Übergewicht ist auch von Fatshaming die Rede, womit der Fokus ähnlich wie beim Bodyshaming auf das Beschämen dicker Menschen gelegt wird. In westlichen Industriegesellschaften ist gewichtsbezogene Stigmatisierung trotz der negativen Folgen für Betroffene weit verbreitet und akzeptiert.
Empirisch werden Stigmatisierungserfahrungen Adipöser und ihre Bewältigungsstrategien vor allem mithilfe entsprechender psychologischer Tests erforscht. Gewichtsbezogene Stigmatisierung ist ein zentraler Forschungsgegenstand der Fat Studies.
Geschichte
Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts Deutschland Ein Verständnis von „Fettleibigkeit“ als Gesundheitsproblem begann in Deutschland mit der Aufklärung. Das Körperideal von Schlankheit entwickelte sich allerdings zuerst vor allem als Schönheitsideal der Aristokratie, deren Mitglieder etwa durch Kuraufenthalte versuchten, Gewicht zu reduzieren. In der von Hunger und Mangelernährung geprägten Arbeiterschicht setzte sich Schlankheit als Schönheitsideal erst deutlich später mit dem Wandel der Arbeitswelt und der Verfügbarkeit günstiger, energiereicher Nahrung durch. Für Deutschland erklärt Sabine Merta den Wandel ab dem späten 18. Jahrhundert anhand der Veränderung der Arbeitswelt und von Wertvorstellungen, die nun im Sinne der „Triebzivilisierung“ auch im Privatleben zu Enthaltsamkeit und Mäßigung aufriefen. Zudem habe zunehmender Reichtum dazu geführt, dass ein dicker Bauch als Distinktionsmerkmal an Attraktivität verloren habe.
USA Auch in den USA lässt sich anhand von Werbematerialien schon für das späte 19. Jahrhundert ein Trend feststellen, in dem Sorgen vor Übergewicht artikuliert und von einer wachsenden Diätindustrie kommerzialisiert wurden, sodass Amy Erdman Farrell den Ursprung der Idee, dass Übergewicht ein Grund zur Scham sei, im 19. Jahrhundert identifiziert. Zuvor hatte Übergewicht, selbst wenn es als unattraktiv galt, als Statussymbol, das Macht und Besitz, aber auch Gier und Dekadenz signalisierte, gegolten. In Vaudeville-Shows und Jahrmärkten wurden extrem übergewichtige Menschen als „groteskes“ Spektakel beworben. Auch Beleidigungen, die sich auf das Körpergewicht bezogen, gewannen zu Ende des 19. Jahrhunderts an Verbreitung. Mit der Abwertung dicker Körper ging aber nicht direkt eine Aufwertung dünner Körper einher: Als Schönheitsideal galt vielmehr ein „ausgeglichener“ Körper. Übergewicht wurde zunehmend als Problem der wachsenden weißen Mittelschicht dargestellt; Übergewicht galt als Anzeichen, dass die neureiche Mittelschicht nicht verantwortungsvoll mit den neuen Freiheiten und Möglichkeiten umgehen könne. Die Abwertung dicker Menschen nahm zudem rassistische und klassistische Züge an. Selbst zu Zeitpunkten, als Übergewicht bei als weiß geltenden (englisch- und deutschstämmigen) Frauen noch Gesundheit und Schönheit symbolisierte, wurde es bei als nicht-weiß geltenden irischstämmigen Frauen als grotesk dargestellt. Im wissenschaftlichen Diskurs war, so Amy Farrell, der Glaube verbreitet, „dass Modernität und Zivilisiertheit untrennbar mit Dünn-sein, und primitive und unzivilisierte Körper mit Dick-sein verbunden seien“. Die vermeintliche Minderwertigkeit von Afrikanern, indigenen Völkern, Frauen, Migranten und Verbrechern wurde so mit Übergewicht in Verbindung gebracht und weißen Frauen wurde nahegelegt, sich durch einen schlanken Körper davon abzugrenzen. Übergewicht von Frauen war mit Beginn des 20. Jahrhunderts zudem nicht mehr mit Mütterlichkeit, Fruchtbarkeit und Sinnlichkeit assoziiert, sondern wurde als Zeichen gedeutet, dass sie für Frauen unziemliche Tätigkeiten (etwa in der Politik) ausgeübt hätten. Michael Clarke weist in Bezug auf die von Farrell diskutierten Verbindungen zwischen race und Fatshaming allerdings darauf hin, dass einerseits die Verbreitung solcher Verbindungen über die diskutierten Beispiele (wie etwa Sarah Baartman) hinaus debattierwürdig sei, und dass man andererseits „im späten 19. Jahrhundert im Grunde alles mit Rassentheorien in Verbindung bringen kann, weil alles damit verbunden war.“
Als Ursache für den Wandel des Schönheitsideals im 20. Jahrhundert werden schließlich verschiedene Erklärungen angeführt. Auch der Zeitpunkt, zu dem der Wandel vonstattenging (spätes 19. Jahrhundert oder 1920er Jahre), ist Gegenstand der Debatte. Die Medizin, die sich zwar schon länger mit Adipositas befasst hatte, trug zur Diskreditierung dicker Körper weniger bei und über lange Zeit galt Übergewicht als vernachlässigbares Problem (noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts stellte z. B. auch das Wiegen von Patienten keine Standardpraxis dar). Medizinische Erkenntnisse über die gesundheitlichen Risiken von Übergewicht entwickelten sich erst nach Beginn der kulturellen Stigmatisierung von Übergewicht und wurden in der Öffentlichkeit erst dann zur Bestätigung vorab existierender Vorurteile herangezogen. Für die USA verweisen Schwartz und Stearns, die den Wandel der Wahrnehmung von Übergewicht zeitlich später (zu Beginn des 20. Jahrhunderts) verorten, auf die Transformation von einer agrarisch und ländlich geprägten Gesellschaft zu einer urbanen, konsumorientierten Gesellschaft als wichtigen Faktor für die zunehmende Abwertung dicker Menschen. Der kulturelle Fokus auf Schlankheit sei ein Produkt von Schuldgefühlen in einer von Exzess geprägten Gesellschaft, die noch von den viktorianischen und protestantischen Idealen von harter Arbeit und Zurückhaltung geprägt sei.
Im 20. Jahrhundert Das Schlankheitsideal setzte sich im 20. Jahrhundert, nur unterbrochen durch die Nahrungsmittelknappheit während der Weltkriege, weiter durch. In der Folge nahm auch die Unzufriedenheit von Menschen mit dem eigenen Gewicht zu. Obwohl sich das Durchschnittsgewicht von US-Amerikanern zwischen 1950 und 1970 nicht wesentlich verändert hatte, gaben 1973 39 % der Männer und 55 % der Frauen an, sich zu dick zu fühlen – 1950 waren es noch 21, bzw. 44 % gewesen. Parallel zu dem immer stärker werdenden Schlankheitsideal kam es allerdings insgesamt in den westlichen Staaten eher zu einer Gewichtszunahme. 1997 wurde Adipositas als erste nicht-infektiöse Krankheit von der WHO zur Epidemie erklärt. Wurde die Bezeichnung „Epidemie“ ursprünglich noch als Metapher für die schnelle Ausbreitung verwendet, verschob sich die Bedeutung später zum Sinn einer Epidemie, die mit Cholera oder AIDS vergleichbar sei. Anstelle eines biomedizinischen Auslösers, wie etwa eines Virus, habe sich die Vorstellung verbreitet, dass eine „toxisch[e] Umwelt“ zur Verbreitung von Adipositas beitrage, so Schorb. Damit ging ein verstärkter wissenschaftlicher, medizinischer und politischer Fokus auf Adipositas einher.
21. Jahrhundert Während sich in vielen Bereichen die Erkenntnis durchgesetzt habe, dass moralische, physische und psychische Eigenschaften von Menschen nicht zusammenhingen, halte sich die Idee, dass man anhand des Körpergewichts den „Wert“ von Menschen erkennen könne, auch im 21. Jahrhundert, diagnostiziert Amy Farrell. Seit den frühen 2000er Jahren dominiert der Diskurs der Adipositas-Epidemie die Debatte über Dickleibigkeit. Eine Reihe von Wissenschaftlern sieht darin einen Zusammenhang mit neoliberaler Wirtschaftspolitik und ihren Auswirkungen. Im Zuge dieser Politik sei es zur stärkeren biopolitischen Kontrolle des Gesundheitssystems gekommen, sodass Gesundheit verstärkt als individuelle Verantwortung im Sinne neoliberaler Selbsttechniken betrachtet und soziale und wirtschaftliche Faktoren ausgeblendet wurden, schreibt Harjunen. Der dicke Körper werde somit gedeutet als „Zeichen ob man ein anständiger, würdiger und produktiver (neoliberaler) Bürger ist“. Die gesellschaftliche Kontrolle und negative Vorurteile über dicke Menschen würden mit den durch Übergewicht entstehenden gesellschaftlichen Kosten gerechtfertigt.
Erklärungsansätze In jüngerer Zeit kam es zu einem verstärkten Fokus auf Übergewicht, da dieses ein Risikofaktor für eine Reihe von Erkrankungen ist, die Prävalenz vor allem in entwickelten Nationen und Schwellenländern ansteigt und sich die kulturelle Deutungen von Übergewicht wandelte. Stigmatisierungsprozesse von Übergewicht hängen eng mit Annahmen zur Kausalität der Adipositas zusammen, ob also die Ursache von Adipositas im individuellen Verhalten (in Form einer übermäßigen Zufuhr von Nahrungsenergie in Verbindung mit einem Mangel an Bewegung), in genetischen Prädispositionen, oder in kulturellen Begebenheiten verortet wird. Die Vorstellung, Übergewicht sei allein im individuellen Verhalten begründet, ist besonders stark mit dem Vertreten stigmatisierender Einstellungen verknüpft. Neben solchen attributionstheoretischen Erklärungen werden auch soziokulturelle Faktoren wie Schönheitsideale, die Dünnsein in den Vordergrund stellen, und deren Internalisierung für das Zustandekommen gewichtsspezifischer Stigmata herangezogen. Sowohl sozioökonomische Merkmale von Übergewichtigen als auch derjenigen, die an deren Stigmatisierung beteiligt sind, spielen für die Ausprägung von stigmatisierenden Haltungen eine Rolle. So werden beispielsweise übergewichtige Frauen negativer beurteilt als übergewichtige Männer und übergewichtige Personen mit höherem sozialen Status werden als weniger faul und kompetenter eingeschätzt als Personen mit geringem sozialen Status. Auf Seiten derjenigen, die entsprechende Einstellungen halten, findet sich zudem eine positive Korrelation zwischen autoritären Einstellungen und Vorurteilen gegenüber Übergewichtigen.
Verbreitung In westlichen industriellen Gesellschaften ist gewichtsbezogene Stigmatisierung weit verbreitet und akzeptiert. Eine von deutschen Wissenschaftlern durchgeführten systematischen Übersichtsarbeit von 2016 zeigte, dass durchschnittlich etwa 5,7 % der normalgewichtigen Menschen angaben, aufgrund ihres Gewichts diskriminiert worden zu sein. Unter Menschen mit Adipositas Grad I gaben 19,2 % der Befragten an, diskriminiert worden zu sein. Unter Befragten mit einem Body-Mass-Index über 35 lag der Wert bei 41,8 % der Befragten. Fatshaming fand auf der Arbeit, im Gesundheitssystem, im Erziehungssystem, in persönlichen Beziehungen und in den Medien statt. Besonders betroffen sind laut den untersuchten Studien Frauen, junge Erwachsene und Weiße. Gewichtsbezogene Stigmatisierung tritt schon im Kinder- und Jugendalter auf und ist häufig ein Grund für Mobbing. Heranwachsende haben ausgeprägtere negative Einstellungen gegenüber Übergewichtigen als Kinder, während diese im Erwachsenenalter abnehmen. Eine Studie von Forschenden der Harvard University zu implizitem Bias fand, dass im Zeitraum von 2007 bis 2020 entgegen dem Trend bei anderen Diskriminierungsformen unbewusste Vorurteile gegenüber übergewichtigen Menschen zugenommen hatten.
In Familien Stigmatisierung aufgrund des Körpergewichts findet häufig vor allem durch Familienmitglieder statt. In Befragungen werden Eltern und Geschwister von Kindern aller Gewichtsgruppen als häufigste Ausgangspunkte gewichtsbezogener Stigmatisierung benannt und Studien fanden gewichtsbezogene Stereotype auch bei Eltern von Kindern mit Adipositas. Gewichtsbezogene Stigmatisierung in der Familie kann in Form von Stereotypen, Hänseleien, Beschimpfungen, Kritik, Ablehnung oder feindseliger Behandlung auftreten. Bis zu 72 % von Erwachsenen mit hohem Gewicht berichten von gewichtsbezogener Stigmatisierung durch Familienmitglieder. Häufig geht diese von weiblichen Familienmitgliedern aus. Elterliche negative Einstellungen gegenüber Übergewicht und Kommentare zum Gewicht der Kinder gelten als Risikofaktoren für die Entwicklung von Essstörungen.
Im Gesundheitswesen