Die Schachweltmeisterschaft 2023 war der 49. Wettkampf in der Geschichte der Schachweltmeisterschaften. Er wurde zwischen dem unter der neutralen Flagge der FIDE spielendenWegen des andauernden Ukrainekrieges war es Russen untersagt, unter der Flagge ihres Heimatlandes anzutreten. Russen Jan Nepomnjaschtschi und dem Chinesen Ding Liren – somit dem Sieger und dem Zweitplatzierten des Kandidatenturniers 2022 – vom 7. bis zum 30. April 2023 in Astana, Kasachstan ausgetragen. Der Wettkampf umfasste 14 Langpartien und vier Tie-Break-Partien mit kürzerer Bedenkzeit. Ding Liren konnte in der letzten Partie des Tie-Breaks das Spiel für sich entscheiden und wurde damit als erster Chinese Schachweltmeister.
Zunächst sollte der Wettkampf zwischen dem amtierenden Schachweltmeister, Magnus Carlsen, und dem Sieger des Kandidatenturniers ausgefochten werden. Carlsen verzichtete aber auf die Titelverteidigung.
Für Nepomnjaschtschi war dies der zweite Weltmeisterschaftskampf. Bei der vorhergehenden Schachweltmeisterschaft 2021 war er gegen Carlsen angetreten, hatte jedoch deutlich verloren. Für Ding war es die erste Teilnahme an einer Weltmeisterschaft.
Kandidatenturnier
+PlatzSpielerPunkte1 Jan Nepomnjaschtschi9½2 Ding Liren83 Teymur Rəcəbov7½4 Hikaru Nakamura7½5 Fabiano Caruana6½6 Alireza Firouzja67 Jan-Krzysztof Duda5½8 Richárd Rapport5½ Nepomnjaschtschi war als unterlegener Herausforderer der Schachweltmeisterschaft 2021 (in Folge seines Sieges im vorherigen Kandidatenturnier Jekaterinburg 2020) automatisch gesetzt. Die meisten anderen Teilnehmer qualifizierten sich durch Top-Platzierungen in großen FIDE-Turnieren und Turnierserien wie dem Schach-Weltpokal 2021, dem FIDE Grand Swiss Tournament 2021 und dem FIDE Grand Prix 2022. Ding rückte erst aufgrund seiner Position in der Elo-Weltrangliste nach, als der an sich qualifizierte Sergei Karjakin wegen seiner Unterstützung für den von Russland geführten Krieg gegen die Ukraine von der FIDE gesperrt wurde.
Im Turnier übernahm Nepomnjaschtschi schon in Runde 1 mit einem Schwarzsieg ausgerechnet gegen Ding die (vorerst geteilte) Führung, die er schließlich ungeschlagen zum souveränen Turniersieg mit 9,5 aus 14 Punkten ausbaute. Ding konnte nach für ihn wechselvollem Verlauf erst in der letzten Runde mit einem Sieg über den zu diesem Zeitpunkt zweitplatzierten Hikaru Nakamura den zweiten Platz sicherstellen. Dies hätte unter normalen Umständen eher geringe Relevanz gehabt, bedeutete aber durch den in der Luft liegenden – und später bestätigten – Rückzug des Weltmeisters Magnus Carlsen, dass Ding nun um die Weltmeisterschaft spielen konnte.
Carlsens Rückzug Der seit der Schachweltmeisterschaft 2013 amtierende Weltmeister Magnus Carlsen verteidigte seinen Titel viermal – in der Weltmeisterschaft 2014 gegen seinen Vorgänger Viswanathan Anand, 2016 gegen Sergei Karjakin, 2018 gegen Fabiano Caruana und zuletzt 2021 gegen Nepomnjaschtschi. Schon kurz nach diesem letzten Match gab Carlsen zu verstehen, dass er seinen Titel wegen fehlender Motivation in Zukunft wahrscheinlich nicht mehr verteidigen werde. Nach dem Kandidatenturnier bestätigte Carlsen diese Aussage am 20. Juli 2022 endgültig.Schach-Weltmeister Magnus Carlsen dankt ab. In: FAZ.NET. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. Juli 2022, abgerufen am 15. Dezember 2024. Er behielt seinen Titel, bis der neue Weltmeister gekrönt wurde.
Die FIDE-Regularien für die Weltmeisterschaft besagen: „2.2. Falls der Weltmeister oder sein Herausforderer zurückzieht – egal aus welchen Gründen – soll er durch den Zweitplatzierten des Kandidatenturniers ersetzt werden.“ Davon profitierte Ding Liren.
Die Weltmeisterschaft 2023 ist einer der in der Schachgeschichte seltenen Fälle mit Rückzug des Titelverteidigers und die erste unumstrittene Schachweltmeisterschaft, die in Folge ohne dessen Beteiligung zwischen Kandidaten ausgetragen wird. Im Jahr 1920 übertrug Emanuel Lasker seinen Weltmeistertitel zunächst kampflos an José Raúl Capablanca. Da die beiden aber auf Verlangen der Schachwelt trotzdem die Schachweltmeisterschaft 1921 zum Siege Capablancas austrugen, war dieser Rücktritt praktisch bedeutungslos. Die Schachweltmeisterschaft 1948 wurde in Nachfolge und ohne Beteiligung des zwei Jahre zuvor verstorbenen Weltmeisters Alexander Aljechin ausgetragen. Die Schachweltmeisterschaft 1975 wurde nicht gespielt, da die FIDE nach dem Rücktritt des Weltmeisters Bobby Fischer seinen Herausforderer Anatoli Karpow zum Weltmeister erklärte. Vor der Schachweltmeisterschaft 1993 überwarfen sich Weltmeister Garri Kasparow und sein Herausforderer Nigel Short mit der FIDE, wurden abgesetzt und trugen die Weltmeisterschaft auf eigene Faust aus. Dafür spielten die Nachrücker Jan Timman und Karpow die parallele FIDE-Weltmeisterschaft 1993, die Karpow gewann; wie auch die folgenden FIDE-Weltmeisterschaften fand diese aber wenig Anerkennung in der Schachwelt. Zur FIDE-Weltmeisterschaft 1999 trat Titelverteidiger Karpow nicht an, weil er ohne Privilegien als einer von 100 Teilnehmern hätte spielen müssen; Alexander Chalifman gewann. Auch zur FIDE-Weltmeisterschaft 2004 mit über 120 Teilnehmern trat der Titelverteidiger, Ruslan Ponomarjow, nicht an.
Magnus Carlsen führt auch nach der Schachweltmeisterschaft 2023 die Weltrangliste an. Es ist in der Geschichte des Schachs jedoch nicht ungewöhnlich, dass der Weltmeistertitel nicht vom Weltranglistenersten getragen wird. Beispielsweise blieb Garri Kasparow noch lange Zeit an der Spitze der Rangliste, nachdem er bereits im Jahr 2000 seinen Weltmeistertitel an Wladimir Kramnik verloren hatte. Wesselin Topalow war im Zeitraum zwischen 2006 und 2009 mehrmals Ranglistenerster, aber nie klassischer Weltmeister.
Reglement Die Hauptphase des Weltmeisterschaftswettkampfes ging über 14 Schachpartien mit langer Bedenkzeit: 120 Minuten für die ersten 40 Züge, + 60 Minuten für die folgenden 20 Züge und + 15 Minuten für den Rest der Partie bei einem Inkrement von 30 Sekunden pro Zug ab Zug Nummer 61. Remis-Angebote waren erst nach dem 40. Zug erlaubt. Vor Beginn des Wettkampfs wurde im Rahmen der Eröffnungsfeier ausgelost, dass Jan Nepomnjaschtschi in der ersten und allen weiteren ungeraden Partien die weißen Steine führte. Für einen Sieg gab es wie üblich einen Punkt, bei einem Unentschieden erhielt jeder Spieler 0,5 Punkte. Der Spieler, der zuerst 7,5 Punkte erreichte, hätte die Weltmeisterschaft gewonnen.
Für den – tatsächlich eingetretenen – Fall eines unentschiedenen Standes von 7 : 7 nach 14 Partien wurde ein Tie-Break angesetzt. Dieser bestand zunächst aus vier Schnellschachpartien mit einer Bedenkzeit von 25 Minuten + 10 Sekunden Inkrement pro Zug. Wäre auch dann noch keine Entscheidung festgestanden, wäre ein weiterer Tie-Break aus zwei Blitzpartien gespielt worden (5 Minuten + 3 Sekunden Inkrement pro Zug), bei Bedarf zwei weitere Blitzpartien. Wenn der Punktestand auch dann noch unentschieden gewesen wäre, wäre die Entscheidung in noch kürzeren Blitzpartien gefallen (3 Minuten + 2 Sekunden Inkrement pro Zug), mit der ersten entschiedenen Partie. Vor jedem dieser Tie-Break-Stadien war eine neue Auslosung festgeschrieben, wer Weiß in der ersten Partie erhält.Regulations for the FIDE World Championship Match 2023. (PDF; 0,3 MB). In: Handbook.FIDE.com, abgerufen am 15. Dezember 2024.
Hauptschiedsrichter war Nebojša Baralić aus Serbien.Roya_11: . In: Chess.com. 10. April 2023, abgerufen am 15. Dezember 2024.
Sekundanten Richárd Rapport war als Sekundant von Ding vor Ort. Außerdem erhielt er Hilfe von Jahongir Vakhidov.Dirk Jan ten Geuzendam: Secret no more – Ding Liren reveals name of grandmaster who helped him besides Richard Rapport. In: NewInChess.com. 12. Juni 2023, abgerufen am 15. Dezember 2024. Das Team von Nepomnjaschtschi bestand aus Ildar Chairullin, Nikita Witjugow und Maxim Matlakow. Zu Beginn der Vorbereitungsphase half ihm auch Wladimir Kramnik.. In: YouTube.com. 30. April 2023, abgerufen am 15. Dezember 2024.
Verlauf Die Weltmeisterschaft begann mit einer Eröffnungsfeier, gefolgt von einem Medientag. Anschließend wurde jeweils um 15 Uhr Ortszeit (= 11 Uhr Mitteleuropäische Sommerzeit) eine Turnierpartie pro Tag gespielt, die erste am Ostersonntag, dem 9. April. Ungefähr jeden dritten Tag gab es einen Ruhetag, an dem nicht gespielt wurde. Da nach der 14. Partie noch kein Sieger feststand, folgte am 30. April der Tie-Break, ebenfalls um 15:00 Uhr Ortszeit. Die Abschlusszeremonie mit Siegerehrung wurde am Tag nach dem Tie-Break abgehalten. Daraus ergab sich eine Länge von 25 Tagen für die gesamte Veranstaltung.
Verlaufstabelle Langpartien Nr.Datum (2023)11:00 Uhr MEZPartieergebnis(Nepo. : Ding)EröffnungECO-SchlüsselZügeZwischenstandLinkNepo.Ding1So., 9. Apr. ½:½ Spanische Partie (verzögerte Abtauschvariante)C8549½½2Mo., 10. Apr. 1:0 Angenommenes DamengambitD27291½½1. Ruhetag3Mi., 12. Apr. ½:½ Abgelehntes Damengambit (Abtauschvariante)D3530214Do., 13. Apr. 0:1 Englische Eröffnung (Sizilianisch im Anzuge)A2847222. Ruhetag5Sa., 15. Apr. 1:0 Spanische Partie (geschlossene Verteidigung)C8448326So., 16. Apr. 0:1 Londoner SystemD0244333. Ruhetag7Di., 18. Apr. 1:0 Französische Verteidigung (Tarrasch-Variante)C0737434. Ruhetag8Do., 20. Apr. ½:½ Nimzowitsch-Indisch (Sämisch-System)E28454½3½9Fr., 21. Apr. ½:½ Spanische Partie (Berliner Verteidigung)C6582545. Ruhetag10So., 23. Apr. ½:½ Englische Eröffnung (Sizilianisch im Anzuge)A28455½4½11Mo., 24. Apr. ½:½ Spanische Partie (geschlossene Verteidigung)C8439656. Ruhetag12Mi., 26. Apr. 0:1 Colle-SystemD04386613Do., 27. Apr. ½:½ Spanische Partie (geschlossene Verteidigung)C84406½6½7. Ruhetag14Sa., 29. Apr. ½:½ Nimzowitsch-Indische VerteidigungE469077
Verlaufstabelle Tie-Break Die erste Partie des Tie-Breaks startete am 30. April ebenfalls um 11:00 MEZ. Nr.Datum (2023)Partieergebnis(Nepo. : Ding)EröffnungECO-SchlüsselZügeZwischenstandLinkNepo.Ding1So., 30. Apr. ½:½ Damenbauernspiel (Symmetrische-Variante)A4535½½2So., 30. Apr. ½:½ Spanische Partie (geschlossene Verteidigung)C8447113So., 30. Apr. ½:½ Englische Eröffnung (Abgelehnte Neo-Katalanische Verteidigung)A14331½1½4So., 30. Apr. 0:1 Spanische Partie (geschlossene Verteidigung)C84681½2½
Wettkampfgeschehen
Langpartien Von Anfang an zeigte der Wettkampf einen sehr abwechslungsreichen Verlauf. Mit 6 entschiedenen Partien in den 14 Runden betrug die Quote an entschiedenen Partien 43 %, was für eine Weltmeisterschaft ausgesprochen hoch ist (Die letzte Weltmeisterschaft mit einer höheren Quote entschiedener Partien war der Wettkampf Kramnik–Topalow im Jahr 2006 und davor Karpow–Kortschnoi 1981). Während Nepomnjaschtschi mit Weiß ähnliche Eröffnungen aufs Brett brachte (was meist zur geschlossenen Verteidigung in der Spanischen Partie führte), probierte Ding sehr unterschiedliche Ideen aus, darunter auf höchstem Niveau eher selten angewandte Eröffnungen wie das Londoner System, das Colle-System oder (mit Schwarz) die Französische Verteidigung.
Nach einem Remis in der Eröffnungspartie errang Nepomnjaschtschi bereits in der zweiten Partie die Führung mit Schwarz. Ding hatte sich für eine sehr frühe Abweichung im abgelehnten Damengambit entschieden (4. h3!?), erlangte aber keinen Vorteil und wurde von Nepomnjaschtschi mit einem Bauernvorstoß am Damenflügel überspielt. Nachdem die dritte Partie remis geendet hatte, trug in den folgenden vier Partien jeweils der Weiß-Spieler den Sieg davon: Nach jedem Rückstand glich Ding sofort aus, wonach Nepomnjaschtschi erneut in Führung ging.
Besonders hervorzuheben sind die Partien 5 und 6, die als Glanzpartien kommentiert wurden. In Partie 5 kam Nepomnjaschtschi zum Königsangriff, den er trotz von Ding erreichten Damentausches zu einem unentrinnbaren Mattnetz im Endspiel ausbaute. In der 6. Runde bezwang Ding seinen Gegner seinerseits mit einem starken Königsangriff, der durch eine sehenswerte Mattkombination gekrönt wurde, als ein gegnerischer Bauer schon nahe der Grundreihe zur Umwandlung bereitstand.