mini|Brigitte Irrgang um 1954 Brigitte Irrgang (* 10. Februar 1943 in Krickerhau, Slowakei; † 29. September 1954 in Loitz, Kreis Demmin) war eine deutsche Schülerin, die in ihrem 12. Lebensjahr Opfer eines Sexualverbrechens wurde. 1999 wurde sie in das Verzeichnis der deutschen Märtyrer des 20. Jahrhunderts aufgenommen, das im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz herausgegeben wurde.Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts, Band II, 1264–1268. Im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz herausgegeben von Helmut Moll. 2 Bände (Paderborn München Wien Zürich 1999; 7. Überarbeitete und aktualisierte Auflage 2019).
Ihrer Lebensgeschichte widmete der Komponist Nikolaus Schapfl (* 1963) das Oratorium Brigitte.
Leben mini|Brigitte Irrgang im September 1954 etwa zwei Wochen vor ihrem Tod Brigitte Irrgang stammte aus den Karpaten, aus Krickerhau (slowakisch Handlová) im Hauerland, einem ehemals deutschen Siedlungsgebiet in der Slowakei. Ihre Eltern Wilhelm Irrgang (1907–1990) und Jolanthe geb. Paull (1907–1998) waren Lehrer. Die Familie lebte in der Dienstwohnung der „Schule am Ring“, wo Brigitte Irrgang geboren wurde. Getauft wurde sie am 14. Februar 1943 in der Pfarrkirche „St. Katharina“. Sie war das fünfte von sechs Kindern und das einzige Mädchen.
Die Familie musste 1944 vor dem Vorrücken der sowjetischen Armee mit etwa 1000 Schulkindern nach Westen an die deutsch-tschechische Grenze fliehen. Von dort wurde Familie Irrgang 1946 nach Loitz in Vorpommern in der damaligen SBZ, der späteren DDR, vertrieben. Der Vater wurde Schulrektor mit dem Auftrag, die Loitzer Schule zur Oberschule auszubauen. Die Familie wohnte in der Lehrerwohnung der Schule.Wilhelm Irrgang. Zum Städtele hinaus. Hilfsbund Karpatendeutscher Katholiken, Stuttgart 1999.
Auch in der neuen vorpommerschen Heimat lebten Brigitte Irrgang und ihre Familie ihren katholischen Glauben, was in der dortigen Diaspora nicht nur weite Fußwege zur 12 km entfernten Kirche bedeutete, sondern besonders auch Standhaftigkeit gegenüber dem DDR-Regime und seinen Spitzeln.Leonie Rust-Garam/Theo Irrgang (Hrsg.), Ankommen – Wilhelm Irrgang zum 100. Geburtstag, Eigenverlag, Köln 2008, S. 192ff. Brigitte Irrgang war ein lebensfrohes Mädchen, ein „Sonnenschein“.
Brigitte Irrgang wuchs nach und nach in die örtliche Kirchengemeinde hinein. Zur geplanten Firmung im Herbst 1954 hatte sie die wenige Jahre zuvor heiliggesprochene Maria Goretti als Patronin gewählt. Sie hatte sich mit dem Leben dieser kleinen Heiligen beschäftigt und nahm sie sich zum Vorbild. Am 29. September 1954, dem Fest des Erzengels Michael, gut zwei Wochen vor ihrer Firmung, fiel Brigitte Irrgang auf dem Nachhauseweg vor der Schule, nur wenige Meter von der elterlichen Wohnung entfernt, einem Sexualtäter zum Opfer, der sie überfiel und erwürgte. Noch am gleichen Tag wurde er gefasst und gestand die Tat. Die ganze Stadt Loitz nahm Anteil. Brigitte Irrgang wurde auf dem evangelischen Friedhof am Kamp in Loitz beerdigt. Den schlichten Grabstein ziert ein Bibelwort aus der Bergpredigt: „Selig, die ein reines Herz haben“ .
Nachdem Familie Irrgang sich 1958 aufgrund der wachsenden Gefahr durch die politischen Verhältnisse in der damaligen DDR zur Flucht nach Westen entschieden hatte, pflegen seither evangelische Loitzer Brigitte Irrgangs Grab – zunächst bis zur Wende 1989 und danach weiterhin.
Der für Loitz zuständige katholische Pfarrer Heinrich Wessels (1906–1994)Heinrich Wessels kam nach seiner Priesterweihe im Jahre 1939 als Kaplan in die Diaspora nach Demmin. Er stand der Pfarrei besonders bei, als der damalige Pfarrer Adolf Nolewaika von den Nazis verhaftet und in ein Konzentrationslager eingewiesen wurde. Nach dem Krieg nahm er sich besonders der Integration der vielen Vertriebenen an, die wie Strandgut auch in Demmin und Umgebung „ausgeladen“ wurden. 1952, nach dem Tod von Pfarrer Nolewaika, wurde Heinrich Wessels Pfarrer von Demmin. Im Jahr 1991, nach der „Wende“, wurde er wegen seiner großen Verdienste um die Stadt und ihre Bewohner zum Ehrenbürger von Demmin erhoben. Er blieb in Demmin, bis er dort 1994 im Alter von 88 Jahren starb. Vgl. Hans Edelmann, „Heinrich Wessels: Anekdoten – Erinnerungen – Gedanken“, Cordier Verlag, Heiligenstadt 2000., Demmin, bezeichnete Brigitte Irrgang bereits in einem Ende 1954 verfassten Bericht als „Märtyrerin der Reinheit“. Er nannte sie „die kleine Maria Goretti des Nordens“.Heinrich Wessels, Die kleine Maria Goretti von Loitz, in: H. Butterwegge/A. Erdle (Hrsg.), Auf Gottes Waage. Ein Diasporalesebuch (Paderborn 1956) S. 173–177. Am Tag ihres Begräbnisses erhielt er – nach Jahren vergeblicher Bemühungen – die Genehmigung der DDR-Behörden zum Bau einer kleinen katholischen Kirche in Loitz. In Erinnerung an Brigitte Irrgang wurde sie Sankt-Maria-Goretti-Kapelle genannt. Die im Jahr 1955 erbaute Kapelle wurde 2013 aufgegeben. Eine Gedenktafel vor dem Anwesen in der Schwedenstraße zitiert aus der Chronik der Pfarrei und weist auf die Geschichte der Kapelle und ihren Bezug zu Brigitte Irrgang hin.Die Inschrift lautet: Dieses Gebäude wurde 1955 als katholische Kapelle errichtet und bis 2013 als solche genutzt. In der Pfarrchronik heißt es: „Am Tag von Brigitte Irrgangs gewaltsamem Tod erhielt Pfarrer Wessels nach langen, mühevollen Verhandlungen endlich die staatliche Genehmigung zum Bau einer kleinen katholischen Kapelle in Loitz. Ein Jahr später wurde das Kirchlein eingeweiht und erhielt in Erinnerung an Brigitte Irrgang das Patronat der hl. Maria Goretti.“
Nachwirkung Glaubenszeugin des 20. Jahrhunderts Zur Jahrtausendwende, fast 50 Jahre nach Brigitte Irrgangs Tod, wurde sie zusammen mit ca. 700 deutschen Märtyrern des 20. Jahrhunderts in das Verzeichnis der „Zeugen für Christus“ aufgenommen, das auf Anregung von Papst Johannes Paul II. erstellt wurde. Die Menschen sollten aus der Erinnerung an diese Vorbilder, die das letzte Jahrhundert trotz seiner großen Dunkelheiten hervorbrachte, Zuversicht und Hoffnung für die Zukunft schöpfen.Apostolisches Schreiben Tertio millennio adveniente des heiligen Papstes Johannes Paul II. (10. November 1994), Nr. 37, in: AAS 87 (1995) 29f, zitiert nach VAS 119,33.Hl. Papst Johannes Paul II., Ecclesia in Europa Nr. 13 Am 7. Mai 2000 wurden diese Glaubenszeugen aus aller Welt im römischen Kolosseum mit einem feierlichen Akt öffentlich vom Papst geehrt. Ihnen widmete er später die Kirche San Bartolomeo auf der römischen Tiberinsel.
Die noch vorhandenen schriftlichen Zeugnisse über Brigitte Irrgang wurden im Jahr 2003 veröffentlicht.Leonie Rust-Garam (Hrsg.), Um den Preis ihres Lebens. Brigitte Irrgang – Zeugin des Glaubens (Stuttgart 2003) Die Berichte werfen ein besonderes Licht auf ihr Leben und die Umstände ihres Todes. Vor allem die Zeitzeugnisse von Brigitte Irrgangs Lehrerinnen, des Pfarrers, einer Freundin und weiterer Freunde der Familie vermitteln Eindrücke ihres klaren, warmherzigen und zugleich tief religiösen Wesens.
Im Oktober des Jahrs 2004 feierte die Stadt Loitz gemeinsam mit der katholischen und evangelischen Kirchengemeinde sowie Karpatendeutschen aus Krickerhau und aus verschiedenen Teilen Deutschlands Brigittes 50. Todestag. Die Festpredigt beim ökumenischen Gottesdienst in der evangelischen Sankt-Marien-Kirche hielt Georg Kardinal Sterzinsky, Berlin. Den Festvortrag hielt Prälat Helmut Moll, Köln, der ausführlich begründete, weshalb Brigitte Irrgang trotz ihres jugendlichen Alters unter die Märtyrer aufgenommen wurde.Der Vortrag wurde veröffentlicht in der Festschrift zum 2. Oktober 2004 und in überarbeiteter Form nochmals in: Helmut Moll, Der Wahrheit Zeugnis gegeben – Das Reinheitsmartyrium der Schülerin Brigitte Irrgang, Brigitte-Irrgang-Freundeskreis e.V. 2019NDR 3 TV, „Nordmagazin“ vom 2. Oktober 2004 Das Fest stand unter der Schirmherrschaft von Renate Holznagel, der damaligen Landtagsvizepräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern. Sie formulierte Brigitte Irrgangs Botschaft wie folgt: „Auch dieses jung beendete Leben war nicht vergebens, es hat eine bleibende Spur hinterlassen und gibt Hoffnung … Brigittes Schicksal erinnert an viele auf ähnliche Weise ermordete Kinder und Jugendliche und entreißt stellvertretend auch sie dem Vergessen.“Renate Holznagel, Landtagsvizepräsidentin MV, Grußwort anlässlich der Einweihung des Denkmals für Brigitte Irrgang an der Diesterweg-Schule in Loitz am 2. Oktober 2004. Die Feier endete mit einem Konzert von Mitgliedern des international prämierten Permoník-Chores aus Karviná (Tschechische Republik) unter der Leitung von Isa Stojanová, Stimmbildnerin des Chores und Brigitte Irrgangs Cousine, sowie einem Besuch der Sängerinnen bei der Loitzer Ehrenbürgerin Gertrud Lübbert (1912–2005).
Brigitte-Denkmal in Loitz mini|Denkmal an Brigitte Irrgang in Loitz mini|Kristallkugel mit eingraviertem Diamant Ganz in der Nähe des Ortes, an dem Brigitte Irrgang mit ihrer Familie wohnte, wo sie zur Schule ging und mit anderen Kindern spielte, wo sie schließlich ermordet wurde, ist eine Stätte der Erinnerung an sie entstanden. Nicht direkt am Ort des Verbrechens steht dieses Denkmal, sondern etwas entfernt davon an einer kleinen Brücke und den Resten der alten Stadtmauer. Nicht an das grausige Verbrechen wird erinnert, sondern an Brigitte Irrgangs Leben in Loitz als junge Mitbürgerin, deren Lebensfreude und Ausstrahlungskraft bis heute in Loitz in Erinnerung geblieben sind.
Das Kunstwerk wurde von Steinmetzmeister Joachim Feilhaber (1946–2013)Er wurde ausgezeichnet mit der Ehrennadel des Bundesverbands Deutscher Steinmetze und der Ehrennadel des Handwerks. Vgl. Nachruf Joachim Feilhaber des Bundesverbands Deutscher Steinmetze vom 6. Januar 2014., Jarmen, entworfen und ausgeführt. Kleine rote Pflastersteine sind auf dem Boden zu einem Kreuz verlegt. Im Schnittpunkt der Kreuzesarme erhebt sich eine Kugel aus rötlich-anthrazitfarbenem Halmstad-Granit. Die Kugel ist in Richtung Sonne und Schule angeschnitten. In die Schnittfläche ist eine Glaskugel eingebettet, in die mit Lasertechnik die Konturen eines Diamants eingraviert wurden. Die Lichtstrahlen brechen sich darin und faszinieren den Betrachter.
Die Schnittfläche der Granitkugel trägt folgende Inschrift:
Der Charakter eines Treffpunkts wird betont durch Bänke und Hocker aus dem gleichen Granit, die zum mußevollen Sitzen, Schauen, Nachdenken und Gespräch anregen.Vgl. Monika Born: Begegnung mit Brigitte Irrgang – Gedanken zum Kunstwerk an der Diesterweg-Schule. In: Festschrift zur Feier des 50. Todestags von Brigitte Irrgang am 2. Oktober 2004, S. 4, Loitz 2004.
Oratorium Brigitte
Das Oratorium Brigitte (Eigenschreibweise BRIGITTE) in sieben Szenen für gemischten Chor, Soli, Sprecher und Klavier wurde von Nikolaus Schapfl zum 60. Todestag von Brigitte Irrgang komponiert. Es gilt ihrem jugendlichen Martyrium. Das Libretto erstellte Nikolaus Schapfl in Zusammenarbeit mit Peter H. Irrgang.
Das Oratorium wurde am 11. August 2017 in der evangelischen St.-Marien-Kirche in Loitz durch den Permoník-Chor, Karviná, unter der Leitung von Martina Juríková uraufgeführt. Liveübertragung und DVD mit deutschen Untertiteln wurden von dem katholischen Fernsehsender EWTN-TVproduziert. Weitere Premieren folgten in Greifswald und in Berlin.
Der damalige Loitzer Bürgermeister Michael Sack beschrieb die Bedeutung des Oratoriums wie folgt: „Auch aus dunklem Geschehen können Licht und Hoffnung herausleuchten. Das ist eine Perspektive, die über die Grenzen unserer Stadt hinausgeht und zugleich zukunftsweisend ist.“Michael Sack, Grußwort zur Uraufführung des Oratoriums, in: Begleitendes Textheft, S. 6, Loitz 2017.
Brigitte Irrgangs Geburtsort in der Slowakei mini|Gedenktafel an Brigitte Irrgangs Geburtshaus in Krickerhau Zu Brigitte Irrgangs 50. Todestag brachte die Stadt Krickerhau eine zweisprachige Gedenktafel an der von Brigitte Irrgangs Vater gegründeten „Schule am Ring“ an, die gemeinsam mit der Kirchengemeinde und der karpatendeutschen Ortsgruppe eingeweiht wurde.