mini|Kampf dem Drogenmissbrauch: deutsche Briefmarke von 1975

Mit Abhängigkeit von psychoaktiven Substanzen bezeichnet man eine Gruppe von gesundheitlichen Beeinträchtigungen aufgrund wiederholter Einnahme verschiedener psychotroper Substanzen. Als typisch gilt ein starkes, periodisch oder dauerhaft auftretendes Substanzverlangen. Es kann zu einer – ggf. auch fortschreitenden – Vernachlässigung anderer Verpflichtungen oder Aktivitäten kommen. Auch ein möglicher Kontrollverlust mit zwanghaftem Substanzkonsum ist nicht ausgeschlossen.

Je nach Substanz unterschiedlich stark ausgeprägt kann es zu Toleranzerhöhung und Dosissteigerung und – bei Nichteinnahme – zu Entzugserscheinungen kommen. Wenn psychoaktive Substanzen innerhalb eines sozialen Zusammenhanges eingenommen werden, ist die Abhängigkeit im Kontext komplexer Wechselwirkungen sozialer und biologischer Prozesse zu betrachten. Die Abhängigkeit von illegalen Substanzen wird umgangssprachlich auch als Drogenabhängigkeit oder Drogensucht bezeichnet.

Medizinische Definition Nach den Definitionen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) – siehe Kasten oben rechts: Klassifikation nach ICD-10 – besteht Abhängigkeit typischerweise durch ein starkes Verlangen, eine Substanz einzunehmen, durch Schwierigkeiten, den Gebrauch zu kontrollieren, und durch fortgesetzten Gebrauch trotz schädlicher Folgen.

Häufigkeit

Zur Häufigkeit der einzelnen Abhängigkeitssyndrome siehe jeweilige Hauptartikel zu den psychotropen Substanzen.

Auf der Grundlage wissenschaftlicher Studien wird die Zahl der manifest von Medikamenten abhängigen Menschen in Deutschland auf ca. 1,4–1,9 Millionen geschätzt. In etwa 80 % der Fälle handelt es sich dabei um eine Abhängigkeit von Benzodiazepinen, die ein hohes Abhängigkeitspotential aufweisen. Abhängigkeitspotenzial

Psychotrope Substanzen, also Denken und Gefühle beeinflussende Stoffe, können mit jeweils unterschiedlichen Potenzialen eine Person zum unbedingten erneuten Konsum veranlassen, also zur Abhängigkeit führen. Diese Eigenschaft heißt Abhängigkeitspotenzial oder Suchtpotenzial.

Das Abhängigkeitspotenzial von Substanzen mit sehr kurzer oder sehr langer Halbwertszeit soll, nach einer Theorie von Hollister (1978), niedriger sein. Es wird angenommen, dass bei schnell anflutenden Substanzen das Abhängigkeitspotenzial am höchsten ist.Lutz G. Schmidt, Markus Gastpar, Peter Falkai: Evidenzbasierte Suchtmedizin: Behandlungsleitlinie substanzbezogene Störungen. Deutscher Ärzte-Verlag, 2006, ISBN 3-7691-0520-6, S. 276.

Näheres zu einzelnen Substanzen Alkohol

Alkohol hat ein hohes Abhängigkeitspotenzial. Gemäß WHO-Schätzung hatten Stand 2016 weltweit 2,6 % der Personen ab dem Alter von 15 Jahren eine Alkoholabhängigkeit. Cannabis Die Wahrscheinlichkeit einer Abhängigkeit durch Cannabiskonsum wird durch eine Reihe psychosozialer Faktoren erhöht.S. Schlossarek, J. Kempkensteffen, J. Reimer, U. Verthein: Psychosocial Determinants of Cannabis Dependence: A Systematic Review of the Literature. In: European addiction research. Band 22, Nummer 3, 2016, S. 131–144, doi:10.1159/000441777, PMID 26551358 (freier Volltext) (Review). Die Entwicklung eines Abhängigkeitssyndroms wurde einer experimentell beobachteten Unterfunktion des Belohnungssystems im menschlichen Gehirn zugeordnet.Z. D. Cooper, M. Haney: Actions of delta-9-tetrahydrocannabinol in cannabis: relation to use, abuse, dependence. In: International Review of Psychiatry. Band 21, Nummer 2, April 2009, S. 104–112, doi:10.1080/09540260902782752, PMID 19367504, (Review).E. van de Giessen, J. J. Weinstein, C. M. Cassidy, M. Haney, Z. Dong, R. Ghazzaoui, N. Ojeil, L. S. Kegeles, X. Xu, N. P. Vadhan, N. D. Volkow, M. Slifstein, A. Abi-Dargham: Deficits in striatal dopamine release in cannabis dependence. In: Molecular Psychiatry. Band 22, Nummer 1, 01 2017, S. 68–75, doi:10.1038/mp.2016.21, PMID 27001613, .M. A. Bloomfield, A. H. Ashok, N. D. Volkow, O. D. Howes: The effects of Δ-tetrahydrocannabinol on the dopamine system. In: Nature. Band 539, Nummer 7629, 11 2016, S. 369–377, doi:10.1038/nature20153, PMID 27853201, (Review). Halluzinogene Die Halluzinogene werden in verschiedene Kategorien eingeteilt. Psychedelika wie LSD, Mescalin, halluzinogene Pilze verursachen keine Abhängigkeit.D. De Gregorio, S. Comai, L. Posa, G. Gobbi: d-Lysergic Acid Diethylamide (LSD) as a Model of Psychosis: Mechanism of Action and Pharmacology. In: International Journal of Molecular Sciences. Band 17, Nummer 11, November 2016, doi:10.3390/ijms17111953, PMID 27886063, (Review). Halluzinogene aus der Gruppe der Dissoziativa, wie Ketamin, verursachen hingegen Abhängigkeit.C. J. Morgan, H. V. Curran: Ketamine use: a review. In: Addiction. Band 107, Nummer 1, Januar 2012, S. 27–38, doi:10.1111/j.1360-0443.2011.03576.x, PMID 21777321 (Review), reseaualto.be (PDF)K. Xu, R. H. Lipsky: Repeated ketamine administration alters N-methyl-D-aspartic acid receptor subunit gene expression: implication of genetic vulnerability for ketamine abuse and ketamine psychosis in humans. In: Experimental biology and medicine. Band 240, Nummer 2, Februar 2015, S. 145–155, doi:10.1177/1535370214549531, PMID 25245072, (Review). Kokain und Crack Das Abhängigkeitspotenzial von Kokain gilt als sehr hoch. Bis 1980 herrschte die Auffassung vor, Kokain verursache keine Abhängigkeit im Sinne von Entzugserscheinungen. Wenige Jahre später schlug diese Auffassung in ihr Gegenteil um, unter anderem nachdem entsprechende Veränderungen im Gehirn bekannt geworden waren.F. H. Gawin, H. D. Kleber: Evolving conceptualizations of cocaine dependence. In: The Yale journal of biology and medicine. Band 61, Nummer 2, 1988 Mar-Apr, S. 123–136, PMID 3043925, (Review). Seit den 1990er Jahren sind psychische Entzugssyndrome durch Kokaingebrauch wissenschaftlich etabliert,N. S. Pilotte, L. G. Sharpe: Cocaine withdrawal alters regulatory elements of dopamine neurons. In: NIDA research monograph. Band 163, 1996, S. 193–202, PMID 8809860 (Review), drugabuse.gov (PDF)M. J. Kuhar, N. S. Pilotte: Neurochemical changes in cocaine withdrawal. In: Trends in pharmacological sciences. Band 17, Nummer 7, Juli 1996, S. 260–264, PMID 8756185 (Review).N. S. Pilotte: Neurochemistry of cocaine withdrawal. In: Current opinion in neurology. Band 10, Nummer 6, Dezember 1997, S. 534–538, PMID 9425570 (Review). und zunehmend auch auf biochemischer Ebene erforscht.X. T. Hu: Cocaine withdrawal and neuro-adaptations in ion channel function. In: Molecular neurobiology. Band 35, Nummer 1, Februar 2007, S. 95–112, PMID 17519508 (Review). Die aus Kokain hergestellte Droge Crack verursacht im Vergleich eine noch stärkere Abhängigkeit, und das teilweise bereits nach recht kurzer Konsumzeit.G. T. McClelland: The effects and management of crack cocaine dependence. In: Nursing times. Band 101, Nummer 29, 2005 Jul 19-25, S. 26–27, PMID 16052938 (Review) Medikamente Etwa 4 bis 5 % der Medikamente besitzen ein Missbrauchs- oder Abhängigkeitspotenzial. Das trifft insbesondere für Hypnotika, Sedativa und Tranquillantien sowie für Psychostimulantien zu, außerdem für opioidhaltige Analgetika. Patienten erwarten von Medikamenten meist eine positive Wirkung, daher kann es unter Umständen schwer sein, das Gefahrenpotenzial hinsichtlich eines Missbrauches oder einer Abhängigkeit bei der Einnahme richtig einzuschätzen. MDMA (Ecstasy) Die Abhängigkeitsrate gewöhnlicher MDMA-Konsumenten nach den Kriterien von DSM IV wurde in einer systematischen Übersichtsarbeit von 2011 auf ca. 15 % geschätzt.T. Steinkellner, M. Freissmuth, H. H. Sitte, T. Montgomery: The ugly side of amphetamines: short- and long-term toxicity of 3,4-methylenedioxymethamphetamine (MDMA, 'Ecstasy'), methamphetamine and D-amphetamine. In: Biological chemistry. Band 392, Nummer 1–2, Januar 2011, S. 103–115, doi:10.1515/BC.2011.016, PMID 21194370, (Review). Langandauernde Schäden (länger als 2 Jahre) an Nervenendigungen, die mit Dopamin oder Serotonin arbeiten, sind dagegen auch beim Menschen eine generelle Erscheinung, die also alle Konsumenten betrifft.L. E. Halpin, S. A. Collins, B. K. Yamamoto: Neurotoxicity of methamphetamine and 3,4-methylenedioxymethamphetamine. In: Life sciences. Band 97, Nummer 1, Februar 2014, S. 37–44, doi:10.1016/j.lfs.2013.07.014, PMID 23892199, (Review). Tabakrauch Für die Abhängigkeit nach Tabakrauch ist Nikotin mitverantwortlich.Determinants of Tobacco Use and Renaming the FTND to the Fagerström Test for Cigarette Dependence. In: ntr.oxfordjournals.org, abgerufen am 28. Juli 2013.James D Belluzzi u. a.: Monoamine Oxidase Inhibitors Allow Locomotor and Rewarding Responses to Nicotine. In: Nature. 14. Dezember 2005, abgerufen am 1. August 2013. Vergleiche von Tierstudien und Studien über menschlichen Drogenkonsum zeigen auf, dass pures Nikotin nur wenig Abhängigkeitspotenzial hat, Tabakzigarettenrauch jedoch ein sehr hohes Suchtpotenzial aufweist.James D Belluzzi u. a.: Acetaldehyde Enhances Acquisition of Nicotine Self-Administration in Adolescent Rats. In: Nature. 20. Oktober 2004, abgerufen am 1. August 2013.J. E. Rose, W. A. Corrigall: Nicotine self-administration in animals and humans: similarities and differences. März 1997. PMID 9089846.Fragen zu Tabakzusatzstoffen: Ist die Entwicklung von Nikotinsucht dosisabhängig? 2010. SCENIHR abgerufen am 29. Juli 2013. Nikotin hat in Verbindung mit anderen Stoffen im Tabakrauch ein extrem hohes Abhängigkeitspotenzial und kann sehr schnell zu einem abhängigen Verhalten führen.How Tobacco Smoke Causes Disease: The Biology and Behavioral Basis for Smoking-Attributable Disease: A Report of the Surgeon General, Nicotine Addiction: Past and Present. Surgeon General (US), 2010, abgerufen am 29. Juli 2013. Laut einem im Jahr 2007 veröffentlichten Papier von D. Nutt u. a. liegt das Abhängigkeitspotenzial von Tabakrauch zwischen Alkohol und Kokain. Genauer gesagt, liegt das physische Abhängigkeitspotential bei dem von Alkohol bzw. Barbituraten und das psychische Abhängigkeitspotenzial bei dem von Kokain.David Nutt et el: Development of a rational scale to assess the harm of drugs of potential misuse Das Abhängigkeitspotenzial von oral aufgenommenem Nikotin ist deutlich geringer, Pflaster haben fast kein Abhängigkeitspotenzial. (PDF) In: rcplondon.ac.uk. S. 98/99 Die Rückfallwahrscheinlichkeit bei Rauchern, die ohne Hilfsmittel mit dem Tabakkonsum aufhören, liegt bei 97 % innerhalb von sechs Monaten nach dem Rauchstopp. Bis 2012 ging man davon aus, dass Nikotinersatzpräparate bei korrekter Dosierung und weiterer fachlicher Anleitung die Erfolgschancen um 3 % steigern können.L. F. Stead u. a.: Nicotine replacement therapy for smoking cessation. Cochrane Tobacco Addiction Group, 16. Juli 2008, doi:10.1002/14651858.CD000146.pub3 Eine neuere Studie von 2012 besagt, dass die Rückfallraten bei denen, die Nikotinersatzpräparate zum Aufhören verwendet haben, genau so hoch war wie derer, die ohne Hilfsmittel aufgehört haben.Nikotinersatz und andere Medikamente zur Raucherentwöhnung In: DKFZ.de, abgerufen am 6. März 2013.H. R. Alpert, G. N. Connolly, L. Biener: A prospective cohort study challenging the effectiveness of population-based medical intervention for smoking cessation. In: Tobacco Control. Band 22, Nummer 1, Januar 2013, S. 32–37, doi:10.1136/tobaccocontrol-2011-050129. PMID 22234781, .

Vor allem ist von Bedeutung, dass Nikotin, in Verbindung mit anderen Stoffen im Tabakrauch, unterschwellig das Verlangen nach einem Tabakerzeugnis erzeugt und durch das immer kürzer werdende gewöhnungsbedingte Reiz-Reaktions-Intervall eine immer stärker ausgeprägte Abhängigkeit in Form von erhöhtem Tabakkonsum entsteht.