Rethra (seltener: Rhetra, Riedegost) war ein slawisches Zentralheiligtum in Nordostdeutschland, das bisher nicht sicher lokalisierbar ist. Die Tempelburg war religiöser, politischer und militärischer Mittelpunkt des Liutizenbundes. Etwa von 983 bis 1068 wurde hier der Widerstand gegen die Christianisierung und Unterwerfung der Elb- und Ostseeslawen koordiniert. Die Lage der Burg ist unbekannt.
Name Der ursprüngliche Name des Heiligtums ist nicht bekannt, seine Bezeichnungen in den Quellen widersprüchlich. Das älteste Schriftzeugnis, die zwischen Ende 1012 und 1018 verfasste Chronik des Thietmar von Merseburg, nennt den Ort Riedegost, die dort verehrte Gottheit Zuarasici. Bei Adam von Bremen (um 1075) ist Riedegost der Name des Gottes, den Ort selbst bezeichnet er als Rethre. Die Annales Augustani sprechen von Rheda. Es ist davon auszugehen, dass die mittelalterlichen Gewährsleute große Schwierigkeiten beim Verständnis und der Übernahme slawischer Namen hatten. Im Falle von Rheda und Rethre handelt es sich wohl um Missdeutungen, beziehungsweise um eine Übertragung des Stammesnamens der Redarier auf den Ort. Die Gottheit Zuarasici (Svarožić) oder Riedegost ist auch aus anderen Kontexten der frühen slawischen Geschichte bekannt. Über die genauen Zusammenhänge zwischen dem Orts- und dem Götternamen herrscht keine Einigkeit. Es wird angenommen, dass Thietmar von Merseburg eine Form überliefert, die dem tatsächlich verwendeten slawischen Namen am nächsten kommt.Theodolius Witkowski: Der Name der Redarier und ihres zentralen Heiligtums. In: Symbolae Philologicae in honorem Vitoldi Taszycki. Wrocław / Warszawa / Kraków 1968, S. 405–415. Nachdem der Ort und die Sprache der Redarier untergegangen waren, setzte sich, besonders in Anlehnung an Helmold von Bosaus Slawenchronik, in späteren Jahrhunderten der Name Rethra durch. In modernen Veröffentlichungen gibt es sowohl Appelle, die Variante des Thietmar als die „richtige“ zu übernehmen,Witkowski: Der Name der Redarier, S. 411. als auch die Empfehlung, dem allgemeinen Sprachgebrauch entsprechend weiterhin den Namen Rethra zu benutzen.Roderich Schmidt: Rethra. Das Heiligtum der Lutizen als Heidenmetropole. In: Das historische Pommern. Böhlau Verlag Köln Weimar Wien 2007, ISBN 978-3-412-27805-2, S. 78.
Geschichte Rethra war das religiöse und politische Zentrum der Liutizen. Dabei handelte es sich um einen losen Bund von vier nordwestslawischen Stämmen, nämlich den Tollensanen, Redariern, Kessinern und Zirzipanen. Tollensanen und Redarier siedelten in einem Gebiet, in dem bereits am Ende des 8. Jahrhunderts laut fränkischen Quellen der Stammesverband der Wilzen saß. In ihrer Frühzeit wurden die Wilzen noch von einer Stammeselite beherrscht. Die Quellen nennen einen „König“ Dragowit sowie mehrere „Kleinkönige“. Im Zuge ihrer langandauernden Auseinandersetzung mit dem ostfränkischen Reich kam es jedoch zu einer Destabilisierung der Stammesgesellschaft und die zentrale Herrschaft verschwand. Im 10. Jahrhundert waren die Stämme der Redarier und Tollensanen entstanden. Gemeinsam mit den ehemals abodritischen Teilstämmen der Kessiner und Zirzipanen bildeten sie eine Allianz, die in den sächsischen Quellen als Liutizen wahrgenommen wurde. Dieser Stammesbund wies eine militärisch-religiöse Herrschaftsstruktur aus. Besonderes Gewicht für die Entscheidungen des Bundes hatten die Priester von Rethra, das im Gebiet der Redarier lag. Bereits im Slawenaufstand von 983 nahmen die Liutizen eine Schlüsselstellung ein, die Erhebung soll in Rethra begonnen haben.Helmold von Bosau: Slawenchronik, Kap. 16, nach Schmidt: Rethra. S. 75. Der Ort bewahrte für einige Jahrzehnte seine zentrale religiöse und politische Rolle auch für die slawischen Nachbarstämme der Liutizen. In den Jahren 1056/57 erschütterte ein Krieg um die Vorherrschaft in Rethra den lutizischen Stammesverband, dessen Bedeutung in der Folge allmählich schwand. 1068 verheerte Bischof Burchard II. von Halberstadt das Gebiet der Liutizen, führte das heilige Pferd aus Rethra fort und zerstörte mutmaßlich auch das Heiligtum. Die militärische und kultische Vormachtstellung Rethras ging daraufhin auf den Hauptort der Ranen, Arkona, über.Szczesiak: Suche, S. 313–334.
Ungeklärt ist bisher, ob Rethra 1068 endgültig unterging. Um 1125 zerstörte König Lothar von Supplinburg bei einem Feldzug gegen die Lutizen eine Stadt mit einem Tempel. Sollte es sich bei der nicht namentlich benannten Stadt um das wiederaufgebaute Rethra gehandelt haben, so war die Tempelburg in dieser zweiten Epoche ihrer Existenz weit weniger bedeutend.Wolfgang Brüske: Untersuchungen zur Geschichte des Lutizenbundes. Böhlau-Verlag, Münster/Köln 1955, S. 97–99.
Beschreibung mini|Rekonstruktion eines slawischen Tempels im Archäologischen Freilichtmuseum Groß Raden mini|Lagerekonstruktion zum Standort Lieps – südlich Neubrandenburg, Ausschnitt aus einer Infotafel am Jagdschloss Prillwitz Die Beschreibung Rethras kann sich nur auf Thietmar von Merseburg und Adam von Bremen stützen, denn Helmold von Bosau übernahm die Schilderung Adams. Die beiden Chronisten schildern das Heiligtum, ohne jemals selbst dort gewesen zu sein, und weichen so in vielen Punkten voneinander ab, was breiten Raum für Interpretationen lässt.
Der Mittelpunkt der Burg war der hölzerne Tempel. Die Beschreibung seiner mit Götterbildern geschmückten Außenwände soll an die Rekonstruktion des Tempels in Groß Raden erinnern. Das Fundament aus Horn lässt an ein Bauopfer oder ein anderes dekoratives Element mit ähnlicher Funktion denken.Leszek Pawel Slupecki: Slavonic Pagan Sanctuaries. Warschau 1994, ISBN 83-85463-27-5, S. 61. Die Burg besaß mehrere Zugänge. In der Regel wird den drei Toren Thietmars Glauben geschenkt. Adams neun Pforten verweisen in dem gegebenen Zusammenhang auf die neun Arme der Styx und verdeutlichen die Einschätzung des Autors von Rethra als Ort der Unterwelt und Sitz der Abgötterei.Schmidt: Rethra, S. 89.
Einer der Widersprüche betrifft die topographische Lage: Nach Thietmar lag die Burg in der Nähe eines Sees, nach Adam war sie rings von ihm umgeben. Diesen Umstand versuchen mehrere Autoren mit einem Anstieg des Wasserspiegels in den Binnenseen Mecklenburgs zu erklären, der in dem Jahrhundert zwischen beiden Berichtszeiträumen stattgefunden haben soll.Fred Ruchhöft: Vom slawischen Stammesgebiet zur deutschen Vogtei. Die Entwicklung der Territorien in Ostholstein, Lauenburg, Mecklenburg und Vorpommern im Mittelalter (= Archäologie und Geschichte im Ostseeraum. Bd. 4). Leidorf, Rahden (Westfalen) 2008, ISBN 978-3-89646-464-4, S. 104. Eine andere Lesart vermutet, dass die beiden Autoren zwei unterschiedliche Tempel beschreiben: Die ursprünglich am Seeufer gelegene Kultstätte könnte im Bürgerkrieg des Jahres 1057 oder bei dem sächsischen Überfall 1068 zerstört und auf einer Insel in der Nähe wiederaufgebaut worden sein.Slupecki: Sanctuaries, S. 63. Eine dritte Deutung versucht beide Chroniken in Übereinstimmung zu bringen und lokalisiert Rethra auf einer größeren Halbinsel.Szczesiak: Suche, S. 321–323.
Übereinstimmend wird Rethra als befestigte Kultstätte geschildert, eine sogenannte Tempelburg. Diese Burgen waren eine Besonderheit im Siedlungsgebiet der Liutizen und in dessen Nachbarschaft von Rügen bis zur Oder.S. Brather: Lutizen. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Band 19, 2. Auflage, Berlin, New York (De Gruyter) 2001, S. 53. Bisher fanden sich in diesem Raum etwa 20 Orte, die als Tempel anzusprechen sind.Christian Lübke: Zwischen Polen und dem Reich. Elbslawen und Gentilreligion. In: Michael Borgholte (Hg.): Polen und Deutschland vor 1000 Jahren. Akademie Verlag Berlin 2002, S. 104, ISBN 3-05-003749-0. Auch Thietmar berichtet, dass jede Region der Liutizen ihren eigenen Tempel habe. Rethra hatte allerdings unter ihnen eine Vorrangstellung erlangt. Dass es sich um eine größere Siedlung handelte, verdeutlicht auch die Bezeichnung civitas oder urbs. Sie bedeutet im fraglichen Zeitraum Stadt oder Burg, die Abgrenzung ist nicht immer eindeutig. Adam verwendet sogar den Begriff metropolis, den er sonst nur für Erzbistumssitze oder bedeutende christliche Missionszentren reserviert.Schmidt: Rethra, S. 100. Bei einem Zentralort dieser Größenordnung ist mit einer umfangreichen Infrastruktur zu rechnen. Dazu dürften Gebäude für das heilige Pferd, den Tempelschatz, die Priester und die Wachmannschaften gehört haben, ferner ein Wegenetz, ein Militärlager, ein Markt und eine leistungsfähige Landwirtschaft im näheren Hinterland. Diese Anhaltspunkte sind für eine mögliche Lokalisierung anhand archäologischer Befunde von Bedeutung.Szczesiak: Suche, S. 321–323.
Funktion Aus den Quellen ist die Funktion eines religiösen, politischen und militärischen Zentralortes erkennbar. Rethra war gleichzeitig Kultort, Sitz der Liutizenversammlung und Treffpunkt des Heeresaufgebotes.
Religion Im Tempel waren die Abbilder verschiedener Gottheiten ausgestellt. Der wichtigste von ihnen war Svarozic oder Riedegost, der Ratsuchenden die Zukunft vorhersagte. Für die Wartung und Pflege des Heiligtums hatten die Liutizen besondere Priester eingesetzt, die auch Orakel und Opfer durchführten.
Das Orakel erscheint als ein komplexes, mehrstufiges Divinationsverfahren, das die Priester gemeinsam vornahmen und dessen Ergebnisse für das ganze Volk verbindlich waren. Begleitet von „geheimnisvollem Murmeln“ und Zittern gruben sie die Erde auf und führten auf dem so vorbereiteten Platz ein Losorakel durch. Dann bedeckten sie die Lose mit grünem Rasen, steckten zwei gekreuzte Lanzenspitzen hinein und führten ein heiliges Pferd darüber, dessen Verhalten das zweite Orakelergebnis lieferte. Nur wenn beide Stufen das gleiche Vorzeichen ergaben, setzte man den Plan um. Thietmar berichtet auch über ein Omen in Form eines Ebers, der aus dem See aussteige und innere Kriege anzeige. Die Erzählung wird als ein mythisches Fragment gedeutet, das in ähnlicher Form vom heiligen See der Daleminzier bekannt ist.Slupecki: Sanctuaries, S. 61. Es könnte sich aber auch um ein vom Chronisten bewusst gewähltes Teufelssymbol handeln.Schmidt: Rethra, S. 99.
Die Opferrituale waren öffentliche Veranstaltungen, bei denen die Priester den Vorsitz einnahmen. Den Zorn der Götter besänftigten sie mit Blut von Tieren und Menschen. Als besonders geeignet galt der Kopf eines Feindes. Menschenopfer der Liutizen fanden in den Quellen mehrfachen Niederschlag: Brun von Querfurt erwähnte 1008 das Opfer eines Christenhauptes an Svarozic;Der Brief ist in Auszügen in deutscher Übersetzung wiedergegeben bei Brüske: Untersuchungen, S. 57. nach Adams Chronik wurden in Rethra um 1050 zwei böhmische Mönche enthauptet, nachdem sie dort einen Missionsversuch unternommen hatten;Adam III, 20, schol. 71. noch 1066, als das Heiligtum bereits im Niedergang begriffen war, setzten die Liutizen den abgetrennten Kopf des Bischofs Johannes von Mecklenburg auf einen Spieß und brachten diesen in Rethra als Opfer dar.Adam III, 51, Helmold I, 22-23. Zu den Opfern siehe Slupecki: Sanctuaries, S. 54f.
Politik Aus den religiösen und gesellschaftlichen Funktionen der Priester ergab sich ein hohes Ansehen. In Verhandlungen innerhalb der Kultgemeinschaft und mit den deutschen und polnischen Nachbarmächten traten sie auch als Diplomaten auf, was den Liutizen lange Zeit ihre Freiheit sicherte.Szczesiak: Suche, S. 318.