Als musikwissenschaftliche Interpretationsforschung wird ein Teilbereich der Musikforschung bezeichnet, der sich die Vermittlungs- und Deutungsprozesse musikalischer Werke zum Forschungsgegenstand macht. Als Ausgangspunkt dienen dabei sowohl klangliche Realisierungen (performative, auch: musikalische Interpretationen) als auch sprachlich fixierte Kommentare (hermeneutische Interpretationen) als Ergebnisse solcher Prozesse. Als interdisziplinäre Forschungsrichtung bedient sich die Interpretationsforschung Methoden der historischen, systematischen und vergleichenden Musikwissenschaft, sowie zunehmend auch der künstlerischen bzw. künstlerisch motivierten Forschung (Artistic Research).  

Begriff und Abgrenzung mini|Die Komponistin und Pianistin Clara Schumann (Abbildung in der Zeitschrift Die Gartenlaube, 1882), nach Zeugnis von Franz Liszt eine Ikone 'objektiver' Interpretation: „Zitternd, auch nur ein Jota des zu kündenden Spruches zu verlieren [...] bezwingt sie ihr eigenes Gefühl. [...] Und so sehr ist sie von Andacht beherrscht, daß das beweglichere menschliche Element vor dieser objektiven Interpretation der Kunst fast gänzlich zurücktritt.“ Während im 19. Jahrhundert noch eher von Vortrag, Ausführung (bzw. Exekution), Aufführung und Reproduktion eines musikalischen Werkes gesprochen wurde, setzte sich ab etwa 1900 der Begriff Interpretation zunehmend als „Zentralbegriff des deutschsprachigen Diskurses“ (Heinz von Loesch) durch, obwohl Autoren wie Theodor W. Adorno auch um die Mitte des 20. Jahrhunderts noch Reproduktion bevorzugten. Gegenüber den vorangegangenen Begriffen nimmt jener der Interpretation das rezipierende Subjekt stärker in den Fokus und fragt nicht mehr so sehr nach „schöner“ oder „richtiger“ Darbietung, sondern reflektiert vielmehr „die Vorstellung des Vermittelns und Erklärens sowie Deutens bzw. Auslegens“ eines musikalischen Werkes. Eine auf weite Teile des 20. Jahrhunderts anwendbare Definition des Begriffes wird in der 11. Auflage des Riemannschen Musiklexikon aus dem Jahr 1929 wie folgt festgehalten:Hugo Riemann, Art. "Interpretation", in: Hugo Riemanns Musik-Lexikon, 11. Auflage, hrsg. v. Alfred Einstein, Berlin / Leipzig 1929; hier zit. nach Heinz von Loesch, "Vortrag – Reproduktion – Interpretation – Performance" (s. Anm. 2), S. 16.

Im selben Band des Lexikons tritt der Begriff der „Historischen Aufführungspraxis“ komplementär zur „Interpretation“ hinzu, wobei sich erstere „auf die Musik vor 1750 und eine 'objektive' Vortragsweise“ bezog, letztere hingegen „auf die Musik danach und einen Vortrag, bei dem subjektiven Entscheidungen ein maßgeblicher Spielraum zugestanden wurde.“ Die hieraus entstandene Dichotomie führte über ein halbes Jahrhundert zu Verwerfungen, nicht zuletzt, da Autoren wie Carl Dahlhaus auf die Interpretationsnotwendigkeit auch 'alter' Musik verwiesen. Obwohl die Begriffe auch heute oft noch synonym genutzt werden, setzte sich die Interpretationsforschung im deutschsprachigen Raum spätestens ab den 1990er Jahren über diese Trennung hinweg. Im aktuellen Fachverständnis „setzt die Aufführungspraxis vor allem bei den Voraussetzungen des Musizierens an, während sich die Interpretationsforschung in erster Linie mit den klingenden Resultaten beschäftigt – ganz gleich, ob diese auf Tonträger erhalten sind oder nicht.“

Von der im englischsprachigen Raum weiter verbreiteten Musical Performance Research unterscheidet sich die Interpretationsforschung vor allem durch den engeren Werkbegriff, der sich in erster Linie auf musikalische Notate (etwa Kompositionen) bezieht und ihre Realisierungen (= Interpretationen) als mögliche Deutungen des musikalischen Werkes versteht. Performances hingegen können, müssen aber nach neuerem Verständnis nicht von schriftlich fixierten Vorlagen ausgehen (der britische Musikwissenschaftler Nicholas Cook beschreibt Noten in diesem Zusammenhang als weniger verbindliche „scripts“); das Werk bezieht sich hier eher auf die Momente der Aufführung.

Geschichte Neuzeitliche Systematisierungsansätze zur musikalischen Interpretation (bzw. des Vortrages oder der Reproduktion) lassen sich bereits in den Instrumental-, Gesangs- und Dirigierlehren des ausgehenden 18. Jahrhunderts erkennen. Im 19. Jahrhundert zeugen etwa Gustav Schillings umfangreiche Monografie Musikalische Dynamik oder die Lehre vom Vortrage in der Musik (1848) oder auch einige Arbeiten Hugo Riemanns von fortgeschrittenen Bemühungen um eine umfassende Theoriebildung. Als höchst einflussreich sollten sich Richard Wagners Schriften Über das Dirigieren (1869) und Zum Vortrag der Neunten Symphonie Beethovens (1873) erweisen, auf die kaum eine größere interpretationstheoretische Schrift nach Wagners Ableben keinen Bezug genommen hat. mini|Bucheinband zu Bd. 11 des Neuen Handbuches für Musikwissenschaft: Musikalische Interpretation (1992) Im 20. Jahrhundert entwickelten insbesondere die Schriften aus dem Umkreis der Wiener Schule, so die Musikwissenschaftler Markus Grassl und Reinhard Kapp, ein insgesamt bemerkenswert „konsistentes gedankliches System“; hierunter sind insbesondere Rudolf Kolischs Dokumente zu einer Theory of Performance, Theodor W. Adornos Entwürfe Zu einer Theorie der musikalischen Reproduktion (ca. 1927–1959), Erwin Steins Form and Performance (1962) sowie René Leibowitz’ Le compositeur et son double (1971) zu nennen. Insgesamt stellen die Musikwissenschaftler Heinz von Loesch und Andreas Meyer jedoch fest, dass „die Umrisse einer ‚Theorie der Interpretation‘“ bislang „diffus“ erscheinen und überdies „auffällig viele Projekte auf diesem Gebiet unvollendet geblieben“ seien.

Als Ausgangspunkt der Herausbildung einer Interpretationsforschung als eigenständige Disziplin innerhalb der Musikwissenschaft kann im deutschsprachigen Raum spätestens der 1992 erschienene Band Musikalische Interpretation (Bd. 11, hrsg. v. Hermann Danuser) in der Reihe des Neuen Handbuch der Musikwissenschaft gelten. Hermann Gottschewski formulierte in seiner Dissertationsschrift 1993 (publ. 1996) das Postulat von der „Interpretation als Kunstwerk“, welches die musikalische Aufführung auf eine Stufe mit der Komposition stellte und eine Reihe von methodischen Ansätzen zur (objektiven) Vermessung musikalischer Zeitgestaltung vorschlug (ähnlich der Werkanalyse musikalischer Kompositionen). Weitere wichtige Impulse kamen überdies aus dem englischsprachigen Raum, etwa durch Robert Philips Early Recordings and Musical Style (1992), Clive Browns Classical and Romantic Performing Practice 1750–1900 (1999) und insbesondere Nicholas Cooks Beyond the Score. Music as Performance (2013). Auch aufgrund der naheliegenden Anbindung an die musikalische Praxis widmen sich inzwischen ganze Forschungsbereiche und Institute an Musikhochschulen und -universitäten der Interpretationsforschung (s. u., „Weblinks“).

Zu den Zielen der Interpretationsforschung gehört neben Theoriebildung auch die Erarbeitung umfassender Darstellungen historischer Interpretationshaltungen und -konzepte sowie ihrer Protagonisten, so etwa die seit 2018 am Berliner Staatlichen Institut für Musikforschung erscheinende, thematisch-chronologische Handbuchreihe Geschichte der musikalischen Interpretation im 19. und 20. Jahrhundert (bisher erschienen Bd. 1 bis 3; gepl. 4 Bde. bis ca. 2023). Im englischsprachigen Raum ist etwa mit der Cambridge History of Musical Performance (2012) bereits eine erste monographische Gesamtdarstellung erschienen, die sich allerdings eher mit Fragen der Aufführungspraxis (und weniger mit Interpretationstheorie und -konzepten) befasst.Colin Lawson, Robin Stowell (Hrsg.): The Cambridge History of Musical Performance, Cambridge 2012.

Quellen und Methoden mini|379x379px|Ludwig van Beethovens Violinkonzert op. 61, 1. Satz, Ende der Durchführung. Auszug aus der annotierten Solostimme des Geigers Georg Kulenkampff (1898–1948) in D-HVh (Sign. Ku 17a), ca. 1930er. Deutlich ersichtlich sind die ergänzten Interpretationsideen („dolce“, „espressivo“, „hineinstürzen“), die auf eine stark expressive Deutung des Werkes hinweisen, sowie zahlreiche Hinweise zur praktischen Umsetzung (Fingersätze). Interpretationsforschung beschäftigt sich mit aller Art von Quellen, die auf dem Weg vom musikalischen Notat zur Deutung und klanglichen Realisierung (ggf. auch vermittelnden) Anteil hatten oder haben. Zu den typischen Quellen der historischen Musikwissenschaft (etwa handschriftliche und gedruckte Noten, biographische Dokumente), Musiktheorie (bspw. Werkanalysen) und der Forschung zur Aufführungspraxis (z. B. musikalische Vortragslehren und Instrumentalschulen, Musikinstrumente) kommen Schriftdokumente, die insbesondere den Prozess der In-Klang-Setzung einzelner musikalischer Werke dokumentieren bzw. kommentieren. Hierzu gehören etwa handschriftlich bezeichnete Stimmen, instruktive Notenausgaben (z. B. mit Fingersätzen) und alle Arten von Rezeptionsdokumenten (bspw. Konzertkritiken).

Etwa seit den 1980er Jahren nehmen Tondokumente eine herausragende Rolle für die Interpretationsforschung ein, obwohl der methodische Umgang mit ihnen noch immer ebenso umstritten ist wie ihr Aussagewert: Uneinigkeit besteht insbesondere darin, inwiefern einmalig aufgezeichnete Interpretationen als repräsentativ gelten können und ob die Technologie zur Klangaufzeichnung möglicherweise auch Eigenanteile an den Ergebnissen hatte. Von Seiten der musikalischen Akustik wurde in diesem Zusammenhang jüngst darauf hingewiesen, dass historische Aufnahme- und Wiedergabegeräte insbesondere aus der sogenannten „akustischen“ Aufnahmeära (1877–1925) die auf Tonträger repräsentierten Aufführungen klanglich massiv modifizierten und Musikern zu beträchtlichen Anpassungsleistungen in ihren Interpretationen zwangen. mini|287x287px|Georg Kulenkampffs Aufnahme (Berlin 1936) des Violinkonzertes von Ludwig van Beethoven op. 61, 2. Satz (Anfang des Seitenthemas), in Spektrogramm-Ansicht (0–6000 Hz). Objektiv messbar sind auf diese Weise Tonanfänge (violette Striche), Tonlängen (grüne Kurve), dynamische Verläufe (gelbe Kurve), sowie Charakteristika von Artikulation, Vibrato und Portamento. Kulenkampffs regelmäßiges, aufblühendes Vibrato, enge Tonverbindungen durch Portamenti (bspw. Ende erster Ton) und die stetige dynamische Steigerung lassen auf eine romantisch-drängende Interpretation des von Beethoven mit „cantabile“ bezeichneten Abschnitts schließen. Bei der Quellenanalyse kommen traditionelle paläographische, philologische und hermeneutische Methoden ebenso zum Zug wie in jüngerer Zeit verstärkt computergestützte Analyseverfahren. Eine zentrale Rolle nehmen dabei digitale Annotationsverfahren und -instrumente für Tondokumente ein, wobei vorwiegend mit bildgebenden Verfahren (etwa Soundwave-Darstellungen und Spektrogramme der Tonspuren) gearbeitet wird. Insbesondere die seit 2007 vom Queen Mary Institute der University of London veröffentlichte Software SonicVisualiser hatte hieran entscheidenden Anteil, da sie die Parametrisierung einer Vielzahl musikalischer Aspekte erlaubt, Plug-In-fähig ist und seither stetig weiterentwickelt wurde.Aktuelle Positionen und Desiderate bei der Arbeit mit dem SonicVisualiser wurden im deutschen Sprachraum zuletzt im Rahmen einer Onlinetagung im April 2021 diskutiert, s. hierzu die Tagungsmitschnitte (https://www.youtube.com/watch?v=dXICaMuKkts&list=PLTT0Ydqczv-_wExFaAP-k9oexUDfcxeww, 2. Dezember 2021) sowie den Tagungsband Softwaregestützte Interpretationsforschung. Grundsätze, Desiderate und Grenzen (Hrsg. Julian Caskel, Frithjof Vollmer, Thomas Wozonig), Würzburg vorauss. 2022.

Neue Perspektiven und Impulse kommen schließlich zunehmend auch aus dem Bereich der künstlerischen bzw. künstlerisch motivierten Forschung, bei der konkrete Interpretationsentscheidungen etwa durch Embodiment und Reenactment nachvollzogen sowie auch für die künstlerische Praxis fruchtbar gemacht werden sollen.

Forschungsparameter