Die Müllerstraße () in Berlin ist mit einer Länge von rund 3,5 Kilometern die Hauptgeschäftsstraße im Ortsteil Wedding des Bezirks Mitte. Sie verläuft als Fortsetzung der Chausseestraße weiter Richtung Nordwesten und geht hinter dem U-Bahnhof Afrikanische Straße in die Scharnweberstraße über, die zum Kurt-Schumacher-Platz in Reinickendorf führt. Auf dem gesamten Verlauf der Müllerstraße bedient die Linie U6 der Berliner U-Bahn insgesamt sechs Stationen.
Lage Die Straße ist eine der drei Hauptverkehrsstraßen durch den Ortsteil. Sie reicht vom Südosten (Fortsetzung der Chausseestraße) bis zur Scharnweberstraße im Nordosten im Bezirk Reinickendorf. Ihren Namen verdankt sie den rund 25 früher hier angesiedelten Mühlen, die vor allem um den Weddingplatz standen.
Geschichte mini|Windmühle Müllerstraße 166, 1870 beim Bau der Ringbahn abgerissen(Zeichnung von Ernst Müller von Sondermühlen)
Aus einem Handels- und Heerweg wird eine Siedlungsstraße Auf dem Gebiet der Müllerstraße lag ursprünglich der Heerweg nach Ruppin, der um das Jahr 1800 bis nach Tegel zu einer gepflasterten Chaussee ausgebaut wurde. Die Straße war auch als Straße nach Oranienburg oder Straße nach Hamburg bekannt.
Die erste bekannte Mühle war eine Holländermühle des Müllers Kloß, die dieser 1809 errichtete. Sie stand an der Ecke zur Gerichtsstraße. Von dieser stammt auch das einzig bekannte Bild einer Mühle an der Müllerstraße, das der Maler Pape 1855 anfertigte. 1810 folgte die Bockwindmühle des Müllers Streichan auf dem Grundstück der heutigen Hausnummer 155. Streichan baute 1819 zwei weitere Mühlen. Die 22 Mühlen, die 1846 an der Müllerstraße standen, machten die Straße zum größten Mühlenstandort Berlins. Vor allem waren hier Getreidemühlen aktiv, dazu kamen einige Lohnmühlen.
Die ersten Kolonistenhäuser entstanden Ende des 18. Jahrhunderts an der damaligen Straße nach Tegel etwa zeitgleich mit der Besiedlung des späteren Weddingplatzes. Bis 1805 gab es in der Müllerstraße vier Wohnhäuser. Darunter die Gaststätte Oldenburger Hof, die bis 1952 bestand. Ab 1818 kamen weitere Häuser hinzu, Hausnummern erhielten die Grundstücke ab 1832.Gerhild H. M. Komander: Der Wedding: auf dem Weg von Rot nach Bunt. Berlin Story Verlag 2006. ISBN 3-929829-38-X, S. 106–108. Ebenfalls Ende des 18. Jahrhunderts siedelten sich die ersten Mühlen an der Straße an. Der Standort eignete sich, da die Stadtheide, die ursprünglich auf dem Gebiet des Weddings lag, im 18. Jahrhundert abgeholzt worden war. Die Gegend lag brach und war deshalb starkem Wind ausgesetzt.Jahn, Mack & Partner: Vorbereitende Untersuchungen Berlin Mitte – Müllerstraße. Berichtsentwurf. (PDF; 39 MB) November 2009, S. 30.
19. Jahrhundert bis um 1945 Die Mühlen an der Müllerstraße waren mit ursächlich für das Entstehen der Industrie an Chausseestraße und der unteren Müllerstraße, im Feuerland. Die Ansammlung von Mühlen führte bereits im frühen 19. Jahrhundert dazu, dass sich in der Nähe Produzenten von Mühlen- und Triebwerken oder Mühlenaufzügen ansiedelten, die eine Keimzelle der späteren Industrie bildeten.
Pläne, die Straße nach dem Gemeindevorsteher des Vorwerks Wedding – Christian Fritz Moritz – oder dem Müllermeister Streichan zu benennen, schlugen fehl, da beide Personen dies ablehnten. Schließlich vergab die Kommune einen Namen nach den Müllern im Allgemeinen.
mini|„Schmales Handtuch“, Müllerstraße 83, Gärtnerhaus aus dem frühen 19. Jahrhundert Mitte des 19. Jahrhunderts begann bereits der Niedergang der Mühlen. Zahlreiche neue Mühlen entstanden in der ganzen Stadt, die den Konkurrenzdruck erhöhten. Darunter waren auch Mühlen, die mit Dampf und später mit elektrischem Strom betrieben wurden, und industrielle Großmühlen, wie die Victoria-Mühle in Kreuzberg, die Humboldtmühle in Tegel und die Schütt-Mühle in Moabit, gegen die die traditionellen Mühlen an der Müllerstraße nicht konkurrenzfähig waren. Zunehmende Bebauung durch Wohngebäude und eine wachsende Ansammlung von Industrie im 19. Jahrhundert sorgten zudem für einen Verdrängungswettbewerb innerhalb der Straße, sodass die letzte Mühle 1880 ihren Betrieb einstellte.
Ernst Christian Friedrich Schering erwarb 1858 das Gelände an der Müllerstraße 170 und begann dort mit dem Bau einer chemischen Fabrik, den späteren Schering-Werken. Im Wedding, in dem Ende des 19. Jahrhunderts noch zahlreiche Flächen frei waren, siedelte sich Industrie an, die die Bewohnerstruktur der Müllerstraße maßgeblich prägte.Jahn, Mack & Partner: Vorbereitende Untersuchungen Berlin Mitte – Müllerstraße. Berichtsentwurf. (PDF; 39 MB) November 2009. Direkt in der Müllerstraße 65 ließ das Unternehmen Dr. Max Levy GmbH, seinerzeit der größte Betrieb des elektrotechnischen Maschinenbaus in privater Hand, Fabrikations- und Verwaltungsgebäude errichten. An der Ecke Müllerstraße/Utrechter Straße entstand 1898 mit Wittler die erste Bäckerei Berlins, die nach industriellen Maßstäben fertigte und zeitweise die größte Bäckerei Europas war. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, Denkmale in Berlin; abgerufen am 8. Dezember 2015. Andere wichtige Unternehmen direkt in der Straße waren die Elektrizitätsgesellschaft Sanitas,Sanitas Berlin die Geräte für Röntgentechnik und Lichtheilmethoden herstellte und das Unternehmen Schwanitz, das ab 1885 technische Gummiwaren produzierte.Gerhild H. M. Komander: Der Wedding: auf dem Weg von Rot nach Bunt. Berlin Story Verlag 2006. ISBN 3-929829-38-X, S. 113, 109. Die Stadtentwicklung beschleunigte sich außerdem durch die Ansiedlung von Technikwissenschaften wie dem Rudolf-Virchow-Klinikum mit dem Robert Koch-Institut, der Ingenieurschule Beuth (seit 2021: Berliner Hochschule für Technik) und dem Institut für Zuckerindustrie, die Wissenschaftler und Studenten an die Straße brachten.
In seinen Bildern aus dem Berliner Leben von 1884 beschrieb der Schriftsteller Julius Rodenberg den südlichen Teil der Müllerstraße bis zum Leopoldplatz:
Die Erschließung und Besiedlung konzentrierte sich dabei auf den innenstadtnäheren südlichen Bereich der Straße. Während bis 1915 das gesamte Gebiet südlich der Seestraße erschlossen war, wiesen weiter im Norden nur wenige Straßen um die Müllerstraße herum eine Bebauung auf, einzelne Neubaugebiete waren noch durch große unbebaute Flächen getrennt.Markus Reitzig: Berlin-Wedding in der Zeit der Hochindustrialisierung. (PDF; 25 MB) Dissertation, HU Berlin 2005 Rodenberg beschrieb den Norden der Straße ab dem Leopoldplatz:
Einer der Gründe für die schleppende Besiedlung des Nordens war die Existenz der städtischen Abdeckerei, deren Geruchsemissionen als maßgebliches Hindernis zum Wohnbau wahrgenommen wurden. Diese hatte ihren Sitz erst auf dem Gelände des späteren Rudolf-Virchow-Krankenhauses und wurde – um dem Krankenhaus Platz zu machen – in den 1873 an die nördliche Müllerstraße verlegt. Nachdem die Stadt Berlin den Betrieb über mehrere Jahrzehnte verpachtet hatte, war sie seit 1903 direkt für die Tierkörperbeseitigung zuständig. Da ein Standort innerhalb des Stadtgebietes als nicht mehr vertretbar erschien, baute Berlin in Rüdnitz bei Bernau eine neue Abdeckerei. 1908 stellte die Abdeckerei in der Müllerstraße ihren Betrieb ein.Markus Reitzig: Berlin-Wedding in der Zeit der Hochindustrialisierung. (PDF; 25 MB) Dissertation, HU Berlin 2005, S. 94. Die Besiedlung des Nordens ging aber auch danach nicht rascher. Noch 1930 beschrieb der Schriftsteller Alexander Graf Stenbock-Fermor in seinem Buch Deutschland von unten die Müllerstraße nördlich der Seestraße:Zitiert nach: Mark Hobbs: Visual representations of working-class Berlin, 1924–1930. (PDF; 3,7 MB) PhD Thesis, S. 66–67
Die Industrialisierung sorgte für den Männerwall – einen Ring von Gebieten um die Kernstadt herum, in denen deutlich mehr Männer als Frauen lebten, die Müllerstraße wurde auch dazu gezählt. Um 1900 entwickelte sich um die Müllerstraße eine Vergnügungsmeile mit zahlreichen Kinos. Das erste Kino im Wedding eröffnete 1905 an der Müllerstraße 7 (seit den 1980er Jahren: Parkhaus von Bayer-Schering). Ein gutbekanntes Kino an der Müllerstraße ist das Alhambra, das 1916 als Apollo eröffnet wurde und mehrere Besitzerwechsel, einen Abriss und Neubau überdauert hat.
Am 4. Dezember 1874 eröffnete die damalige Große Berliner Pferde-Eisenbahn eine von der Chausseestraße kommende Straßenbahnlinie zum Weddingplatz. Die Strecke wurde in zwei weiteren Abschnitten bis zum 13. Mai 1876 bis zur Weichbildgrenze am nördlichen Ende der Müllerstraße verlängert. Ab dem 3. Juni 1881 bestand eine Fortführung über die Weichbildgrenze hinaus nach Tegel. Am 13. Juli 1900 eröffnete die Große Berliner Straßenbahn den elektrischen Betrieb auf der Strecke, die spätestens bis zu diesem Zeitpunkt zweigleisig ausgebaut war.
Die Müllerstraße als zentrale Straße im „Roten Wedding“ war ein Zentrum von KPD und SPD in der Weimarer Republik. Von besonderer Bedeutung waren dabei die Pharussäle in der Müllerstraße 143, die als „zweites Wohnzimmer“ der Berliner KPD galten.
Im Jahr 1923 erfolgte mit der Inbetriebnahme der heutigen U-Bahn-Linie U6 vom Halleschen Tor zur Seestraße der Anschluss an das U-Bahn-Netz. 1927 ging der Straßenbahnbetriebshof Müllerstraße in Betrieb. Mit der Verlängerung der U-Bahn von der Seestraße in zwei Etappen bis Tegel stellten die Berliner Verkehrsbetriebe den Straßenbahnverkehr auf der Müllerstraße zum 1. Juni 1958 ein. Der Betriebshof wurde bis 1960 für den Omnibusbetrieb umgebaut. Mit der Fertigstellung des U-Bahnhofs Leopoldplatz wurde 1961 die Straße auch an die U-Bahn-Linie G (heute: Linie U9) angeschlossen.
Mai 1945 bis zum Mauerfall am 9. November 1989 Bis in die 1960er Jahre hinein war die Müllerstraße als Kinomeile bekannt.
Durch den Bau der Berliner Mauer geriet das südliche Ende der Müllerstraße in eine Randlage direkt an der Mauer. Das soziale und kommerzielle Zentrum der Straße, das ursprünglich am Weddingplatz gelegen hatte, verschob sich weiter nach Norden an den Leopoldplatz. Dieser Bereich profitierte vom Wirtschaftswunder. Die Müllerstraße, wechselnd als „Corso des Weddings“ oder „Ku’damm des Nordens“ bezeichnet, war ein beliebtes Ausgehviertel und hatte zahlreiche Fachgeschäfte und Kaufhäuser.Gerhild H. M. Komander: Der Wedding: auf dem Weg von Rot nach Bunt, Berlin Story Verlag, 2006, ISBN 3-929829-38-X, S. 113, 115.
In der Müllerstraße 74, die bis zum Abzug der Besatzungstruppen zum französischen Bereich gehörte, hatten Planer einen eigenen Kinoort errichtet. Neben den Truppen war die Einrichtung aber auch für Anwohner frei.
mini|Jobcenter in der Müllerstraße
Seit 1990 Im Jahr 2007 wurde das Kino der ehemaligen Besatzungstruppen geschlossen. Im Jahr 2014 fanden sich zwei Betreiberinnen, die es modernisieren ließen und sich auf die Wiedergabe von Dokumentar- und Arthouse-Filmen sowie auf Filme, die in großen Kinos nicht sehr erfolgreich gezeigt werden, spezialisierten. Neben Filmvorführungen organisieren die Betreiberinnen auch Diskussionsrunden. Sie arbeiten mit dem Restaurant Pastis im Vorderhaus zusammen, in dem die Besucher nach der Vorführung ein Menü erhalten können. Im Jahr 2016 wählten die Organisatoren der Berlinale das unter dem Namen City Kino Wedding agierende Filmtheater mit 219 Plätzen als einen Spielort.Karin Schmidl, Elmar Schütze: Wenn das Kino von nebenan den roten Teppich ausrollt. In: Berliner Zeitung, 8. Februar 2016, S. 12.