Eine Schwäche für das Leben (OT: The Blind Side) ist der Titel eines 1971 publizierten Romans des englischen Schriftstellers Francis Clifford.Künstlername des Journalisten und Kriminalromanautors Arthur Leonard Bell Thompson (1917–1975) Erzählt wird die Geschichte der Brüder Richard und Howard Lawrence. Der eine ist Priester in einem Missionshospital in Biafra, der andere spioniert aus politischer Überzeugung für die Sowjetunion. An ihrem Beispiel thematisiert der Autor die Schattenseiten aktivistischer Idealisten, die wissentlich gegen gültige Rechtsnormen verstoßen, aber sich aus vermeintlich höherrangigen Gesichtspunkten zu ihrem Handeln verpflichtet fühlen. Die erste deutsche Übersetzung von Ursula von Wiese erschien 1972,im Scherz Verlag Basel, 1975 im DTV München die zweite von Nils-Henning von Hugo unter dem Titel „Alles hat zwei Seiten“ 1989.als detebe-Ausgabe im Diogenes Verlag Zürich
Inhalt Überblick Die Romanhandlung spielt in zwei Sommermonaten zur Zeit des Biafra-Krieges Ende der 1960er Jahre und handelt von zwei Brüdern, die aus ideologischen Gründen sich vom britischen Militär abgewandt haben. Sie erfuhren als Soldaten die Grausamkeit des Krieges: Howard Lawrence als Marinesoldat im Koreakrieg, Richard als Pilot während des Suez-Kriegs. Nach ihren frustrierenden Erlebnissen änderten sie ihre Leben. Howard sympathisierte bereits als Jugendlicher mit dem atheistischen Marxismus und verpflichtete sich während seiner Gefangenschaft in Korea, als russischer Spion zu arbeiten. Als Offizier an den Gesandtschaften in Lissabon und Neapel und v. a. beim Marine-Geheimdienst in London erfährt er von neuen Waffensystemen und NATO-Strategien und verrät sie über Kontaktpersonen an die Sowjetunion.
Richard beendete nach seinem Suez-Einsatz den Militärdienst und leitet als Priester eine Missionsstation in Afrika. Während eines Fluges mit Nahrungsmitteln für die hungernde Bevölkerung wird die Maschine beschossen. Richard wird schwer verletzt nach Großbritannien transportiert. Durch diese Aktion kommen die beiden Brüder nach langer Trennung wieder miteinander in Kontakt. In dieser Zeit gerät Howard durch den Tod eines russischen Agenten, bei dem man belastendes Material findet, unter Verdacht. Er versucht seine Spionagespuren in Lissabon zu verwischen, indem er seinen portugiesischen Kontaktmann tötet, und setzt sich, als seine Enttarnung bevorsteht, nach Österreich ab. In mehreren Gesprächen diskutieren die Brüder seine Situation. Kurz vor dem Tod der Mutter, die Howard noch einmal sehen möchte, überredet Richard ihn, zurückzukehren. Bei seiner Ankunft am Elternhaus wird er verhaftet.
Richards Mission Der Priester Richard Lawrence arbeitet seit zwei Jahren für das Kirchenhilfswerk in Biafra. Nachdem seine Missionsstation, ein Hospital und ein Flüchtlingslager in Abaguma Ende Juni durch eine Unterbrechung der einzigen Straße nicht mehr mit Nahrung und Medikamenten versorgt werden können, bricht er zuerst mit seinem Land-Rover bis zur Bergrutschstelle, dann zu Fuß zu einer Reise zum nächsten Flugplatz auf, um auf eigene Faust Hilfe zu holen (Teil I, Kap. 1). In Uziama erfährt er, dass wegen der Kämpfe zwischen Nigeria und Biafra kaum noch Hilfsgüter ankommen, jedoch überredet er die Crew einer Constellation, ihn auf ihrem Rückflug über den Golf von Guinea zur portugiesischen Insel São Tomé mitzunehmen. Dort sucht er die Büros des Roten Kreuzes und anderer karitativer Organisation auf. Alle klagen über den mangelnden Nachschub und haben keine Maschinen, um Nahrungsmittel über Abaguma abzuwerfen (I, 3). Durch Zufall hört Richard von einer mit Hilfsgütern beladenen DC 3 der internationalen Organisation „Die helfende Hand“, die wegen der Erkrankung des Piloten auf der Nachbarinsel Escobar notlanden musste. Er bietet sich, bevor die Ladung irgendwohin verschwindet, der Crew als Pilot an und fliegt zusammen mit dem Navigator Tony Goddard ohne Genehmigung das Flugzeug über die nigerianische Grenze. Über Abaguma wirft Tony die Ladung ab (I, 4). Auf dem Rückflug wird das Flugzeug beschossen und Richard lenkt die Maschine schwer verletzt zum Flughafen nach São Tomé. Er überlebt, jedoch muss ihm sein linker Arm amputiert werden.
Howard Lawrence erfährt im Verteidigungsministerium in London von dem Zwischenfall und schaltet die britische Gesandtschaft in Lissabon ein, um diplomatische Verwicklungen wegen des unerlaubten Flugs zu verhindern und den Bruder über Portugal nach London ausfliegen zu lassen (II, 5). Er reist selbst nach Lissabon (II, 6) und bringt Richard zur Genesung zu ihrer kranken Mutter „Tibbie“ ins Haus „Wyndhams“ in Marsden (II, 7). Nach seiner Genesung erhält Richard vom Bischof in Westonlake einen Tadel wegen seiner eigenmächtigen Entfernung von der ihm anvertrauten Kirchengemeinde und der Verstöße gegen internationales Recht. Wichtiger als das körperliche Überleben sei das Seelenheil und gute Absichten seien keine Entschuldigung, gegen die Disziplin zu verstoßen. Der Bischof weist ihm eine Stelle als Kurat bei Pfarrer Somerset in Evensham zu. Richard verteidigt sich mit dem über dem Gehorsam stehenden höheren Gebot, das Leben der Menschen der Station zu retten. Noch mehr als der Tadel des Bischofs belastet ihn kurz darauf die Nachricht von der Bombardierung des Missionsspitals, bei der viele Menschen getötet wurden. Vielleicht, überlegt er, hofften sie auf den erneuten Abwurf von Hilfsgütern (III, 9).
Howards Spionagetätigkeit Howards Unzufriedenheit mit Staat, Gesellschaft und Religion reicht zurück in seine Kindheit. Er litt unter dem Streit der Eltern und der Herrschsucht der Mutter, die sich wünschte, dass ihre Söhne nach dem Vorbild des Vaters zur Armee gehen, und in Kriegszeiten zuerst an den Aktienkurs dachte. Obwohl sein Bruder die Kindheit offenbar anders empfand, bezieht Howard Richard in diese Bewertung ein und spricht nach dessen Rückkehr ihm gegenüber seine Kritik offen aus. Dass seine Mutter jetzt krank ist, der Garten verwildert und das Haus Zerfallserscheinungen zeigt, erfülle ihn mit Freude, während Richard darauf mit Mitleid reagiert.
Das auslösende Ereignis für seinen Wechsel ins feindliche ideologische Lager war seine Gefangenschaft, nachdem er als Leutnant mit drei Kameraden ein Landungskommando in Korea anführte; um Minenvorrichtungen des Feindes zu erforschen. Er ließ sich, da sich seine Gesellschaftskritik in der Jugendzeit aufgebaut hatte, bereitwillig als Spion anwerben. Nach der Entlassung und der Rückkehr nach Europa arbeitete er im britischen Marine-Geheimdienst an den Gesandtschaften in Lissabon und Neapel und anschließend im Verteidigungsministerium in London. Hier hat er Einblick in militärische Geheimdokumente, z. B. den ASLD-Versuch(Adenylosuccinate Lyase Deficiency. ASLD Multiphysics laser simulation software über eine elektronisch gesteuerte Unterwasser-Sondierung, um Kaltwasserschichten in der Umgebung eines U-Bootes ausfindig zu machen. Er fotografiert diese Materialien und deponiert den mit einer Schreibmaschine geschriebenen chiffrierten Text in einem „toten Briefkasten“ im Regents-Park, aus dem ihn sein Verbindungsmann Alexander Donskoy von der sowjetischen Botschaft abholt. Mit „Alex“ fühlt er sich freundschaftlich verbunden. Der Russe hat ihm einen Geheimpass gegeben, mit dem er sich bei seiner Enttarnung ins Ausland absetzen kann, und ihm ein Leben unter einer neuen Identität versprochen. Beim nächsten persönlichen Treffen der beiden auf einem Golfplatz in der Nähe von Marsden wird der Kontaktmann während eines plötzlich aufziehenden Unwetters von einem Blitz getötet. Man findet in seinen Taschen die verschlüsselten Dokumente (II, 8). Howard gerät in Verdacht, wird beschattet und von einem Kriminalbeamten mehrmals verhört (III, 10, IV, 14). Da er alle Beweismittel, z. B. Fotoapparat, Schreibmaschine, beseitigt hat und sein Zimmer ohne Ergebnis durchsucht wurde, wartet er zuerst einmal die Entwicklung ab. Doch seine Lage verschlechtert sich, als er von seiner ehemaligen Geliebten Gillian, der Frau des Lissaboner Ersten Botschaftsrates Shelly, erfährt, dass ihr Mann ein finanzielles Angebot erhalten hat, in den nächsten Tagen Informationen über englische Spione zu bekommen (IV, 12). Er ist beunruhigt und denkt an den Kontaktmann aus seiner portugiesischen Zeit Rafael Macerda. Mit seinem Geheimpass fliegt er unter dem Namen Bruce Elliot nach Lissabon, beschattet Shelly, folgt ihm abends zu einem Vorstadt-Mietshaus, erfährt, dass dort Marceda wohnt, schlägt ihn nieder und ertränkt ihn in der Badewanne. (IV, 13) Noch in der Nacht fliegt er über Paris nach London zurück.
Die Diskussion der Brüder über ihre unterschiedlichen Ideologien In Großbritannien hat sich inzwischen das Netz um ihn durch neue Indizien, ein in Alex‘ Tasche entdeckter Golfball, zusammengezogen und er fürchtet, dass der Mord sinnlos war und ihn nicht retten wird. Er hat das Bedürfnis, mit einem Menschen, dem er vertrauen kann, über seine Situation zu sprechen. Durch seine Spionagetätigkeit und die Angst vor Entdeckungen hat er sich von seinen alten Bekannten isoliert. Auch lebt er getrennt von seiner in Redhill wohnenden Frau Jessica und ihren Töchtern Ann und Clare (III, 10). Nach achtjähriger Ehe hat Jessica erkannt, dass er sich wie ein „Chamäleon“ verhält. Er hat wechselnde sexuelle Kontakte z. B. zu June, seiner Nachbarin in Hampstead, oder Gillian, die ihn in London besucht. So wendet er sich vor seinem Untertauchen an seinen Bruder (V, 16):
Howard rechtfertigt den Mord mit dem drohenden Verrat Macerdas. Dieser habe nur finanzielle Interessen, während er aus ideologischen Motiven gehandelt habe. Er wolle der Verfolgung entkommen und er hofft auf russische Unterstützung beim Aufbau einer neuen Identität. Richard kritisiert am Bruder das falsche Spiel und die fehlende Geradlinigkeit „Alles an ihm war Lüge, Korruption, eine Übung im Überleben“ (V, 16). Er lebe nur für sich und habe keine Verpflichtungen seiner Frau, den Töchtern und der Mutter gegenüber übernommen. Er glaubt Howard nicht die ideologischen Gründe und sieht persönliche Motive: Er habe immer Eindruck auf andere machen wollen, v. a. auf Frauen. Als Antrieb zur Spionage vermutet er auch Rache, weil er beim Militär nicht recht vorankam. Trotz den Vorwürfen der Heuchelei und Tarnung sowie des Landesverrats hat er Mitleid mit seinem einsamen Bruder. Als die Mutter im Sterben liegt und ständig nach dem abwesenden Howard fragt, vermutet Richard, dass der Bruder an den einzigen Ort mit schöner Erinnerung an einen gemeinsamen Winterurlaub geflohen ist, und reist nach Steyrhofen in Österreich. Er überredet ihn, trotz der drohenden Verhaftung, zur Rückkehr, damit seine Mutter in Frieden sterben kann. Er appelliert an ihn, die schlechten Kindheitserinnerungen zu vergessen: „Tu etwas für einen anderen Menschen“. Er analysiert seine Situation: Er sei in einem Vakuum und solle sich klar darüber werden, dass seine Zukunft im Ausland genauso unsicher sei, wie ihn seine Vergangenheit gefangen halte. Er solle nach Hause kommen. (V, 17) Howard stimmt schließlich zu und kehrt mit ihm nach Marsden zurück. Doch seine Mutter ist bereits gestorben und auf ihn warten Polizisten, um ihn zu verhaften. Howard beschuldigt Richard, ihn in eine Falle gelockt zu haben, dieser bestreitet das (V, 17).
Die Schattenseiten des Idealismus (The Blind Side)