mini|Fabrik Urspring von Süden, um 1900 Die Mechanische Weberei Urspring (MWU) in Urspring, einem Ortsteil der Stadt Schelklingen im Alb-Donau-Kreis in Baden-Württemberg, war eine Baumwollmanufaktur, die von 1832 bis 1953 bestand.

Name Anfangs immer nur Fabrik Urspring genannt, bürgerte sich ab den 1870er Jahren die Bezeichnung Mechanische Weberei Urspring ein. So wurde die Firma 1900 nur Mechanische Weberei genannt, dagegen ab 1907 Mechanische Weberei Rall & Söhne. In einem Anschreiben von 1933 findet sich die Bezeichnung Mechanische Weberei Urspring Rall & Söhne.

Gründung und Betrieb durch Johann Georg Friedrich Reichenbach 1832‒1852 Die Baumwollweberei in Urspring wurde 1832 in dem 1806 säkularisierten Benediktinerinnenkloster Urspring durch den Kaufmann Johann Georg Friedrich Reichenbach gegründet. Reichenbach war Inhaber der Baumwollweberei Urspring von 1832 bis 1852.

Durch Kaufvertrag vom 14. April 1832 erhielt Georg Reichenbach sämtliche im Staatsbesitz befindlichen Gebäude mit Ausnahme des Pfarrhauses (ehemaliges Unteres Gasthaus), der Hausmeisterwohnung (ehemaliges Priorat) und dem von dem Brauhauspächter bisher benützten Keller; diese blieben dem Pfarrer, den Klosterfrauen und Schwestern auf ihre Lebenszeit zur Bewohnung und Benützung vorbehalten. Die vormalige Klosteroberamtei, nachherige Urspringer Kameralverwaltung, behielt sich der württembergische Staat als Wohnung des Revierförsters vorStaatsarchiv Ludwigsburg F 41 Bü 90: Revidierter Kaufvertrag über das Kloster Urspring vom 14. April 1832; Begleitschreiben vom 21. Mai 1832, §. 2..

Der Fabrikbetrieb durch Reichenbach lässt sich in zwei Phasen einteilen. In der ersten Phase von 1832 bis 1846Ein Bericht von 1835 gibt ein genaues Bild vom Aussehen der Fabrik: Staatsarchiv Ludwigsburg F 41 Bü 90: Kameralamtsbericht über die Fabrik Urspring vom 7. August 1835. befand sich die Weberei im ersten Stock (Obergeschoss) der zweistockigen Getreidemühle am Ursprung und in den Klausurflügeln: im vormaligen Konventsaal, dem ehemaligen Strafzimmer, der früheren Gaststube und Kammer des Brauhauses und in einem Saal, der durch den Abbruch der Zellen der Nonnen (wohl in den Klausurflügeln) entstanden war. Die Klosterkirche wurde 1835 als Magazin benutzt.

1835 waren 86 Handwebstühle und 15 Wasserstühle, 2 Spul-, 2 Zettel- und 3 Schlichtmaschinen in Betrieb. Es waren fast 120 Arbeiter, ohne die zahlreichen Handwerker und Fuhrleute, in der Fabrik beschäftigt. Die Hälfte der Fabrikarbeiter waren Mädchen im Alter von 14 bis 20 JahrenHauptstaatsarchiv Stuttgart E 146 Bü 6064: Oberamtsbericht über die Fabrik Urspring vom 18. Februar 1835.. Bis 1844 war die Zahl der Beschäftigten in Reichenbachs „mechanischer Weberei und chemischen Bleiche für Baumwoll- und Leinenstoffe“ auf 150 Arbeiter angestiegen.Amtlicher Bericht über die allgemeine Deutsche Gewerbe-Ausstellung zu Berlin im Jahre 1844. Teil 1 (…), S. 311.

Die mechanische Weberei befand sich in der zweiten Phase von 1846 bis 1852 in der ehemaligen dreiflügeligen Klausur. Die Fabrikeinrichtung bestand von ca. 1846 bis 1852 aus 44 eisernen und 80 hölzernen mechanischen Webstühlen, dazu 4 Schlichtmaschinen, 4 Spulmaschinen, 1 Zettelmaschine samt dem Triebwerk, bestehend aus einem Wasser- und Kammrad, Wellbäumen, Königswellen und Antriebsriemen.

In der zweiten Phase von 1846 bis 1852 enthielt die ehemalige Mahlmühle, die Brauerei und das Bruderhaus eine Kunstbleiche. Im „unteren Garten“, dem Baumgarten, bestand eine Rasenbleicherei nach dem Muster der Blaubeurer Bleiche. Der Garten hieß deshalb später „Bleichgarten“.

Das hergestellte Tuch bestand von 1833 an in der Hauptsache in rohem BaumwolltuchGieseler 2009.. 1844 lieferte die Fabrik jährlich 8000 Stück Baumwolltuch und Shirtings, auch gefärbte Perkals und KambriksAmtlicher Bericht über die allgemeine Deutsche Gewerbe-Ausstellung zu Berlin im Jahre 1844. Teil 1 (…), S. 311.. Seit den 1840er Jahren konnte das Tuch auch gebleicht werdenRößler 1842 S. 141.. Eine Färbung oder Appretur wurde in der Regel nicht in Urspring, sondern in anderen Fabriken vorgenommen.

Reichenbach besuchte schon früh verschiedene Gewerbeausstellungen, um für seine Produkte zu werben: Er war im Mai 1833 auf der Industrieausstellung für das Königreich Württemberg. Unter dem Abschnitt Baumwollfabrikate berichtet der Herausgeber Volz: „Georg Reichenbach in Urspring hatte einen in Augsburg gedruckten Schlafrock zu 10 fl. aufgelegt, welcher jedoch mit unserem Köchlinschen Fabrikat den Vergleich nicht aushält“Volz 1834 S. 187.. 1842 übersandte Johann Butzhuber in Blaubeuren dem Gewerbeverein für das Großherzogtum Hessen „in schöner und gelungener Waare 8 Stück gebleichte Leinen, hierunter 6 Stück aus rohem Garn gewoben und bei Georg Reichenbach in Urspring bei Blaubeuren gebleicht (…)“Rößler 1842 S. 141.. Im Jahre 1844 besuchte Reichenbach die Allgemeine Deutsche Gewerbe-Ausstellung zu Berlin. Der amtliche Bericht äußert sich zu Reichenbach wie folgt: „41. Georg Reichenbach in Urspring, beschäftigt in seiner mechanischen Weberei und chemischen Bleiche für Baumwoll- und Leinenstoffe 150 Arbeiter und liefert jährlich 8000 Stück Baumwollentuch und Shirtings, auch gefärbte Perkals und Kambriks. Ausgestellt war: ein Stück Domestic; sehr gut in Garn, Weberei, Bleiche und Appretur für den Bedarf ganz passend, auch wohlfeil. 1 Stück Shirting: Weberei gut, Bleiche und Appretur weniger gelungen, Preis ziemlich theuer. 1 Stück Türkischroth gefärbter Kattun: ebenso gelungen wie Schweizer Roth, jedoch höher im Preise als dieses. 1 Stück rohes Baumwolltuch, Printer: Gut, aber im Verhältniß etwas theuer“Amtlicher Bericht über die allgemeine Deutsche Gewerbe-Ausstellung zu Berlin im Jahre 1844. Teil 1 (…), S. 311..

Die Fabrik unter Christian August Blezinger 1852‒1859 Am 30. Januar 1852 musste Georg Reichenbach die Fabrik wegen Überschuldung an die Gläubigerin Frau Friederike Blezinger in Stuttgart, die Mutter von Christian August Blezinger, verkaufenBrügelmann 1987 S. 18–21; Gäckle und Blezinger 1928 S. 132f; Gieseler 2009.. August Blezinger wurde in der Folge Fabrikant in Urspring.

Mit der Übernahme der Fabrik durch Blezinger im Jahr 1852 trat die Fabrik in ihre dritte Bauphase ein: in diesem Jahr wurde die gescheiterte Kunstbleiche in der Mühle und im Brauhaus entfernt und die Webstühle aus den Klausurflügeln wieder in eben dieses Wirtschaftsgebäude transferiert. 1852 waren Maschinen im Gesamtwert von 10.140 Gulden (fl) vorhanden, darunter das Wasserrad samt Triebwerk, 3 Schlichtmaschinen, 3 Zettelmaschinen, 2 Spulmaschinen, 48 eiserne mechanische Webstühle und 22 hölzerne mechanische Webstühle.

1856 beantragte Blezinger, für den Betrieb einer Dampfmaschine von 4 bis 6 Pferdekräften, welche die Webstühle bei Wassermangel in Bewegung setzen sollte, die Genehmigung zur Errichtung eines Dampfkessels in einem eigens dazu zu erbauenden DampfkesselhausStadtarchiv Schelklingen, Bauakten: Schreiben August Blezingers an die Bauschau vom 7. Juli 1856.. Am 23. Juli 1856 genehmigte das Innenministerium in Stuttgart den Bau des DampfkesselsStadtarchiv Schelklingen, Bauakten: Schreiben des Oberamtmanns Philipp Gottlieb Osiander in Blaubeuren an das Stadtschultheißenamt Schelklingen vom 23. Juli 1856..

Während der Besitzerschaft von Blezinger kam es zu einer Baumwollkrise in Folge des Krimkriegs (17. Oktober 1854 bis 18. März 1856). Dieser Krieg schränkte die Wirtschaftstätigkeit im Allgemeinen ein und wird auch als Erste Weltwirtschaftskrise bezeichnet. Für die Baumwollindustrie war das Hochschnellen des Preises für Rohbaumwolle entscheidend, verursacht durch eine Verknappung des Angebots, welches Produktionseinschränkungen herbeiführte.

Die Fabrik unter Louis Adam Gans 1859‒1870 Am 14. März 1859 verkaufte Christian August Blezinger die Weberei an Louis Adam Gans, bürgerlich in Offenbach am Main, von 1844‒1847 Handelsmann in Frankfurt am Main, seit 1857 bürgerlich in Hohenems und Textilfabrikant in St. Gallen.

Am 28. Dezember 1861 stellte er beim Oberamt Blaubeuren den Antrag, einen zweiten Dampfkessel aufstellen zu dürfen, nachdem bereits seinem Vorbesitzer Christian August Blezinger die Aufstellung eines ersten Dampfkessels erlaubt worden war. Am 3. Januar 1862 wird dieser Bitte entsprochen. Der Dampfkessel diente zum Betrieb der Dampfmaschine, welche bereits 1856 von Blezinger aufgestellt worden war. Auch hatten die Fabriksäle eine Dampfheizung.

Am 31. Juli 1867 erhielt Gans die Genehmigung der Regierung des Donaukreises in Ulm, das Wasserrad durch zwei Turbinen zu ergänzen oder zu ersetzenRall 1984 S. 366; Gieseler 2009.. 1869 waren eine Jonval-Turbine und eine zweite, kleinere, vorhanden.

Gans war ein großer Liebhaber der Telegraphie. So betrieb er nicht nur geschäftlich eine TelegraphenstationRall 1984 S. 366f.. Beim Verkauf an die Familie Rall 1870 befanden sich im ehemaligen oberen Gasthaus, wo Gans wohnte, im ehemaligen unteren Gasthaus, nunmehr Comptoir und Wohnung des Fabrikdirektors und Prokuristen Wilhelm Römer, und in der Fabrik im Stückzimmer Telegraphenapparate.

Unter Gans lassen sich zwei Bauperioden unterscheiden: Die erste begann mit der Übernahme der Fabrik in 1859 und reichte bis 1862. Die zweite Periode reichte von 1862 bis zum Verkauf der Fabrik 1870Rothenbacher 2015 S. 610–646.. In der ersten Periode von 1859 bis 1862 blieb der Gebäudebestand im Wesentlichen wie Gans ihn von Blezinger übernommen hatte. Die Weberei wurde in der Mühle und dem Brauhaus belassen. Dieses Gebäude war zweistockig und besaß im Dachraum ein Zwerchhaus mit Lastenaufzug. In der zweiten Periode ab 1862 wurde das Fabrikgebäude um ein Fachwerkstockwerk erhöht; d. h. das gesamte Dach wurde abgetragen, ein dritter Stock aufgebaut und ein neues Dach errichtet. Das Fabrikgebäude war nunmehr dreistockig mit gewölbten Räumen im Erdgeschoss, und Fabriksälen im ersten und zweiten Stockwerk.

Die Zahl der Maschinen war stark vermehrt worden: im Fabriksaal im ersten Obergeschoss befanden sich 104 Webstühle; im zweiten Obergeschoss weitere 36 Webstühle, vier Spulmaschinen, vier Zettelmaschinen, zwei Schlichtereimaschinen und eine Sizingmaschine. Am Ende der Periode unter Gans (Juli 1870) betrug die Zahl der Webstühle 177.

Die Klosterkirche wurde in den 1860er Jahren wie bereits in den 1830er Jahren als Magazin benutzt.

Gans ließ 1861 das Kosthaus (oder Krankenhaus) über dem Urspringtopf abbrechen. Der südliche und westliche Klausurflügel, weiterhin der nördliche Kreuzgang wurden 1865 abgebrochenRothenbacher 2015 S. 610–646..

Eine Baumwollkrise gab es insbesondere während des amerikanischen Bürgerkriegs von 1861–1865. Der Zusammenbruch der Baumwollproduktion in den USA sollte sich fatal für die europäischen Fabriken auswirken. In England kam es in diesen Jahren sogar zu einer Baumwollhungersnot in der Grafschaft Lancashire und der Webereihochburg Blackburn.

Louis Gans wollte Ende der 1860er Jahre die Fabrik verkaufen und schaltete eine Anzeige im Schwäbischen Merkur, worauf sich die Familie Rall aus Eningen unter Achalm meldete, welche für den Sohn Robert Friedrich Rall nach einem Etablissement suchte.

Die Fabrik unter der Familie Rall 1870‒1953