mini|hochkant|Nora Stanton Barney (1883–1971) und ihre Tochter Rhoda Jenkins (1920–2007) im gemeinsamen Architekturbüro

Frauen in der Architektur bezieht sich im zeitgenössischen Verständnis auf das Wirken und die Situation von Frauen in der Architektur in Vergangenheit und Gegenwart als Teil der Architekturgeschichte bzw. Frauengeschichte. Im Einzelnen geht es um professionelle Architektinnen und ihr Werk, ihre Ausbildung und ihre gesellschaftliche Wahrnehmung und Bedeutung. Seit der Anerkennung des Architekten bzw. der Architektin als eigenständiger, akademischer Beruf im 19. Jahrhundert war der Frauenanteil in der Architektur zunächst sehr gering. In einer 2014 vom Architects’ Council of Europe in 30 europäischen Ländern durchgeführten Studie wurde dieser auf 39 % geschätzt. Allerdings verdienen Frauen in Architekturbüros bei gleicher Leistung im Schnitt deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen. Sie werden zudem schneller vergessen, selbst „wenn sie Wegweisendes geschaffen haben“. Erst seit wenigen Jahren finden Frauen, etwa als Pritzker-Preisträgerinnen seit der Jahrtausendwende breitere Anerkennung.

Frühe Beispiele mini|Hopi-Frauen bauen ein Pueblohaus in Oraibi (um 1901)

In der Vor- und Frühgeschichte waren in vielen Gesellschaften Frauen an der Errichtung und Renovierung von Gebäuden beteiligt; in bestimmten Ethnien war der Hausbau sogar vorrangig eine Aufgabe von Frauen.William C. Sturtevant (Hrsg.): Handbook of North American Indians. Smithsonian Institution Press, Washington D.C. 1978ff.

In Europa kam spätestens im Mittelalter mit Einführung des Zunftwesens und der Bauhütten das Errichten von Gebäuden, und damit auch deren Entwurf, zunehmend in männliche Verantwortung. Frauen, die entwerfende Aufgaben und Verantwortung für die Errichtung von Bauwerken übernehmen, erschienen folglich als Ausnahme: Antonio Manetti, Biograph von Brunelleschi, erwähnt, dass einer der Vorschläge für den Wettbewerb für den Entwurf der Laterne der Kathedrale von Florenz, der 1436 stattfand, „von einer Frau“ stammte.

Es gibt frühneuzeitliche Beispiele, dass Frauen eine Rolle in der Architekturgeschichte spielten, da sie die Planung oder die Entwicklung von Bauwerken maßgeblich beeinflussten. Für den Bau von Klöstern in Europa ist erstmals in Einzelfällen die Tätigkeit von Architektinnen und Bauleiterinnen belegt – allerdings kennen wir den Namen keiner der Frauen. In Frankreich war Katherine Briçonnet (ca. 1494–1526) entscheidend an der Gestaltung des Schlosses Chenonceau im Loiretal beteiligt. Sie überwachte die Bauarbeiten zwischen 1513 und 1521 und traf wichtige architektonische Entscheidungen, während ihr Mann in den italienischen Kriegen kämpfte. Zwischen 1582 und 1587 baute Jacquette de Montbron (1542–1598) das Château de Matha. Auch englische Adelige wie Bess of Hardwick (1527–1608) und Lady Anne Clifford (1590–1676), waren für den Bau von Herrenhäusern und die Renovierung ihrer Ländereien zuständig. In Italien wirkte Plautilla Bricci (1616–zumindest 1690) allein, aber auch gemeinsam mit ihrem Bruder Basilio an Kapellen und Palästen in der Nähe von Rom. So beauftragte Elpidio Benedetti (1609–1690) Bricci mit dem Entwurf und Bau einer Villa in Rom; in der von Benedetti veröffentlichten Beschreibung des Gebäudes spricht er dessen Entwurf allerdings ihrem Bruder zu, obgleich er ihr weitere Bauaufträge erteilte; damit folgte er „der damaligen gesellschaftlichen Norm, die einer Frau die Fähigkeiten eines Architekten nicht zugestehen wollten“.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts ließ Catherine de Vivonne (1588–1665) nach ihren Plänen in Paris das Hôtel de Rambouillet gemeinsam mit ihrem Mann renovieren und so umbauen, dass sich in aufeinanderfolgenden Salonräumen Literaten gut treffen konnten. In Großbritannien studierte Elizabeth Wilbraham (1632–1705) die Arbeiten des niederländischen Architekten Pieter Post sowie die von Palladio in Venetien, Italien, und die Stadtresidenz in Landshut, Deutschland. Architekturhistoriker wie John Millar sind der Ansicht, dass Wilbraham Architektin des Wotton House in Buckinghamshire und zahlreicher Kirchengebäude in der Region ist. Millar geht davon aus, dass sie Sir Christopher Wren unterrichtet hat und als Tutorin für ihn gewirkt hat. Wilbraham musste die Bauarbeiten durch männliche Architekten beaufsichtigen lassen.Jay Merrick Elizabeth Wilbraham, the first lady of architecture, The Independent, 16. Februar 2011. Abgerufen am 16. April 2012. Zahlreiche Forschungsergebnisse u. a. von John Millar, zeigen, dass sie am Entwurf von bis zu 400 Gebäuden beteiligt sein könnte, darunter 18 Londoner Kirchen, die zuvor alleine ihrem Schüler Sir Christopher Wren zugeschrieben wurden.Lucia Krasovec Lucas: Modern Women in (Modern) Architecture: Some Cases (Genesis of a Modern Lifestyle). In: Ana María Fernández García, Caterina Franchini, Emilia Garda, Helena Seražin: MoMoWo – 100 Works in 100 Years. European Women in Architecture and Design, 1918–2018. S. 214–229. (re.public.polimi.it)

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts entwarf eine andere Engländerin, Mary Townley (1753–1839), die von dem Künstler Sir Joshua Reynolds unterrichtet wurde, mehrere Gebäude in Ramsgate in Südostengland, darunter Townley House, das als architektonisches Juwel gilt. Sara Losh (1785–1853) war eine englische Frau und Landbesitzerin in Wreay. Sie wurde als verlorenes romantisches Genie, Antiquitätenhändlerin, Architektin und Visionärin bezeichnet.Paul Nettleingham, "Townley House in Ramsgate", Michaels Bookshop Ramsgate. Ihr Hauptwerk ist die St. Mary's Church (Wreay) in Cumbria, aber sie errichtete auch verschiedene damit verbundene Gebäude und Denkmäler.St Mary's Church WreayJ. B. Bullen: Sara Losh: Architect, Romantic, Mythologist. In: The Burlington Magazine. Vol. 143, No. 1184, Nov 2001, S. 676–684.

Moderne Pionierinnen

Im 19. Jahrhundert bildete sich der Beruf des Architekten bzw. der Architektin als eigene akademische Disziplin heraus. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begannen zunächst einzelne Ausbildungsstätten, Frauen zu ihren Studiengängen zuzulassen. Daneben existierte teils aber auch die praktische Ausbildung direkt am Arbeitsplatz.

Louise Blanchard Bethune (1856–1913) aus Waterloo, New York, war die erste Frau, die als professionelle Architektin in den USA arbeitete. Im Jahr 1876 nahm sie eine Stelle als Bauzeichnerin im Büro von Richard A. Waite und F. W. Caulkings in Buffalo, New York, an, wo sie fünf Jahre lang arbeitete und bewies, dass sie sich in diesem männlich geprägten Beruf behaupten konnte. 1881 eröffnete sie gemeinsam mit ihrem Mann Robert Bethune ein eigenes Büro in Buffalo, das viele Industrie- und Gewerbebauten sowie 18 Schulbauten errichtete. Ihre alleinige Urheberschaft ist für ein 1904 errichtetes Hotel dokumentiert. 1888 wurde sie als erste Frau in das American Institute of Architects aufgenommen, und 1889 wurde sie zum ersten weiblichen Fellow ernannt.

mini|hochkant=1.4|The Woman’s Building (Sophia Hayden)

Sophia Hayden (1868–1953) war die erste Frau, die 1890 den Bachelor-Studiengang in Architektur des Massachusetts Institute of Technology absolvierte. Auf der World’s Columbian Exposition von 1893 in Chicago erregte ein Entwurf von ihr weltweit Aufmerksamkeit: das Woman’s Building, ein Pavillon, in dem Kunst, Projekte, Statistiken zu frauenrelevanten Themen und Bücher von Frauen ausgestellt waren. Hayden wurde für ihre Arbeit vergleichsweise schlecht bezahlt; auch veränderte der Auftraggeber immer wieder ihren Entwurf und entließ sie schließlich. Sie zog sich zurück und arbeitete später nicht mehr als Architektin.Joan Marter: The Grove Encyclopedia of American Art. Oxford University Press, 2011.

Marion Mahony Griffin (1871–1961) erhielt 1894 am Massachusetts Institute of Technology ihren Abschluss als Architektin. 1895 begann sie, im Büro von Frank Lloyd Wright zu arbeiten, wo ihre Zeichnungen zu so etwas wie dem „öffentlichen Markenzeichen der Planungen Frank Lloyd Wrights“ wurden. Während Wrights Europareise 1910 kümmerte sie sich um die offenen Aufträge des Büros. 1911 heiratete sie einen Kollegen, Walter Burley Griffin, und motivierte ihn zur Teilnahme an einem Wettbewerb in Australien; möglicherweise aufgrund ihrer Zeichnung erhielt er den ersten Platz. Mahony Griffin unterstützte in den folgenden Jahren ihren Mann in dessen Werk in Canberra, Melbourne und Sydney; nach dessen Tod in Indien 1937 konzentrierte sie sich auf die Pflege und Verbreitung seines architektonischen Werkes.

Julia Morgan (1872–1957) war die erste Frau, die zum Architekturstudium an der École nationale supérieure des beaux-arts de Paris zugelassen wurde, und die erste in Kalifornien zugelassene Architektin. Während ihrer langen und produktiven Karriere entwarf sie mehr als 700 Gebäude in Kalifornien. Im Stil des europäischen Historismus entwarf sie zahlreiche Bauten, Repräsentationsgebäude für William Randolph Hearst wie sein Hearst Castle in San Simeon ebenso wie Einrichtungen für Frauen und Mädchen, etwa YWCAs und Gebäude für das Mills College. Als sie ihr Büro aufgab, wurden die meisten Unterlagen vernichtet. Erst in den 1970er Jahren wurde ihr Werk wiederentdeckt. Julia Morgan war die erste Frau, die 2014 posthum mit der höchsten Auszeichnung des American Institute of Architects, der AIA Gold Medal, geehrt wurde.

Eine weitere früh praktizierende Architektin in den Vereinigten Staaten war Emily Williams (1869–1942) aus Nordkalifornien. Zusammen mit ihrer Freundin Lillian Palmer zog sie 1901 nach San Francisco, wo sie an der California High School of Mechanical Arts Zeichnen studierte. Von Palmer ermutigt, baute sie anschließend eine Reihe von Cottages und Häusern in der Gegend, darunter das heute unter Denkmalschutz stehende Wohnhaus 1037 Broadway in San Francisco.Inge S. Horton: Women Architects in Northern California. In: Newsletter of PAC San Jose. Vol. 17, No. 4. (, abgerufen am 16. April 2012) mini|Josephine Wright Chapman: Tuckerman Hall, Worcester (MA) Theodate Pope Riddle (1868–1946) wuchs in wohlhabenden Verhältnissen in Farmington, Connecticut, auf, wo sie sich von Lehrern in Architektur unterrichten ließ. Ihre frühen Entwürfe, wie der für Hill-Stead (1901), wurden von der Firma McKim, Mead und White in Arbeitszeichnungen umgesetzt, was ihr eine Ausbildung in Architektur ermöglichte. Sie war die erste Frau, die sowohl in New York als auch in Connecticut als Architektin zugelassen wurde, und 1926 wurde sie in das AIA College of Fellows aufgenommen."Women in Architecture", ARVHA. (, abgerufen am 17. April 2012)

Eine bemerkenswerte Pionierin der Anfangszeit war Josephine Wright Chapman (1867–1943). Chapman erhielt keine formale Ausbildung als Architektin, entwarf jedoch eine Reihe von Gebäuden, bevor sie ihr eigenes Büro gründete. Als Architektin der Tuckerman Hall in Worcester, Massachusetts, gilt sie als eine der frühesten und erfolgreichsten Architektinnen Amerikas.Josephine Wright Chapman and Tuckerman Hall: Tuckermanhall.org