mini|Mary Shelley, 1840 gemalt von Richard Rothwell, National Portrait Gallery (London)rahmenlos|klasse=skin-invert-image Mary Shelley geborene Mary Godwin (* 30. August 1797 in London, England; † 1. Februar 1851 ebenda), häufig auch Mary Wollstonecraft Shelley (oder Mary W. Shelley), war eine englische Schriftstellerin des frühen 19. Jahrhunderts. Sie ist als Autorin von Frankenstein oder Der moderne Prometheus (1818), einem Werk der romantischen und fantastischen Literatur, in die Literaturgeschichte eingegangen. Zu ihrem Gesamtwerk zählen mehrere Romane, Kurzgeschichten, Theaterstücke, Essays, Gedichte, Rezensionen, Biografien und Reiseerzählungen. Sie gab außerdem das Werk ihres früh verstorbenen Ehemanns, Percy Bysshe Shelley, mit dem sie seit 1816 verheiratet war, heraus.

Ihr Vater war der Sozialphilosoph und Begründer des philosophischen Anarchismus William Godwin. Ihre Mutter war die Schriftstellerin und Feministin Mary Wollstonecraft, die mit Verteidigung der Rechte der Frau (1792) eine der frühesten und grundlegenden Arbeiten der Frauenrechtsbewegung verfasste. Mary Godwins Mutter starb kurz nach der Geburt ihrer Tochter. William Godwin zog seine Tochter gemeinsam mit ihrer älteren Halbschwester zunächst allein auf. Sie erhielten durch ihn und seine spätere zweite Ehefrau eine informelle, aber umfassende Erziehung.

Ab 1814 führten Mary Godwin und der verheiratete Dichter Percy Bysshe Shelley eine Liebesbeziehung. Den Sommer des Jahres 1816, das auch Jahr ohne Sommer genannt wirdBenedikt Meyer: Frankensteins Sommer Im Blog des Schweizerischen Nationalmuseums vom 29. Juli 2019, verbrachte das Paar mit dem romantischen Dichter Lord Byron, seinem Leibarzt John Polidori und Marys Stiefschwester Claire Clairmont am Genfersee. Dort entwarf Mary Godwin die Idee für ihren Roman Frankenstein. Ende 1816, nach dem Tod von Percy B. Shelleys Ehefrau, heirateten Mary Godwin und Shelley in England. Von 1818 bis 1822 lebte das Paar in Italien.

Nach dem Unfalltod ihres Ehemannes 1822 kehrte Mary Shelley mit ihrem einzigen überlebenden Kind nach England zurück. Dort setzte sie ihre Karriere als Schriftstellerin fort; es entstanden unter anderem der historische Roman Perkin Warbeck (1830) und der apokalyptische Roman Verney, der letzte Mensch (1826) sowie die Erzählungen Lodore (1835) und Falkner (1837). Ferner schrieb Mary Shelley Kurzgeschichten für Almanache und Geschenkbücher, zahlreiche biografische Aufsätze für Dionysius Lardners Cabinet Cyclopaedia (1829–1846) sowie Berichte über ihre Reisen durch Europa mit ihrem Sohn. Mary Shelley starb im Alter von 53 Jahren, vermutlich an einem Hirntumor.

Bis in die 1970er Jahre wurde Mary Shelley vor allem als Verwalterin des literarischen Nachlasses ihres Ehemanns sowie als Verfasserin von Frankenstein wahrgenommen. Frankenstein, ihr bekanntestes Werk, wird auch zweihundert Jahre nach seiner Erstveröffentlichung noch gelesen und wurde mehrfach für Bühne und Film adaptiert. Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts fanden ihre übrigen Arbeiten ebenfalls wieder Beachtung und erschienen in Neuausgaben, zusammen mit einer wachsenden Zahl wissenschaftlicher und populärer Biografien über die Schriftstellerin. Zudem ist die Literaturwissenschaft seit den 1970er Jahren zu einer umfassenderen Wertung ihres vielseitigen Werkes gelangt und würdigt heute auch ihre späteren Romane und Erzählungen.

Leben Kindheit mini|Mary Wollstonecraft, Gemälde von John Opie, 1797, National Portrait Gallery, London Mary Shelley wurde als Mary Godwin in Somers Town, London, im Jahre 1797 geboren. Sie war das zweite Kind der Frauenrechtlerin und Schriftstellerin Mary Wollstonecraft und das erste des Sozialphilosophen William Godwin. Elf Tage nach der Geburt starb Mary Wollstonecraft am Kindbettfieber. Mit Hilfe von Haushälterinnen zog William Godwin seine Tochter Mary Godwin sowie ihre ältere Halbschwester Fanny Imlay, die Tochter von Mary Wollstonecraft aus einer unehelichen Verbindung mit dem amerikanischen Spekulanten Gilbert Imlay, alleine auf.Miranda Seymour: Mary Shelley. John Murray, London 2000, ISBN 0-7195-5711-9, S. 28–29; William St Clair: The Godwins and the Shelleys: The Biography of a Family. Faber & Faber, London 1989, ISBN 0-571-15422-0, S. 176–178.

Ein Jahr nach Mary Wollstonecrafts Tod publizierte William Godwin seine Memoirs of the Author of A Vindication of the Rights of Woman (1798), die er als Tribut an seine verstorbene Frau verstand. In seinem Bemühen, sie als freie, selbständige und unkonventionelle Frau zu schildern, nannte er in dem Buch offenherzig zahlreiche Details aus ihrem Leben.Karin Priester: Mary Shelley: Die Frau, die Frankenstein erfand. E. A. Herbig Verlagsbuchhandlung, München 2001, ISBN 3-7844-2816-9, S. 31. Nicht nur ihre obsessive Leidenschaft für den verheirateten Maler Johann Heinrich Füssli war darin beschrieben, sondern auch, dass Fanny Imlay ein außereheliches Kind war, dass Mary Wollstonecraft zweimal versuchte, sich das Leben zu nehmen, dass sie mit Mary Godwin schwanger war, bevor sie William Godwin heiratete, und dass sie noch auf dem Totenbett jeglichen religiösen Beistand ablehnte.Melanie Phillips: The Ascent of Woman – A History of the Suffragette Movement and the ideas behind it. Time Warner Book Group, London 2003, ISBN 0-349-11660-1, S. 14. Die Publikation dieser Erinnerungen sorgte bei ihrem Erscheinen für großes Aufsehen und schädigte für Generationen den Ruf von Mary Wollstonecraft.Julie A. Carson: England’s First Family of Writers. The Johns Hopkins University Press, Baltimore 2007, ISBN 978-0-8018-8618-8, S. 2. Mary Godwin las die Werke ihrer Mutter sowie diese aufsehenerregenden Memoirs. Beide Mädchen verehrten ihre Mutter; Mary Godwin berief sich später auf deren unkonventionellen Lebensweg, als sie gegen den Willen ihres Vaters eine Liaison mit Percy B. Shelley einging.William St Clair: The Godwins and the Shelleys: The Biography of a Family. Faber & Faber, London 1989, ISBN 0-571-15422-0, S. 179–188; Miranda Seymour: Mary Shelley. John Murray, London 2000, ISBN 0-7195-5711-9, S. 31–34; Pamela Clemit: Frankenstein, Matilda, and the legacies of Godwin and Wollstonecraft. In: Esther Schor (Hrsg.): The Cambridge Companion to Mary Shelley. Cambridge University Press, Cambridge 2003, ISBN 0-521-00770-4, S. 27–28.

Nach den Briefen von William Godwin und der Haushälterin Louisa Jones zu urteilen, war die frühe Kindheit von Mary Godwin glücklich.Miranda Seymour: Mary Shelley. John Murray, London 2000, ISBN 0-7195-5711-9, S. 38, S. 49; William St Clair: The Godwins and the Shelleys: The Biography of a Family. Faber & Faber, London 1989, ISBN 0-571-15422-0, S. 255–300. William Godwin war jedoch häufig hoch verschuldet. Außerdem hatte er das Gefühl, dass er die Mädchen nicht alleine großziehen könnte, und suchte nach einer zweiten Ehefrau.William St Clair: The Godwins and the Shelleys: The Biography of a Family. Faber & Faber, London 1989, ISBN 0-571-15422-0, S. 199–207. Am 21. Dezember 1801 heiratete er Mary Jane Clairmont, die in der Nachbarschaft lebte und von ihm schwanger war. Sie hatte unter ihren Nachbarn den Anschein erweckt, sie sei Witwe. Die beiden Kinder, die sie mit in die Ehe brachte, waren jedoch außerehelich geboren und stammten von zwei verschiedenen Vätern. William Godwin war zumindest ersteres zum Zeitpunkt der Eheschließung bekannt. Die neuen Stiefgeschwister von Fanny Imlay und Mary Godwin waren die dreijährige ClaireDer Geburtsname von Claire Clairmont lautete Jane Clara Clairmont; sie nannte sich aber ab 1814 Claire und unter diesem Namen ist sie in die Literaturgeschichte eingegangen. Im Artikel wird sie durchgängig als Claire Clairmont bezeichnet. und der sechsjährige Charles Clairmont.Janet Todd: Death & the Maidens. Fanny Wollstonecraft and the Shelley Circle. Counterpoint, Berkeley 2007, ISBN 978-1-58243-339-4, S. 56–58; Richard Holmes: Shelley: The Pursuit. Harper Perennial, London 2003, ISBN 0-00-720458-2, S. 170; William St Clair: The Godwins and the Shelleys: The Biography of a Family. Faber & Faber, London 1989, ISBN 0-571-15422-0, S. 241. Während William Godwin seiner zweiten Ehefrau bis ans Ende seines Lebens sehr zugetan war, lehnte Mary Godwin ihre Stiefmutter in den kommenden Jahren mit zunehmender Heftigkeit ab.Letter to Percy Shelley, 28 October 1814. In: Selected Letters, 3; William St Clair: The Godwins and the Shelleys: The Biography of a Family. Faber & Faber, London 1989, ISBN 0-571-15422-0, S. 295; Miranda Seymour: Mary Shelley. John Murray, London 2000, ISBN 0-7195-5711-9, S. 61.

mini|William Godwin, 1802, Gemälde von James Northcote, National Portrait Gallery, London Gemeinsam mit seiner Frau gründete William Godwin 1805 eine Verlagsbuchhandlung, für die er auch selber Kinderbücher schrieb.Alexander Pechmann: Mary Shelley: Leben und Werk. Artemis & Winkler, Düsseldorf 2006, ISBN 978-3-538-07239-8, S. 35. 1807 zog die Familie in die Nähe von Clerkenwell, dem Stadtteil, in dem traditionell die Londoner Buchhändler angesiedelt waren. Die Godwin-Familie hatte ihre neue Wohnung oberhalb des Ladens, in dem sie ihre Bücher, Schreibpapier, Karten und Spiele anbot. Meist war es Mrs. Godwin sowie später Fanny Imlay und Mary Godwin, die im Laden arbeiteten.Janet Todd: Death & the Maidens. Fanny Wollstonecraft and the Shelley Circle. Counterpoint, Berkeley 2007, ISBN 978-1-58243-339-4, S. 61; William St Clair: The Godwins and the Shelleys: The Biography of a Family. Faber & Faber, London 1989, ISBN 0-571-15422-0, S. 284–286, S. 290–296. William Godwins kleines Unternehmen war anfänglich durchaus profitabel, ein kommerzieller Erfolg blieb mittelfristig jedoch aus. William Godwin borgte weit mehr Geld von wohlhabenden Bekannten wie dem Verleger Joseph Johnson und Verehrern wie Francis Place, als die Familie zurückzahlen konnte.Janet Todd: Death & the Maidens. Fanny Wollstonecraft and the Shelley Circle. Counterpoint, Berkeley 2007, ISBN 978-1-58243-339-4, S. 61–62, 66–68.

Obwohl Mary Godwin wenig formale Bildung erhielt, wurde sie von ihrem Vater in einem umfangreichen Themenspektrum unterrichtet. William Godwin gab zwar zu, dass er die Mädchen nicht nach den Prinzipien erzog, die Mary Wollstonecraft in ihrer Verteidigung der Rechte der Frau gefordert hatte, aber Mary Godwin genoss dennoch eine für ein Mädchen dieser Zeit ungewöhnliche und fortschrittliche Erziehung. Alle Kinder hatten Zugang zu William Godwins umfangreicher Bibliothek und sie hatten Umgang mit den zahlreichen Intellektuellen, Dichtern, Journalisten, Philosophen, Politikern und Literaten, die William Godwin aufsuchten.Alexander Pechmann: Mary Shelley: Leben und Werk. Artemis & Winkler, Düsseldorf 2006, ISBN 978-3-538-07239-8, S. 18, 34; Betty T. Bennett: Mary Wollstonecraft Shelley: An Introduction. Johns Hopkins University Press, Baltimore 1998, ISBN 0-8018-5976-X, S. 16–17. Miranda Seymour schreibt in ihrer Biografie über Mary Shelley, dass „… alles, was wir über die frühen Jahre seiner Töchter wissen, nahelegt, dass sie in einer Weise erzogen wurden, der ihre Mutter zugestimmt hätte.“Miranda Seymour: Mary Shelley. John Murray, London 2000, ISBN 0-7195-5711-9, S. 53.