mini|Studentes, Titelblatt der Erstausgabe (1549) Studentes ist ein Lustspiel in fünf Aufzügen von Christoph Stummel. Das Theaterstück wurde 1545 in lateinischer Sprache verfasst und erstmals 1549 in Frankfurt an der Oder gedruckt. Der vollständige Titel lautete Studentes, comoedia de vita studiosorum (deutsch: Die Studenten, eine Komödie über das Studentenleben). Das Lustspiel gilt als erste Studentenkomödie der Weltliteratur und „erstes Werk einer vorher nicht existierenden Literaturgattung.“Dr. Fritz Richard Lachmann, Die „Studentes“ des Christophorus Stymmelius und ihre Bühne, Dissertation an der Uni Leipzig, 1926, S. 60.Ralf-Rüdiger Targiel, Christoph Stummel und die erste Studentenkomödie. In: (), S. 23.
Geschichte mini|Bildnis des Autors Christoph Stummel von Frantz Friderich Christoph Stummel war der Sohn des Kaufmanns und Senators Andreas Stummel aus Frankfurt an der Oder.Freie Universität Berlin: Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften: Selbstzeugnisse im deutschsprachigen Raum: Christoph Stymmelius. Mit zwölf Jahren immatrikulierte sich Christoph an der Universität Frankfurt. Als 19-jähriger Student schrieb er die Studentenkomödie Studentes, comoedia de vita studiosorum, die mehrmals aufgeführt wurde, unter anderem im protestantischen Wittenberg. Damit schuf er eines der meist gelesenen Theaterstücke des 16. Jahrhunderts und begründete nebenher ein neues Genre.Drew Thomas, .
Im Sommer 1546 erhielt Stummel durch eine Doppelpromotion sowohl den Bakkalaureus als auch den Magister.Georg Voss, Christoph Stummel (Stymmelius). Sein Leben und seine Werke, Jahresbericht für das Schuljahr 1902, Königliches Kaiser-Wilhelms-Gymnasium in Aachen, S. 6. Der Viadrina-Professor Jodocus Willich bestärkte ihn anschließend darin, das Schauspiel zu veröffentlichen. Willich empfahl ihn an die ortsansässige Druckwerkstatt von Johann Eichorn im ehemaligen Franziskanerkloster. Der neu berufene Universitätsdrucker brachte 1549 die erste Auflage der Studentes heraus. Jodocus Willich schrieb das Vorwort zur Erstauflage, und ein weiterer Lehrer Stummels, Professor Christoph Cornerus, verfasste das Nachwort.
Bereits 1550 konnte Johann Eichorn die zweite Auflage drucken. Das Stück erlebte in den folgenden fünfzig Jahren zwischen 21 und 24 Auflagen. Druckorte waren Antwerpen (1551), Köln (1552, 1557, 1561, 1565, 1569, 1574, 1577, 1579, 1589, 1593), Straßburg (1562), Stettin (1579), Magdeburg (1594, 1595, 1614), Leipzig (1596) und Erfurt (1597).Dr. Fritz Richard Lachmann: Die „Studentes“ des Christophorus Stymmelius und ihre Bühne. Dissertation, Leipzig 1926, S. 55. Die Bibliothek des University College Dublin besitzt heute das einzige bekannte Exemplar außerhalb Deutschlands (17.J.2; USTC 694761). Es wurde 1554 von Johann Eichorn in Frankfurt an der Oder gedruckt.Drew Thomas, .
Wie Johann Cogeler, Generalsuperintendent von Pommern-Stettin, in der Leichenpredigt auf seinen Kollegen ausführte, wurde das Stück zweimal in Wittenberg, wo Stummel ab 1551 studiert hatte, vor Philipp Melanchthon und der Studentenschaft aufgeführt.Karl Gustav Konrad, Die deutsche Studentenschaft in ihrem Verhältnis zu Bühne und Drama, Berlin, 1912, S. 57. Melanchthon sagte sogar später ein Vorwort zu, das Schreiben vom Weihnachtstag 1553 ist in der Stettiner Ausgabe von 1576 abgedruckt. Die betreffende Passage lautet: „Si huc venies Praefationem etiam addendam elegantissimae Comoediae tuae accipies.“ („Wenn Sie hierher kommen, erhalten Sie auch ein Vorwort zu Ihrer elegant geschriebenen Komödie.“)Georg Voss, Christoph Stummel (Stymmelius). Sein Leben und seine Werke, Jahresbericht für das Schuljahr 1902, Königliches Kaiser-Wilhelms-Gymnasium in Aachen, S. 8.
Durch den Dreißigjährigen Krieg geriet das Schauspiel in Vergessenheit und der genaue Name des Verfassers wurde zu „Strimmel, Stimmel, Stymmel“ verballhornt.Georg Voss, Christoph Stummel (Stymmelius). Sein Leben und seine Werke, Jahresbericht für das Schuljahr 1902, Königliches Kaiser-Wilhelms-Gymnasium in Aachen, S. 1.
Einflüsse mini|Jodocus Willich, 1550 Die Grundlage der Handlung bildet das biblische Gleichnis vom verlorenen Sohn, das durch die Reformation eine neue Bedeutung erfuhr.Hugo Holstein: Das Drama vom verlornen Sohn. Ein Beitrag zur Geschichte des Dramas, 1880, S. 2. In Stummels Schauspiel gibt es mit Acolastus und Acrates gleich zwei verlorene Söhne. Bereits Burkard Waldis verwendete den Stoff für sein am 27. Februar 1527 in Riga aufgeführtes Fastnachtsspiel De parabell vam vorlorn Szohn, worin er das biblische Gleichnis zu einer niederdeutschen Satire umgestaltete.
Stummel kannte die moralisierende Schulkomödie Acolastus (Antwerpen 1529) aus der Feder des niederländischen Humanisten Wilhelm Gnapheus, wie schon die Verwendung der Namen Acolastus und Eubulus zeigt.Otto Brunken, Handbuch zur Kinder- und Jugendliteratur. Vom Beginn des Buchdrucks bis 1570, Stuttgart 1987, S. 440–468.Daniel Hänichen: Acolastus, Das ist: Der ungerathene, verlorene, jedoch wiederkerende Sohn. (1604). Des Weiteren muss Stummel das lateinisch abgefasste Drama Asotus (1537) des Georgius Macropedius bekannt gewesen sein, denn darin taucht eine zweifelhafte Figur namens Colax auf, dessen Namen Stummel ebenfalls übernahm.Hugo Holstein: Das Drama vom verlornen Sohn. Ein Beitrag zur Geschichte des Dramas, 1880, S. 7.
Inhalt Das Schauspiel hat fünf Akte mit insgesamt 25 Szenen von unterschiedlichem Versmaß (Trimeter, Oktonare, Senare). Drei Väter beschließen, ihre drei Söhne auf die Universität zu schicken, auch wenn es einiges an Geld kosten möge. Zuvor warnen sie die Zöglinge vor den Ausschweifungen und Verführungen des Studentenlebens, als da wären Alkohol, schlechte Gesellschaft und leichte Mädchen („Aufwärterinnen“, „Dirnen“). Während Philomates artig lernt, geraten die beiden anderen, Acrates und Acolastus, in schlechte Gesellschaft und geben sich Trinkgelagen hin. Acrates vergisst über das Zechen und Kartenspielen sein Studium und macht Schulden, Acolastus hingegen verliebt sich Hals über Kopf in Deleastisa, die Filia hospitalis, verspricht ihr die Ehe und schwängert sie. Schließlich reisen die Väter von Acolastus und Acrates in die Universitätsstadt, um das bunte Treiben der Söhne zu beenden.
Dem Theaterstück ist eine Zueignung Stummels an die Stadtväter seiner Heimatstadt Frankfurt an der Oder vorangestellt, in der er Absichten und Zielgruppe nennt und ihnen seine Dichtung widmet: „Mit Recht kann meine Heimatstadt die Früchte meiner Studien von mir verlangen, da sie mir so viel Gutes erwiesen hat.“ Gleichzeitig richtet er einen Appell an alle Väter, bei der Bildung der Kinder nicht mit Geld zu sparen, und an die Stadtoberen, den Wissenschaften „auch weiterhin gewogen“ zu bleiben.
Dramatis Personae mini|Personenverzeichnis von 1579 Sämtliche Namen entstammen dem Altgriechischen und weisen auf den Charakter der Person hin. Philargyrus (der Geldliebende), 1. Vater. Eubulus (der gute Berater), 2. Vater. Philostorgus (der Kinderliebe), 3. Vater. Philomates (der Gernlernende), Sohn des Philargirus. Acolastus (der Ausschweifende), Sohn des Eubulus. Acrates (der Maßlose), Sohn des Philostorgus. Colax (der Schmeichler), 1. Student. Myspolus (der Maustrippler), 2. Student. Philostasius (der Streitsüchtige), 3. Student. Musopolus (der Musendiener), 4. Student. Euprositus (der Zugängliche), 4. Vater. Eleutheria (die Vorurteilsfreie), dessen Frau. Deleastisa (die Verlockende), beider Tochter. Paedeutes (der Lehrer), Universitätsprofessor. Phrontistes (der Aufwärter), sein Diener. Danista (der Wucherer), Wirt. namenlose Handwerksgesellen.
Aufführung Stummels Komödie wurde auch in den skandinavischen Ländern aufgeführt und 1589 sogar ins Schwedische übersetzt. Bezeugt sind Aufführungen im norwegischen Bergen im Jahr 1571 sowie weitere in Dänemark und Schweden.Jan Bloemendal, Howard Norland (Hg.), Neo-Latin Drama in Early Modern Europe, Leiden/Boston 2013, S. 10 u. 662. Die Studentes wurden beispielsweise zur Eröffnung der Königlichen Akademie zu Åbo im Jahr 1640 mit Studenten aufgeführt. Die Aufführung erfolgte in einer schwedischen Übersetzung und unter der Leitung von Professor Michael Wexionius von Gyldenstolpe.Cora Dietl: Jacob Chronander und das deutsche Drama des Humanismus und der Reformation. In: Neuphilologische Mitteilungen, Vol. 99, Nr. 3 (1998), S. 297–311 (15 Seiten).Georg Zachris Yrjö-Koskinen: Finnische Geschichte von den frühesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Von Yrjö-Koskinen, Professor in Helsingfors. Leipzig 1874, S. 277.
Anlässlich des 500. Universitätsjubiläums der Viadrina am 26. April 2006 wurde Stummels Studentenkomödie im Audimax der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) wiederaufgeführt und kehrte somit an den Ort ihrer Entstehung zurück. Die Aufführung war eine Produktion des Theaters Frankfurt in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Studententheater der Europa-Universität unter der Regie von Frank Radüg.
Rezeption Folgekomödien mini|„Cornelius bin ich genant, allen Studenten wolbekant“, Kupferstich aus dem Speculum Cornelianum (1608/18) Bereits 1560 erschien in England die moralische Komödie The Disobedient Child des ansonsten unbekannt gebliebenen Autors Thomas Ingelend („late student in Cambridge“). Statt an der Universität zu studieren, wie vom Vater vorgeschlagen, will der Sohn lieber gleich seine Angebetete heiraten und ein Eheleben führen. Ohne die akademische Ausbildung gerät der Sohn jedoch in finanzielle Not. Die Liebe erkaltet, die Frau verprügelt ihn, und der Sohn muss Holz hökern gehen.K. G. Konrad: Die deutsche Studentenschaft in ihrem Verhältnis zu Bühne und Drama, Berlin, 1912, S. 357.
Der Züricher Dramatiker Josias Murer veröffentlichte im Jahr 1560 sein Prodigus-Drama Der jungen Mannen Spiegel, das mit Stummels Komödie die griechischen Charakternamen Philostorgus („kranck und Rych vatter“), Acrates („liederlich und unghorsam“), Eubulus, Phrontistes, Philargyrus („Geltgirig“) und Colax („Spiler und Liederlich Gsell“) gemein hat.Jos Murer: Namen der Personen disz Spyls.Erich Schmidt: Komödien vom Studentenleben aus dem sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert. Vortrag gehalten auf der Trier Philologenversammlung. Leipzig 1880, S. 15.
Im Jahr 1600 wurde an der Universität Rostock die lateinische Komödie Cornelius Relegatus („Der verbummelte Student“) von Albert Wichgreve aufgeführt. Trotz der eigenständigen Leistung des Verfassers (eingehende Schilderung der Deposition, der Relegation auf zehn Jahre usw.) bleiben die Komödien von Gnapheus und Stummel als Vorbilder klar erkennbar.Hugo Holstein: Das Drama vom verlornen Sohn. Ein Beitrag zur Geschichte des Dramas, 1880, S. 50.Max Bauer: Sittengeschichte des deutschen Studententums, Dresden 1926, S. 141.
Der Student und spätere schwedische Gouverneur von Gotland, Jacob Chronander, führte 1647 an der Akademie zu Turku einen selbst verfassten Studentenschwank auf. Das Lustspiel trägt den Titel Surge eller Flijt och Oflitighetz Skodespegel (deutsch „Erhebe Dich oder Spiegel des Fleißes und der Trägheit“). Das Stück wurde auch am Ort gedruckt und ist laut Literaturhistorikerin Cora Dietl das „älteste auf finnischem Boden verfasste Drama, das uns überliefert ist“.Cora Dietl: Jacob Chronander und das deutsche Drama des Humanismus und der Reformation. In: Neuphilologische Mitteilungen, Vol. 99, Nr. 3 (1998), S. 309. Die humanistische Komödie bewegt sich in der Tradition der Prodigus-Dramen und orientierte sich nachweislich an der Studentenkomödie des Christoph Stummel.
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