mini|Willi Sandforth vor Gemälde, 2012 Willi Sandforth (* 10. Januar 1922 in Ahlen im westfälischen Münsterland„Willi Sandforth, dem inneren Kompass folgend, Verzeichnis der Gemälde“, 2014, herausgegeben von Dr. Dagmar Kronenberger-Hüffer, Helga Gausling und Burkhard Leismann, VG Bild-Kunst, Bonn, DruckVerlag Kettler, nachfolgend zitiert mit „Kronenberger-Hüffer, Willi Sandforth“, S. 9; Abbildung – Der großvolumige Bildband beinhaltet auch eine ausführliche Darstellung der Vita des Künstlers.; † 7. Januar 2017 in Rietberg in OstwestfalenTraueranzeige) war ein deutscher Maler und Grafiker und ein bedeutender Vertreter des Konstruktivismus.Kronenberger-Hüffer, Willi Sandforth, VorwortDas Werk von Willi Sandforth in Ahlen, Marion Gay in wa.de Kultur, 13. Februar 2014Deutsche Biographie, Sandforth, Willi
Leben Frühe Jahre (1922 bis 1947) Willi Sandforth war das jüngste von fünf Kindern. Sein Vater war Vorarbeiter in einem Emaillierwerk und seine Mutter gelernte Hauswirtschafterin. Die frühen Kindheitseindrücke der Ahlener Industriebauten prägten das Sehen des Künstlers ebenso wie erste Begegnungen mit zeitgenössischer Kunst. So gelangte ein Sammelbildchen aus einer Zigarettenschachtel, das die „Pinie am Meer“ von Carlo Carrà zeigte, in die Hände des Heranwachsenden, der von der Klarheit und Strenge des Bildaufbaus tief beeindruckt war. mini|hochkant|Das Ende, Triptychon II, 1946 Bereits als Jugendlicher schuf Sandforth Porträts seiner Eltern in altmeisterlicher Manier ohne bis dahin eine künstlerische Ausbildung genossen zu haben. 1938 fertigte er -weiterhin ohne entsprechende Unterweisung- eine Gipsbüste als plastisches Selbstporträt, von der nur noch ein Foto existiert. Nach dem Abschluss der Volksschule absolvierte er auf Wunsch seiner Eltern eine handwerkliche Lehre als Dekorateur. 1939 besuchte er eine Klasse für Gebrauchsgrafik an der späteren Werkkunstschule in Bielefeld, bis er zum Kriegsdienst einberufen wurde. Er geriet bei Kriegsende in französische Gefangenschaft, die ihm nicht nur die typischen Entbehrungen, sondern auch Eindrücke der südfranzösischen Landschaft und des Straßburger Münsters bereiteten. Nach dem Lagerbesuch von Kontrollfunktionären wurde er zum Lagerverantwortlichen für den Bereich Kunst ernannt, was ihm zeitweise ermöglichte, zu zeichnen und Aquarelle zu malen. Im April 1946 konnte er wieder in sein Elternhaus zurückkehren, wo er zunächst Eindrücke des Grauens von Krieg und Gefangenschaft in einem bedrückenden Triptychon festhielt, ehe er in der Lage war, sich klassischen Malthemen „mit bewusster Farbigkeit“ zuzuwenden.Kronenberger-Hüffer, Willi Sandforth, S. 11–13
Ausbildung und erste Jahre als freischaffender Künstler(Kassel und München 1947–1954) Als im Herbst 1947 die Werkakademie Kassel, (heute: Kunsthochschule Kassel) den Unterricht wieder aufnahm, schrieb Sandforth sich ein, um bei Kay Heinrich Nebel zu studieren. Es entstanden Naturstudien, figürliche Kompositionen, Zirkusbilder und Straßendarstellungen. Als Nebel im zweiten Semester erkrankte, erwog Sandforth die Fortsetzung seines Studiums an der Münchener Kunstakademie bei Xaver Fuhr. Dazu kam es jedoch nicht, nachdem ihm ein für seine weitere Entwicklung aussichtsreiches Volontariat bei Hermann LoheKurzer Lebenslauf in der Restaurierungsabteilung der Münchener Staatsgemäldesammlung bot. Diese Tätigkeit nahm in so ihn Anspruch, dass er sich daneben nicht, wie er erwartet hatte, als freischaffender Künstler betätigen konnte. So verließ er 1951 die Galerien und beendete damit gleichzeitig seine Ausbildung, einer ungewissen Zukunft als freier Maler voller Hoffnung entgegensehend.Kronenberger-Hüffer, Willi Sandforth, S. 13–17 mini|hochkant|Lotte, frühes Porträt, 1947 Sandforth hatte 1951 seine Kommilitonin Charlotte (Lotte) Kaupmannsennecke, von der er schon 1947 ein erstes Porträt gemalt hatte, geheiratet. Diese unterstützte ihn durch ihre Berufstätigkeit als in München gefragte Grafikerin und Layouterin, deren Arbeit Sandforth schätzte und bewunderte. Das junge Paar mit ihrem keinen Sohn Hans Georg fand Freunde unter Künstlern und Journalisten. Sandforth zeichnete das zerstörte und das erhalten gebliebene München und seine Umgebung und schuf sein Gemälde Großstadtkinder. Schon 1950 war er Mitglied der Neuen Münchner Künstlergenossenschaft geworden, jetzt trat er auch dem von Hannes König gegründeten Schutzverband bildender KünstlerKunst ist kein Luxus, 30. Mai 2020 bei, der u. a. Ausstellungen organisierte, zu denen Sandforth Werke beisteuerte. An der Großen Kunstausstellung München beteiligte sich Sandforth von 1952 bis in die 1970er Jahre. Gleichwohl war es mühsam, sich als junger freier Maler gegenüber den schon etablierten zu behaupten.Kronenberger-Hüffer, Willi Sandforth, S. 18–20 mini|hochkant|Großstadtkinder, 1952 1953 reiste Sandforth über Greetsiel und Sylt an die jütländische Nordseeküste. Mitgebrachte Skizzen und Gemälde, letztere waren teilweise im Atelier auf Basis der Skizzen entstanden, stelle er 1954 im Kunstpavillon München aus, die Presse berichte ausführlich. Um die Werke anderer Maler kennen zu lernen, fuhr Sandforth bis nach Neapel, wo er die Fresken von Hans von Marées besichtigte, die zu den Hauptwerken der deutschen Malerei des 19. Jahrhunderts gerechnet werden.Kronenberger-Hüffer, Willi Sandforth, S. 20 f Weitere Studienreisen führten ihn an den Gardasee, nach Holland und zu den Lofoten. mini|hochkant|Greetsiel, Ebbe im Hafen, 1952 Als im Herbst 1954 die Geburt des zweiten Kindes bevorstand, entschloss sich das Paar, nach Westfalen zurückzukehren. Sie fanden eine Wohnung im ostwestfälischen Gütersloh, wo Sandforths Schwiegereltern ein eigenes Haus bewohnten. Zuvor reiste Sandforth noch mit seinem 14 Jahre älteren Kollegen Josef Seidl-SeitzKurzer Lebenslauf zum Malen nach Niendorf/Ostsee. Seidl-Seitz war durch verschiedene Ausstellungen bekannt und u. a. Juror der „Großen Kunstausstellung“. Zusammen mit ihm und einigen Künstlern aus München organisierte der Beckumer Kunstverein im Anschluss an die Studienreise im Kreis Warendorf eine Ausstellung. Dazu hieß es in der Westfälischen Rundschau vom 21. Dezember 1954: " Willi Sandforth … hat ebenfalls fünf Werke ausgestellt, die eine große Fähigkeit zu kraftvoller Komposition aufweisen und durch ihre noble Farbgebung, die aber bei aller Delikatesse frisch und lebendig ist, den Betrachter fesseln. … Seine Landschaftsbilder sind von einem konsequenten Streben nach schlichter Größe und Linienführung und von feiner Harmonie für Farbe erfüllt."zitiert nach Kronenberger-Hüffer, Willi Sandforth, S. 27
1957 zog Willi Sandforth mit seiner Familie in das Haus seiner Schwiegereltern, wo sie bis zu ihrem Lebensende wohnten. Sandforth errichtete neben dem Haus ein Atelier, in dem er jederzeit, auch Nachts, arbeiten konnte.Kronenberger-Hüffer, Willi Sandforth, S. 25 und 28
Schaffensperioden nach seiner Rückkehr nach Westfalen 1954 bis 1968 Im ländlichen ostwestfälischen Raum hatte es Sandforth schwer, an die ersten Münchener Erfolge anzuschließen, da ihm hier in der Provinz die kulturellen Einrichtungen, Museen und vor allem der Austausch mit Kollegen fehlten. Um neben dem Gehalt seiner Frau, die eine Tätigkeit als Kunstlehrerin aufgenommen hatte, das Auskommen für die Familie zu sichern, nahm er bis Ende der 1960er Jahre zahlreiche Aufträge für die Gestaltung von Reliefs, Mosaiken, Wandbildern und Betonglasfenstern im öffentlichen Raum an.Ein Beispiel: Wellen, Fenster in einer Schwimmhalle, 1966 Gleichwohl: das Handwerkliche lag ihm, und er gewann ein Gespür für die Fläche, was nicht ohne Einfluss auf seine späteren großformatigen Gemälde blieb. Ein wenn auch nicht ganz neues Thema war für ihn die Industrielandschaft. Um 1962 entstand sein Werk Fördertürme, nachdem er u. a. Fernand Léger und dessen Bild Les Constructeurs studiert hatte. Zu einem weiteren Thema, Stillleben, ließ Sandforth sich gegen Ende der 1950er Jahre von Giorgio Morandi anregen. mini|hochkant|Auf Elba, 1959 Den November 1956 verbrachte Sandforth, wiederum gemeinsam mit Seidl-Seitz, zum ersten Mal auf Elba. Beeindruckt von der Landschaft der Insel, entstanden unzählige Skizzen, in denen der Künstler einzelne Elemente der ihn umgebenden Natur geometrisierte und dadurch auf dem Papier so vereinfachte, bis er sie geradezu typisierte. 1958 unternahm er mit Paul Schneider, einem Kommilitonen der Kasseler Zeit, der inzwischen sein Schwager und Freund geworden war, eine Studienreise nach Elba, Ischia, Rom und Neapel, um neue Motive zu finden und vertieft an der eigenen Formsprache zu arbeiten.
Ein weiterer Wegbegleiter Sandforths war der Ahlener Künstler und Kunsterzieher Hermann Schweizer, mit dem sich Sandforth immer wieder austauschte. Mit ihm und Paul Schneider unternahm Sandforth 1961 eine Studienreise nach Griechenland, die für alle außerordentlich inspirierend war. Für Sandforth war der Blick auf die faszinierende Architektur von Santorin „der entscheidende Anstoß, von der Räumlichkeit abzuweichen und die Strukturen von nun an verstärkt in die Fläche zu setzen. … Santorin gab Sandforth daher möglicherweise nur den letzten Impuls, um von nun an mit einem anderen Bewusstsein seine Entwicklung konkret voranzutreiben.“Kronenberger-Hüffer, Willi Sandforth, S. 36
Hatte Sandforth bis dato bereits eine reduzierte und klare Formsprache gefunden, die in der bildnerischen Tradition der Neuen Sachlichkeit gründete, entwickelte sich seine Kunst nun stärker in eine konstruktivistische, von strengerer Bildarchitektur geprägte Form. Davon zeugen die 1963 auf einer Einzelausstellung gezeigten Landschaftsbilder und Grafiken. In diesen Schaffenszyklus gehören ebenso Zeichnungen von Felsklippen auf Bornholm, Motive aus Elba und den Kykladen, vom Gardasee und aus Holland. Hermann Schweizer beschreibt in einem Text zu einer Ausstellung 1973, auf der Sandforth diese Bilder unter dem Titel „Studienfahrten eines Malers“ zusammenfasste, dass sich Sandforth gerade zu den Stellen auf Bornholm und am Gardasee hingezogen fühlte, „an denen der geordnete kristalline Aufbau der Felsen in seiner klaren, nackten Form und der Vielfalt seiner Stufungen sichtbar wurde.“Kronenberger-Hüffer, Willi Sandforth, S. 40 mini|hochkant|Konzertant, 1968 Sandforths Entwicklung zum überwiegend konstruktivistischen Maler kann bei Betrachtung seiner Bilder und deren Entstehungsjahre in 1968 als abgeschlossen angesehen werden. Sein letztes gegenständliches Bild malte er 1982, ein Stillleben, das er um 2000 noch einmal überarbeitete. Weiter bemerkenswert ist sein neuer Farbauftrag. Er verwendete häufig Hartfaserplatten, wobei er nicht wie üblich die glatte, sondern die raue Seite bemalte, die durch ihre Struktur einen glatten Farbauftrag nicht zulässt. „Er trägt die Farbe auf, spachtelt Farbschichten darüber, glättet diese erneut, trägt nochmals teils dünne, durchscheinende Farbschichten auf, bis eine in sich strukturierte Fläche mit einer Tiefenwirkung entsteht, die dem Werk seine Lebendigkeit verleiht. Häufig liegen unterschiedlich dichte Flächen nebeneinander, um die Spannung im Bild zu erhöhen und Sandforth nimmt sich Tage, Wochen, sogar Monate Zeit für diesen Farbauftrag.“Kronenberger-Hüffer, Willi Sandforth, S. 46
Insgesamt lassen sich die 1960er Jahre, was seine malerische Entwicklung anbetrifft, als eine Periode der Orientierung ansehen. Sandforth beteiligte sich zu dieser Zeit nur an vereinzelten Ausstellungen, so dass Selbstfindung und Neuerfindung überwiegend in der konzentrierten Arbeit ablaufen konnten.zu dem gesamten Abschnitt: Kronenberger-Hüffer, Willi Sandforth, S. 25–46
Die aktiven Jahre 1969 bis 1979