Die Wertformanalyse (WFA) ist ein Teil der ökonomischen Theorie von Karl Marx (1818–1883) und analysiert die Art und Weise, wie der Wert der Waren auf einem Markt ausgedrückt werden kann und wie sich diese Wertausdrücke entwickeln. Die letzte deutsche Version und umfangreichste Darstellung liegt in der vierten Auflage von „Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band“ vor.Marx-Engels-Werke, Band 23, Berlin. Das von Marx angegebene Ziel der WFA besteht darin, das Geldrätsel zu lösen: „Hier gilt es ... zu leisten, was von der bürgerlichen Ökonomie nicht einmal versucht ward, nämlich die Genesis dieser Geldform nachzuweisen, also die Entwicklung des im Wertverhältnis der Waren enthaltenen Wertausdrucks von seiner einfachsten und unscheinbarsten Gestalt bis zur blendenden Geldform zu verfolgen.“Karl Marx: Das Kapital. Erster Band. In: MEW Bd. 23, S. 62. Umstritten ist nicht nur, ob damit tatsächlich die Herausbildung des Geldes hinsichtlich seiner strukturellen Entwicklungsphasen erfasst worden ist, sondern auch, ob Marx diese historische Erklärung überhaupt intendierte.
Theoretische Voraussetzungen Die Wertformanalyse hat viele theoretische Voraussetzungen und Aspekte philosophischer, ökonomischer, historischer und begrifflicher Art.Marx’ Projekt der Kritik der politischen Ökonomie sei "ein sozialwissenschaftliches Werk, quasi eine Philosophie des Kapitalismus, und greift damit über die disziplinäre Enge der Nationalökonomie bzw. Volkswirtschaftslehre, so wie diese heute in der Regel verstanden wird, weit hinaus." Ulrich Busch: Die Welt des Geldes. Potsdam 2016, S. 106 f. Diese Aspekte schlagen sich in der Art und Weise nieder, wie und in welcher Reihenfolge Marx die ökonomischen Sachverhalte darstellt. Weitgehend unumstritten ist, dass das „Kapital“ mit der Analyse der Ware beginnt und dabei sofort auf den Tauschwert stößt. „Dabei zeigte sich, dass die Relation 'ist Tauschwert von' eine Äquivalenzrelation auf der Menge der Warenquanta ist und dass diese Äquivalenzrelation ihre Grundlage in der Wertgleichheit der ausgetauschten Waren findet.“Michael Heinrich: Die Wissenschaft vom Wert. Münster 2003, S. 224. Schon nach drei Seiten der Marx-LektüreKarl Marx: Das Kapital. Erster Band. In: MEW Bd. 23, S. 49–51. trifft man im „Kapital“ auf einen Begriff, der in der modernen Ökonomie kaum noch eine Rolle spielt - auf den Begriff des Werts. Er liegt dem Begriff der Wertform zugrunde.
Der Begriff der Wertform Marx steht in der Tradition der ArbeitswerttheorieDiese Aussage wird in Zweifel gezogen. Michael Heinrich vertritt wie Louis Althusser ca. 30 Jahre vor ihm die These, dass Marx mit der Klassik gebrochen habe; trotzdem finde sich diese "innerhalb seines eigenen Diskurses wieder", wovon "seine eigene kategoriale Entwicklung" betroffen sei. Michael Heinrich: Die Wissenschaft vom Wert. Münster 2003, S. 17. - In der Tat fängt keine Wissenschaft bei null an. und setzt dementsprechend voraus, dass jede Warenmenge nicht nur einen mehr oder weniger willkürlich festgesetzten Preis, sondern auch einen davon unterschiedenen (ökonomischen) Wert hat,Der Neuen Marx-Lektüre zufolge existiert dieser Wert nicht schon vor dem Austausch. "Wenn es die Warenproduktion gerade charakterisiert, dass die privat verausgabte Arbeit nicht von vornherein als gesellschaftliche gilt, sondern erst im Austausch als Bestandteil der gesellschaftlichen Arbeit anerkannt werden muss..., ist klar, dass es vor dem Austausch noch keine fixe Wertgröße der Produkte geben kann." Michael Heinrich: Die Wissenschaft vom Wert. Münster 2003, S. 241. - Diesen Sachverhalt schätzt Haug differenzierter ein: Es sei das "Problem der privaten und gleichwohl arbeitsteiligen Produktion", dass sie "als arbeitsteilige an sich gesellschaftlich ist. Es ist ja schon wiederholt gezeigt worden, dass dies ein Ausdruck für den Grundwiderspruch jeder Gesellschaft privater Warenproduzenten ist, alle private Arbeit ist ihrer Bestimmung nach, als wertbildende, gesellschaftlich." Wolfgang Fritz Haug: Vorlesungen zur Einführung ins "Kapital". Köln 1976, S. 142. - Für die folgende Beschreibung der vier Wertformen ist dieser Streitpunkt ohne Bedeutung: den er mit bezeichnet (siehe Zitat unten). Seinem Ziel entsprechend, die Genesis des Geldes darzustellen, untersucht Marx am Anfang des „Kapital“ ökonomische Transaktionen, die am Rande entwickelter kapitalistischer Volkswirtschaften stattfinden, nämlich den Tausch zweier Waren (barter). Diese haben zwar keinen Preis, aber einen Wert.Dagegen hält es Hans-Georg Backhaus für erforderlich, daran zu erinnern, "dass die Gebrauchswerte immer schon in Preisform gesetzt sind." Hans Georg Backhaus: Zur Dialektik der Wertform. In: Alfred Schmidt (Hrsg.): Beiträge zur marxistischen Erkenntnistheorie. Frankfurt a. M. 1969, S. 136. Dasselbe Argument wiederholt Heinrich: "In der bürgerlichen Gesellschaft existiert weder die nicht preisbestimmte Ware, mit der die Darstellung im Kapital beginnt, noch der Übergang von der Ware zum Geld. Die Kategorien die in der Darstellung auftauchen, sind daher 'Abstraktionen'..." Michael Heinrich: Die Wissenschaft vom Wert. Münster 2003, S. 175. - Sollten die von Marx analysierten Waren tatsächlich einen Preis haben, so abstrahiert er jedenfalls davon: Karl Marx: Das Kapital. Erster Band, in: MEW Bd. 23, S. 56.
Setzt man zur Vereinfachung:
(1) und (2) ,
so ist der Wert des Rocks in Marx’ Beispiel .
Dabei handelt es sich um eine rein theoretische Darstellung des Werts zweier Waren und ihres Verhältnisses zueinander.Dagegen meint Berger: "Von einer einzelnen, isolierten Ware kann nie gesagt werden, wieviel sie wert ist." Michael Berger: Karl Marx: "Das Kapital". München 2003, S. 42. Das Problem dieser Darstellung besteht darin, dass die Praktiker - die Tauschen-Wollenden auf einem Markt - erstens keine Werttheoretiker sind und darum auch nicht über die theoretischen Mittel der Darstellung von Werten verfügen, so dass sie zweitens mit den Möglichkeiten auskommen müssen, die ihnen „der Markt“ bietet, mit dem Resultat, dass sie den Wert ihrer Waren völlig anders als der Theoretiker darstellen. Die WFA untersucht, welche Möglichkeiten es innerhalb der Gegebenheiten eines Marktes gibt, den Wert der Waren auszudrücken. Und diese praktische Darstellung des Werts, seine Sichtbarmachung durch und für die Tauschen-Wollenden, nennt Marx „Wertform“ oder „Wertausdruck“.
Eine Wertform ist eine sprachlich vermittelte Struktur im Warenaustausch, die von der WFA aufgegriffen und dahingehend analysiert wird, wie die Akteure den Wert ihrer Produkte kommunizieren. Sie haben Gebrauchswerte produziert, die sie gegen andere Gebrauchswerte tauschen wollen. Aber nicht um jeden Preis; die einzutauschenden Waren sollten mindestens gleichwertig sein. Dazu muss der vermutete Wert der Waren dargestellt werden. Dieses Bedürfnis steht hinter der Notwendigkeit, dass der Wert erscheinen muss."Die Frage war: Was ist Ware A wert? (Denn dies ist die praktische Frage nach der Erscheinung des Werts bzw. der Wertgegenständlichkeit der Ware A.)" Wolfgang Fritz Haug: Vorlesungen zur Einführung ins "Kapital". Köln 1976, S. 131. Und er erscheint auf eine ganz spezielle Weise, die durch einen Wertausdruck kurz und bündig kommuniziert wird.Georg Quaas: Für ein kohärentes Kapital-Verständnis. Ein Kommentar zu Haugs Einführung. In: Das Argument. Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften. Nr. 272, S. 575–588. Die von einem Wertausdruck dargestellte Struktur ist analytisch von dem sozialen Prozess des Warentausches zu unterscheiden, obwohl sie nur innerhalb dieses Prozesses existiert. „Der Tausch einer Ware ist ein soziales Verhältnis, welches zwei Warenbesitzer, der Besitzer A und der Besitzer B, eingehen, und jeder drückt den Wert seiner Ware in der Ware des andern aus, weil jeder den Wert seiner Ware in Gestalt fremder Ware realisieren will.“Wolfgang Fritz Haug: Vorlesungen zur Einführung ins "Kapital". Köln 1976, S. 130. Es sind also mindestens zwei Wertausdrücke im Spiel, wenn zwei Waren gegeneinander getauscht werden sollen, und diese Wertausdrücke werden von der WFA wie mit einer Lupe hervorgehoben. Marx blickt dazu auf den Tauschwert, genauer gesagt, auf das Wertverhältnis: „Das Wertverhältnis zweier Waren liefert ... den einfachsten Wertausdruck für eine Ware.“Karl Marx: Das Kapital. Erster Band, in: MEW Bd. 23, S. 62. „Ein Gegenstand benötigt einen anderen Gegenstand, um zu zeigen, was er wert ist.“Michael Berger: Karl Marx: "Das Kapital". München 2003, S. 43. Die Waren für sich genommen zeigen allerdings gar nichts; es sind die Warenbesitzer, die in ihrer Rede den einen Gegenstand benutzen, um den Wert des anderen Gegenstands auszudrücken.
A) Einfache, einzelne oder zufällige Wertform Marx’ Formulierung dieser Wertform lautet:Karl Marx: Das Kapital. Erster Band, in: MEW Bd. 23, S. 63.
(3) „x Ware A = y Ware B“.
Diese Darstellung ist unzählige Male zitiert worden, wobei sich nur wenige Interpreten (siehe unten!) daran gestört haben, dass es sich hierbei nicht um eine mathematische Gleichung handeln kann (Größen mit verschiedenen Einheiten können nicht gleich sein).Unbekümmert gegenüber elementaren Standards korrekter Darstellung mathematischer und begrifflicher Art notiert Frank Borschel: "Die ersten Waren tauschten sich noch zufällig und spontan: Ware gegen Ware, im weiteren , d. h. genauer , mit und als bestimmte Mengenbezeichnungen." Frank Borschel: Exkurs zur Marxschen Werttheorie. Berlin 1998, S. 37. Marx präzisiert jedoch sofort, in welchem Sinn diese sogenannte „Gleichung“ gelesen werden soll:
(4) „x Ware A ist y Ware B wert“.
Anhand eines Beispiels:
„20 Ellen Leinwand sind 1 Rock wert.“
Der Unterschied zwischen einem Wertausdruck und einer mathematischen Gleichung besteht des Weiteren darin, dass letztere symmetrisch ist, während ein Wertausdruck asymmetrisch ist, das heißt, er verändert seinen Sinn, wenn die Waren ihre Positionen wechseln.Diese Polarität des Wertausdruckes erläutert Marx auf fast 10 Seiten, nur unterbrochen von einer Darstellung der quantitativen Verhältnisse der Wertform. Vgl. Karl Marx: Das Kapital. Erster Band, in: MEW Bd. 23, S. 63–76. Durch die Änderung der Position wird der Wert des Rockes (y Ware B) und nicht der Wert der Leinwand (x Ware A) ausgedrückt:
(5) „y Ware B ist z Ware A wert“.
Die Umkehrung des Wertausdruckes impliziert die Möglichkeit, dass die Wertverhältnisse von den Warenbesitzern unterschiedlich einschätzt werden.Das ist ein Aspekt der Widersprüchlichkeit der beiden in einem Tauschprozess existierenden Wertformen. "Im Tausch zweier Waren ist ... jede der beiden in Wertform, aber die beiden Formen sind einander entgegengesetzt und an sich miteinander unvereinbar." Wolfgang Fritz Haug: Vorlesungen zur Einführung ins "Kapital". Köln 1976, S. 130. Das wird von Marx nicht erwähnt, da er im gesamten „Kapital“ - bis auf wenige Stellen - einen wertgleichen Tausch unterstellt. Exakt formuliert lautet diese Bedingung: Ist und , so soll
(6)
gelten. Unter dieser Voraussetzung lautet Marx’ alternativer Wertausdruck:
(7) „y Ware B ist x Ware A wert.“
„1 Rock sind 20 Ellen Leinwand wert.“
(3) und (7) sind die beiden Wertausdrücke, die in einem Tausch wertgleicher Waren und vorkommen.
Polarität des Wertausdruckes