Eine Loretokapelle (auch Lorettokapelle, Loretokirche, Maria Loreto) ist ein dem Patrozinium Unserer Lieben Frau von Loreto unterstellter Sakralbau. In der Regel handelt es sich um eine architektonische Nachbildung der Santa Casa („Heiliges Haus“) innerhalb der Basilika vom Heiligen Haus in Loreto in dem italienischen Wallfahrtsort Loreto bei Ancona. Nach legendarischer Überlieferung sollen im 13. Jahrhundert Engel das Haus der Heiligen Familie von Nazareth nach Loreto in der heutigen Region Marken übertragen haben.

mini|320px|Das Heilige Haus innerhalb der Basilika von Loreto, außen verkleidet mit Marmorreliefs des 16. Jh. mini|320px|Basilika vom Heiligen Haus in Loreto (16. Jh.)

Das Haus Mariens in Nazareth Die seit dem 16. Jahrhundert zunächst in Italien und danach auch im restlichen Europa und in Übersee errichteten zahlreichen Loretokapellen wurden zu Ehren Unserer lieben Frau von Loreto errichtet, deren liturgischer Gedenktag am 10. Dezember ist. Als Vorbild für die Architektur und die Ausmalung dieser Kapellen diente in der Regel die sogenannte Santa Casa, das Heilige Haus, in dem Marienwallfahrtsort Loreto in der Nähe der italienischen Adriaküste. Diese seit dem 16. Jahrhundert von Marmorreliefs ummantelte kleine Kapelle steht heute innerhalb der Basilika vom Heiligen Haus in Loreto (Santuario Basilica Pontificia della Santa Casa di Loreto) und befindet sich bereits seit 1294 an dieser Stelle. Nach christlicher Tradition soll es sich dabei um die Bauelemente des einfachen Hauses handeln, in dem die Gottesmutter Maria in Nazareth gelebt hat und die nach legendärer Überlieferung im Jahr 1291 von Nazareth über Zwischenstationen nach Loreto (1294) transportiert worden sein sollen.

Archäologische Forschungen und Ausgrabungen in Nazareth von 1954 bis 1960 haben ergeben, dass im Anschluss an die heute noch vorhandene, in den Felsen gehauene Grotte ein einfaches Steinhaus ohne Fundamente gestanden hatte, dessen Maße mit denen der Santa Casa in Loreto vollkommen übereinstimmen. Die drei an die Grotte anschließenden Mauern ergaben einen Umfang von ca. 9,5 × 4 m.

Es liegen Hinweise vor, dass jüdische Christen bereits im 2. Jahrhundert dieses Haus und die dahinter liegende Grotte zu einem Ort der Verehrung gestaltet und darüber eine Kirche im Synagogenstil errichtet hatten. Auf diesen einfachen Bau folgte im 5. Jahrhundert eine dreischiffige Basilika. Um 1099 wurde von Kreuzfahrern auf den Trümmern der alten eine neue Kirche errichtet und 1170 in eine noch größere kreuzförmige Basilika umgebaut, und zwar mit einer Krypta, die das Haus Mariens umhüllte. Diese Kirche wurde 1263 durch den Statthalter von Sultan Baibars I. zerstört.Lexikon für Theologie und Kirche (LThK), Band 7: Nazaret, Freiburg 2006, Sp. 709ff. In diesem Areal fanden sich Pilgerinschriften in griechischer Sprache bis zum Jahr 1289, die von der Zerstörung berichten. Außerdem fällt auf, dass die Pilger nach 1291 nicht mehr von dem Haus Mariens, sondern nur noch von der – ursprünglich – dahinter liegenden Grotte gesprochen haben. Diese in den Felsen gehauene Grotte wird heute noch in der modernen Verkündigungsbasilika in Nazareth als „Herberge Mariens“ verehrt.

Die Legende von der Überführung nach Loreto Nachdem Jerusalem 1244 von den Muslimen eingenommen und der letzte Kreuzzug gescheitert war, versuchten die Kreuzritter, von den Heiligen Orten des Christentums in Palästina zu retten, was noch zu retten war, darunter auch das „Haus Mariens“ in Nazareth. Nach einer im 15. Jahrhundert entstandenen Legende sollen Engel das kleine Haus, in dem Maria in Nazareth gewohnt hat,Loreto Haus Marias, auf glaubenswege.ch, abgerufen am 8. Januar 2022 im Jahr 1291 von Nazareth zunächst nach Trsat / Tersatto (heute Ortsteil von Rijeka / Kroatien) und dann 1294 in die Nähe von Recanati bei Ancona transportiert haben. Dieser Bericht ist eine für die Zeit typische Wundererzählung, die im Jahr 1468 von dem damaligen Propst in Loreto, Pietro di Giorgio Tolomei aus Teramo aufgeschrieben wurde.Karl Suso Frank in: Lexikon für Theologie und Kirche (LThK), Band 6, Freiburg 2006, Sp. 1052f.Lexikon der christlichen Ikonographie (LCI), Band 3: Marien-Reliquien, Freiburg 2004 Sp. 544f. Das „Heilige Haus“ gelangte dann von Recanati nach Loreto, wo man es zu einer Kapelle umbaute und Santa Casa von Loreto nannte, wahrscheinlich nach dem dortigen Lorbeerhain (lat. lauretum).

Die Übertragung des Heiligen Hauses nach Loreto Zu den Teilen des Heiligen Hauses in Nazareth, die im 13. Jahrhundert überführt worden sind, gehören vor allem die Steine aus den unteren Lagen der drei Umfassungsmauern, die an die Grotte von Nazareth angebaut waren.

Die beiden Stränge der Legende von der Übertragung des Heiligen Hauses von Nazareth über das Mittelmeer, nämlich entweder von Engeln durch die Lüfte getragen oder per Schiff unter der Begleitung von Engeln transportiert, werden bereits seit dem 14. Jahrhundert in künstlerischen Darstellungen kommentiert, von denen die bedeutendsten hier genannt werden sollen:

(a) Um 1350: Zwei stehende Engel tragen das Heilige Haus, Fresko im rechten Seitenschiff der Chiesa di San Marco in Jesi bei Ancona (Bild a).

(b) 15./16. Jh.: Holzschnitt mit dem von Engeln getragenen Heiligen Haus, heute im Castello Sforzesco in Mailand.

(c) Anfang 16. Jh.: Überführung des Heiligen Hauses nach Loreto, wahrscheinlich aus Brügge stammend, Öl auf Holz, 54 × 37 cm (Bild c).

(d) Um 1530: Übertragung der Santa Casa, Relief an der Marmorverkleidung des Heiligen Hauses in Loreto von Francesco Da Sangallo.

(e) 1532: Übertragung des Heiligen Hauses, Kupferstich nach dem Vorbild der Marmorverkleidung in der Basilika von Loreto.

(f) 1567: Transport des Heiligen Hauses, Kupferstich von Joannes Baptista de Cavalleriis aus dem Wolf-Dietrich-Klebeband „Städtebilder“ (Universitätsbibliothek Salzburg).

(g) 16. Jh.: Übertragung des Heiligen Hauses, Relief in der Basilika von Loreto.

(h) 1604–1605: Michelangelo Merisi da Caravaggio, Unsere Liebe Frau von Loreto

(i) 16./17. Jh.: Cesare Nebbia, Übertragung der Santa Casa, Rom, Vatikanische Museen.

(j) Um 1740: Joseph Sebastian und Johann Klauber: Gnadenbild von Loreto mit Auszügen aus der Lauretanischen Litanei und der Übertragung des „Heiligen Hauses“, Augsburg.

(k) 1743: Flug des Marienhauses nach Loreto, Gemälde von Giambattista Tiepolo als Entwurf für ein Deckenfresco der Kirche Santa Maria di Nazareth (Scalzi) in Venedig, heute im J. Paul Getty Museum (Original in Venedig 1915 zerstört).

(l) Um 1744: „Salzburger Entwurf“ für dieses Deckenfresko von Giambattista Tiepolo, Salzburger Barockmuseum.

(m) Um 1744: Flug des Marienhauses nach Loreto, Gemälde von Giambattista Tiepolo, Accademia (Venedig) – (Bild m).

(n) 1755: Unsere Liebe Frau mit der Santa Casa von Engeln getragen, Gemälde von Francesco Foschi, Museo Antico Tesoro, Loreto.

(o) 1768: Überführung des „Heiligen Hauses“ nach Loreto, Deckenfresko von Johann Wolfgang Baumgartner in der Beichtkapelle der Wallfahrtskirche St. Maria von Loreto auf dem Kobel in Westheim (Neusäß) bei Augsburg (Bild o).

(p) Um 1770: Überführung des Heiligen Hauses nach Loreto, Fresko in der Loretokapelle in Oberglogau, Oberschlesien (Domek loretański w Głogówku, Polen).

Beschreibung und Ausstattung der Santa Casa Das Heilige Haus in Loreto besteht aus einem längsrechteckigen Raum mit den drei Originalwänden, die im unteren Teil aus Natursteinen gemauert und darüber mit Ziegelmauerwerk ergänzt sind. Es hat – wie vorher in Nazareth – kein Fundament und besitzt dieselben Maße (32 Fuß lang, 10 Fuß breit und 18 Fuß hoch). Die verwendeten Natursteine kommen in dieser Gegend nicht vor; die Steinoberflächen sollen mit einer speziellen Technik bearbeitet sein, die bei den Nabatäern, einem Nachbarvolk der Hebräer, angewendet worden sind; auch im Übrigen entsprach dieses kleine Haus nicht der örtlichen Bautradition in der Region Marken, sondern der im damaligen Palästina üblichen Bauweise.

An der Nord- und Südwand befindet sich je ein Zugang; der verhältnismäßig dunkle Innenraum erhält Licht nur durch ein kleines Fenster in der Westwand. An den drei Wänden des Originalbaus sollen sich spärliche Reste einer älteren Bemalung befunden haben; die Decke sei himmelblau und mit goldenen Sternen verziert gewesen. Die aus Ziegelstein bestehenden Wandteile wurden dann im 14. und 15. Jahrhundert mit Fresken der umbrischen Schule geschmückt und 1625 noch einmal überarbeitet; davon sind aber seit dem Brand 1921 in der Kapelle nur noch Überreste erhalten, u. a. Maria mit Kind sowie die Heiligen Bartholomäus, Antonius der Einsiedler, Ritter Georg und Katharina von Alexandrien. Das byzantinische Kreuz neben dem Engelsfenster, das im Stil von Giunta Pisano (13. Jh.) gemalt war, blieb in den wesentlichen Teilen erhalten.

mini|320px|Daniel Meisner: Politisches Schatzkästlein, Laureto in Italia, 1625

Das Heiligtum musste bereits sehr früh durch Mauern und Türme geschützt werden. Ab 1468 wurde es mit der Basilika vom Heiligen Haus in Loreto überbaut. 1536 erhielt die Santa Casa auch ein Gewölbe. Die großartige Gesamtanlage von Basilika und Klostergebäuden auf dem Hügel über der Stadt Loreto zeigt der Kupferstich Laureto in Italia von Daniel Meisner aus dem Jahr 1625.Daniel Meisner / Eberhard Kieser: Thesaurus philopoliticus oder Politisches Schatzkästlein, Faksimile Neudruck der Ausgaben Frankfurt a. M. 1625–1626 und 1627–1631 von Klaus Eymann, Unterschneidheim 1972, Band 1, IV, 28

Das eigentliche Marienhaus, die Santa Casa, steht unter der mächtigen Kuppel im Zentrum der Basilika, umgeben von dreizehn Kapellen, die von verschiedenen Nationen gestiftet und ausgestaltet wurden, darunter auch eine deutsche Kapelle. In den Jahren 1511 bis 1534 wurde um die Santa Casa herum eine monumentale Marmorverkleidung errichtet. Nach den Plänen von Donato Bramante fertigten italienische Künstler dafür Reliefs mit Darstellungen aus dem Marienleben sowie Statuen von Propheten und Sibyllen in rundbogigen Nischen. Dadurch erhielt die Santa Casa den Charakter eines riesigen Reliquienschreins.Thaddäus Küppers: Das Heilige Haus von Loreto. Regensburg 1994, S. 8ff. mit weiteren Nachweisen

In der Anfangszeit wurde in der Santa Casa eine Marienikone verehrt. Weil diese durch den ständigen Rauch der Opferkerzen und Öllampen unkenntlich geworden war, ersetzte man sie Anfang des 16. Jahrhunderts durch eine geschnitzte Statue, die dann ebenfalls durch den Rauch geschwärzt wurde. Nach deren Zerstörung bei dem Brand von 1921 musste auch diese ersetzt werden durch eine von Leopold Celani aus dem Holz einer Libanonzeder geschnitzte Skulptur (140 cm hoch), bei der die Inkarnatteile künstlich dunkel gefärbt wurden, um das gewohnte Bild der Schwarzen Madonna beizubehalten. Es ist eine in Dalmatik gekleidete Madonna mit Kind, beide mit goldener Krone, über denen die Taube des Heiligen Geistes im Strahlenkranz schwebt.

Historischer Hintergrund und neue Forschungen mini|Jungfrau von Loreto, Loretokapelle in Thyrnau (Niederbayern) Archäologen und Kunsthistoriker haben sich mit den überlieferten Halbwahrheiten und der Legendenbildung nicht zufriedengegeben, sondern sowohl die Geschichte des „Heiligen Hauses“ in Nazareth als auch die fromme Legende von der Übertragung des Hauses nach Loreto durch Engel näher untersucht. Zu den wichtigsten Quellen gehören die archäologischen Forschungen von 1954 bis 1960 in Nazareth sowie von 1962 bis 1965 in Loreto. Für den Bau in Loreto wurde festgestellt, dass er entgegen der örtlichen Bautradition kein Fundament hat und wegen seiner Baustruktur in der Provinz Marken untypisch ist. Die Orientierung der Kapelle mit der Tür im Norden und dem Fenster im Westen passt ebenfalls nicht in die Marken, lässt sich aber durch den früheren Standort in Nazareth erklären. Die vierte Wand im Osten war in Nazareth nicht erforderlich, weil das kleine Haus zur Grotte hin offen war, wurde aber in Loreto durch eine Apsis geschlossen.