mini|hochkant=1.3|Einblick in die Grabkammer Wangels LA 69. Ursprünglich war sie mit großen Findlingen umgeben. Es sind drei Bereiche auszumachen. Der mittlere ohne, die beiden äußerem mit Steinpflaster. mini|hochkant=1.3|Ein Großteil der archäologischen Funde aus der Grabkammer. Abgebildet sind etliche Keramikgefäße, mehrere Silkexbeile, eine lange Silexklinge sowie eine Streitaxt aus Basalt. Das neolithische Megalithgrab Wangels LA 69 (Liste) in Ostholstein besteht aus einem etwa 43 × 16 m langen Hügel (Langbett), in dessen einem Ende eine sog. Holsteiner Kammer eingebracht wurde. Das Grab wurde im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms 1400 „Frühe Monumentalität und soziale Differenzierung“ (SPP 1400) in den Jahren 2010 bis 2014 untersucht. Dieses Grab erwies sich aus vielen Gründen als besonders wichtig für die Forschung. Zum einen wurden nur wenige neolithische Megalithgräber mit modernen Methoden und während einer Forschungsgrabung mit reichlich Zeit ausgegraben. Weiterhin ist die Erhaltung hervorzuheben. Die meisten Findlinge des Grabes wurden vor der archäologischen Untersuchung zwar bereits entfernt, doch wurde die Grabkammer nicht beraubt. Sie enthielt erstaunlich viele Grabbeigaben. Unter anderem Keramikgefäße und Bernsteinartefakte, Pfeilschneiden, wenige Silexbeile und eine Streitaxt aus Basalt. Eine Rekonstruktion der Grabkammer wurde im Rahmen des 350-jährigen Geburtsjahres auf dem Campus der CAU Kiel errichtet.

Generelles Megalithgräber prägen noch heute die Landschaften in vielen Regionen der Welt, auch die Landschaften Mitteleuropas. Das Megalithgrab Wangels LA 69 wurde im Mittelneolithikum (Spätneolithikum in mitteldeutscher Terminologie), also in der zweiten Hälfte des vierten Jahrtausends v. Chr. errichtet. Die Errichtung wird mit Trägern der sog. Trichterbecherkultur (4100–2800 v. Chr.) assoziiert, wie auch tausende weitere Anlagen in der Norddeutschen Tiefebene (von den östlichen Niederlanden, über Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt bis ins nordwestliche Polen), Dänemark, Schweden und Norwegen (s. auch Nordische Megalitharchitektur).

Die urgeschichtliche Nutzungsdauer des Grabes Wangels LA 69 beträgt beinahe eineinhalb Jahrtausende. Neben Funden der Trichterbecherkultur sind Funde der Kugelamphorenkultur sowie des Spätneolithikums (Dolchzeit) vorhanden.

Lage Wangels LA 69 liegt auf einer natürlichen Geländeerhöhung in der Gemeinde Wangels. In der näheren Umgebung (500 m) wurden drei weitere neolithische Grabanlagen dokumentiert und im Umkreis von 2 km wurden einige bronzezeitliche Grabhügel beobachtet. In der Region des westlichen Oldenburger Grabens liegen viele weitere urgeschichtliche Fundstellen, u. a. Oldenburg-Dannau LA 77.

Forschungsgeschichte Wangels LA 69 wurde erstmals 1962 in der Landesaufnahme Schleswig-Holsteins erfasst. Zu diesem Zeitpunkt wurden die Ausmaße 43 m Länge, 16 m Breite und max. 1,6 m Höhe aufgenommen und das Grab wurde als zerstört klassifiziert. Die späteren Ausgrabungen verifizierten die Zerstörung. Viele Findlinge der Deck- und Tragsteine der Grabkammer und der Umgrenzung wurden vermutlich im 19. Jahrhundert entfernt. Hierauf verweisen der trichterförmige Grabungsschacht, etliche Steinsplitter von Findlingen, Eisenstücke (Reste von Hammer und Meißel) sowie Sprengkanäle an verbliebenen Steinen. Weiterhin sind schriftliche Quellen des 19. Jahrhunderts bekannt, die über diese Tätigkeiten an anderen Megalithgräbern berichten.

Im Rahmen des von Johannes Müller geleiteten SPP-Teilprojektes „Megalithanlagen und Siedlungsmuster im trichterbecherzeitlichen Ostholstein (3500–2700 v. Chr.): Mittleres Travetal und Westlicher Oldenburger Graben“, wurde das Grab unter der Grabungsleitung von Jan Piet Brozio untersucht. Im Jahre 2010 erfolgten zunächst geophysikalische Messungen (Georadar) und in den Jahren 2012 bis 2014 wurden vier Grabungskampagnen vorgenommen. Die Analysen, die bis heute andauern, werden mittlerweile vom Sonderforschungsbereich SFB 1266 getragen.

Ausgrabungen 2012–2014 mini|442x442px|Die Ausgrabungsflächen längs und quer durch den Langhügel. Die Ausgrabungen folgten dem Ziel, das Monument unter stratigrafischen Gesichtspunkten zu rekonstruieren. Zudem sollte das Ausmaß der Zerstörungen an der Grabkammer dokumentiert werden. Zunächst wurde ein Schnitt in Längsrichtung sowie sechs Schnitte in Querrichtung des Langhügels angelegt, um den Hügelaufbau in verschiedenen Bereichen zu erfassen. Zudem wurden weitere, großflächige Grabungsschnitte angelegt, um die Architektur des Bodendenkmals zu untersuchen. Hiermit sollte auch geklärt werden, was die beiden großen Anomalien im Nordwesten und Südosten der Anlage verursacht, die bei der geophysikalischen Untersuchung entdeckt wurden. Die nordwestliche Anomalie begründet sich im Aufbau und der Struktur der Hügelschüttung. Die südöstliche Anomalie hingegen entpuppte sich als Grabkammer. Zur weiteren Erforschung der Grabkammer und um die Begrenzung des Monumentes zu rekonstruieren, wurde weitere Schnitte angelegt.

Architektur des Monumentes Der ovale Langhügel besteht aus einer primären Hügelschüttung im südöstlichen Bereich der Grabkammer und einer sekundären Hügelschüttung, die den ursprünglich rundlichen Hügel zu einem Langbett erweitert hat und im Zusammenhang mit einem Steinpackungsgrab steht. Im Grabungsprofil ließ sich die Struktur dieser Schüttung rekonstruieren. Sie wurde teilweise aus geschichteten Grassoden errichtet. Solche Befunde sind häufig an neolithischen und bronzezeitlichen Monumenten zu beobachtenHolst/Rasmussen 2012: M. K. Holst/M. Rasmussen, Skelhøj and the Bronze Age barrows of Southern Scandinavia 1. Jysk Arkæologisk Selskabs Skrifter 78 (Aarhus 2012).Hübner 2005: E. Hübner, Jungneolithische Gräber auf der Jütischen Halbinsel. Typologische und chronologische Studien zur Einzelgrabkultur. Nordiske Fortidsminder Serie B 24:1 (Kopenhagen 2005)., so auch z. B. im Langbett Albersdorf LA 56.

Durch die Ausgrabungen in Randbereichen des sichtbaren Hügels konnte rekonstruiert werden, dass er ursprünglich mit einer Steinreihe umgeben war. Die leicht trapezförmige Steinreihe umfasst die Ausmaße 32 m Länge und 9 bis 12 m Breite, womit sie ein Areal von etwa 300 m² einrahmt. Da diese den gesamten Langhügel betrifft und zwischen der primären und sekundären Hügelschüttung fehlt, steht sie vermutlich im unmittelbaren Zusammenhang mit der sekundären Bauphase. Die Steinreihe besteht heute aus vielen kleinen Steinen. Zwar fehlen Standspuren von Findlingen, doch ist durch den Vergleich mit anderen Anlagen davon auszugehen, dass diese ursprünglich existierten.Midgley 1992: M.S. Midgley, TRB Culture.The First Farmers of the North European Plain (Edinburgh 1992). Dies wird weiterhin durch verstreute Eisenfragmente angedeutet, die im Kammerbereich als Überbleibsel der Entfernung gedeutet wurden.

Neben der Kammer wurden als Pflugspuren gedeutete Befunde gemacht. Diese sind an vielen Megalithgräbern zu beobachten und werden von einigen Forschern mit einem rituellen Pflügen assoziiert.Klassen 2008: L. Klassen, Zur Bedeutung von Getreide in der Einzelgrabkultur Jütlands. In: W. Dörfler/J. Müller (Hrsg.), Umwelt – Wirtschaft – Siedlungen im dritten vorchristlichen Jahrtausend Mitteleuropas und Südskandinaviens. Internationale Tagung Kiel 4. bis 6. November 2005 (Neumünster 2008) 49–66. Allerdings ist auf eine neue Studie hinzudeuten, die die Pflugspuren aufgrund der darin enthaltenen Pollen in einen unmittelbaren Zusammenhang mit vorherigen (frühneolithischen) Siedlungs- und Ackerbautätigkeiten bringt. Sie sind demnach nicht rituell. Diese und viele weitere Grabanlagen wurden auf vorherigen Nutzflächen angelegt.

Im Bereich der sekundären Hügelschüttung wurde eine Steinpackung mit bis zu sechs aufeinander gestapelten Steinen aufgedeckt. Unter dieser befand sich eine langovale Verfärbung. Diese wird als beigabenlose Bestattung gedeutet.Müller 2017: J. Müller, Großsteingräber, Grabenwerke, Langhügel: Frühe Monumentalbauten Mitteleuropas. Sonderheft Archäologie in Deutschland (WBG Darmstadt 2017). Sie wird unmittelbar mit der sekundären Hügelerweiterung assoziiert. Einzelgräber, die in bestehende Langbetten eingebracht wurden oder diese erweitern, sind vielfach belegt. So sind z. B. vom Gräberfeld Borgstedt zahlreiche ähnliche ovale Gruben bekannt, allerdings ohne Steinpackung, die zum größeren Teil ebenfalls ohne Grabbeigaben ausgestattet sind. Diese datieren jedoch vor allem ins Frühneolithikum (Jungneolithikum nach mitteldeutscher Terminologie). Das Einzelgrab aus Wangels wurde mit einer direkten Probe absolutchronologisch auf 3330–3095 v. Chr. datiert. Indirekt zeigen drei taugliche Proben (kurzlebiges Probenmaterial) der Hügelerweiterung von 3321–3018, 3336–3105, 3333–3101 calBC eine ähnliche Datierung an. Anhand Brozios Phasenmodell (s. u.), in das stratigraphische Überlegungen mithineinflossen, wurde innerhalb des durch die absoluten Datierungen vorgegebenen Alters ein junges Datum (3120–3100 v. Chr.) postuliert. Dies ist zu betonen, da im Gegensatz zum Frühneolithikum Einzelgräber im ausgehenden vierten Jahrtausend selten sind. Verschiedene Autoren erkennen hierin ein erstes Anzeichen für die spätere Herausbildung der jungneolithischen Einzelgrabgesellschaften.Müller 2019: J. Müller, Boom and bust, hierarchy and balance: From landscape to social meaning – Megaliths and societies in Northern Central Europe. In: J. Müller/M. Hinz/M. Wunderlich (Hrsg.), Megaliths – Societies –Landscapes. Early monumentality and social differentiation in Neolithic Europe. Verlag Rudolf Habelt GmbH (Bonn 2019) 29–74.

Architektur der Grabkammer

Zwei Trägersteine blieben erhalten, während die restlichen Findlinge entfernt wurde. Anhand von Verfärbungen im Boden konnte Anzahl und Position der Trägersteine rekonstruiert werden. Ursprünglich bildeten 13 Findlinge die 6 m lange Grabkammer und vier weitere markierten den Eingangsbereich. Die rechteckige Form besaß abgerundete Schmalseiten. Somit ließ sich die Kammer als sog. Holsteiner Kammer ansprechen (Brozio 2016). Diese sind ihrem Namen entsprechend im Süden Schleswig-Holsteins häufig anzutreffenSprockhoff 1958: E. Sprockhoff, Flehm, eine holsteinische Kammer. Germania 36, 1958, 324–343.Aner 1963: E. Aner, Die Stellung der Dolmen Schleswig-Holsteins in der nordischen Megalithkultur. Offa 20, 1963, 9–38.Hoika 1990: J. Hoika, Megalithic Graves in the Funnel Beaker Culture of Schleswig-Holstein, Przegląd Archeologiczny 37, 1990, 53–119..

Der Zugang war 2 m lang und 0,7–1 m breit. Der Übergang vom Gang zur Kammer war durch eine Steinplatte, ein sog. „Schwellenstein“ markiert, wie es häufig an Megalithgräbern zu beobachten ist (Hirsch 2011). In dessen Nähe wurde ein potenzieller Verschlussstein angetroffen. Unter einem der erhaltenen Findlinge der Grabkammer wurde eine Grube mit einem kompletten Keramikgefäß angetroffen. Diese beabsichtigte Deponierung kann als sog. „Bauopfer“ angesprochen werden.

Der Boden der Grabkammer war in drei Teile gegliedert. Die zwei äußeren Bereiche waren mit einem Steinpflaster ausgestattet, der mittlere Bereich wurde mit einer komprimierten Lehmpackung versehen. Das nördliche Steinpflaster war von der mittleren Lehmpackung durch eine Reihe aufrechtgestellter Steinplatten abgetrennt. Solche Abtrennungen wurden auch in anderen Megalithgräbern dokumentiert, z. B. in Flintbek (Flintbeker Sichel). Über dem Kammerboden wurde eine Schüttung aus gebranntem Silex deponiert. Gebrannter Silex wird je nach spezifischem Silexvarietät sowie der Temperatur dunkel- bis hellgrau oder sogar weiß. Gebrannter Silex wurde in vielen Megalithgräber als Schüttung und/oder Bodensubstrat verwendet.Jensen 2001: J. Jensen, Danmarks Oldtid. Stenalder 13.000–2.000 f. Kr. (Gyldendal, København 2001).

Inhalt der Grabkammer Silex mini|370x370px|Die Grabkammer mit den rekonstruierten Standspuren der ehemaligen Findlinge. Zudem ist die Lage der hier gefundenen Keramikgefäße kartiert.