mini|Max Mendel als hamburgischer Senator, 1925 bis 1929 Max Mendel (* 19. Mai 1872 in Hamburg; † 10. August 1942 im Ghetto Theresienstadt)Max Mendel. In: Institut Terezínské iniciativy, auf: holocaust.czMendel, Max. In: Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945. Bundesarchiv, auf: bundesarchiv.deMax Mendel. In: Yad Vashem Internationale Holocaust-Gedenkstätte, auf: yadvashem.org war ein Kaufmann, Konsumgenossenschafter, Vorstands- und Aufsichtsratsmitglied sowie sozialdemokratischer Senator in Hamburg. Er war eines der zwei letzten jüdischen Mitglieder des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg und der einzige ehemalige hamburgische Senator, der von den Nationalsozialisten ermordet wurde.Holger Martens: Max Mendel. In: Für Freiheit und Demokratie: Hamburger Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten in Verfolgung und Widerstand 1933–1945. SPD Landesorganisation Hamburg (Hrsg.), Hamburg 2003, ISBN 3-8330-0637-4, S. 106f.
Familie mini|Die fünf Schwestern Lobatz um 1910 – Max Mendel war in zweiter Ehe, aus der seine drei Kinder hervorgingen, mit Anna Lobatz (ganz rechts) verheiratet, sechs Jahre nach deren Tod heiratete er 1938 Ida Lobatz (2. v. links) mini|Gertrud, Kurt und Robert Mendel, 1919 Max Mendel wurde als zweiter Sohn des Importkaufmanns Moritz Mendel (1837–1893) und dessen Ehefrau Rosa (1835–1915), geborene Joelsohn geboren. Moritz Mendel betrieb einen Großhandel für Steinkohle und Sackleinen.Hildegard Thevs: Max Mendel * 1872. In: Stolpersteine Hamburg, auf: stolpersteine-hamburg.de Die Familie war zum Zeitpunkt von Max Mendels Geburt am Steindamm 118 ansässig.Hamburgisches Adreßbuch für 1872, Personen- und Firmenverzeichnis, Zweiter Abschnitt, Alphabetteil, S. II – 273, Spalte 2.
Max Mendels älterer Bruder war der spätere Hauslehrer und Journalist Joseph Mendel (1870–1933), sein jüngerer Bruder der spätere Bankier, Bankvorstand, Kunstsammler und -mäzen Paul Michael Mendel (1873–1942).Ulrich Bauche: Paul Michael Mendel * 1873. In: Stolpersteine Hamburg, auf: stolpersteine-hamburg.de
Max Mendels erste Ehefrau Sophie starb früh. Aus seiner zweiten Ehe mit Anna (* 1878), geborene Lobatz, gingen zwei Söhne und eine Tochter hervor, Kurt (1903–1997),Kurt Mendel (* 1903), der älteste Sohn Max Mendels aus zweiter Ehe mit Anna Mendel (* 1878), geborene Lobatz, erlebte den alltäglichen Antisemitismus bereits während seiner Schulzeit in der Realschule am Brekelbaumspark von 1909 bis 1915 und anschließend im Kirchenpauer-Realgymnasium in Hamm ab 1915. 1916 schloss er sich dem zionistischen Jugend-Wanderbund Blau-Weiß an, der sich bis 1927 auflöste. – Zitiert nach: Kurt Mendel: Besuch der Realschule am Brekelbaumspark 1909–1915, autobiografischer Essay, datiert 1991, unveröffentlicht, im Besitz von Ulrich Bauche, Hamburg. – Zitiert nach: Ulrich Bauche: Gustav Tuch – Max Mendel – Arie Goral-Sternheim. In: Maajan – Die Quelle. Hefte 84 (3. Quartal 2007), S. 3015–3021. – 1926 trat Kurt Mendel der 1922 in Deutschland gegründeten zionistischen Jugendorganisation Hechaluz bei.
Er studierte zunächst an der Universität Hamburg, später an der Universität Breslau Chemie, Botanik, Physiologie, Pathologie und Pflanzengenetik. In den Jahren von 1927 bis 1929 war er am Institut für gärtnerische Forschung und Studien (später: Lehr- und Forschungsanstalt für Gartenbau) in Berlin-Dahlem tätig und hielt sich für Lehr- und Forschungszwecke in Boston, Massachusetts, auf. Sein Studium schloss er als diplomierter Ingenieur ab. Im Jahr 1930 wanderte er ins Mandatsgebiet Palästina aus. Dort wurde er als wissenschaftlicher Assistent bei einer Forschungsstelle der Versuchsstation in Rehovot tätig, aus der sich später die landwirtschaftliche Forschungsstation des Volcani-Instituts in Ben Shemen entwickelte. Ab 1940 absolvierte er an der Fakultät für Naturwissenschaften der Hebräischen Universität in Jerusalem ein Zweitstudium zum Botaniker, das er 1942 mit dem akademischen Grad eines M.Sc. abschloss. Danach lehrte er als Senior Assistant an der Landwirtschaftlichen Fakultät in Rehovot, ab 1947 als Chief Assistant. 1951 promovierte er mit der Dissertation „Untersuchungen über die Vitalität von Zitrusbaumzweigen“ zum Ph.D., für die er 1950 mit dem Preis des Weizmann-Instituts für Wissenschaften geehrt wurde. Im Jahr 1953 wurde er zum Leiter (Head) der Abteilung Zitrusforschung (Citriculture) der Staatlichen Landwirtschaftlichen Versuchsanstalt ernannt, eine Funktion, in der er bis 1968 wirkte. 1956 wurde Kurt Mendel Privatdozent für das Fachgebiet Pflanzenvermehrung. Von 1959 bis 1964 wurde er zum stellvertretenden Direktor des Volcani-Instituts berufen. Von 1963 bis 1966 koordinierte er auch deren Abteilung Plantagen (Horticulture, Plant Propagation). 1965 wurde er zum außerordentlichen Professor ernannt. 1966 war er im Auftrag der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) als Gastdozent in Kenia. Er war Mitglied mehrerer wissenschaftlicher Gesellschaften, nahm an wissenschaftlichen Konferenzen in Israel und im Ausland teil und veröffentlichte etwa 150 Fachartikel und Bücher. Im Jahr 1968 ging Kurt Mendel aus dem Staatsdienst in Pension, blieb jedoch weitere fünf Jahre an der Abteilung Zitrusforschung tätig und lehrte an der Rupin Midrash, an der Mikveh Israel (מִקְוֵה יִשְׂרָאֵל) im Bezirk Tel Aviv und am Center for International Cooperation, von dem er zum Koordinator für landwirtschaftliche Forschung berufen wurde und als wissenschaftlicher Berater in Afrika wirkte.
Er war mit Santa Whiteman verheiratet. Aus der Ehe ging eine Tochter, Naomi Smulyan (* 1934), hervor, eine in Houston, Texas, lebende Künstlerin. Kurt Mendels Kurzbiographie findet sich in der hebräischen Wikipedia und auf der Website der israelischen Regierung. – Zitiert nach: Mendel, Kurt. In: The Hebrew University of Jerusalem – General Information and Development 1972–1973. – Zitiert nach: Amalia Barzilai: קורט מנדל Kurt Mendel 1997–1903, auf: gov.ilAmalia Barzilai: קורט מנדל Kurt Mendel 1997–1903, auf: gov.il Gertrud (geboren am 26. Mai 1905 in Hamburg) und Robert (geboren am 24. Juli 1907 in Hamburg; gestorben 2009).Ulrich Bauche: Gustav Tuch – Max Mendel – Arie Goral-Sternheim. In: Maajan – Die Quelle. Hefte 84 (3. Quartal 2007), S. 3015–3021.
Die Drei waren als Jugendliche aktive Mitglieder des 1913 gegründeten zionistischen Jugend-Wanderbundes Blau-Weiß (Vorbild: Wandervogel). Insbesondere der Älteste, Kurt Mendel, war früh am Zionismus interessiert. Dazu stand er in engem Kontakt mit seinem zionistisch engagierten Onkel, dem Philosophen und Nationalökonomen Ernst Tuch. Kurt Mendel (קורט מנדל) und sein jüngerer Bruder Robert emigrierten, Kurt bereits 1930 ins Mandatsgebiet Palästina.
Gertrud Mendel heiratete im Jahr 1926 den Gebrauchsgraphiker Adolf Max Wilhelm Bauche.Stefan Romey: Widerstand in Wandsbek 1933–1945. Bezirksversammlung Wandsbek (Hrsg.), Hamburg 2021, ISBN 978-3-00-067283-5, S. 214–217. Ein Enkel Max Mendels war der Kulturhistoriker und Volkskundler Ulrich Bauche.
Max Mendel und Ernst Tuch waren seit ihrer gemeinsamen Schulzeit im Realgymnasium der Gelehrtenschule des Johanneums am Steintor eng befreundet und heirateten Töchter der Bertha Beile Lobatz (1851–1942).Lobatz, Bertha Berta Beile. In: Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945, Bundesarchiv, auf: bundesarchiv.de geborene Schüler.
Max Mendels zweite Ehefrau Anna verstarb 1932. Danach lebte Max Mendel mit seiner Schwiegermutter Bertha Beile Lobatz und seiner Schwägerin Ida Lobatz (geboren am 3. August 1880 in Schwedt/Oder; gestorben am 18. Juni 1943 im Ghetto Theresienstadt)Ida Mendel. In: Institut Terezínské iniciativy, auf: holocaust.czIda Mendel. In: Yad Vashem Internationale Holocaust-Gedenkstätte, auf: yadvashem.orgMendel, Ida. In: Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945, Bundesarchiv, auf: bundesarchiv.de in der Hirtenstraße 10 zusammen.Hamburger Adreßbuch für 1932, Personen- und Firmenverzeichnis, Zweiter Abschnitt, Alphabetteil, S. II – 816, Spalte 2.
Ida Lobatz, die um zwei Jahre jüngere Schwester der verstorbenen zweiten Ehefrau Max Mendels, war bis 1933 Büroangestellte der Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten (BAAB), genannt „Arbeiterbank“. Max Mendel heiratete sie im Jahr 1938 in dritter Ehe.
Schule und Ausbildung mini|hochkant|Ehemaliges Realgymnasium der Gelehrtenschule des Johanneums Max Mendel besuchte das Realgymnasium des Johanneums, das er 1886 als 14-Jähriger wegen einer Hüftgelenkserkrankung vorzeitig verlassen musste. Durch seinen älteren Bruder Joseph, der ihn u. a. mit sozialistischem Gedankengut vertraut machte, erhielt er Privatunterricht. Von seiner Erkrankung behielt Max Mendel zeitlebens eine Gehbehinderung zurück, die im Alter zu einer Lähmung führte. 1889 trat er 17-jährig als Handlungsgehilfe ins väterliche Geschäft ein und erhielt dort eine kaufmännische Ausbildung. Dem sozialdemokratischen Zentralverband der Handlungsgehilfen trat er als Mitglied bei. An der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin studierte er einige Semester Nationalökonomie und Sozialwissenschaften.
Am Johanneum hatte er sich eng mit Ernst Tuch (geboren am 11. April 1872 in Hamburg; gestorben am 29. Dezember 1922 ebda.) angefreundet, mit dem er von 1892 bis 1895 in der Reichshauptstadt studierte. Beide lernten während der Studienzeit in Berlin ihre späteren Ehefrauen kennen. Ernst Tuch gründete 1910 den jüdischen Turn- und Sportverein Bar-Kochba in Hamburg,Ivonne Meybohm: Gründung des jüdischen Sportvereins Bar Kochba, 1910. In: Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte. auf: juedische-geschichte-online.net dessen gleichnamiges Vorbild, dessen Vorsitzender Tuch bis 1905 gewesen war, bereits seit 1898 in Berlin bestand.Die Gründung eines neuen Jüdischen Turnvereins „Bar Kochba“ in Hamburg. In: Jüdische Turnzeitung. Nr. 3/4 (März/April 1910), S. 48, 50.Jüdischer Turn- und Sportverein Bar-Kochba Berlin. In: Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte. auf: juedische-geschichte-online.net
Wirken mini|Aufsichtsrat der Konsumgenossenschaft Produktion von 1908, stehend 2. von links: Max Mendel 1897, kurz nach dem großen Hafenarbeiterstreik, traf Max Mendel mit Adolph von Elm zusammen. Von ihm erhielt er Anregungen zur Bedeutung des Genossenschaftswesens in der Volkswirtschaft.
Durch seine Mitgliedschaft im Zentralverband der Handlungsgehilfen, für den er Vorträge hielt, freundete er sich mit dessen Aufsichtsratsmitglied Max Josephsohn an. Durch ihn wurde er an den Präliminarien zur Gründung der Konsum-, Bau- und Sparverein „Produktion“ beteiligt und im Jahr 1900 in der Funktion des Schriftführers in deren Aufsichtsrat gewählt, als Nachfolger Josephsohns. Dem Aufsichtsrat gehörte er bis 1909 an, als er als Finanzgeschäftsführer in den Vorstand der Genossenschaft berufen wurde.Heinrich Kaufmann: Die Großeinkaufs-Gesellschaft Deutscher Consumvereine m.b.H. GEG. Zum 25jährigen Bestehen 1894–1919. Großeinkaufs-Gesellschaft Deutscher Consumvereine (Hrsg.), Hamburg 1919, , S. 241f.Josef Rieger, Max Mendel, Walter Postelt: Die Hamburger Konsumgenossenschaft „Produktion“. 1899–1949. Geschichte einer genossenschaftlichen Verbrauchervereinigung von der Gründung bis zum fünfzigsten Geschäftsabschluss und ihrer Vorläufer. Hamburg 1949, , S. 256.
Nachdem die Hamburger Bürgerschaft im Jahr 1911 eine Sondersteuer für Konsumgenossenschaften beschlossen hatte, gründete Max Mendel als Gegenmaßnahme die für jedermann offene Handelsgesellschaft Produktion. Die Gebäude der Pro-Betriebe, wie Genossenschaft und Handelsgesellschaft im Volksmund genannt wurden, sind bis heute in Hamm-Süd erhalten.