Sidney Katherine Powell (* 1. Mai 1955 in Durham, North Carolina) ist eine US-amerikanische Juristin und Anwältin. Sie wurde vor allem mit Anfechtungen der Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten 2020 bekannt.

Leben

Ausbildung und frühe Laufbahn Sidney Powell ist die Tochter von William Isaac Powell (1921–1996) und dessen Frau Mary Katherine Bowden (1924–2012). Sie wuchs in Raleigh in North Carolina in einer Familie der Arbeiterklasse auf. Sie studierte an der University of North Carolina und erreichte den Grad eines Bachelor, ab 1974 studierte sie dann darauf aufbauend Rechtswissenschaft.Keith Kloor, The #MAGA Lawyer Behind Michael Flynn’s Scorched-Earth Legal Strategy, Politico vom 17. Januar 2021.

Ihre juristische Laufbahn begann sie bereits mit 23 als Bundesstaatsanwältin im Westen von Texas.Debra Cassens Weiss, Meet Sidney Powell, the conspiracy-minded lawyer who vowed to 'release the kraken' in election suits, ABAJournal vom 1. Dezember 2020. Hier war sie vor allem in Berufungsverfahren in Drogensachen tätig. Nachdem sie etwa zehn Jahre in den 1970ern und 1980ern als Anklagevertreterin tätig gewesen war, machte sie sich als Anwältin selbstständig. Powell war in Umwelt-, Gesundheits- und Arzthaftungsrecht tätig. Im ersten Jahrzehnt des zweiten Jahrtausends war sie unter anderem in Berufungsverfahren in Strafverfahren um den Energiekonzern Enron tätig. In zwei Verfahren erreichte sie eine Aufhebung von Verurteilungen. Sie veröffentlichte 2014 auf Grund ihrer Sicht der Verfahren gegen Enron das staatsanwaltschaftskritische Buch Licensed to Lie.

Tätigkeit im Umfeld Trumps

Vertretung Michael Flynns Powell vertrat zunächst den ehemaligen Nationalen Sicherheitsberater Michael T. Flynn, nachdem der wegen Falschangaben gegenüber dem FBI im Rahmen von Robert Muellers Ermittlungen zum Präsidentschaftswahlkampf 2016 angeklagt war. Sie überzeugte Flynn, sich von einer von vorherigen Anwälten erreichten Einigung loszusagen, und sich nicht mehr schuldig bekennen zu wollen. Sidney Powell vertrat dabei die Auffassung, dass die Staatsanwaltschaft ihren Mandanten hereingelegt hätte und er ein Opfer eines Staats im Staate sei. Ihre Argumentation folgte dabei Argumenten aus der rechten Echokammer. Sie war nicht erfolgreich im Strafverfahren, der damalige Präsident Donald Trump äußerte sich aber begeistert über sie. Im November 2020 begnadigte Trump Flynn.Michael Flynn: Trump pardons ex-national security adviser, BBC vom 26. November 2020.

Wie ihr Mandant Michael Flynn vertritt Powell in sozialen Medien Verschwörungstheorien, wie sie von QAnon verbreitet werden, und trat unter anderem in einem QAnon-nahen YouTube-Video auf.Tom Porter: An attorney leading Trump's attempt to subvert the election results is a longtime QAnon supporter In: Business Insider vom 20. November 2020.

Anfechtungen zur Präsidentschaftswahl Powell trat zusammen mit Rudy Giuliani am 18. November 2020 als Teil des Anwaltsteams auf, das gegen die Wahlergebnisse der Präsidentschaftswahl vorgehen und Donald Trumps Wiederwahl sichern sollte. Powell fiel dabei dadurch auf, dass sie behauptete, dass Dominion Voting Systems, ein Hersteller von Wahlautomaten, Technologie verwende, die der ehemalige Präsident Venezuelas Hugo Chavez entwickelt habe. Stimmen für Trump seien im Ausland zu Stimmen für Joe Biden geändert worden. Beweise für ihre Behauptungen legte sie nicht vor.Brett Samuels, Trump, attorneys step up efforts to reverse election's outcome, The Hill vom 18. November 2020. Am 6. Dezember 2020 distanzierte sich Trumps Rechtsanwalts-Team um Rudy Giuliani von ihr und erklärte, dass sie nicht Trump oder dessen Wahlkampfteam vertrete, sondern für sich stünde.Jeremy W. Peters und Alan Feuer, What We Know About Sidney Powell, the Lawyer Behind Wild Voting Conspiracy Theories, The New York Times vom 8. Dezember 2020.

Ihre Äußerung, dass sie, in Anspielung auf eine Figur im Film Kampf der Titanen, die Riesenkrake (engl. kraken), freisetzen würde, entwickelte sich über Internetäußerungen von QAnon-Anhängern 2020 zu einem festen Begriff.Jack Brewster, How Sidney Powell’s ‘Kraken’—Pushed By QAnon—Went From Cable News To Trump Mainstream, Forbes vom 8. Dezember 2020.The Kraken: What is it and why has Trump's ex-lawyer released it?, BBC vom 28. November 2020. Sie hatte diese Äußerung im November 2020 in der Sendung Lou Dobbs Tonight im Fox Business Network während der Werbung für ihre Rechtsschritte in konservativen Sendungen getätigt.Jon Jackson, ‘Release the Kraken‘: The Right-Wing Call That's Inspiring Memes from Both Sides, Newsweek vom 17. November 2020.

Powell klagte erfolglos gegen Wahlergebnisse in den Bundesstaaten Arizona, Georgia, Michigan und Wisconsin.Kimberly Wehle, Courts crack down on the 'Kraken' lawyers, The Hill vom 18. Juli 2021. Ihre Schriftsätze zeigten teilweise erhebliche formale und inhaltliche Fehler.Zach Montellaro und Kyle Cheney, Pro-Trump legal crusade peppered with bizarre blunders, Politico vom 2. Dezember 2020.

Arizona: Im Fall der gegen das Wahlergebnis in Arizona eingereichten Klage urteilte die zuständige Bundesrichterin im Dezember 2020, dass Powell bei allem Sachvortrag über Manipulationen an Wahlautomaten aus China und dem Iran keinen einzigen konkreten Fall von Hacking eines Wahlcomputers beweise. Die Klage sei eine Ansammlung von Konjunktiven. Im Übrigen seien Gerüchte und Vermutungen, die in den Medien ankommen mögen, keine Grundlage für ein ernsthaftes Verfahren vor einem Bundesgericht.Erik Larson: Sidney Powell’s ‘Kraken’ Voter Fraud Suit Tossed in Arizona In: Bloomberg News vom 10. Dezember 2021. Georgia: Sidney Powell klagte im Namen von republikanischen Kandidaten für das Electoral College. Sie machte geltend, die Wahlautomaten seien vom Ausland manipuliert worden, und beantragte, die bereits erfolgte Zertifizierung des Wahlergebnisses aufzuheben. Das angerufene Bundesgericht wies die Klage am Ende des Verhandlungstermines ab. Die Kläger hätten kein Klagerecht, die Klage sei verspätet eingereicht, Bundesgerichte seien nicht zuständig und das Klageziel im Gesetz nicht vorgesehen. Der Richter erklärte, er sei nicht Willens, den Wählerwillen von Millionen in Georgia durch sein Urteil zu ersetzen.Judge dismisses Sidney Powell bid to overturn Biden win in Georgia, Washington Post vom 2020. Powell legte Berufung gegen das Urteil ein, zog diese aber am 19. Januar 2021, einen Tag vor der Amtseinführung von Biden, zurück.Nicole Fallert: Sidney Powell Drops Georgia Suit, Marking End to Presidential Election-Related Lawsuits in State In: Newsweek vom 19. Januar 2021. Michigan: Die Richterin des von Powell angerufenen Bundesgerichts wies die Klage im Dezember 2020 als Ansammlung von Theorien, Vermutungen und Spekulationen über Wahlautomatenmanipulationen ohne Beweisaufnahme ab.Tim O’Donnell: Sidney Powell lawsuits meet dead end in Michigan, Georgia In: The Week vom 10. Dezember 2020. Das Bundesgericht verurteilte 2021 Powell und andere beteiligte Anwälte zur Übernahme der verursachten Kosten des Bundesstaates und der Stadt Detroit wegen Verletzung anwaltlicher Sorgfaltspflichten. Es seien Anschuldigungen erhoben worden, die weder rechtliche noch tatsächliche Grundlagen gehabt hätten. Es seien grundlegende Schritte ausgelassen worden, um den Wahrheitsgehalt behaupteter Tatsachen zu überprüfen. Die Klage sei ein Missbrauch des Justizsystems, um Vertrauen in eine US-amerikanische Wahl zu untergraben. Die erkennende Richterin übersandte die Akten an die zuständige Stelle für anwaltliche Disziplinarmaßnahmen in Michigan.Adam Brewster: Judge sanctions Sidney Powell and others who brought baseless lawsuit to overturn Biden victory In: CBS News vom 26. August 2021. Anfang Dezember 2021 legte es das Gericht den Klägeranwälten auf, die Kosten der Rechtsverteidigung zu tragen.Erin Snodgrass: Judge orders Sidney Powell, Lin Wood, and other 'Kraken' lawyers to pay more than $175,000 in legal fees to Michigan officials In: Business Insider vom 2. Dezember 2021. Wisconsin: Powell klagte im Namen des lokalen Parteivorsitzenden William Feehan. In ihrer Klage hatte sie die Behauptung aufgestellt, Wahlmaschinen hätten Stimmen für Trump in solche für Biden geändert.Jordan Williams: Wisconsin seeks over $250,000 in legal fees incurred from GOP election lawsuits In: The Hill vom 1. April 2021. Nachdem die Klage erfolglos war, beantragte der Staat Wisconsin, Powell zur Begleichung von $ 106.000 an Rechtsgebühren zu verurteilen. Powell habe ihre Klage auf zahlreiche Falschangaben gestützt, einschließlich von Sachverständigengutachten durch unqualifizierte Personen. Es sei ein Versuch gewesen, böswillig möglichst viel gegen eine Wand zu werfen, in der Hoffnung, dass irgendetwas hängen bleibe oder wenigstens einen Fleck hinterlasse.Joseph Choi: Wisconsin Gov. rips Sidney Powell's lawsuit filled with factual errors in court filing In: The Hill vom 5. Mai 2021.

Im Dezember 2020 erwog Präsident Trump kurzzeitig, Sidney Powell zu einer Sonderermittlerin für von ihm vermuteten Wahlbetrug zu ernennen.Maggie Haberman und Zolan Kanno-Youngs, Trump Weighed Naming Election Conspiracy Theorist as Special Counsel, The New York Times vom 19. Dezember 2021. Aus Aussagen vor dem Untersuchungsausschuss des Repräsentantenhauses zum Sturm auf das Kapitol in Washington 2021 ergab sich, dass Powell, Michael Flynn und Patrick Byrne am 18. Dezember 2020 versucht hatten, Präsident Trump davon zu überzeugen, Wahlautomaten der Bundesstaaten zu beschlagnahmen und Powell zur Sonderermittlerin für verbreiteten Wahlbetrug zu ernennen. Laut Aussagen von Pat A. Cipollone und anderen Rechtsberatern ist die Ernennung an ihrem Widerstand gescheitert. Laut Sidney Powells Aussage vor dem Untersuchungsausschuss hatte Trump sie ernannt. Fehlende Erfolge bei Wahlanfechtungen soll Powell während des Treffens am 18. Dezember damit erklärt haben, dass alle Richter in den über sechzig Gerichtsverfahren korrupt gewesen seien.Maggie Haberman, Tears, Screaming and Insults: Inside an ‘Unhinged’ Meeting to Keep Trump in Power, The New York Times vom 12. Juli 2022.

Disziplinarverfahren und Anklagen Disziplinarmaßnahmen wegen anwaltlichen Fehlverhaltens Am 1. März 2022 reichte der Disziplinarausschuss des State Bar of Texas (entspricht der Rechtsanwaltskammer) Klage gegen Powell wegen anwaltlichen Fehlverhaltens in den Wahlanfechtungsfällen ein.Alison Durkee, Texas State Bar Alleges Sidney Powell Committed Professional Misconduct With Election Lawsuits — Could Lead To Disbarment, Forbes vom 9. März 2022. Das angerufene texanische Gericht wies ihren Antrag auf Nichtzulassung der Klage ab. Powell hatte geltend gemacht, dass die von der Anwaltskammer gesetzten Standards es Rechtsanwälten unmöglich machen würden, künftig Wahlen anzufechten. Die Klage sei ansonsten rein politisch motiviert.Alison Durkee, Sidney Powell Could Still Be Disbarred As Court Lets Case Against Her Move Forward, Forbes vom 23. Juni 2022.

Anklage im Fulton County wegen Verschwörung zur Manipulation einer Wahl