mini|Motel One am Bahnhof Zoo, Berlin, 2006 Benedict Tonon (* 1944 in Hamburg) ist ein deutscher Architekt und ehemaliger Hochschulprofessor, der in Berlin lebt und arbeitet.
Leben Seit 1978 arbeitet Benedict Tonon als freischaffender Architekt. Zuvor hatte er als Angestellter von Josef Paul Kleihues gearbeitet, dort unter anderem an der Wohnbebauung am Vinetaplatz. Zwischenzeitlich übernahm er Aufgaben im Büro von Oswald Mathias Ungers, so zum Beispiel beim Entwurf der IBA-Bebauung am Lützowplatz in Berlin. Bis 1992 betrieb Tonon ein gemeinsames Architekturbüro mit Klaus Theo Brenner. Von 1994 bis 2010 war Tonon Professor im Fach Grundlagen der Baukonstruktion und Entwerfen an der Berliner Universität der Künste (bis 2001 Hochschule der Künste HdK). Ein besonderes Interesse von Benedict Tonon ist die Verknüpfung von Theorie und Praxis des Entwerfens. Er promovierte 2017 zum Dr. Phil. an der Universität der Künste. Die Dissertationsschrift wurde 2021 mit dem Titel Architektur – eine hermeneutische Kunst veröffentlicht. In dem Buch setzt sich Tonon auseinander mit den Verflechtungen von Philosophie, Architektur, Gestaltung und Wahrnehmung.
Werk Das Werk von Benedict Tonon ist eins der herausragenden Beispiele für eine Architektur, die der Kunsthistoriker Heinrich Klotz als die „Revision der Moderne“ bezeichnet. Bei dieser zeitgenössischen Form von Architektur geht es den Planenden darum, einen reflexiven Blick auf die Architekturgeschichte zu richten – also eine Form von Rückbesinnung zu ermöglichen – ohne dabei in postmoderne Beliebigkeit oder Eklektizismus zu verfallen.
Im Rahmen der der Internationalen Bauausstellung Berlin 1987 (IBA 87) entwickelten und erprobten Tonon/Brenner den Planungsansatz einer reflexiven Moderne anhand zweier Projekte in Berlin-Tiergarten. Eines der Ziele der Bauausstellung bestand darin, in der Berliner Innenstadt öffentliche und private Räume mit individuellem Charakter zu schaffen, ganz anders als es die „soziale Logik des Allgemeinen“ in der Hochphase der Moderne noch verlangte.Sowohl die Kriegszerstörung als auch der organische Funktionalismus der Nachkriegsjahrzehnte hatten das Berliner Stadtgefüge auf eine Weise geprägt, die in den späten 1970er Jahren und frühen 1980er Jahren als zunehmend Ort-los empfunden wurde. Hier knüpften Tonon und Brenner mit ihrer Idee zu einer stadträumlichen Erweiterung des Hotel Berlin am Lützowplatz an (1986–1987). Der ursprüngliche Hotelbau von Schwebes und Schoszberger aus den 1950er Jahren war gewissermaßen symbolisch für Berlin und das Freiheitsversprechen der modernen Architektur des Wiederaufbaus – ein freistehender Riegel in einer quasi leergeräumten Stadt. Dies stand im Kontrast zu dem städtebaulichen Ideal der IBA. Der Paradigmenwechsel im Städtebau der 1980er Jahre bedeutete, sich davon zu verabschieden, Gebäude als Objekte im freien Raum zu entwerfen. Stattdessen sollte die Stadt als komplexes Geflecht aus Wegen, Räumen und sozialen Strukturen behandelt werden. Diesem neuen Paradigma entsprechend, entstand für die Situation des Hotel Berlin, Berlin eine neue stadträumliche Interpretation: Tonon und Brenner – nur für den städtebaulichen Entwurf und die Fassade zuständig – entwarfen einen Hoteltrakt, welcher in einem Kurvenverlauf die Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße zur Schillstraße herumführt und so den historischen Stadtraum des zerstörten Lützowplatzes wieder herstellt. Für das IBA-Projekt Villenquartier Rauchstraße in Berlin-Tiergarten, welches dem sozialen Wohnungsbau die historische Referenz eines kleinteiligen Maßstabs als Orientierungspunkt vorgab, entwarfen Tonon und Brenner eine Stadtvilla an der Thomas-Dehler-Straße (1982–1984).Das Gebäude öffnet sich auf der Südseite – mit großen Fenstern und Balkonen – zur Parkanlage, die sich zwischen den Stadtvillen befindet. Obwohl die Grundform dieses Hauses aus einem regelmäßigen Viereck besteht, besitzen die einzelnen Wohnungen jeweils sehr unterschiedliche Zuschnitte. Wie bei allen Einzelbauten in diesem Projekt ging es darum, die Erfahrung des Wohnens in einer Villa zu ermöglichen – und das mit den Mitteln des sozialen Wohnungsbaus. Bei der eigentlichen Gebäudeplanung vermeidet der Bau von Brenner und Tonon jedoch – anders als die meisten anderen Entwürfe des Stadtvillen-Quartiers – Symmetrieachsen und historische Bezüge auf vergangene Jahrhunderte. Historische Referenzen finden sich in städtebaulicher Konfiguration und Bautyp der Stadtvilla, nicht jedoch bei der eigentlichen Gestaltung des Gebäudes.
Präsent im Berliner Stadtbild sind vier Brücken, die nach Entwürfen von Tonon errichtet wurden. Zusammen mit Brenner – ebenfalls im Rahmen der IBA – realisierte Tonon den Hiroshimasteg über den Landwehrkanal (1986–1987).Bei diesem Projekt handelt es sich um den Wiederaufbau der ehemals an dieser Stelle vorhandenen Lützowbrücke. Das historische Bild der Brücke verwandelten Tonon und Brenner – herstellungsästhetisch mit den technischen Mitteln der Gegenwart erschlossen – in eine zeitgenössische Konstruktion. Etwas außerhalb der Stadt, in Dreilinden, steht die Königswegbrücke (1995–1997). Deutlich sichtbar in der Innenstadt sind hingegen die Marschallbrücke über die Spree in Berlin-Mitte (1995–1998) sowie der Anhalter Steg über den Landwehrkanal (1999–2001).Mit dem Anhalter Steg evoziert Tonon die historische Atmosphäre des Ortes, indem er das verfügbar gewordene, historische Artefakt eines Bogentragwerks von einer Brücke aus des 19. Jahrhunderts zum Einsatz brachte: Als Mittelsegment des Anhalter Stegs dient die historische, niettechnisch hergestellte Konstruktion und kontrastiert so mit den Seitensegmenten des Anhalter Stegs; denn bei den Seitensegmenten handelt es sich um vorgespannte Vierendeelträger einer schweißtechnisch hergestellten Brücke der Gegenwart.
Unklar ist die Beteiligung von Tonon am Neubau des Bauhaus-Museums am Stéphane-Hessel-Platz in Weimar. Der Wettbewerbsentwurf wurde 2012 als ein gemeinsamer Beitrag von Heike Hanada und Benedict Tonon eingereicht. Die weitere Entwurfsplanung und Ausführung gelten jedoch als Werk von Hanada allein. Dieser Umstand allein wäre nicht weiter diskussionswürdig, wenn sich der realisierte Museumsbau nicht so stark vom Wettbewerbsentwurf unterscheiden würde. Zudem wurde die hermetische Monumentalität des ausgeführten Baus nach dessen Eröffnung 2019 kontrovers diskutiert.
Die Entwürfe von Tonon wurden mit Preisen ausgezeichnet. Im Jahr 2000 erhielt er den Deutschen Städtebaupreis, für seine Bauten der Fachhochschule Brandenburg in Brandenburg an der Havel.
Veröffentlichungen Architektur – eine hermeneutische Kunst: Ereignis, Deutung, Sinn. Park Books, Zürich 2021, ISBN 978-3-03860-241-5. Benedict Tonon – Brücken, Häuser, Orte. Park Books, Zürich 2022, ISBN 978-3-03860-313-9.
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Werkliste Angabe zur Werkliste entstammen folgender Publikation: Benedict Tonon – Brücken, Häuser, Orte. Park Books, Zürich 2022, ISBN 978-3-03860-313-9.
Ausgeführte Entwürfe 1975–1977: Villa an der Oberalster, Hamburg-Wohldorf 1982–1984: Mehrfamilienhaus Stadtvilla im Tiergartenviertel, IBA 87 1983–1990: Städtebaulicher Entwurf und Fassadenplanung Hotel Berlin, Berlin am Lützowplatz, IBA 87 1985–1997: Wohn- und Geschäftshaus, Hamburg-Barmbek 1986–1987: Hiroshimasteg (Brücke über den Landwehrkanal), IBA 87 1987–1994: Sportanlage Windmühlenberg, Berlin-Gatow 1991–1994: Geschäftshaus der Hamburger Sparkasse, Hamburg-Barmbek 1991–1997: Umbau und Glas-Atrium des Gebäudes der Deutsche Bank, Unter den Linden, Berlin-Mitte 1992–1997: Wohnquartier Leopoldplatz, Dortmund 1992–1993: Städtebaulicher Entwurf, Technische Hochschule Brandenburg 1992–1998: Technisches Zentrum, Technische Hochschule Brandenburg 1992–1999: Siedlung Buchenkamp, Hamburg-Volksdorf 1993–2003: Mehrfamilienwohnhaus Schnecke, Holsteiner Ufer, Berlin-Tiergarten 1995–1997: Königsweg-Brücke, Berlin-Dreilinden 1995–1998: Marschallbrücke, Berlin-Mitte 1995–2000: Kindergarten, Sozialstation und Wohnen, Pulvermühle, Wasserstadt Berlin-Oberhavel 1996–1998: Brücke Berlin-Anhalt, Landwehrkanal, Berlin-Kreuzberg 1996–1999: Wohnquartier Schultheiss, Wasserstadt Berlin-Oberhavel 1996–1999: Wohnquartier Lazarett, Potsdam 1998–2002: Gefahrstofflager der Humboldt-Universität, Berlin-Adlershof 1998–2002: Institutsgebäude der Humboldt-Universität, Berlin-Adlershof 2002–2008: Passage Yva-Bogen (Gewerbe, Hotel, Parkhaus), Berlin-Charlottenburg 2003–2005: Wetzlar-Grundschule, Berlin-Buckow 2003–2008: Einkaufszentrum LlO (Lichterfelde Ost), Berlin-Lichterfelde 2007–2009: Waldorfkindergarten, Berlin-Prenzlauer Berg 2012: Wettbewerb und Entwurfsbegleitung Bauhaus-Museum, Weimar
Nicht ausgeführte Projekte und Wettbewerbsentwürfe 1983: Winterfeldtplatz, Berlin 1983: Brücke über die Weser, Teerhof Bremen 1983: Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main 1991: Quartier 203 Friedrichstraße/Leipziger Straße, Berlin-Mitte 1992: Städtebaulicher Entwurf Gebiet am Bahnhof Friedrichstraße, Berlin-Mitte 1997: Idee Schlossplatz, Berlin-Mitte 1998: Bibliothek und Informationszentrum der Humboldt-Universität, Berlin-Adlershof 1999: Städtebaulicher Entwurf Gebiet Deichtor und Ericus, Hamburg 1999: Städtebaulicher Entwurf für eine Passage und Multiplexkino am Bahnhof Zoologischer Garten, Berlin-Charlottenburg 2000: Brücke über die Oker, Braunschweig 2001: Biosphärenhalle Bundesgartenschau, Potsdam 2006: Brücke über den Landwehrkanal zum Gleisdreieck-Park, Berlin-Kreuzberg 2006: Bebauung Teerhof, Bremen 2008: Brücke über die Regnitz, Bamberg 2013: Kontor Heinemann, Brooktorkai Hamburg 2013–2014: Wohnbebauung am Holocaust-Mahnmal, Berlin-Mitte 2014: Umbau der St.-Hedwigs-Kathedrale, Berlin-Mitte 2015: Bauhaus-Museum Dessau 2016: Museum des 20. Jahrhunderts, Kulturforum Berlin-Tiergarten 2017: Besucherzentrum für das Mies-van-der-Rohe-Haus, Berlin-Hohenschönhausen 2021: Hochhäuser am Yva-Bogen, Berlin-Charlottenburg
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