Erdbogen, englisch ground bow, ground harp, earth bow, französisch arc en terre, ist ein einfaches Saiteninstrument, dessen Saite an einem in den Erdboden gesteckten biegsamen Holzstab als Saitenträger und einer über einer Grube liegenden Membran meist aus Baumrinde oder einer Blechplatte befestigt ist. Das ausgegrabene Erdloch dient als Resonanzraum zur Schallverstärkung. Der Musiker erzeugt unterschiedliche Tonhöhen, indem er mit einer Hand den Holzstab biegt, um die Saite mehr oder weniger stark zu spannen, und sie mit der anderen Hand zupft. Stationäre Erdbögen stehen wie tragbare Musikbögen am Anfang der geschichtlichen Entwicklung der Saiteninstrumente. Der Erdbogen ist hauptsächlich von einigen Regionen in Zentralafrika (darunter Demokratische Republik Kongo und Zentralafrikanische Republik) und Ostafrika (Uganda) bekannt. Weitere Verbreitungsgebiete liegen oder lagen in der Karibik, in Westafrika und im südlichen Afrika (Simbabwe und in Südafrika bei den Venda). Er gehört nach der Hornbostel-Sachs-Systematik zu den Harfen.

Bei der verwandten Erdzither (englisch ground zither, französisch cithare en terre), deren Resonator gleichfalls aus einem Erdloch besteht, ist die an beiden Enden am Erdboden befestigte und über in den Boden gesteckte Pflöcke geführte Saite durch eine kürzere Schnur in der Mitte mit der Membran über der Grube verbunden. Die instrumentenkundlich den Brettzithern zuzuordnende Erdzither ist vereinzelt in Zentralafrika (Kongo), Madagaskar und vor allem in Südostasien (Vietnam) anzutreffen. mini|hochkant=1.4|Skizze des Erdbogens dyulu tama der Malinke in Guinea, C. Maclaud 1908

Herkunft mini|links|hochkant|Ein Sanan in Burkina Faso spielt einen Mundbogen. Charles Darwin (1871) ergänzt sein Diktum: „Da weder die Freude an dem Hervorbringen musikalischer Töne noch die Fähigkeit hierzu von dem geringsten Nutzen für den Menschen in Beziehung zu seinen gewöhnlichen Lebensverrichtungen sind, so müssen sie unter die mysteriösesten gerechnet werden.“ um die Feststellung, dass die Frühmenschen, bevor sie sich durch Sprache artikulieren konnten, mit ihren Stimmorganen verständigten und die Frauen mit ihren „lieblicheren Stimmen...zuerst musikalische Kräfte erlangten, um das andere Geschlecht anzuziehen.“Charles Darwin: Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl. Band 2. E. Schweizerbart’sche Verlagshandlung (E. Koch), Stuttgart 1871, S. 313, 317 ()

Nützlichkeitserwägungen, die die Gesangsstimme als ursprüngliches Signalinstrument beschreiben und für die Herstellung von Musikinstrumenten ausschlaggebend gewesen sein sollen, wurden auch von Musikhistorikern vorgebracht. Für Curt Sachs (1940) steht bei den altsteinzeitlichen Jägern aber nicht die Verwendung von Signal- oder Geräuschinstrumenten für die Jagd oder für musikalische Zwecke, sondern als lebenssichernde magische Hilfsmittel im Vordergrund. Nicht Form oder Material, sondern sein Klang bestimmt die magische Qualität eines Musikinstruments, wie Sachs für das Beispiel des Schwirrholzes ausführt.Curt Sachs, 1940, S. 42f

Neben Theorien, die für jedes Musikinstrument eine eigene, mehr oder weniger unabhängige Entwicklungsgeschichte vorschlagen, gibt es auch ein Modell, wonach alle Musikinstrumente auf denselben Ursprung zurückgehen. Demnach stehen die frühesten Klangerzeuger der Altsteinzeit mit Gerätschaften für die Jagd in Beziehung oder hatten mit der Ausübung der Jagd zu tun. Hierunter fällt vor allem der einfache Mundbogen, der sich aber auf prähistorischen Felszeichnungen nicht zuverlässig von einem Jagdbogen unterscheiden lässt und auch in seiner heutigen Verwendung etwa bei den ǃKung im südlichen Afrika nichts anderes als ein umfunktionierter Jagdbogen ist.Vgl. Gerhard Kubik: Das Khoisan-Erbe im Süden von Angola. Bewegungsformen, Bogenharmonik und tonale Ordnung in der Musik der ’ und benachbarter Bantu-Populationen. In: Erich Stockmann (Hrsg.): Musikkulturen in Afrika. Verlag Neue Musik, Berlin 1987, S. 82–196, hier S. 115 Außerdem sollten die frühesten Klangerzeuger (wie Gefäßflöten) Tierstimmen nachahmen, um Beute anzulocken oder (wie Schraper aus Knochen und Schwirrhölzer) Tiere erschrecken, damit sie davonlaufen und in Fallen gefangen werden. Schließlich dienten Signalinstrumente (Tierhörner und Schneckentrompeten) der Verständigung zwischen weit entfernten Jägern.

Saiteninstrumente gelten als die jüngste Gruppe der Musikinstrumente. In Curt Sachs’ Einteilung der Instrumentenentwicklung gehören sie, vertreten durch Erdbogen, Erdzither und Musikbogen, zum „mittleren Stratum“ der im Unterschied zum „älteren Stratum“ nicht weltweit, sondern in großen Regionen auf mehreren Kontinenten verbreiteten Musikinstrumente.Curt Sachs, 1940, S. 63 Wegen einer 15.000 bis 13.000 BP datierten Höhlenzeichnung in der Drei-Brüder-Höhle in Frankreich, die nach einer zweifelhaften Interpretation einen Mundbogen spielenden Mann in Tierkleidung zeigt, und wegen ähnlichen Szenen von in Umrissen dargestellten Figuren aus der Zeit des Magdalénien und der nachfolgenden Mittelsteinzeit, gilt der Mundbogen als ältestes Saiteninstrument. Erdbögen gehören ebenfalls in den Zusammenhang der Jagd. Sie finden sich nicht auf prähistorischen Darstellungen, ihre frühe Verwendung wird aber aus seit dem 19. Jahrhundert vorliegenden ethnologischen Beobachtungen gefolgert. Die für Tierfallen am Pfad der Wildtiere ausgehobene Grube entspricht dem Loch des Erdbogens und ist mit labilen membranartigen Stoffen wie Rinde oder Tierhaut abgedeckt, damit das Tier einbricht, wenn es darauftritt. Die mittig auf der Membran befestigte Schnur wird beim Erdbogen in Schwingungen versetzt und bei der Fallgrube hält sie die Abdeckung in ihrer Position, bis das Tier mit dem Kopf oder einem Fuß die Schnurschlinge von ihrer Befestigung löst und mitsamt der Abdeckung einbricht.Bo Lawergren: The Origin of Musical Instruments and Sounds. In: Anthropos, Band 83, Heft 1/3, 1988, S. 31–45, hier S. 35f

Vielleicht begann ein Jäger an der Fallenschnur zu zupfen und erfand so den Erdbogen. Der Nachteil des Erdbogens ist sein nur stationär möglicher Gebrauch, weshalb Jeremy Montagu in Erwägung zieht, dass er sogar älter als der von einem Ort losgelöste Musikbogen sein könnte.Jeremy Montagu: Origins and Development of Musical Instruments. Scarecrow Press, Lanham (Maryland) 2007, S. 194 Falls Mutmaßungen über die zeitliche Abfolge für möglich gehalten werden, dann gelten die für das menschliche Grundbedürfnis Jagd notwendigen Geräte Bogen und Falle gegenüber den gleichartigen Klangerzeugern Musikbogen und Erdbogen als älter.Jeremy Montagu: How Music and Instruments Began: A Brief Overview of the Origin and Entire Development of Music, from Its Earliest Stages. In: Frontiers in Sociology, 20. Juni 2017, S. 1–12, hier S. 7

Weiterentwicklung mini|Bogenharfe kundi der Azande. Die Saitenebene einer Harfe verläuft rechtwinklig zur Korpusdecke. mini|Sechssaitige Trogzither auf eine Kalebasse gebunden. Sprachgruppe Shi um Bukavu im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Koninklijk Museum voor Midden-Afrika, Tervuren Zweifellos stehen die beiden einsaitigen Musikinstrumente unabhängig ihres nicht konkret fassbaren Alters am Beginn einer langen Entwicklungsgeschichte. Durch ungefähr mittige Teilung der Saite eines Mundbogens mittels einer Stimmschlinge, die mit einem Resonanzkörper verbunden ist, ergibt sich aus dem Mundbogen ein Musikbogen, der zwei Grundtöne produziert und prinzipiell einer Erdzither entspricht, während eine höhere Anzahl von Saiten an jeweils einem biegsamen Saitenträger zu einem Pluriarc führt.

Nach der Hornbostel-Sachs-Systematik gehört der Erdbogen nicht zu den Stabzithern (311), weil bei diesen ein eventuell vorhandener Resonator seitlich und abnehmbar am Stab angebracht ist, und nicht wie die Erdzither zu den Brettzithern (314), sondern zu den Harfen (322), bei denen die Saiten in einem rechten Winkel die Decke des Resonators verlassen.Erich Moritz von Hornbostel: The Ethnology of African Sound-Instruments (Continued). In: Africa: Journal of the International African Institute, Band 6, Nr. 3, Juli 1933, S. 277–311, hier S. 310 Die seit dem Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. in Mesopotamien abgebildete Bogenharfe stellt strukturell einen von seiner Ortsgebundenheit befreiten Erdbogen dar. Diese (europäische) instrumentenkundliche Klassifizierung unterschlägt die musikalisch engere Beziehung zu afrikanischen Musikbögen. Aus anderen Gründen glauben die Baganda in Uganda jedoch, dass ihr Erdbogen sekitulege der historische Vorläufer der achtsaitigen Bogenharfe ennanga gewesen sei.Ulrich Wegner, 1984, S. 60

Allerdings ist die Besonderheit des Erdbogens, dessen Saitenspannung und damit Tonhöhe durch Biegen oder Strecken des Holzstabes in einem weiten Bereich kontinuierlich variabel ist, so nur beim Typus der einsaitigen vietnamesischen Kastenzither đàn bầu erhalten geblieben. An die Stelle des Erdlochs ist bei der đàn bầu ein langrechteckiger Holzkasten getreten, an dessen einem Ende ein beweglicher Stab herausragt, von dem eine Metallsaite schräg über den Kasten bis zu dessen anderem Ende verläuft. Die mit einer Hand am Stab gespannte Saite wird mit der anderen Hand gezupft und produziert hell klingende Glissando-Töne. In China sind mit der duxianqin (yixian qin) und in Japan mit der ichigen-kin ähnliche Instrumente bekannt.

Die đàn bầu liegt beim Spielen auf einem Tisch. Für einen weiteren Entwicklungsschritt hält Curt Sachs (1940) ein tragbares Musikinstrument und erwähnt die in ihrer Tonhöhe ebenfalls stufenlos variable einsaitige Zupftrommel anandalahari in Indien, deren freies Saitenende mit einer Hand beliebig stark gestrafft wird.Curt Sachs, 1940, S. 55 Die anandalahari wird rhythmisch verwendet und unterscheidet sich konstruktiv und musikalisch deutlich von der đàn bầu, dennoch wurde auf eine mögliche Verbindung der beiden Instrumententypen verwiesen.Trân Văn Khê, Nguyen Thuyet Phong: Vietnam, Socialist Republic of. 2. Instruments. (ii) Chordophones. In: Grove Music Online, 2001 Die zwei Typen der indischen Zupftrommeln haben als einzige strukturelle Gemeinsamkeit mit dem Erdbogen, dass – entsprechend der Abdeckung mit Rinde über dem Erdloch – ein Saitenende in der Mitte einer Membran (Trommelmembran aus Tierhaut) befestigt ist.Erich Moritz von Hornbostel: The Ethnology of African Sound-Instruments (Continued), 1933, S. 282

Auf eine gänzlich andere Adaption des Erdbogens macht Klaus Wachsmann (1958) aufmerksam. In Uganda gab es im 19. Jahrhundert den mit dem Finger gezupften Erdbogen sekitulege, der als Kinderinstrument verwendet wurde. In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts machten von der ostafrikanischen Küste kommende arabische Händler die Ugander mutmaßlich mit der arabischen Spießgeige rbāb oder mit einer chinesischen Röhrenspießgeige bekannt. Ein junger ugandischer Musiker soll nun um 1907 den gezupften Erdbogen mit der Idee der gestrichenen Spießgeige verbunden und die ugandische Röhrenspießgeige endingidi erfunden haben. Auf der lauter klingenden endingidi wurden zunächst vom Erdbogen übernommene Melodien gespielt.Klaus Wachsmann: A Century of Change in the Folk Music of an African Tribe. In: Journal of the International Folk Music Council, 1958, Band 10, 1958, S. 52–56, hier S. 53 Typologisch ist der Weg vom Erdbogen zur Spießgeige weniger naheliegend.