Die Kromy-Orjoler Operation (russisch: Орловско-Кромское сражение), vom 11. Oktober bis 18. November 1919 war eine entscheidende Auseinandersetzung zwischen der Roten Armee und den Streitkräften Südrusslands im Russischen Bürgerkrieg. Die weißrussische Freiwilligenarmee konnte im Zuge der "Moskauer Offensive" die Stadt Orjol kurzfristig besetzen, erlitt dann aber eine Niederlage. Der Gegenangriff der Roten Südfront eroberte am 20. Oktober Orjol zurück und warf die weiße Freiwilligenarmee zurück. Nach diesem Erfolg gelang es der 1. Roten Reiterarmee auch die Stadt Woronesch zu erobern. Die Freiwilligenarmee drohte dadurch vom Nachschub abgeschnitten zu werden, musste alle besetzten Gebiete räumen und sich bis Dezember 1919 auf den Don zurückziehen.
Vorgeschichte Sommerfeldzug der Weißen nach Moskau 185px|mini|Wladimir Senonowitsch Mai-Majewski Am 23. Mai 1919 wurde Generalleutnant W. S. Mai-Majewski vom Oberbefehlshaber der weißen Armeen in Südrussland, General Denikin zum Befehlshaber der sogenannten Freiwilligenarmee befördert.
Eine der unmittelbaren Folgen des Rückzuges der roten Südfront war die Auflösung der selbständigen Existenz der ukrainischen Frontkommandos. Am 4. Juni wurde die ukrainische 2. Armee in die rote 14. Armee (Oberst Alexander Iljitsch Jegorow) umbenannt und dem Kommando der Südfront unterstellt. Die ukrainische 1. Armee an der Front Korosten - Rybnitsa und die ukrainische 3. Armee, die entlang des Dnjestr von Rybnitza bis zur Mündung stationiert waren, wurden zur roten 12. Armee (General Nikolai Grigorjewitsch Semjonow) umorganisiert, die der Westfront zugeteilt wurde. Anfang Juni eroberten Weisse Garden das Donbass-Gebiet, am 24. Juni nahmen sie Charkow ein, am 27. Juni Jekaterinoslaw und am 30. Juni konnte Wrangel auch das lange umkämpfte Zarizyn besetzen.
Am 3. Juli erließ Denikin die Weisung zum Vormarsch auf Moskau und plante die Hauptschläge der Freiwilligenarmee in Richtung auf Kursk, Orjol und Tula. Die weißen Streitkräfte Südrusslands (russisch: Вооружённые си́лы Ю́га Росси́и, Wooruschjonnyje sily Juga Rossii, abgekürzt (ВСЮР-) WSJUR-Truppen) vereinten die Don-Armee (General W. I. Sidorin), die Kaukasischen Armee (General Baron Pjotr von Wrangel) und Teile der Freiwilligenarmee (General Mai-Majewski). Die Gesamtzahl dieser Truppen betrug 100.900 Mann, 43.200 Reiter und 303 Kanonen.
Die Truppen der Roten Armee führten auf etwa 1400 km Front Verteidigungskämpfe und konnte den Gegner Anfang August in der ersten Angriffsphase der weißen Truppen an der Linie Nowoukrajinka, Romodan, Obojan, Liski, Borisoglebsk nördlich von Kamyschin, Wladimirowka und Tschorny Jar stoppen. Die Stärke der Truppen der Südfront der Roten Armee (Mitglieder des Revolutionären Militärrates G. J. Sokolnikow, M. K. Wladimirow, L. P. Serebrjakow und M. M. Laschewitsch) belief sich Mitte August 1919 auf etwa 150.500 Mann, 7000 Reiter, 719 Kanonen, 3197 Maschinengewehre; in den befestigten Gebieten gab es weitere 35.000 Bajonette und Säbel, 129 Kanonen und 184 Maschinengewehre.
Das Oberkommando der Roten Armee erwog mehrere Optionen für eine Gegenoffensive. Der Oberbefehlshaber Joakim J. Vatzetis beabsichtigte, mit den Streitkräften der roten 14., 13. und 8. Armee den Gegenangriff in Richtung Charkow anzusetzen. Die rote 9. und 10. Armee, die zwischen Wolga und Don vorrücken sollte, hatten einen zusätzlichen Angriff zu führen. Der Befehlshaber der Südfront, W. N Jegorjew schlug vor, die Hauptkräfte im Gebiet Nowochopjorsk-Kamyshin zu konzentrieren und den Hauptschlag in Richtung des unteren Choper und des unteren Don zu führen, wobei aber eine Barriere in Richtung Charkow offen blieb. General S. S. Kamenew, der Vatzetis auf Trotzkis Anweisung am 8. Juli ersetzte, schlug vor, den Hauptschlag mit dem linken Flügel der Südfront in Richtung Don zu liefern. Dieser Plan wurde vom Politbüro des Zentralkomitees der kommunistischen Partei mit Stimmenmehrheit gebilligt, obwohl L. D. Trotzki diese Option ablehnte und sich dafür aussprach, unter Umgehung der Kosakenregionen, den Hauptschlag in Richtung Charkow, zu führen.
mini|Sergei S. Kamenew
Der Beginn der Gegenoffensive der Roten Armee war für den 2. bis 5. August geplant, doch zu diesem Zeitpunkt waren die Vorbereitungen aufgrund der langsamen Verschiebung der Verstärkungen, Reserven, Waffen, Munition und Nahrungsmitteln an die Südfront noch nicht abgeschlossen. Das weiße Frontkommando wurde auf die bevorstehende Gegenoffensive aufmerksam und ergriff sofort vorbeugende Maßnahmen. Am 10. August durchbrach das 4. Don-Korps der Weißgardisten unter K. K. Mamontow die rote Front. Die Truppen des 4. Don-Korps (6000 Infanteristen, 3000 Reiter und 12 Geschütze) gingen beim Dorf Dobrinskaja über den Fluss Choper, durchbrachen die gegnerische Front an der Naht zwischen der 8. und 9. roten Armee, gelangte in das Hinterland der Südfront und begann in Richtung Tambow vorzugehen (Mamontow Kavallerieraid). Die sowjetische 40. Schützen-Division wurde besiegt und deren Reste in die Flucht geschlagen. Um den Gegner aufzuhalten, wurde die 56. Schützen-Division (Kommandeur M. W. Sluvis) aus der Reserve der Separaten Stoßgruppe Schorin von Kirsanow abgeschickt, deren Avantgarde am Oberlauf des Flusses Zna ebenfalls besiegt wurde. Die Operationen des Korps Mamontows behinderten die Vorbereitung und Durchführung der Gegenoffensive der Roten Armee erheblich, die starke Kräfte ablenken musste, um den weißen Fronteinbruch zu beseitigen. Darüber hinaus griff am 12. August auch das 1. Korps von General Kutepow die rechte Flanke der roten 13. Armee an und unterbrach die Verbindungen zur benachbarten 14. Armee, indem es auf den Sektoren Kursk und Rylsk vorrückte. Das Kommando der Südfront beschloss, Budjonnys Kavalleriekorps aus der 10. Armee abzuziehen, um es gegen Mamontows Kavalleriekorps nach Novochopjorsk zu werfen. Zur gleichen Zeit beschloss der Kommandeur des neu gebildeten Kavalleriekorps, General F. K. Mironow ohne Befehl gegen Denikins Truppen vorzugehen. Dieser Schritt wurde vom roten Oberkommando als Meuterei empfunden, die Streitkräfte von Budjonnys Kavalleriekorps erhielten Befehl ihn zu neutralisieren, am 13. August wurde Mironow verhaftet und 500 Mann seiner Einheit entwaffnet.
mini|Karte mit der Aufstellung der roten und weißen Armeen und den Plänen der weißen Armee zur Eroberung Moskaus – der so genannten „Moskau-Offensive“ (Sommer 1919)
Gegenoffensive der Roten Armee Die bevorstehenden Offensive wurde am linken Flügel der Südfront auf Nowotscherkassk und Rostow geführt. Die spezielle Gruppe von W. I. Schorin (9. und 10. Armee und Kavalleriekorps von S. M. Budjonny mit 52.500 Mann, 14.500 Reiter, 314 Kanonen und 1227 Maschinengewehre) führte den Hauptschlag. Unterstützung wurde durch den Angriff der Gruppe von W. I. Seliwatschew (8. Armee, 3. und 42. Schützendivision der 13. Armee mit insgesamt 49.700 Mann, 4700 Reiter, 268 Kanonen und 1381 Maschinengewehre) in Richtung auf Kupjansk angesetzt. Die Breite der gemeinsamen Offensivfront betrug 760 Kilometer. Die 14. Armee sollte die Offensive der Gruppe Seliwatschew unterstützen, nachdem sie die Aufgabe erhalten hatte, nach Losowaja zu stoßen.
Am 14. August begann die Gruppe Schorin, unterstützt von der Wolga-Division und der Kama-Flottille (5 Kanonenboote, 16 Transporter, 1 schwimmende Batterie) ihre Offensive gegen die Don-Armee und die Kaukasische Armee (12.300 Mann, 21.900 Reiter, 93 Geschütze und 249 Maschinengewehre). Die rote 10. Armee (General Leonid Lawrowitsch Klujew) startete in Zusammenarbeit mit Budjonnys Kavalleriekorps eine Offensive gegen Kamyshin und Zarizyn; die rote 9. Armee (General Alexander Karlowitsch Stepin) - gleichzeitig gegen Ust-Choperskaja. Ende August besiegte Budyonnys Kavalleriekorps die Kosakendivision von General A. M. Sutulow im Gebiet westlich des Dorfes Ostrowskaja und versetzte zusammen mit der 10. Armee den weißen Truppen beim Dorf Selenowskaja einen schweren Schlag, indem sie 4 gepanzerte Züge eroberte.
Am 15. August startete die Gruppe Seliwatschew den nächsten Angriff gegen die Truppen des rechten Flügels der Freiwilligenarmee und Teile der Don-Armee (20.500 Mann, 9200 Reiter, 69 Kanonen und 208 Maschinengewehre). Der Hauptschlag an der Naht der Don- und Freiwilligen-Armee wurde von einer weiteren Stoßgruppe (3. und 42. Schützendivision und Kavallerie-Brigade der 13. Armee, 12., 15., 16. und 13. Schützendivision der 8. Armee) ausgeführt, welche in der Mitte, etwas vorgezogen am dichtesten massiert war.
Bis zum 25. August hatten die Stoßtruppen der Gruppe Seliwatschew 60 km zurückgelegt, nachdem sie Nowy Oskol, Birjuch und Waluiki besetzt hatten, rückte diese an der rechten Flanke in Richtung Belgorod vor. In der Mitte näherten sich die Rote Armee Kupjansk, nachdem sie bis zu 150 km zurückgelegt hatte, der rechte Flügel stand noch 40 km von Charkow entfernt. Bis zum 1. September rückten die Truppen der Gruppe Seliwatschew auf die Linie Woltschansk, Kupjansk, Walujki, Bahnstation Podgornoje (nördlich von Rossosch) vor. Die Offensive der Streitkräfte der Gruppe Seliwatschew fand ohne Interaktion mit der Gruppe Schorin statt, was zu abweichenden Stoßrichtungen führte, wodurch die Schlagkraft geschwächt wurde. Im Hinterland operierte derweil noch immer Mamontows Kavallerie und störten die Kommunikation der roten Truppen.
Die Weißen Truppen konzentrierten starke Kräfte gegen die Flanken der Gruppe Seliwatschew und gingen am 26. August zum Angriff über. Zwei Divisionen des 1. Korps und des 3. Kuban-Kavalleriekorps von General A. G. Schkuro rückten von der Region Belgorod nach Korotscha und Nowy Oskol vor. Aus den Gebieten Karpenkowo, Krasnoje, Samotejewka, Birjuch griffen die 8. Division und die 2. Don-Division an. Mit diesen Angriffen versuchten die Weißen, die Hauptkräfte der Gruppe Seliwatschew zu umfassen und zu schlagen. Die roten Truppen verteidigten sich hartnäckig durch Gegenstöße der 12. und 42. Schützendivision und zogen sich bis zum 15. September auf den Sejm-Abschnitt, südwestlich von Stary Oskol, nördlich von Nowy Oskol und nördlich von Birjuch und Saguna zurück. Die Divisionen der roten 14. Armee versuchten die Gruppe Seliwatschew zu unterstützen. Sie starteten einen eigenen Vorstoß, der den Sejm-Abschnitt überquerte, jedoch keinen Erfolg zeigte und wieder zurückgenommen werden musste.
Im Raum Zarizyn standen währenddessen die weißen Truppen vom 5. bis 8. September der roten 10. Armee und Einheiten des Kavalleriekorps Budjonny gegenüber. Unter schwerem Feuer stürmten die Weißen nacheinander die Linien von Gräben und Stacheldraht, aber aufgrund schwerer Verluste waren sie gezwungen, die Offensive zu stoppen. Am 9. September starteten die Weißen ihrerseits mit starker Kräften, unterstützt von 12 Batterien die Offensive gegen die rote 10. Armee. Schon am 11. September flauten die Feindseligkeiten im Raum Zarizyn wieder ab.
Verlauf der Orjoler Operation Nachdem die Freiwilligenarmee der Weißen die Gegenangriffe der roten Südfront in Richtung Charkow abgewehrt hatte, nahm sie Mitte September die eigene Offensive wieder auf, eroberte am 20. September Kursk und rückte in Richtung Orjol vor. Die rote 14. und 13. Armee musste sich unter dem Druck feindlicher Streitkräfte nach Norden zurückziehen. Die Eroberung von Kursk zwang den Revolutionären Militärrat der Sowjetrepublik, die Konzentration der Truppen auf die Abwehr der nach Moskau ziehenden Weißen Garde zu legen. Gleichzeitig übertrug das rote Oberkommando in Moskau weitere Kräfte in die Gefahrenzone. Dies wurde aufgrund des dichten Eisenbahnnetzes möglich, sowie aufgrund der Vorteile der inneren Operationslinien und des Verlusts von zwei Monaten, welche die Weißen zur Sicherung der südlichen Ukraine verloren hatten. Um den Vormarsch der Weißen nach Moskau zu stoppen, wurden auf Beschluss des sowjetischen Zentralkomitees eiligst Verstärkungen zur Verstärkung der 14. und 13. Armee geschickt.
Vorbereitungen