mini|Sexualkannibalismus bei der Europäischen Gottesanbeterin Sexueller Kannibalismus, auch Sexualkannibalismus genannt, ist eine evolutionär bedingte Fortpflanzungsstrategie im Tierreich, bei der ein Sexualpartner vor, während oder nach der Paarung vom anderen gefressen wird.William D. Brown and Katherine L. Barry (2006): Sexual cannibalism increases male material investment in offspring: quantifying terminal reproductive effort in a praying mantis. Proceedings of the Royal Society B 283 (1833), article ID 20160656. 6 Seiten. doi:10.1098/rspb.2016.0656 (open access)Kannibalismus Spektrum, Lexikon der Biologie, abgerufen am 13. September 2021.
Im Normalfall profitiert der Nachwuchs gleich mehrfach von der elterlichen Investition durch den Sexualkannibalismus. Einer oder mehrere der folgenden Vorteile kommen der Folgegeneration zugute: eine höhere Anzahl von Nachkommen, eine höhere Vitalität der Nachkommen, eine bessere Überlebensrate sowie langlebigere und/oder fruchtbarere Nachkommen.Boisseau, R., Wilder, S., Berry, K.(2016): Sexual and nonsexual cannibalism have different effects on offspring performance in redback spiders Behavioral Ecology, Volume 28, Issue 1, 01 January-February 2017, Pages 294–303, doi:10.1093/beheco/arw159 (open access)
Sexualkannibalismus geht oft mit einem Größenunterschied der beiden Partner im Sinne von Sexualdimorphismus einher und tritt insbesondere bei Gliederfüßern wie Spinnentieren und Insekten (z. B. diverse Käfer und Schmetterlinge) auf.Buskirk, R, Frohlich, C., Ross, K.: The Natural Selection of Sexual Cannibalism University of Chicago Press, aufgerufen am 12. November 2021.
Der Begriff wird mittlerweile auch für die sexuell motivierte Anthropophagie unter Menschen verwendet.
Formen und Beispiele Kannibalismus als Teil der Paarung Bei der Großen Chinesen-Mantis wird das Männchen mit einer Wahrscheinlichkeit von 13 bis 28 Prozent während oder nach der Paarung vom Weibchen gefressen. Die zusätzlichen Ressourcen ermöglichen es dem Weibchen, später mehr Eier zu legen. Immerhin macht das Gewicht der Oothek 30 bis 50 Prozent der Biomasse des Weibchens aus, entspricht also einer gewaltigen elterlichen Investition. Es konnte nachgewiesen werden, dass der Nachwuchs indirekt profitiert, wenn das Männchen bei oder nach der Paarung dem Sexualkannibalismus zum Opfer fiel. Zwischen Paarungsakt und Eiablage vergeht eine Woche, und Weibchen, die durch das Verspeisen des Partners besonders gut ernährt sind, können dann mehr und größere Eier legen. Die verspeisten Väter konnten darüber hinaus einen größeren Anteil ihrer eigenen Proteine an die Nachkommen weitergeben.
Auch die weibliche Rotrückenspinne verspeist ihren Partner während oder nach der Paarung. Der Nachwuchs von Weibchen, die sexuellen Kannibalismus praktiziert haben, wächst schneller und hat eine höhere Überlebenschance als die Jungtiere der übrigen Artgenossen.
Weitere Beispiele für Spezies, die Sexualkannibalismus praktizieren, sind: Fangschrecken, u. a. die Europäische Gottesanbeterin Echte Radnetzspinnen wie die WespenspinneWespenspinnen: Kannibalismus kommt dem Nachwuchs zugute Universität Hamburg, abgerufen am 17. November 2021. Männchen, die potenziell Opfer von Sexuellem Kannibalismus werden, haben unterschiedliche Strategien entwickelt, diesem Schicksal zu entgehen und eine Paarung zu überleben. Diese Strategien reichen von defensiven Vorsichtsmaßnahmen (z. B. dem Übergeben eines „Brautgeschenks“) bis hin zu aggressivem Angriffsverhalten. So geht der Paarung von afrikanischen Gottesanbeterinnen Miomantis caffra häufig ein Kampf voraus, bei dem entweder das Weibchen oder das Männchen die Oberhand gewinnt. Ein Team von der University of Auckland konnte in einer Studie beobachten, dass die Männchen immer die Initiative ergriffen und die Angreifer waren. Blieb das Weibchen Sieger, fraß es in allen beobachteten Fällen das Männchen (ohne Paarung), blieb das Männchen Sieger, kam es häufig zur Paarung. Die Paarung wiederum endete in der Hälfte der Fälle mit Kannibalismus, in der anderen Hälfte überlebten die Männchen. Bei diesen Kämpfen wurden die Weibchen mitunter ernsthaft verletzt.Male mantises fight females to mate - but they get eaten if they lose vom 20. Januar 2021 New Scientist, abgerufen am 15. Oktober 2023. Es gibt aber auch Arten, bei denen sich das Männchen ohne Gegenwehr geradezu zu opfern scheint und sich dem Weibchen als Fressen anbietet. Das trifft beispielsweise auf Männchen der Braunen Witwe (Latrodectus geometricus) zu und in ähnlicher Weise auch auf Dolomedes tenebrosus, eine der Gattung der Uferjäger zugehörende Raubspinne. Aus evolutionstheoretischer Sicht wird argumentiert, dass auch ein solches, sich selbst opferndes Verhalten dem Überdauern des männlichen Erbguts dienen kann, beispielsweise indem es den Paarungserfolg erhöht (insbesondere wenn vielen Männchen wenige Weibchen gegenüberstehen). Darüber hinaus profitieren Anzahl und Fitness der Nachkommen auch von dieser Extremform des parentalen Investments. mini|Die Schwarze Witwe, eine der Echten Witwen, bei denen es zu Sexualkannibalismus kommt
Kannibalismus ohne Möglichkeit eines Paarungserfolges Im Normalfall erfolgt sexueller Kannibalismus während oder nach der Paarung und ist mit Vorteilen für den Nachwuchs verbunden. Es wurde aber auch eine Form des „betrügerischen“ sexuellen Kannibalismus beobachtet, bei dem einem Sexualpartner Paarungsbereitschaft signalisiert wird, der angelockte Partner aber gefressen wird, ohne dass es zur Paarung kommt. Hier dient der sexuelle Kannibalismus offenbar nicht der Fortpflanzung, sondern nur dem Selbsterhalt.Sexueller Kannibalismus: Wie hungrige Gottesanbeterinnen Männchen täuschen Spiegel, abgerufen am 11. September 2021.
Umgekehrter sexueller Kannibalismus Bei den bisher genannten Formen des sexuellen Kannibalismus ist es das Männchen, das vom Weibchen gefressen wird. Es gibt aber auch den Fall des „umgekehrten“ Sexualkannibalismus (engl. reversed sexual cannibalism), bei dem das Weibchen vom Männchen gefressen wird. So konnte bei der zur Gattung der Schillerspinnen (Micaria) gehörenden Art Micaria sociabilis nachgewiesen werden, dass insbesondere ältere Weibchen auch vom Männchen verspeist werden, bevor es überhaupt zu einer Paarung kommt. Ob es zu einer Paarung oder zum umgekehrten Kannibalismus kommt, hängt unter anderem von Größe und Alter der Partner sowie vom Paarungsstatus ab.L. Sentenská & S. Pekár (2013): Mate with the young, kill the old: reversed sexual cannibalism and male mate choice in the spider Micaria sociabilis (Araneae: Gnaphosidae). Behav Ecol Sociobiol 67, 1131–1139, 2013 10.1007/s00265-013-1538-1
Nicht-sexuelle Formen des Kannibalismus Findet der Kannibalismus nicht in Zusammenhang mit einer Paarungshandlung oder einem Paarungsversuch statt, so spricht man von nicht-sexuellem Kannibalismus. Oophagie: Eier oder Laich der eigenen Art werden gefressen (z. B. Marienkäfer) Adelphophagie: Nachwuchs frisst eigene Geschwister (teils noch in der Gebärmutter), z. B. bei Plattenkiemern, einschließlich sämtlichen Echten Rochen und einigen Haien.Hamlett, W., Eulitt, A., Jarrell, R.; Kelly, M. (1993): Uterogestation and placentation in elasmobranchs Journal of Experimental Zoology. 266 (5): 347–367. doi:10.1002/jez.1402660504 (open access) Matriphagie: Die Mutter lässt sich vom Nachwuchs fressen Weitere Mitglieder der Elterngeneration lassen sich zusätzlich vom Nachwuchs fressen, z. B. bei der Röhrenspinnenart Stegodyphus dumicola.
Einzelnachweise
Kategorie:Verhaltensbiologie Kategorie:Brutpflege Kategorie:Tiere und Tod Kategorie:Fortpflanzung (Zoologie) Kategorie:Ernährungstyp