Die Bahnstrecke Bad Reichenhall–Berchtesgaden ist eine eingleisige, elektrifizierte Nebenbahn in Bayern. Sie schließt in Bad Reichenhall an die Hauptbahn Freilassing–Bad Reichenhall an und führt in den bayerischen Alpen nach Berchtesgaden. Der Abschnitt zwischen Bad Reichenhall-Kirchberg und Hallthurm ist mit einer Neigung von 42 Promille eine Steilstrecke mit besonderen betrieblichen Anforderungen gemäß Anhang 8 der Steilstreckenvorschrift der Deutschen Bahn.

Geschichte Nachdem Reichenhall, seit 1890 Bad Reichenhall, schon 1866 seinen Eisenbahnanschluss erhalten hatte, wurde im Jahr 1867 die Projektierung der Weiterführung nach Berchtesgaden vergeben, die Unterstützung bei der Administration der Bayerischen Berg-, Hütten- und Salzwerke fand. Die Planungen konnten jedoch erst 1884 abgeschlossen werden. Am 29. Mai 1886 genehmigte der bayerische Landtag die Strecke, am 25. Oktober 1888 befuhr ein festlich geschmückter Zug der Königlich Bayerischen Staatseisenbahnen als Erster die neue Lokalbahn. Ihr Betrieb oblag bis zu deren Auflösung am 1. April 1912 der Lokalbahnbetriebsleitung Berchtesgaden.

Von 1907 bis 1938 schloss in Berchtesgaden die Bahnstrecke Berchtesgaden–Hangender Stein an, die ab 1908 mit 1000 Volt Gleichspannung elektrisch betrieben wurde. Als weitere Anschlussstrecke existierte von 1909 bis 1965 die, ebenfalls elektrisch betriebene, Königsseebahn zum Königssee. Für diese Strecken wurde der Bahnhof Berchtesgaden umfangreich umgebaut. mini|links|Güterzug mit Bayerischer EG 2 bei Hallthurm (um 1920) Aufgrund der positiven Erfahrungen mit dem elektrischen Betrieb auf den beiden Anschlussstrecken und der Lärm- und Rauchbelästigungen des Dampfbetriebes in Bad Reichenhall wurde über eine Elektrifizierung der Strecke diskutiert. Das Königliche Bayrische Staatsministerium für Verkehrsangelegenheiten beauftragte 1908 Walter Reichel mit einer umfangreichen Untersuchung. Aufgrund der erwarteten finanziellen Vorteile bei gleichzeitiger Verringerung der Reisezeit entschied man sich für die Elektrifizierung der Strecke.

Bis zum 15. April 1914 wurde sie als eine der ersten Bahnstrecken in Deutschland elektrifiziert, wobei die AEG bis Bad Reichenhall-Kirchberg ein nachgespanntes Kettenwerk installierte, während auf der restlichen Strecke ein SSW-Kettenwerk mit Zwischentragdraht und nachgespanntem Fahrdraht Verwendung fand.Elektrifizierte Strecken der Kgl.Bay.St.B. und der Reichsbahn in Bayern auf elektrische-bahnen.de, abgerufen am 15. November 2021 Die dafür benötigte elektrische Energie liefert das Saalachkraftwerk am Saalachsee, das auch heute noch in Betrieb ist. Die Einspeisestelle auf der 15-kV-Spannungsebene befindet sich am Haltepunkt Bad Reichenhall-Kirchberg.

Die Probefahrten mit einer Elektrolokomotive der Reihe EP 1 mussten nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs am 3. August 1914 wieder beendet werden. Der planmäßige elektrische Eisenbahnbetrieb begann dann am 10. April 1916,EP 3/6, K.Bay.Sts.B. auf maerklin.de, abgerufen am 14. November 2021 am 15. April 1916,100 Jahre elektrischer Zugbetrieb nach Berchtesgaden auf heimatkundeverein-berchtesgaden.de, abgerufen am 14. November 2021 am 1. August 1916Streckenchronik 1916 auf eisenbahn.fandom.com, abgerufen am 14. November 2021, am 7. August 1916Rüdiger Knobel: Fernreisezüge ins Berchtesgadener Land auf fernbusliniennetz.de, abgerufen am 14. November 2021 oder am 8. August 1916.

Aufgrund weiter steigender Fahrgastzahlen wurden 1915/16 die Gleisanlagen in Bad Reichenhall erweitert. 1933 wurden im Stadtgebiet Bad Reichenhall einige Bahnübergänge durch den Bau von Unterführungen beseitigt.

Im Bogen beim ehemaligen Haltepunkt Gmundbrücke an der Tristram-Schlucht befand sich ein 70 Meter langer Tunnel. Dieser wurde 1933/34 wegen Profileinschränkungen abgetragen. Bereits im Sommer 1928 bedienten Schnellzüge sowie beschleunigte Personenzüge von und nach München die Strecke, ab dem Sommerfahrplan 1934 konnten schließlich auch zwei Schnellzugpaare nach Berlin und Dresden eingeführt werden. Von 1979 bis 1982 befuhr mit dem IC 510/511 „Chiemgau“ sogar ein Intercity-Zugpaar die Nebenbahn. mini|Der Bahnhof Berchtesgaden Hbf wurde Ende der 1930er Jahre im Zuge der Planungen für die Hauptbahn Berchtesgaden–Salzburg im damals üblichen Heimatstil neu gebaut (1986) Nach dem Anschluss Österreichs im Jahr 1938 gab es konkrete Planungen für die Erweiterung der Strecke nach Salzburg. Die zweigleisige Hauptbahn sollte von Berchtesgaden nach Elsbethen führen, wo sie in die Salzburg-Tiroler-Bahn einmünden sollte. Dafür wurde die vorhandene Lokalbahn Berchtesgaden–Hangender Stein stillgelegt. Bis 1940 wurde lediglich der 240 Meter lange Berchtesgadener Tunnel und die Strecke bis zum Güterbahnhof Berchtesgaden Ost fertiggestellt, bis die Arbeiten aufgrund des Zweiten Weltkrieges eingestellt werden mussten.

mini|Nahverkehrszug mit Baureihe 111 und Eilzugwagen der Vorkriegsbauart bei Bischofswiesen (1981) Mit dem Fahrplanwechsel vom 2. Juni 1991 entfielen die Verkehrshalte in Hallthurm.

Im Juni 2006 wurde die Strecke in das Netz der S-Bahn Salzburg integriert. Aus der Ausschreibung der Zugleistungen im Sommer 2006 ging im Oktober desselben Jahres ein Konsortium aus der Regentalbahn und der Salzburg AG als Sieger hervor.Zukünftiges Eisenbahnverkehrsunternehmen für die Strecke Freilassing – Berchtesgaden ausgewählt. Bayerisches Staatsministerium für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie So übernahm die am 4. Mai 2009 gegründete Berchtesgadener Land Bahn (BLB) den Verkehr zum Fahrplanwechsel am 13. Dezember 2009. Aufgrund des zunächst nicht einsetzbaren BLB-eigenen Rollmaterials wurde vorübergehend ein Schienenersatzverkehr mit Omnibussen eingerichtet. Erst ab dem 23. Januar 2010 wurde Berchtesgaden wieder auf der Schiene bedient.

Im Jahr 2016 erneuerte die Deutsche Bahn die Oberleitungsanlage zwischen Hallthurm und Berchtesgaden.

Bei einer erneuten Ausschreibung Ende 2017 zusammen mit den Strecken Freilassing–Bad Reichenhall und Traunstein–Ruhpolding als Netz Chiemgau–Berchtesgaden erhielt die Bayerische Oberlandbahn (BOB) den Zuschlag und übernahm den Betrieb der Linie S4 im Dezember 2021. Die vorhandenen Triebzüge der BLB mit Steilstreckenzulassung wurden übernommen.

Zwischen 2020 und 2023 wurde die Strecke grundlegend instandgesetzt. Neben dem Neubau elektronischer Stellwerke in den Bahnhöfen erhielt auch der Abschnitt Bad Reichenhall–Hallthurm eine neue Fahrleitung. Bayerisch Gmain und Bischofswiesen wurden barrierefrei ausgebaut. In Bischofswiesen wurden dazu zwei neue Außenbahnsteige mit einer Systemhöhe von 550 Millimetern sowie eine neue Überführung errichtet. Weitere Maßnahmen waren die Modernisierung mehrerer Bahnübergänge sowie die Auflassung des Bahnübergangs Hohlgraben.

DB Fernverkehr stellte den Fernverkehr nach Berchtesgaden Hbf am 21. September 2025 ein. Letztes Zugpaar war der IC 2082/2083 Königssee von und nach Hamburg. Zwischen Freilassing und Berchtesgaden verkehrte er als Regional-Express. Eine weitere Fernverbindung mit Berchtesgaden, das Zugpaar 2428/2429 von und nach dem Ruhrgebiet, wurde 2007 aufgegeben. Auch diese Leistung verkehrte zwischen Freilassing und Berchtesgaden in beiden Richtungen als Regionalzug. In den 1980er Jahren verkehrten außerdem Fern-Express-Züge (FD) sowie der Alpen-See-Express von und nach Berchtesgaden.

Im Jahresfahrplan 2026 wird die Strecke nur noch von Regionalzügen der Linie S4 der S-Bahn Salzburg in der Relation Freilassing–Berchtesgaden Hbf im Stundentakt bedient. Die Züge kreuzen in Bischofswiesen jeweils zur halben Stunde zur üblichen Symmetrieminute. Güterverkehr gibt es noch für den Bedarf der Bundeswehrstandorte in Bad Reichenhall und Strub. Die Bahnhöfe Bad Reichenhall und Berchtesgaden Hbf verfügen über Ladegleise mit Laderampe, die zur Verladung von Militärfahrzeugen genutzt werden.

Ausblick Gemäß einem früheren Liniennetzplan der BLB ist ein zusätzlicher Haltepunkt Bad Reichenhall Mitte geplant. Der Bahnhof Hallthurm soll wieder im Reiseverkehr bedient und Winkl wieder neu eingerichtet werden. (PDF; 216 kB) Durch die schwierige bogenreiche Trassierung sind Fahrzeitverkürzungen auf der Strecke nur mit erheblichem technischen Aufwand erzielbar.

Fahrzeugeinsatz mini|Baureihe E 44.5 (Berchtesgaden Hbf, 1979) mini|Stadler FLIRT der BLB (2010) Eröffnet wurde der Betrieb mit Dampflokomotiven der Baureihe D VIII.

Nach der Elektrifizierung prägten die Baureihen E 36 01–04 und E 36 21–24 für den gemischten Dienst den Betrieb. Im Güterverkehr und Schiebedienst bis Hallthurm wurden die Baureihen E 70 21–22 und E 79 01–02 verwendet. Nach Versuchen mit Elektrolokomotiven mit Einzelachsantrieb (E 73 01–02) erbrachte dann zwischen 1934 und ihrer Ausmusterung im Jahr 1983 die Baureihe E 44.5 des Bahnbetriebswerks Freilassing den Großteil der Traktionsleistung. Für den Schiebedienst bis Hallthurm wurden verschiedenste Baureihen herangezogen, darunter die Baureihe E 60. Ab den 1980er Jahren dominierten schließlich die Baureihen 111 und 139 sowie n-Wagen den Betrieb.

Von Juni 2006 bis Dezember 2009 wurden dreiteilige Triebwagen der ÖBB-Baureihen 4023 und 4024 eingesetzt. In Deutschland wurden die Züge dabei von deutschem Personal geführt. Seit dem 1. März 2010 verkehren dreiteilige Triebwagen des Typs FLIRT von Stadler Rail.

Sicherungstechnik Die Bahnhöfe Bad Reichenhall, Bischofswiesen und Berchtesgaden erhielten zwischen 1930 und 1938 mechanische Einheitsstellwerke. Der Bahnhof Hallthurm erhielt 1975 ein Drucktastenstellwerk Dr S2.

Zwischen Juli 2020 und Dezember 2021 errichtete die Deutsche Bahn neue elektronische Stellwerke (ESTW-R) der Bauart SIMIS D, welche die bisherigen Stellwerke ersetzen. Ebenso ersetzte sie die bisherigen Signale durch Ks-Signale. Seitdem werden alle Bahnhöfe von Freilassing ferngesteuert. Die Verbindung zwischen den Bahnhöfen erfolgt über ein neu parallel zur Bahnstrecke verlegtes Lichtwellenkabel.

Literatur Manfred Angerer, Herbert Birkner: 120 Jahre Bahngeschichte Berchtesgaden., Gräfin-Waldersee-Str. 14 : H. Birkner, Berchtesgaden 2009, ISBN 978-3-925647-54-3.

Weblinks

BR Fernsehen, Sendung „Schwaben & Altbayern“ vom 27. Oktober 2013

Einzelnachweise

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