Thésée (Originalschreibweise: Thesée) ist eine Tragédie lyrique (Oper) in einem Prolog und fünf Akten von Jean-Baptiste Lully (Musik) mit einem Libretto von Philippe Quinault nach den Metamorphosen des Ovid. Die Uraufführung fand am 11. Januar 1675 am französischen Königshof im Schloss Saint-Germain-en-Laye statt.
Handlung
Kurzfassung
Prolog. In Versailles müssen wegen des Holländischen Kriegs alle Feste ausfallen. Daher ziehen sich die Vergnügungen und Spiele in die Wälder zurück. Die Göttin Venus holt sie zurück und verspricht, dass Mars persönlich für Sicherheit sorgen werden. Mars vertreibt die Kriegsgöttin Bellone, ruft Ludwig XIV. zum „neuen Mars“ aus und eröffnet ein großes Fest.
Erster Akt. König Ægée von Athen befindet sich im Kampf mit Aufständischen. Sein Mündel Æglé und ihre Vertraute Cleone warten ängstlich auf den Ausgang der Schlacht. Æglé liebt den Helden Thesée, der sich durch besonderen Mut ausgezeichnet hat. Auf ihren Wunsch hin bittet Cleone ihren Geliebten Arcas, diesen zu beobachten. Die beiden Frauen beten zusammen mit der Hohepriesterin Minerves um einen glücklichen Ausgang, der sich kurz darauf einstellt. Nach seinem Sieg bietet der König Æglé die Ehe an. Für sie will er seine Verlobung mit der Zauberin Medée lösen, die stattdessen seinen heimlich in Athen aufgewachsenen Sohn heiraten soll. Der Akt endet mit einer Dank- und Opferzeremonie der Priesterinnen.
Zweiter Akt. Medée, die aus Eifersucht und Zorn bereits ihre eigenen Kinder getötet hat, klagt ihrer Vertrauten Dorine gegenüber, wie sehr sie unter Liebesenttäuschungen leidet. Dorine rät ihr, sich zur Ablenkung um Thesée zu bemühen. Medée nimmt daher die Auflösung ihrer Verlobung mit dem König gelassen hin. Dorine hingegen ist enttäuscht über das Verhalten ihres Geliebten Arcas, der seine neue Beziehung mit Cleone nicht zugibt und sie stattdessen mit Ausreden hinhält. Das athenische Volk will Thesée zum Thronfolger ausrufen. Dieser offenbart Medée seine Liebe zu Æglé. Medée verspricht ihm zum Schein ihre Unterstützung, leidet aber heftig unter Eifersucht.
Dritter Akt. Während Æglé und Cleone auf Thesée warten, informiert Arcas die beiden über die Hochzeitspläne des Königs. Æglé erzählt Medée von ihrer Liebe zu Thesée. Diese meldet ihr eigenes Interesse an dem Helden an und fordert Æglé auf, stattdessen den König zu heiraten. Um ihre Macht zu beweisen, verwandelt sie die Szene in eine Wüste voller Ungeheuer. Der kampfbereite Arcas wird von einem fliegenden Phantom entwaffnet. Medée lässt ihn und Cleone frei, da ihre Wut ausschließlich Æglé gilt. Bewohner der Hölle bereiten Æglé zusätzliche Qualen.
Vierter Akt. Medée lässt den schlafenden Thesée vor Æglés Augen von fliegenden Dämonen hereintragen und von Furien bedrohen. Um ihn zu retten, verspricht Æglé, auf ihn zu verzichten und den König zu ehelichen. Medée verwandelt die Szene nun in eine Zauberinsel, weckt Thesée und versucht, ihn zu bezirzen. Seine Gefühle gelten jedoch ungebrochen nur Æglé, der er seine bislang geheim gehaltene Identität als Sohn Ægées offenbart. Da er lieber sterben will, als Æglé einer unliebsamen Ehe mit seinem Vater auszusetzen, wechselt Medée ihre Taktik. Sie akzeptiert zum Schein seine Verbindung mit Æglé. Schäfer und Inselbewohner feiern das Paar.
Fünfter Akt. Medées heimtückischer Plan sieht vor, Thesée durch seinen eigenen Vater ermorden zu lassen. Dieser hat in seinem Rivalen noch nicht seinen Sohn erkannt und lässt sich daher überreden, ihn bei den Feierlichkeiten zu töten. Als er ihm den von Medée vergifteten Kelch reicht, zieht Thesée sein Schwert, um seine Treue zu schwören. Ægée identifiziert ihn daran als seinen Sohn und verzichtet ihm zuliebe auf seine eigenen Pläne. Thesée darf Æglé heiraten. Da ihr Plan somit gescheitert ist, lässt Medée den Palast in Flammen aufgehen und verwandelt die Speisen in Monster. Die in der Not angerufene Göttin Minerve lässt einen neuen prächtigen Palast erscheinen und verspricht allen ein gutes Ende.
Prolog
Die Gärten und die Fassade des Schlosses von Versailles
rahmenlos|hochkant=2.2|Szenenbild des Prologs. Partiturausgaben von 1711/1720
Amoretten, Grazien, Vergnügungen und Spiele stellen fest, dass es derzeit keine Feste in Versailles gibt, da der König (Ludwig XIV.) Krieg führt (Holländischer Krieg von 1672–1678). Sie ziehen sich daher notgedrungen in die nahegelegenen Wälder zurück. Die Göttin Venus fordert sie auf, zurückzukehren, da der Kriegsgott Mars persönlich gekommen sei und für Sicherheit sorge (Venus: „Revenez, Amours, revenez“). Mars und Bellone fahren unter Trompetenklängen in einem Wagen ein. Allmählich lösen ländliche Instrumente die Trompeten ab. Mars vertreibt Bellone und ruft Cerés und Bacchus herbei, damit die Spiele wieder beginnen können. Er und Venus preisen den Ruhm des „neuen Mars“ (Ludwig XIV.), der Frankreich triumphieren lasse. Bacchus und Cerés erscheinen mit Schnittern, Waldgöttern und Bacchanten und bringen die Amoretten, Grazien, Vergnügungen und Spiele zurück. Alle feiern mit Tanz und Gesang, bevor sie sich für das anschließende große Divertissement zurückziehen.
Erster Akt
Der Tempel Minerves in Athen
rahmenlos|hochkant=2.2|Szenenbild des ersten Akts. Partiturausgaben von 1711/1720
Szene 1. Die Truppen des athenischen Königs Ægée befinden sich im Kampf gegen Aufständische. Hinter der Bühne sind Kriegslärm und Rufe von Soldaten zu hören, die auch die folgenden Szenen prägen.
Szene 2. Æglé, eine unter der Vormundschaft Ægées aufgewachsene Prinzessin, fleht Minerve um Schutz an.
Szene 3. Ihre Vertraute Cleone, die von dem tapferen Kämpfer Thesée in den Tempel gebracht wurde, weiß noch nichts über den Ausgang des Kampfes. Æglé liebt Thesée, und beide Frauen preisen seinen Ruhm.
Szene 4. Arcas, Cleones Geliebter und Vertrauter des Königs, berichtet über den Fortgang der Schlacht, deren Ende noch offen ist. Thesée zeichne sich durch besonderen Mut aus. Æglé bittet Cleone, Arcas dazu zu bringen, mehr über Thesées Schicksal herauszufinden.
Szene 5. Cleone verlangt einen Liebesbeweis von Arcas: Er soll in die Schlacht zurückkehren und dort Thesées Schritten bis zum Sieg oder zum Tod folgen. Arcas gehorcht nur widerstrebend, da er Cleone nicht ohne Schutz zurücklassen will.
Szene 6. Die Hohepriesterin Minerves betet mit Æglé und Cleone zur Göttin um ein Ende der Gewalt. Die Schreie der sterbenden Krieger hinter der Bühne werden durch Siegesrufe der Athener abgelöst.
Szene 7. König Ægée verkündet den Sieg über die Rebellen.
Szene 8. Der König bittet Æglé trotz des Altersunterschieds um ihre Hand (Ægée: „Faites grace à mon âge en faveur de ma gloire“). Er hat zwar bereits Medée die Ehe versprochen, fürchtet aber deren Zauberkräfte. Daher will er sie stattdessen mit seinem unter Geheimhaltung in Troja aufgewachsenen Sohn vermählen.
Szene 9. Die Hohepriesterin eröffnet eine große Dankeszeremonie für die Göttin (Chor der Priesterinnen: „Favorable Minerve!“).
Szene 10. Beutestücke werden zum Opfer hereingetragen. Die Priesterinnen und ihre Helfer spielen eine Schlacht im Stil der Alten nach und bitten Minerve, den Krieg von ihrer Heimat abzuwenden und in andere Länder zu tragen.
Zweiter Akt
Der Palast Ægées, des Königs von Athen
rahmenlos|hochkant=2.2|Szenenbild des zweiten Akts. Partiturausgaben von 1711/1720
Szene 1. Medée vertraut ihrer Freundin Dorine an, wie sehr sie unter den fortgesetzten Rückschlägen ihrer Liebesbeziehungen leidet (Medée: „Doux repos“). Sie habe aus verletzter Liebe heraus bereits ihren Bruder und ihre beiden Söhne getötet. Dorine rät ihr, den undankbaren Jason zu vergessen und sich stattdessen Thesée zuzuwenden. Medée ist nicht abgeneigt. Sie glaubt aber, dass ihre Zauberkräfte nicht ausreichen, seine Liebe zu gewinnen.
Szene 2. Der König informiert Medée über seine Pläne, sie mit seinem Sohn zu vermählen. Sie hat Verständnis für seine Liebe zu Æglé, will aber nicht seinen Sohn heiraten (Duett Ægée/Medée: „Quand on suit un amour nouvelle“). Einzig Thesée sei ihrer würdig.
Szene 3. Arcas warnt den König, dass Thesée beim Volk inzwischen so beliebt sei, dass es ihn als Thronfolger wünsche. Ægée habe schließlich keinen Erben.
Szene 4. Dorine erinnert Arcas an seine einstigen Liebesschwüre ihr gegenüber. Er versucht, sich mit seinen Aufgaben im Krieg herauszureden. Dorine hat seine Gefühle für Cleone jedoch bereits bemerkt. Arcas zieht sich beschämt mit einer Ausrede zurück.
Szene 5. Dorine ist enttäuscht von Arcas’ Verhalten.
Szene 6. Die Rufe des Volks nach dem Helden Thesée erinnern Dorine an eine hitzige Liebesglut, die oft schnell vergeht.
Szene 7. Die Athener feiern Thesées Sieg und wollen ihn zu Ægées Nachfolger ausrufen. Zwei Greise besingen die Freuden des Friedens („Pour le peu de bon temps qui nous reste“). Thesée bittet alle bescheiden darum, sich wieder normalen Tätigkeiten zuzuwenden.
Szene 8. Als Thesée die Gemächer des Königs betreten will, kommt ihm Medée entgegen. Sie warnt ihn vor Ægée, der seinen Aufstieg vielleicht nicht akzeptiere. Thesée versichert ihr, dass er kein Interesse an diesem Königshof habe. Er denke jetzt nur noch an Æglé. Medée entgegnet, dass der König selbst an Æglé interessiert sei. Sie selbst wolle mit den beiden sprechen, um alles zu seinen Gunsten zu wenden.
Szene 9. Medée wird von heftigen Gefühlen des Zorns und der Eifersucht überwältigt (Medée: „Dépit mortel, Transport jaloux“).
Dritter Akt
Szene 1. Æglé und Cleone warten sehnlichst auf die Ankunft Thesées. Æglé hofft, endlich seine Liebe zu gewinnen.
Szene 2. Arcas teilt Æglé mit, dass der König beschlossen habe, sie zu heiraten. Æglé kann ihre Betroffenheit darüber nicht verbergen, und Cleone bittet Arcas, den König umzustimmen.
Szene 3. Medée trifft mit ihrer Vertrauten Dorine ein und droht Æglé mit ihrem Zorn, sollte sie ihre Wünsche missachten. Diese glaubt, es gehe um Ægée, und versichert Medée, dass sie kein Interesse an einer Ehe mit ihm habe, da sie Thesée liebe. Sie hoffe, Medée werde den König bald ehelichen. Medée gibt daraufhin ihr eigenes Interesse an Thesée zu erkennen und fordert Æglé auf, dem Wunsch des Königs nachzugeben. Ansonsten werde sie ihre Macht zu spüren bekommen. Um diese zu beweisen, verwandelt sie die Gegend in eine Wüste.
Eine Einöde voller schrecklicher Ungeheuer
rahmenlos|hochkant=2.2|Szenenbild des dritten Akts. Partiturausgaben von 1711/1720
Szene 4. Æglé, Cleone und Arcas sind erschrocken über diese Verwandlung.
Szene 5. Arcas ist bereit, den Kampf gegen die Ungeheuer aufzunehmen. Ein fliegendes Phantom entreißt ihm jedoch sein Schwert. Cleone und Arcas bitten nun Dorine um Hilfe und versprechen dafür sogar, ihre Beziehung zu beenden. Dorine jedoch antwortet höhnisch, dass sie den wankelmütigen Arcas nicht mehr wolle.
Szene 6. Medée lässt Cleone und Arcas frei, da ihr Zorn ausschließlich Æglé gilt.
Szene 7. Medée beschwört die Bewohner der Hölle herbei, um Æglé Angst und Schmerzen zu bereiten (Medée: „Sortez, Ombres, sortez“).
Szene 8. Æglé versucht vergeblich, vor den Dämonen zu fliehen. Sie hofft nur noch auf einen schnellen Tod.
Vierter Akt
Szene 1. Æglé fleht Medée an, ihr Leiden durch den Tod zu beenden. Sie will lieber sterben, als ihre Liebe zu Thesée aufzugeben. Medée reicht dies nicht.
Szene 2. Um den Druck auf ihre Rivalin zu erhöhen, lässt Medée den schlafenden Thesée von fliegenden Dämonen herbeibringen und beschwört Furien, die ihn qualvoll töten sollen.
Szene 3. Um ihren Geliebten zu retten, verspricht Æglé, auf ihn zu verzichten und den König zu heiraten. Medée verlangt zusätzlich, dass sie sich Thesée gegenüber als treulos darstellt. Da Æglé auch dies gelobt, lässt Medée die Furien in die Hölle zurückkehren und verwandelt die Bühne erneut.
Eine verzauberte Insel
rahmenlos|hochkant=2.2|Szenenbild des vierten Akts. Partiturausgaben von 1711/1720