Lamprophyllit () ist ein seltenes Mineral aus der Mineralklasse der „Silikate und Germanate“ (Gruppensilikate). Es tritt in zwei verschiedenen Polytypen auf, die im monoklinen Kristallsystem (Polytyp Lamprophyllit-2M) bzw. im orthorhombischen Kristallsystem (Polytyp Lamprophyllit-2O) jeweils mit der Zusammensetzung (SrNa)Ti2Na3Ti(Si2O7)2O2(OH)2 kristallisieren – ist also ein komplex zusammengesetztes Alkali-Erdalkali-Titan-Silikat mit zusätzlichen Hydroxidionen. Strukturell gehört Lamprophyllit zu den Gruppensilikaten (Sorosilikaten).
Lamprophyllit bildet nach {100} plattige, nach der c-Achse gestreckte Kristalle, die bis 20 cm Größe erreichen, aber nur selten gut ausgebildete Endflächen zeigen. Charakteristisch sind sternförmige und garbenartige Cluster, die zu radialstrahligen Aggregaten zusammentreten. Er wird von Mikroklin, Nephelin, Aegirin, Arfvedsonit, Lorenzenit, Eudialyt, Lomonosovit, Murmanit, Villiaumit, Pektolith, Fenaksit und Delhayelith (Lowosero-Tundren und Chibinen) bzw. von Mikroklin, Nephelin, Katapleiit, Aegirin, Calcit, Fluorit, Analcim und Pektolith (Pilanesberg im gleichnamigen alkalischen Ringkomplex nördlich von Rustenburg, Distrikt Bojanala Platinum, Provinz Nordwest, Südafrika) begleitet.
Eine Typlokalität ist für Lamprophyllit nicht definiert. Obwohl er erstmals in den Lowosero-Tundren und wenig später auch in den Chibinen gefunden wurde, wird als „Typlokalität“ allgemein nur die Halbinsel Kola in Russland angegeben.
Etymologie und Geschichte mini|links|hochkant|Wilhelm Ramsay – der Erstfinder des Minerals Lamprophyllit Das heute als Lamprophyllit bekannte Mineral wurde erstmals von Wilhelm Ramsay an einer heute nicht mehr verifizierbaren Lokalität in den Lowosero-Tundren gefunden und wie folgt charakterisiert:
Wenig später konnte Victor Axel Hackman dieses Mineral in Gesteinsproben aus den Chibinen intensiver untersuchen und legte eine nahezu vollständige Beschreibung vor.
Hackman benannte das Mineral nach den griechischen Wörtern λάμπρος [lámpros] und φύλλον [fýllon] für „glänzen“ und „Blatt“ mit Bezug auf den glimmerartigen Glanz auf den Spaltflächen.
Im Jahre 1921 untersuchte C. C. Smirnow mehrere Dünnschliffe von Lamprophyllit-Proben, die aus Material der Fersman-Expeditionen stammten. Obwohl die erste Beschreibung für das Mineral zu diesem Zeitpunkt seit über 30 Jahren vorlag (wenn auch ohne quantitative chemische Analyse), führte Alexander Jewgenjewitsch Fersman in seiner Zusammenfassung der bis 1923 bekannten neuen Minerale aus den Chibinen () den Lamprophyllit () an erster Stelle dieser neuen Minerale auf.
Auch Hintzes „Handbuch der Mineralogie“, das den state of the art zusammenfassende Standardwerk der damaligen Zeit, führte den Lamprophyllit noch nicht auf. Die erste umfangreichere Arbeit über das Mineral Lamprophyllit (Über Lamprophyllit aus den Chibinen und den Lowosero-Tundren, () stammt von Elsa Maximilianowna Bonschtedt-Kupletskaja). Im 1938 erschienenen „Ergänzungsband Neue Mineralien“ zum „Handbuch der Mineralogie“ wird das Mineral mit den oben genannten Quellen, insbesondere der Arbeit von Elsa Maximilianowna Bonschtedt-Kupletskaja, aufgeführt.
Für Lamprophyllit existiert kein Typmaterial. Aufgrund der Entdeckung und Erstbeschreibung vor 1959 (tatsächlich vor über 130 Jahren) zählt der Lamprophyllit zu den Mineralen, die von der International Mineralogical Association (IMA) als Grandfathered bezeichnet werden und keine eigentliche IMA-Nummer besitzen. Im Zuge der von der IMA im Jahre 2016 anerkannten Aufstellung der neuen Seidozerit-Supergruppe mit vier Untergruppen wurde Lamprophyllit neu definiert und wird in der aktuellen „IMA List of Minerals“ statt mit einer IMA-Nummer mit der Sammelbezeichnung „2016 s.p.“ („Special Procedure“) geführt.
Klassifikation Bereits in der mittlerweile veralteten, aber teilweise noch gebräuchlichen 8. Auflage der Mineralsystematik nach Strunz gehörte der Lamprophyllit zur Mineralklasse der „Silikate und Germanate“ und dort zur Abteilung der „Gruppensilikate (Sorosilikate)“, wo er zusammen mit Bafertisit, Barytolamprophyllit, Ericssonit, Rosenbuschit und Seidozerit die „Seidozerit-Lamprophyllit-Gruppe“ mit der System-Nr. VIII/B.10 bildete.
Im zuletzt 2018 überarbeiteten und aktualisierten Lapis-Mineralienverzeichnis nach Stefan Weiß, das sich aus Rücksicht auf private Sammler und institutionelle Sammlungen noch nach dieser alten Form der Systematik von Karl Hugo Strunz richtet, erhielt das Mineral die System- und Mineral-Nr. VIII/C.13-020. In der „Lapis-Systematik“ entspricht dies ebenfalls der Abteilung „Gruppensilikate“, wobei in den Gruppen VIII/C.07 bis 20 die Gruppensilikate mit der Baugruppe [Si2O7]6− und tetraederfremden Anionen (O,OH,F) eingeordnet sind. Lamprophyllit bildet hier zusammen mit Grenmarit, Seidozerit, Nabalamprophyllit, Fluorlamprophyllit, Lileyit, Emmerichit, Barytolamprophyllit, Ferroericssonit und Ericssonit die „Lamprophyllit-Reihe“.
Auch die seit 2001 gültige und von der International Mineralogical Association (IMA) zuletzt 2009 aktualisierte 9. Auflage der Strunz’schen Mineralsystematik ordnet den Lamprophyllit in die Abteilung der „Gruppensilikate (Sorosilikate)“ ein. Diese ist allerdings weiter unterteilt nach der Struktur der Silikatgruppen, der möglichen Anwesenheit zusätzlicher Anionen und der Koordinationszahl der beteiligten Kationen, so dass das Mineral entsprechend seiner Zusammensetzung und seinem Aufbau in der Unterabteilung „Si2O7-Gruppen mit zusätzlichen Anionen; Kationen in oktaedrischer und größerer Koordination“ zu finden ist, wo es zusammen mit Barytolamprophyllit, Ericssonit, Grenmarit, Nabalamprophyllit, Orthoericssonit (diskreditiert) und Seidozerit die „Seidozerit-Lamprophyllit-Gruppe“ mit der System-Nr. 9.BE.25 bildet.
Die vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchliche Systematik der Minerale nach Dana ordnet den Lamprophyllit ebenfalls in die Klasse der „Silikate und Germanate“ und dort in die Abteilung der „Gruppensilikate“ ein. Hier ist er zusammen mit Barytolamprophyllit, Delindeit, Ericssonit, Orthoericssonit, Andrémeyerit, Eveslogit und Nabalamprophyllit in der „Seidozerit-Lamprophyllit-Gruppe (Lamprophyllit-Untergruppe)“ mit der System-Nr. 56.02.06c innerhalb der Unterabteilung „Gruppensilikate: Si2O7-Gruppen und O, OH, F und H2O mit Kationen in und/oder >-Koordination“ zu finden.
Chemismus Victor Axel Hackman wies im Lamprophyllit qualitative Gehalte an Mangan, Titan und Natrium nach. Eine der ersten nasschemischen Analysen stammt von K. Beloglasow und lieferte 27,66 % SiO2; 20,83 % TiO2; 12,40 % ZrO2; 0,50 % Ce2O3; 0,52 % Al2O3; 2,89 % Fe2O3; 0,20 % MgO; 1,81 % CaO; 8,40 % SrO; 6,75 % BaO; 1,99 % MnO; 14,00 % Na2O; 1,42 % K2O und 0,67 % H2O (Summe 100,04 %). Die Gehalte an ZrO2 sind entweder eine Verunreinigung oder ein Fehler.
Eine Elektronenstrahlmikroanalyse an Lamprophyllit aus dem in Urtiten sitzenden Lamprophyllit-Aegirin-Mikroklin-Gang No. 40 am Berg Kukiswumtschorr ergab 30,64 % SiO2; 28,19 % TiO2; 0,12 % Al2O3; 2,96 % FeO; 0,51 % MgO; 1,01 % CaO; 12,00 % SrO; 8,58 % BaO; 2,47 % MnO; 11,90 % Na2O und 1,32 % K2O (Summe 99,70 %, keine Gehalte an Nb2O5, ZrO2, SEE2O3 nachweisbar).
Die offizielle Formel der IMA für Lamprophyllit lautet (SrNa)Ti2Na3Ti(Si2O7)2O2(OH)2 Sie ähnelt der von Victor N. Yakovenchuk und Kollegen angegebenen Formel (Sr,Ba,Na,Ca)2Na(Na,Mn,Fe)2Ti3O2[Si2O7]2(OH)2, welche idealerweise Gehalte von 30,45 % SiO2; 30,37 % TiO2; 26,26 % SrO; 11,78 % Na2O und 1,14 % H2O (Summe 100,00 %) erfordert.
Die allgemeine kristallchemische Formel für die mit Lamprophyllit verwandten Minerale kann nach Ramiza K. Rastsvetaeva und Kollegen wie folgt geschrieben werden: [10-11]A2[M1M22M3X2][L2(Si2O7)2O2], wobei die Inhalte der O- und H-Schichten (oktaedrische Schichten und heteropolyedrische Schichten, vgl. hier) hochgestellt in eckigen Klammern in dieser Reihenfolge angegeben sind und die Buchstaben A, M1, M2, M3, L und X für die folgenden Ionen und Moleküle stehen: A = Ba, Sr, K, Na M1 = Na, Mn2+ M2 = Na, Mn2+, Fe2+, Ca M3 = Ti, Mn2+, Mg, Fe3+, Fe2+ L = Ti, Fe3+ X = OH−, O2−, F−
Nach den Parametern der Einheitszelle und der Symmetrie lassen sich lamprophyllitverwandte Minerale in fünf Strukturtypen einteilen, wobei Lamprophyllit in den Polytypen Lamprophyllit-2M und Lamprophyllit-2O kristallisiert.
Auf Basis der vorliegenden Strukturdaten und chemischen Analysen haben Ramiza Rastsvetaeva und Kollegen daher folgende allgemeine kristallchemische Formel für den Lamprophyllit vorgeschlagen: (Sr,Ba,K,Na)2Na(Na,Fe2+,Mn2+,Mg)2(Ti,Fe3+,Mg)Ti2(Si2O7)2O2(OH,O,F)2.
Diese Formel enthält die dominanten und wichtigsten untergeordneten Komponenten an verschiedenen Kationen- und Anionen-Positionen. Es wurden zahlreiche Versuche unternommen, die Endgliedformeln von Lamprophyllit (und Barytolamprophyllit) zu vereinfachen. Rastsvetaeva und Kollegen verweisen darauf, dass die Formel von Lamprophyllit aus den folgenden Gründen nicht angemessen und eindeutig durch die Endgliedzusammensetzungen mit ganzzahligen Koeffizienten sowie nur einer Komponente an jedem Ort idealisiert werden kann: es gibt verschiedene Möglichkeiten, die idealisierten Endgliedformeln zu schreiben – aber keine offensichtlichen Gründe, die eine Formel auf Kosten einer anderen zu bevorzugen; jede vereinfachte Formel mit ganzzahligen Koeffizienten spiegelt nicht die tatsächliche Zusammensetzung des Minerals wider: die Formel (SrNa)Na3Ti3(Si2O7)2O2(OH)2 spiegelt nicht die Vorherrschaft von Sr auf der A-Position wider; die Formel Sr2Na3Ti(Fe3+Ti)(Si2O7)2O2(OH)2 spiegelt nicht das Vorherrschen von Ti in der L-Position wider; die Formel Sr2Na3Ti3(Si2O7)2O2(OOH) spiegelt nicht das Vorherrschen von OH− auf der X-Position wider, usw.; jede Formel mit nur einer Komponente auf einer jeden Position ist nicht ladungsausgeglichen. Die X-Anionen-Position wird in den Lamprophyllit-verwandten Mineralen zwischen zwei M2-Oktaedern und einem M3-Oktaeder geteilt. Je nach der Art der in diesen Oktaedern vorhandenen Kationen kann die X-Position mit OH−, F− oder O2− besetzt sein.
Von Elena Sokolova und Fernando Cámara wird die allgemeine Formel für den TS-Block der Titansilikate wie folgt angegeben: AP2BP2MH2MO4(Si2O7)2X4+n, mit:
MH2 und MO4 sind Kationen der H- und O-Schichten MH = Ti, Nb, Zr, Y, Mn, Ca + SEE, Ca MO = Ti, Zr, Nb, Fe3+, Fe2+, Mg, Mn, Zn, Ca, Na AP und BP = sind Kationen der peripheren (P) Schichten = Na, Ca + SEE, Ca, Zn, Ba, Sr, K X = Anionen = O2−, OH−, F−, H2O X4+n = XO4 + XPn, n = 0, 1, 1,5, 2, 4 XP = XPM und XPA = apikale Anionen der MH- und AP-Kationen der Peripherie des TS-Blocks Die Stöchiometrie des Kernteils des TS-Blocks, MH2MO4(Si2O7)2XO4, ist in allen Strukturen invariant.
Elena Sokolova und Fernando Cámara zufolge lauten die Formeln für die beiden Polytypen Lamprophyllit-2M und Lamprophyllit-2O wie folgt: Idealformel: (SrNa)Ti2Na3Ti(Si2O7)2O2(OH)2 Kurzform für die Idealformel: Na3(SrNa)Ti3(Si2O7)2O2(OH)2
Lamprophyllit ist Namensgeber der Lamprophyllit-Gruppe, die wiederum in die von Elena Sokolova und Fernando Cámara aufgestellte Seidozerit-Obergruppe (Seidozerit-Supergruppe) gestellt wird. Unabhängig von den Beziehungen zu den anderen Vertretern der Lamprophyllit-Gruppe und der Seidozerit-Obergruppe ist Lamprophyllit das SrNa-dominante Analogon zum BaK–dominierten Barytolamprophyllit, (BaK)Ti2Na3Ti(Si2O7)2O2(OH)2, mit dem er auch eine (vollständige?) Mischkristallreihe bildet. Ferner ist Lamprophyllit auch das (OH)-dominante Analogon zum F-dominierten Fluorlamprophyllit, (SrNa)Ti2Na3Ti(Si2O7)2O2F2.
Kristallstruktur mini|300px|Räumliche Darstellung der Struktur von Lamprophyllit-2M in kationenzentrierter polyedrischer Darstellung mit Blick in Richtung der b-Achse . Der orangefarbene Umriss zeigt die Einheitszelle. O und H entsprechen der oktaedrischen O-Schicht bzw. der heteropolyedrischen H-Schicht.Farblegende:
Für Lamprophyllit existieren zwei verschiedene Polytypen.