Die italienische Mafia in Deutschland (von Sicherheitsbehörden als Italienische Organisierte Kriminalität (IOK) bezeichnet) besteht hauptsächlich aus Mitgliedern der großen Organisationen der italienischen Mafia – der Cosa Nostra, der Camorra und der nach wie vor dominierenden ’Ndrangheta. Deutschland ist seit den 1970er Jahren Ziel stetig zunehmender krimineller Betätigungen, besonders im Kokainhandel (weltweit 50 Milliarden Euro Umsatz geschätzt) und der Geldwäsche (weltweit 100 Milliarden Euro geschätzt). Bei den Investitionen in die „weiße Wirtschaft“ ist der Immobiliensektor mit kriminellen Investitionen von geschätzten 30 Milliarden Euro (2017) von besonderer Bedeutung. Erst 2017 wurde die Gesetzeslage angepasst, die staatlichen, gesetzlichen und polizeilichen Maßnahmen gelten jedoch weiterhin als völlig unzureichend. Kritiker konstatieren, der politische Wille fehle. Auch 2024 werde „weggesehen,“ Deutschland übe weiterhin eine Sogwirkung aus und sei auch 2024 der Schwerpunkt der wachsenden Präsenz und Investitionstätigkeit der weltweit agierenden italienischen Mafia, deren einzige Führungsstruktur nach italienischen Ermittlern außerhalb Italiens in Deutschland liegt (Crimine di Germania). Wer die neue Mafia verstehen wolle, müsse nach Deutschland kommen, äußerte bereits Rosario Livatino.

Von besonderer Bedeutung für die Mafia in Deutschland ist dabei Baden-Württemberg, außerdem Bayern (Schwaben), Hessen, Thüringen und Nordrhein-Westfalen.

Deutschland als „Mafia-Paradies“ Deutschland erscheint in einer Vielzahl von Recherchen und Berichten als „Mafia- bzw. Geldwäscheparadies“ der Mafia. Roberto Saviano bezeichnete Deutschland 2016 als „Eldorado für Mafiosi“. Der italienische Staatsanwalt Nicola Gratteri bezeichnete Deutschland 2021 als „das zweite Zuhause“ der kalabrischen Mafia. Nirgendwo habe sie mehr Mitglieder als hier. Deutschland sei „die Waschmaschine Europas“, so Marcel Emmerich 2024. Überproportional vertreten ist sie in Baden-Württemberg. Vor allem in Stuttgart habe die ‘ndrangheta weitreichende Strukturen aufgebaut und sei „engmaschig mit der italienischen Community wie auch mit Wirtschaft, Politik, Kultur und Sport vernetzt,“ so Mafianeindanke.

Da das Problem in Deutschland ignoriert werde, könne sich die Mafia auch nach den Mafiamorden von Duisburg ungestört verbreiten und ihrer Tätigkeit nachgehen, so die Deutsche Welle 2014. Auch 2022 zeige sich der rote Faden des Wegsehens. Es fehle an Gesetzgebung, außerdem würden entsprechende Stellen bei der Polizei abgebaut. Die hohe Präsenz der italienischen Mafia in Berlin wird nach der Darstellung Axel Liers (Berliner Zeitung 2018) unterschätzt, Grund sei unter anderem das Fehlen einer Ermittlergruppe. Berlin sei nach Auskunft eines BKA-Ermittlers ein „Investitionsort und Rückzugsgebiet“, in dem alle wichtigen Mafia-Familien Verbrechen im Bereich der Wirtschaftskriminalität begingen.

Über Firmen und Unternehmen würden die „Statthalter“ sogar versuchen, von der kommunalen bis zur europäischen Ebene an öffentliche Aufträge zu kommen. Hans Leyendecker stellte 2018 in der Süddeutschen Zeitung fest, die italienische Mafia habe schon „vor Jahrzehnten“ in Deutschland ihre „Dependancen“ aufgebaut und verfüge über fest verwurzelte Strukturen.

Deutschland hatte 2018 so große Bedeutung für die italienische Mafia insgesamt, dass die Einschätzung vertreten wurde, „Clans ohne ein starkes Deutschland-Geschäft (können) ins Hintertreffen geraten“.

Ursprung, Entwicklung und Schwerpunkte Die italienische Mafia fing in den 1970er Jahren an, sich in Deutschland festzusetzen, zunächst die Cosa Nostra, in den 80ern folgte die Camorra. Die seit den 50er Jahren ansässigen italienischen Gastarbeiter dienten als „Andockstationen“.

Seit 2007 gilt Deutschland der ’Ndrangheta auch nach den Mafiamorden von Duisburg als „Provincia“ mit einem besonderen Kontrollgremium, Crimine. In einem abgehörten Telefongespräch äußerte der Ndranhgheta-Pate Vincenzo Farao noch 2014: "In Germania possiamo fare tutto. (…) La Germania è una lavanderia” ("In Deutschland können wir alles machen – Deutschland ist eine Wäscherei").

2008 erstellte das Bundeskriminalamt (BKA) einen Bericht über 230 Clans und 900 Personen der ’Ndrangheta in Deutschland.

Von 2008 bis 2017 vervierfachte sich nach Angaben des Spiegel die Zahl der Mafiosi in Deutschland. Die Sicherheitsbehörden hätten im Jahr 2008 136 Mitglieder gezählt, im Juni 2017 562 Mitglieder. Die Dunkelziffer liege vermutlich weitaus höher.

Neben den Großstädten waren 2012 auch Regionen wie Schwaben Schwerpunkte der Mafia.

2015 lebten in Baden-Württemberg schätzungsweise rund 150 Personen, die der IOK angehörten, ein Drittel aller in Deutschland bekannten Mitglieder.

2016 ging das BKA in Deutschland von 543 italienische Mafia-Angehörigen aus, 308 von der ’Ndrangheta,123 von der Cosa Nostra, 95 von der Camorra und Stidda und 17 Mitglieder der Apulischen Mafia. Hochburgen seien Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Hessen.

2017 werden Mannheim, Stuttgart und das Bodenseegebiet von Wolfgang Rahm als Kriminalhauptkommissar des LKA Stuttgart hervorgehoben. Dem BKA sind 585 Personen bundesweit bekannt.

2018 waren dem Bundeskriminalamt etwa 570 in Deutschland lebende Mafia-Mitglieder bekannt, davon 350 aus der ’Ndrangheta. Mit den Helfern wurde die Zahl der Personen, die der Mafia verbunden sind, auf etwa 5.000 geschätzt.

2021 waren 770 Mitglieder der italienischen Mafia polizeilich bekannt, 505 aus der ’Ndrangheta, die vor allem in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Hessen vertreten ist, 109 aus der Cosa Nostra, 30 aus der Stidda, 101 aus der Camorra und 16 apulischen Gruppen. Dies war eine Steigerung um 220 im Vergleich zu 2016, aufgrund von verstärkten deutschen Ermittlungsverfahren oder Mitteilungen italienischer Ermittler.

2022 wurde Baden-Württemberg aufgrund seiner geografischen Lage als ein Rückzugsgebiet benannt, besonders der 'Ndrangheta, und zwar am Bodensee, im Rhein-Neckar-Raum und rund um Stuttgart, der „Pista Stoccardese“. Nach Petra Reski sind Städte wie Erfurt und Leipzig „in der Hand der ‘Ndrangheta“. In der Antwort auf eine Anfrage der Fraktion Die Grünen wurden folgende Zahlen ermittelt: Von 1.003 Mafia-Mitgliedern in Deutschland gehören dem Bericht zufolge 519 zur 'Ndrangheta, 134 zur Cosa Nostra, 118 zur Camorra, 33 der Stidda, 37 apulischen Gruppen. Es gebe ein Plus zum Vorjahr von 87 Personen. Tätigkeitsgebiete seien vor allem Gastronomie, Lebensmittelhandel, Kfz-Gewerbe, Delikte vor allem Drogenkriminalität, Geldwäsche und Steuerbetrug. Die Einnahmen betrügen rund 2,3 Millionen Euro, von denen 683.000 Euro sichergestellt worden seien.

Bayern ist laut Ermittlern ein beliebtes Durchgangsland für Drogenkuriere. Kempten oder Traunstein sind wegen ihrer Lage in der Nähe der Grenze interessant, da die Grenze sich leicht beobachten lasse.

Organisation Nach Einschätzung italienischer Ermittlungsbehörden verfügt die ’Ndrangheta mit dem sogenannten Crimine di Germania über eine zentrale Führungsstruktur außerhalb Italiens (Camera di Controllo), Crimine di Germania ist ein Kontrollgremium aus 9 gewählten Mafiamitgliedern aus ganz Deutschland, dem die wichtigsten Clans angehören. Dieser Verwaltungsrat soll nach den Mafia-Morden von Duisburg gegründet worden sein. Der Sitz soll in Duisburg selbst liegen. Aufgabe dieses Gremiums ist angeblich, für den „geschäftlichen Frieden“, den Ausgleich von Interessen und die Einhaltung der Regeln zu sorgen. Verfeindete Clans, die die Mafia in Deutschland dominieren, vor allem Pelle-Romeo und Nirta-Strangio aus San Luca, schlossen Frieden und widmeten sich gemeinsam der Aufgabe, das Image der Mafia zu verbessern. Unterhalb der Camera liegen die locali, die örtlichen und regionalen Gruppen, von denen die in Erfurt mit 70 Mitgliedern die größte ist (Locale di Erfurt/Erfurter Gruppe). 2017 wurde angenommen, dass es zwischen 18 und 20 solcher Locali gebe, die wiederum aus einzelnen Familien ('Ndrina) bestehen. Dies ergibt sich aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen-Bundestagsabgeordneten, Kriminologin und Polizeibeamtin Irene Mihalic. Nach MDR/FAZ-Recherchen soll es sie in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Saarland und Rheinland-Pfalz und in Bremen geben.

Ein Crimine außerhalb Italiens kann nach Recherchen von Margherita Bettoni, Axel Hemmerling und Ludwig Kendzia (MDR) nur mit Billigung des italienischen Crimine di Polsi gebildet werden und untersteht weitgehend dessen Direktiven.

Bundesländer Baden-Württemberg Das Innenministerium Baden-Württemberg gab 2023 in der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage an, dass etwa 170 der Italienischen Organisierten Kriminalität zuzurechnende Personen in Baden-Württemberg leben.

Bayern Das Landesamt für Verfassungsschutz gab 2023 an, etwa 80 Personen der 'Ndrangheta lebten in Bayern, die Dunkelziffer sei jedoch hoch. Joachim Herrmann rechnete mit etwa 100 Mafiosi, die Restaurants besitzen, Clan-Mitglieder aufnehmen oder Geldwäsche betreiben. Andere Bereiche seien Immobilien, Bauwirtschaft und Prostitution, Kokainhandel, besonders in München.

Hessen Der Verfassungsschutz Hessen bezeichnet das Rhein-Main-Gebiet als Rückzugs- und Aktionsraum der Italienischen Organisierten Kriminalität.

Nordrhein-Westfalen In Nordrhein-Westfalen sind vor allem die Cosa Nostra und die ’Ndrangheta wegen Kokainhandels polizeilich in Erscheinung getreten. Die Mitgliederzahlen sind jedoch rückläufig und andere Gruppen der organisierten Kriminalität deutlich stärker vertreten. Dabei muss jedoch beachtet werden, dass für die Erfassung der dominierenden Staatsangehörigkeit einer OK-Gruppierung die Staatsangehörigkeit der Personen ausschlaggebend ist, die innerhalb der Gruppierung die Führungsfunktion einnimmt. Dabei muss nicht zwingend die Mehrheit innerhalb der Gruppierung diese Staatsangehörigkeit besitzen.

Thüringen In Thüringen tagte von 2021 bis 2024 ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss zur Rolle der `Ndrangheta. Der abschließende Bericht ist aufgrund der weiterhin laufenden "Operation Eureka" nur teilweise öffentlich zugänglich.

Betätigungsfelder Betätigungsfelder der italienischen Mafia sind laut BDK Rauschgift- und Waffenhandel, verstärkt auch Bauwesen, Bankbereich und Glücksspiel. Dazu kommen Lebensmittelgroßhandel, Betriebe der Gastronomie, der Hotelbereich und das KfZ-Gewerbe. Darüber hinaus betätigt sich die italienische Mafia in Menschenhandel und Prostitution, Schutzgelderpressung, Bestechung und illegaler Müllentsorgung. Nach Angabe der Bundesregierung 2017 war die Camorra in den Bereichen Rauschgiftkriminalität, Gewaltkriminalität, Betrugskriminalität, Eigentumskriminalität und Fälschungskriminalität in Deutschland tätig, darunter Geldfälschung. Bei der Geldwäsche in Deutschland landen die Gewinne der italienischen Mafia laut einem BKA-Ermittler „in unzähligen legalen Geschäftsfeldern“, darunter Immobilien, Gastronomie, Baugewerbe, Weinvermarktung und Herstellung und Vertrieb von Milchprodukten.

Geldwäsche Als Hauptursache für die Beliebtheit Deutschlands bei der Mafia wird die Einfachheit der Geldwäsche betrachtet. Bis 2021 galt die Geldwäsche in Deutschland als relativ einfach. Der Kronzeuge des Mafia-Prozesses in Mainz schwärmte 2020 geradezu von den perfekten Bedingungen, die Kriminelle in Europas größter Wirtschaftsnation vorfänden.

Der Umfang der Geldwäsche in Deutschland wurde 2019 auf 108,8 Milliarden Euro jährlich geschätzt, 2022 auf über 100 Milliarden.