mini|hochkant=1.2|Reginald McKenna, Cartoon-Porträt von „Matt“ aus dem Jahr 1923 Reginald McKenna (* 6. Juli 1863 in Kensington, London; † 6. September 1943 ebenda) war ein britischer Staatsmann und Bankier. McKenna bekleidete zwischen 1907 und 1916 zahlreiche Ministerposten in den Regierungen Campbell-Bannerman und Asquith, bevor er von 1919 bis 1943 als Aufsichtsratsvorsitzender der Midland Bank die Geschäfte des größten Bankhauses im Vereinigten Königreich leitete.
Biografie und Karriere McKennas frühes Leben (1863–1887) McKenna wurde als fünfter und jüngster Sohn des irischstämmigen Londoner Finanzbeamten William Columban McKenna (1819–1887) und seiner Gattin Emma Hanby († 1905) geboren. Väterlicherseits war er ein Neffe des einflussreichen Bankiers Josef McKenna. McKenna wurde protestantisch erzogen und bekannte sich konfessionell zum Kongregationalismus.
Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten der Familie nach dem „Overend Gurney bank failure“ von 1866 wurde McKenna vom Vater, der in London blieb, mit seiner Mutter und den jüngeren Geschwistern 1866 nach Frankreich geschickt, wo die Lebenshaltungskosten deutlich geringer waren als in Großbritannien. Von 1869 bis 1874 besuchte er die Schule in Saint-Malo in Frankreich und von 1874 bis 1877 in Ebersdorf in Deutschland, so dass er später beide Landessprachen fließend beherrschte. Seine Schullaufbahn schloss er in der King’s College School in London ab.
Als junger Mann besuchte er die Universität London und die Trinity Hall, eines der renommiertesten Colleges der University of Cambridge, wo er 1885 das Diplom in Mathematik erwarb, das ihm als einem der „senior optimes“, d. h. einem der Jahrgangsbesten verliehen wurde. 1916 wurde er zum honorary fellow der Trinity Hall gewählt. Neben seinen akademischen Meriten konnte McKenna während seiner Studentenjahre auch verschiedene sportliche Erfolge verbuchen: Während seiner letzten Jahre in Cambridge gehörte er dem berühmten Ruder-Team der Universität an, mit dem er 1887 im alljährlich stattfindenden Bootsrennen Oxford gegen Cambridge das Team der University of Oxford besiegen konnte und mit dem er außerdem bei der Henley Royal Regatta 1886 den Grand Challenge Cup und 1887 den Stewards’ Challenge Cup gewann.
Karriere als Anwalt und Parlamentarier (1887–1905) mini|Reginald McKenna, Cartoon von Spy Von 1887 bis 1895 war McKenna als Anwalt tätig und betrieb eine erfolgreiche Kanzlei. 1892 bewarb sich McKenna erfolglos als Kandidat der Liberalen Partei im Wahlkreis Clapham um einen Sitz im britischen Unterhaus. Bei den Unterhauswahlen von 1895 wurde er schließlich als Abgeordneter für den Wahlkreis North Monmouthshire ins Parlament gewählt. Dort fiel McKenna zunächst als Mitglied einer kleinen Gruppe der „Radikalen“ (d. h. des linken Flügels der Liberalen) auf, die sich um den erfahrenen Politiker Charles Dilke, einem der führenden Männer der Liberalen im Unterhaus, scharte. Auf Rat Dilkes begann der junge McKenna sich schließlich ein Spezialthema zu suchen, in das er sich derart vertiefen sollte, das man ihn als Autorität auf dem betreffenden Gebiet verstärkte Aufmerksamkeit schenken würde: Das Thema, für das er sich schließlich entschied, war die Tarifpolitik, in der er rasch zu einem der Experten seiner Partei wurde.Aufgrund seiner engen Beziehung zu seinem Mentor Dilke nannte die Presse McKenna in diesen Jahren auch Dilkes „his Man Friday“. Daneben trat er sich – als Abgeordneter eines walisischen Wahlkreises nur folgerichtig – vor allem in Debatten über Wales betreffende Angelegenheiten, wie die Education Bill der konservativen Regierung von 1897, hervor. McKennas Angriffe auf letztere, die er gemeinsam mit David Lloyd George, der zu dieser Zeit sein enger Freund und Kollege war, attackierte, brachten ihm erstmals größere öffentliche Publizität.
Während des Burenkrieges (1899–1902) gehörte McKenna zu den heftigsten Kritikern der konservativen Regierung und des Krieges überhaupt im Parlament. Auf der Seite des Parteiführers Campbell-Bannerman und Lloyd Georges gehörte er dem radikalen Flügel der Liberalen an, der den Krieg ablehnte im Gegensatz zum imperialistischen Flügel, um Asquith, Haldane und Primrose, welcher den Krieg guthieß.
1903 war McKenna einer der Mitbegründer „Free Trade Union“, die für den Fortbestand des britischen Freihandelssystems kämpfte. Im Parlament tat er sich zu dieser Zeit als energischer Gegner der protektionistischen Pläne des konservativen Kolonialministers Joseph Chamberlain hervor. So attackierte er in einer viel bewunderten Rede 1904 etwa die von Chamberlains Sohn, Austen Chamberlain, eingeführten diskriminierenden Tabakzölle gegen ausländische Importe von Tabakwaren. Gemeinsam mit Lloyd George und Dilke stritt McKenna außerdem für eine „Redynamisierung“ des erschlafften parlamentarischen Liberalismus.
Im Parlament wurde McKenna trotz ihrer Differenzen während des Burenkrieges schließlich zu einem der engsten Mitarbeiter von Herbert Henry Asquith, dem „aufgehenden Stern“ und Parteiführer in spe der Liberalen: Neben Richard Haldane und Sir Edward Grey gilt er den meisten Asquith-Biografen – wie etwa Roy Jenkins – als der wichtigste Intimus des liberalen Staatsmanns während dessen Zeit als Premierminister (1908–1916) und in den ersten Jahren von Asquith als Führer der liberalen Opposition nach seinem Sturz (etwa 1916–1922/1923), bevor sich ihre Wege in den frühen 1920er Jahren trennten.
Liberaler Minister (1905–1916) Nach seinem Aufstieg in der Liberal Party fungierte McKenna von 1905 bis 1916 als Unterstaatssekretär und Minister in den liberalen Regierungen von Henry Campbell-Bannerman und Herbert Henry Asquith: Von 1905 bis 1907 als Unterstaatssekretär im Schatzamt, von 1907 bis 1908 fungierte McKenna als Erziehungsminister (President of the Board of Education), dann, nach Asquiths Antritt als Premierminister von 1908 bis 1911 als Marineminister (First Lord of the Admiralty), von 1911 bis 1915 als Innenminister (Home Secretary) und schließlich im zweiten Kabinett Asquith (dem Koalitionskabinett mit den Konservativen, das 1915 angesichts der dramatischen Kriegslage gebildet wurde) von 1915 bis 1916 als Schatzkanzler (Chancellor of the Exchequer).
Nach dem Sturz der konservativen Regierung unter Arthur James Balfour im Dezember 1905 wurde McKenna, protegiert von Asquith, dem damals zweiten Mann in der liberalen Partei, beinahe sofort Ministerkandidat. Nach dem Regierungsantritt der Liberalen kam er als Vertrauensmann von Asquith, der als Schatzkanzler das zweitwichtigste Regierungsamt übernahm, zunächst mit diesem ins Schatzamt, wo er von 1905 bis 1907 als Staatssekretär fungierte, nachdem Winston Churchill dieses Amt zugunsten des Amtes des Staatssekretärs im Kolonialministerium ausgeschlagen hatte.
Nach dem Sturz des Erziehungsministers Augustine Birrell 1907 im Zuge der Debatte über die Education bill konnte er schließlich in ein Ministeramt aufrücken.
Marineminister (1908–11) Im April 1908 übernahm McKenna als Nachfolger von Edward Marjoribanks, 2. Baron Tweedmouth, das Amt des Marineministers, wobei er der erste Inhaber dieses Postens war, der nicht im Oberhaus saß – also kein Adeliger war –, sondern einen Sitz im Unterhaus innehatte. Zu seiner Ernennung kam es infolge der Regierungsumbildung, die dem Ausscheiden des Premierministers Henry Campbell-Bannerman aus der Regierungsverantwortung 1908 und dem Amtsantritt von Herbert Henry Asquith als Regierungschef nachfolgte. Die Forschung geht heute davon aus, dass Asquith seinem Satrapen eigentlich das Amt des Schatzkanzlers in seiner Regierung zugedacht hatte, dieses Amt jedoch auf Druck der Parteilinken an Lloyd George übertragen musste.
Zusammen mit dem Ersten Seelord John Fisher forcierte McKenna als Marineminister von 1908 bis 1911 eine soziale Reformierung der Royal Navy (Erleichterung des Zugangs den Marinecolleges auch für weniger privilegierte Bewerber u. v. m.), sowie insbesondere den Bau großer Schlachtschiffe, sogenannter Dreadnoughts (benannt nach dem Namen des ersten Schiffes), um eine hinreichende numerische wie qualitative Überlegenheit der britischen Flotte gegenüber der gleichzeitig unter der Ägide des Admirals Alfred von Tirpitz gebauten deutschen Risiko-Flotte zu gewährleisten. Das Scheitern der deutschen Risiko-Strategie, welche die Absicht verfolgte, das Vereinigte Königreich in einem europäischen Krieg vor anti-deutschen Engagements abzuschrecken (solche Engagements eben mit einem erheblichen eigenen Risiko zu behaften), indem es ihm die Gefahr vor Augen führte, dass ein Himmelfahrtskommando einer, der britischen Flotte zwar unterlegenen aber dennoch stark ausgebauten, deutschen Flotte, der Royal Navy derart hohe Verluste beibringen würde, dass Großbritannien seine Vormachtstellung zur See nach einem Sieg über das Deutsche Reich an eine dritte Macht verlieren würde, ist nicht zuletzt McKennas Anstrengungen als Marineminister geschuldet. Wiewohl die Schwächung des britischen Staates durch den Ersten Weltkrieg den Amerikanern danach zumindest ein flottenmäßiges Gleichziehen mit den Briten ermöglichte.
In den kabinettsinternen Diskussionen und den Parlamentsdebatten um die Verwendung von Steuermitteln zugunsten eines Ausbaus des Wohlfahrtsstaates oder zugunsten des Baus weiterer Dreadnoughts trat McKenna als energischer Verfechter einer weiteren Aufrüstung auf. Als sein Hauptwidersacher bei den Querelen um die Verwendung der Steuermittel traten David Lloyd George und Winston Churchill auf, die damals als Finanz- bzw. Handelsminister ein erfolgreiches politisches Tandem bildeten. Lloyd George und Churchill, damals Vertreter des äußeren linken Flügels der Liberalen Partei, hielten zu dieser Zeit die Sorgen McKennas, der als Vertreter der Rechten galt, vor dem Ausbau der deutschen Flotte für abwegig. Anstatt das Geld in den Bau von Schiffen zu investieren, favorisierten sie die Verwendung der Gelder zugunsten des Ausbaus von Renten-, Kranken- und Unfallversicherungen für die weniger begüterten Volksschichten.
Man vermutet heute, dass McKenna neben Fisher und der konservativen Presse eine federführenden Rolle bei der Initiierung des Naval Scares und des Invasion Scares von 1909 innegehabt hat, einer Pressekampagne, welche die Furcht der britischen Bevölkerung vor dem Verlust der britischen Vorherrschaft zur See und sogar einer Invasion Großbritanniens durch das Deutsche Reich schürte und zu einer weiteren Verschlechterung der deutsch-britischen Beziehungen im Vorfeld des Ersten Weltkrieges führte. Umgekehrt begünstigte das durch diese Kampagne ausgelöste politische Klima die Bereitschaft von Politik und Öffentlichkeit, sich McKennas Aufrüstungswünschen zu fügen.
Im Machtkampf innerhalb der Marineleitung zwischen Fisher und Lord Charles Beresford stellte McKenna sich auf die Seite Fishers, weswegen dieser ihm den anerkennenden Spitznamen „fighting Mac“ gab, unter dem er in der Öffentlichkeit noch lange bekannt blieb.
Nach dem Abgang von Fisher als Flottenchef im Januar 1910 trat der Admiral Sir Arthur „Tug“ Wilson die Nachfolge in diesem Amt an. Wilsons selbstherrlicher und traditionsfrommer Führungsstil führte zu einer Erstarrung des Reformprozesses der Marine, was der konfliktscheue McKenna nicht abzuwenden vermochte. Nachdem die Marine überdies in der Agadir-Krise von 1911, welche Europa an den Rande eines Weltkrieges geführt hatte, mit keinem Kriegsplan hatte aufwarten können (der in der autokratischen Mentalität eines viktorianischen Flottenführers befangene Wilson hatte es vorgezogen, Kriegspläne in seinem „Kopf“ und nicht in den „Tresoren“ der Admiralität zu verwahren), entließ der Premierminister den verbindlichen McKenna aus dem Amt des Marineministers. An seine Stellte trat sein von Asquith als durchsetzungsfähiger erachteter jugendlicher Kabinettskollege Winston Churchill, der während der Agadirkrise vom linken zum rechten Flügel der Partei gewechselt war und der McKenna am 25. Oktober 1911 nachfolgte.
Innenminister (1911–14)