Horst Oehlke (* 7. November 1931 in Oberheinsdorf, Vogtland; † 18. Oktober 2010 in Berlin) war ein deutscher Designer und Designtheoretiker. Er lehrte an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, wo er in den 1970er und 1980er Jahren maßgeblich am Aufbau der Abteilung für Designtheorie mitwirkte.
Biographie Oehlke begann im Alter von 20 Jahren ein Fachschulstudium der Textilgestaltung in Karl-Marx-Stadt, wechselte später an die Fachschule für angewandte Kunst Heiligendamm, wo er sein Studium 1954 erfolgreich abschloss. In den folgenden drei Jahren arbeitete er am Institut für Bekleidungskultur in Berlin. Von 1957 bis 1961 studierte er an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst (heute Kunsthochschule Berlin-Weißensee) Industrielle Formgestaltung. In den folgenden Jahren arbeitete er im VEB Secura-Werke Berlin, im VEB Buchungsmaschinenwerk Karl-Marx-Stadt, im Wissenschaftlich-Technischen Zentrum der VVB Büromaschinen Karl-Marx-Stadt und von 1965 bis 1968 Leiter der Abteilung Formgestaltung und Ingenieur-Psychologie im Institut für Regelungstechnik Berlin. Sein Spezialgebiet war die Gestaltung zur Standardisierung von Mess- und Prüfgeräten wie das „Ursumat-System“. Als seinen Nachfolger gewann er Eberhard Voigt. 1968 erhielt er eine Dozentenstelle an der Hochschule für industrielle Formgestaltung Halle – Burg Giebichenstein (kurz HIF), wo er von 1971 bis 1976 die „Sektion Produkt- und Umweltgestaltung“ leitete und 1976 eine Professur für Industriedesign übernahm. 1982 promovierte er im Fachgebiet Ästhetik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Der Titel seiner Dissertation lautete „Produkterscheinung – Produktbild – Produktleitbild“. Im Jahr darauf gab er die Leitung der Abteilung für Designtheorie an der HIF ab, die er seit 1976 geleitet hatte.
Oehlke war bis 1990 Mitglied des Verbands Bildender Künstler der DDR. Er war 1962/1963, 1972/1973 und 1977/1978 auf der Fünften Deutschen Kunstausstellung und der VII. und VIII. Kunstausstellung der DDR in Dresden vertreten. Er erhielt 1979 mit Karl-Joachim Heinemann „für ihre formgestalterischen Arbeiten für die Industrie und die Umweltgestaltung sowie die Ergebnisse ihrer Arbeit in Forschung und Lehre“ den Designpreis der DDRForm + Zweck, Berlin, 6/1979, S. 4 und 1981 die Verdienstmedaille der DDR.
Auch nach der deutschen Wiedervereinigung blieb er bis 2001 Professor an der Kunsthochschule. 1997 erhielt er die Auszeichnung Dank der Burg Giebichenstein.
Oehlke war verheiratet mit der Gebrauchsgrafikerin Waltraut Oehlke.
Lebenswerk 1968 begann seine Tätigkeit an der HIF. Zu diesem Zeitpunkt bestand der Studiengang Industrieformgestaltung seit rund 8 Jahren und beinhaltete im Wesentlichen die Vermittlung gestalterischer Grundlagen mit wechselnden Projekten, die jeweils einen praktischen Bezug des Gelernten herstellen sollten. Horst Oehlke trug in den Folgejahren wesentlich zur Etablierung der Designmethodik als eigenständiger Fachbereich an der HIF bei. Ziel der Disziplin war es, im Laufe des Studiums ein geistiges Fundament und eine theoretische Auseinandersetzung mit dem eigenen Berufsbild zu vermitteln. Stichwörter des damaligen Lehrplans der Designmethodik waren „zeitgemäße Ästhetik, Funktionalismus und letztlich das Verhältnis Kunst und Technik, der Anteil des individuell Schöpferischem am Entwurf des Industrieproduktes, des kollektiven Zusammenwirkens verschiedenster Disziplinen beim Prozeß von Konzept bis zu Konstruktion und Distribution“.Archiv der Kunsthochschule Burg Giebichenstein Halle: Trauerrede von Prof. Johannes Langenhagen. 29. Oktober 2010. Unterstützt durch den Hochschulrektor Paul Jung konnte in den Folgejahren eine Abteilung Theorie und Methodik aufgebaut werden, die sich schon früh mit computergestütztem Entwerfen beschäftigte. Während seiner Professur etablierte er jährlich veranstaltete Kolloquien zur Designwissenschaft, die jeweils durch Publikationen dokumentiert wurden.
1988 betrug die Dauer eines Designstudiums an der Hochschule fünf und an der Fachhochschule drei Jahre. Nach Oehlke sollten im Studium neben ästhetischen Fragen auch kulturelle, wirtschaftliche und technische Aspekte sowie die Schonung von Ressourcen und Umwelt berücksichtigt werden. Um im Beruf interdisziplinär zu handeln, benötige es zudem eine „besondere Fähigkeit zur Kommunikation“, welche die produktive Zusammenarbeit unterstützt, gelegentlich zwischen den Industriepartnern vermittelt und gleichzeitig aber die eigene Disziplin vertritt. Die Ausbildung beinhaltet daher nicht nur gestalterisches Arbeiten, sondern gleichzeitig auch wissenschaftliche, geisteswissenschaftliche und technische Inhalte. Für die Ausbildung zum Designer sei, laut Oehlke, eine konsequente „Synthese von Forschung und Lehre“ notwendig, um Innovationen, Konzeption und Fortschritts sowohl praktisch als auch theoretisch untersuchen zu können. Ein Fokus der Ausbildung war hier eine experimentelle Auseinandersetzung mi anwendungsbezogenen Gestaltungsaufgaben. Dem dreijährigen Fachstudium (Projektstudium) ging eine einjährige Ausbildung voraus, in der Grundlagen gestalterischer Mittel, sowie Basiskenntnisse in Werkstofftechnik und Technologie vermittelt wurden. Ein Grundprinzip des Designstudiums war „die enge Verbindung zur industriellen Praxis“ mit mehrwöchigen Pflichtpraktika in Industrie- und Handwerksbetrieben, die mit der Hochschule kooperierten. Das Studium wurde mit einer Diplomarbeit abgeschlossen, die in der Regel aus dem Betriebspraktikum entstand.
Haltung zur Entwicklung des Designs in der DDR Horst Oehlke unterteilte die Entwicklung des Designs in der DDR in vier Phasen.
In der ersten Phase standen vor allem die Manufaktur und das Handwerk mit dem Ziel der Reparatur und der Bedarfsdeckung im Vordergrund. In der zweiten Phase ab den 1950er Jahren entwickelte sich die industrielle Formgestaltung sowohl in der Praxis als auch in den staatlich geförderten Ausbildungseinrichtungen. So wurde z. B. 1953 an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee die Abteilung Formgestaltung gegründet. Das seit 1956 administrativ angegliederte Institut für künstlerische Werkgestaltung an der Burg Giebichenstein wurde 1958 unter neuem Namen wieder eigenständig als Hochschule für industrielle Formgestaltung – Burg Giebichenstein. In der dritten Phase während der 1960er Jahre bildete sich vor allem das Produktdesign heraus. 1965 wurde das Zentralinstitut für Gestaltung als staatliche Leiteinrichtung gegründet.
Während nach dem Zweiten Weltkrieg der Kontakt zwischen Designhochschulen in Ost und West weiterhin funktionierte, wurde nach dem Mauerbau der Austausch zurückgefahren, man ging im Osten und im Westen eigene Wege. Dennoch entwickelten sich zum Teil parallel ähnliche Strömungen, beispielsweise sind die vielfältigen Einflüsse der HfG Ulm auf beiden Seiten deutlich erkennbar. In der vierten Phase ab den 1970ern setzte sich der international etablierte Begriff Design auch in der DDR durch. Die umfangreichen staatlichen Wohnungsbauprogramme ab den 1970er Jahren beflügelten das Möbel- und Wohndesign. Gleichzeitig versuchte die Regierung mit dem Amt für industrielle Formgestaltung (AiF) ein zu starkes individuelles Auftreten freiberuflicher Designschaffender durch entsprechende Regulierungen zu unterbinden und Gestaltungstätigkeiten überwiegend in der Industrie anzusiedeln. Hierbei stieß das AiF jedoch auf Widerstand vom Verband bildender Künstler, dem sich auch die Designer und Designerinnen zuordneten. Design konnte sich zunehmend als eigene Disziplin durchsetzen und gegen politische Vereinnahmung wehren. Durch den eingeschränkten deutsch-deutschen Austausch geriet die DDR technisch immer mehr in den Rückstand, was Innovation und Diversifikation vor allem im elektrischen und elektronischen Bereich erschwerte, ebenso wie praktizierte Unterteilung der Warenproduktion für den internen Bedarf und für den Export. In diesem Zusammenhang spricht Oehlke von einer allmählichen „Intensivierung des Obsoleten“ und einer Kluft zwischen Warenproduktionsmenge und Warenästhetik. Bis in die 1980er Jahre dominierte in der DDR ein starker kollektiver Konsens, die Arbeit der Designer wurde den Erfordernissen der Gesellschaft untergeordnet, sie selbst blieben meistens anonym. Dies änderte sich mit der Wende und der damit verbundenen Veränderung der Prinzipien von Produktions- und Vermarktung in einer marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaft.
Forschungs- und Lehrtätigkeit an der HIF
Abteilung für Theorie und Methodik des Designs 1976 wurde die Abteilung für Theorie und Methodik des Designs, zunächst als Arbeitsgruppe, ab 1979 als Universitätsinstitut eingerichtet, mit den Fachbereichen systematische Designtheorie, Designgeschichte, Designpädagogik und Methodologie. 1985 wurde der Bereich in Abteilung für Designtheorie umbenannt.
Designtheoretische Kolloquien Parallel zur Gründung der Abteilung wurde im Oktober 1977 das Designtheoretische Kolloquium etabliert, an denen unterschiedlichsten Disziplinen wie Design, Architektur, Psychologie, Mathematik, Informatik, Philosophie, Gesellschaftswissenschaften oder Technik an der HIF vertreten waren. Die Beiträge und Diskussionsergebnisse wurden in Heften veröffentlicht. Oehlke selbst hatte 1976 gemeinsam mit Paul Jung an der Konzeption und Umsetzung des ersten Kolloquiums gearbeitet und maßgeblich dazu beigetragen, dass die Veranstaltung zu einer festen Größe im Jahresverlauf der Designszene der DDR wurde. Er verfasste häufig neben dem Vorwort auch eine Übersicht über den aktuellen Stand der designtheoretischen Forschung in der Abteilung für Designtheorie und über Aktuelles aus dem Institut. Auch andere Mitarbeiter Abteilung wie Rolf Frick (Designmethodologie), Michael Suckow (Kulturwissenschaften), Rainer Funke (Designtheorie) oder Michael Fischer (Psychologie) veröffentlichten hier eigene Beiträge.Archiv der Kunsthochschule Burg Giebichenstein Halle, Ordnernummer 6.1–6.3, Kolloquiums Hefte.
Designtheoretische Ansätze Oehlkes theoretische Auseinandersetzungen mit Design umfassten unter anderem folgende Schwerpunkte:
Design und Funktionalismus Oehlkes Kolloquienbeiträge von 1977 und 1978 befassen sich mit der Lokalisierung von Design im gesellschaftlichen System und stellen einen Bezug zur Anwendbarkeit des Funktionalismus her.„Der Funktionsbegriff in der industriellen Formgestaltung“, in 2. Kolloquium zu Fragen der Theorie und Methodik der industriellen Formgestaltung, HIF Burg Giebichenstein, 1978„Zur Funktionsbestimmung der industriellen Formgestaltung - Versuch einer Beschreibung der Aufgabe der industriellen Formgestaltung“, in 1. Kolloquium zu Fragen der Theorie und Methodik der industriellen Formgestaltung, HIF Burg Giebichenstein, 1977 Oehlke begreift die industrielle Formgestaltung in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext, die nicht auf eine berufliche oder gestalterische Tätigkeit reduziert werden kann. Industrielle Formgestaltung leiste einen aktiven Beitrag im gesellschaftlichen Diskurs und sei Teil des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses. Gestaltung findet laut Oehlke immer in Abhängigkeit von den sozial-ökonomischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlich-technischen Gegebenheiten statt. Gestaltung übersetze prinzipielle gesellschaftliche Ziele in konkrete praktische Aufgaben und Lösungen.