Timo Noetzel (* 1977 in Hamburg) ist ein deutscher Politikwissenschaftler.

Er war Mitarbeiter des Berliner Verfassungsschutzes und Manager bei den Unternehmensberatungen McKinsey und Accenture sowie Mitbegründer der Stiftung Neue Verantwortung. In der breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden ist Noetzel im Zuge der Berateraffäre des Bundesverteidigungsministeriums ab dem Jahr 2017, bei der es um die Vergabe hochdotierter Verträge an externe Berater unter Nichtachtung geltender Vergabekriterien ging. Er ist in diesem Zusammenhang 2019 vom 1. Untersuchungsausschuss des Verteidigungsausschusses der 19. Wahlperiode des Deutschen Bundestages vernommen worden.

Lebensweg

In den Jahren 1997 und 1998 absolvierte Noetzel ein Studium der Verwaltungswissenschaften an der Universität Konstanz. Im Jahr 2000 legte er die Prüfung zum B.A. (Hons) in Politics an der Queen’s University of Belfast ab, im Jahr 2002 zum M.Phil. in Politics an der University of Oxford.

Von 2003 bis 2006 war Noetzel Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag im Abgeordnetenbüro von Andreas Weigel (SPD).AG Feinderkennung Konstanz in der FES, „Verfassungsschutz-Mitarbeiter Timo Noetzel und die NATO-Sicherheitskonferenz“, in: linksunten Archiv, 24. März 2010, 15:27 Uhr, https://linksunten.archive.indymedia.org/node/18314/index.html Gleichzeitig war er Mitarbeiter des Berliner Landesamtes für Verfassungsschutzes.Fabian Löhe, „Untersuchungsausschuss startet. Gefährlicher Zeuge für Leyen in der Bundeswehr-Berateraffäre“, in: Der Tagesspiegel online, 14. Februar 2019, https://www.tagesspiegel.de/politik/untersuchungsausschuss-startet-gefaehrlicher-zeuge-fuer-leyen-in-der-bundeswehr-berateraffaere/23982082.html Im Jahr 2005 nahm Noetzel an einem Seminar über Sicherheitspolitik an der Bundesakademie für Sicherheitspolitik teil.„Steckbrief“ über Dr. Timo Noetzel des Exzellenzclusters „Kulturelle Grundlagen von Integration an der Universität Konstanz“, https://www.exc16.uni-konstanz.de/noetzel.html Im November 2006 schloss Noetzel sein Promotionsverfahren an der Universität von Oxford, Department of Politics and International Relations, bei Professor Hew Strachan, All Souls College (Oxford), und Dr Anne Deighton, Wolfson College (Oxford), als D.Phil. in Politics ab. In den Jahren 2006/2007 war Noetzel Fellow bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) und im Chatham House, in den Jahren 2008/2009 Wissenschaftler der SWP in den Bereichen Sicherheitspolitik und Europa. Ab April 2008 übernahm Noetzel an der Universität Konstanz die Leitung einer Nachwuchsgruppe mit dem Themenschwerpunkt „Westliche Demokratien und moderne Protektorate“ im Rahmen des durch die Exzellenzinitiative geförderten Clusters „Kulturelle Grundlagen von Integration“. Ab 2008Universität Konstanz, Exzellenzcluster Kulturelle Grundlagen von Integration, 10. Februar 2009, https://www.exc16.uni-konstanz.de/5609.html%3F&cHash=88e588351b8ffc5d950557362387beb3&tx_ttnews[day]=10&tx_ttnews[month]=02&tx_ttnews[tt_news]=442&tx_ttnews[year]=2009.html : „Dr. Timo Noetzel ist seit 2008 Co-Leiter der Forschungsgruppe „Konfliktgeneratoren“ am Exzellenzcluster …“ und offenbar mindestens bis Mai 2010siehe Körber-Stiftung, Teilnehmer des 146. Bergedorfer Gesprächskreises (28. bis 30. Mai 2010), https://www.koerber-stiftung.de/bergedorfer-gespraechskreis/gespraechskreise/146-gespraechskreis/teilnehmer war Timo Noetzel Co-Leiter der Forschungsgruppe „Konfliktgeneratoren“ an der Universität Konstanz, gemeinsam mit Benjamin Schreer.

Noetzel war 2008 Gründungsmitglied Stiftung Neue Verantwortung, zusammen mit Lars Zimmermann und Tobias Leipprand, und blieb bis 2013 Vorstand dieser Stiftung.Stiftung Neue Verantwortung, FAQs, Antwort auf die Frage: „Was ist die Geschichte der Stiftung Neue Verantwortung?“, https://www.stiftung-nv.de/de/faqs 2009 war Noetzel Leiter des Politik- und Analysestabs der 45. Münchner Sicherheitskonferenz und rechte Hand von deren Vorsitzendem Wolfgang Ischinger.Andreas Niesmann, „Neues Superhirn für Steinbrück“, in: Focus Magazin, Nr. 3 (2013), 16. November 2013, 09:11 Uhr, https://www.focus.de/politik/deutschland/neues-superhirn-fuer-steinbrueck-focussiert_id_2437210.html Im Jahr 2013 zählte Noetzel zum Wahlkampf-Team des damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück.Mike Szymanski, „Verteidigungsministerium: Berater und Freund des Hauses“, in: Süddeutsche Zeitung, 27. Juni 2019, 19:23 Uhr, https://www.sueddeutsche.de/politik/berateraffaere-untersuchungsausschuss-bundestag-accenture-1.4502017. s. a.: Hans-Martin Tillack, „Berateraffäre im Verteidigungsministerium: Beraterfirma Accenture lässt im Untersuchungsausschuss mithören“, in: Stern online, 24. Mai 2019, 11:01 Uhr, https://www.stern.de/politik/berateraffaere--accenture-laesst-im-untersuchungsausschuss-mithoeren-8723150.html Danach wechselte Noetzel als freier Mitarbeiter zur Unternehmensberatung McKinsey und ab 1. Juli 2015 war Noetzel bei Accenture tätig. Im Rahmen seiner Tätigkeit bei McKinsey lernte er auch die damalige Public-Sector Chefin Dr. Katrin Suder kennen.

Noetzel hat als Analyst und Berater unter anderem auch für die NATO gearbeitet.Mike Szymanski, „Verteidigungsministerium: Berater und Freund des Hauses“, in: Süddeutsche Zeitung, 27. Juni 2019, 19:23 Uhr, https://www.sueddeutsche.de/politik/berateraffaere-untersuchungsausschuss-bundestag-accenture-1.4502017

Noetzels Rolle in der Berateraffäre

In der Berateraffäre des damals von Bundesministerin Ursula von der Leyen geleiteten Bundesverteidigungsministeriums von Ende 2018 / Anfang 2019 ging es um die Vergabe hochdotierter Verträge an externe Berater unter Nichtachtung des Vergaberechts. Der 1. Untersuchungsausschuss des Verteidigungsausschusses der 19. Wahlperiode des Deutschen Bundestages untersuchte den Vorwurf von Günstlings- und Vetternwirtschaft bei der Vergabe lukrativer Beratungsaufträge, auch an die Unternehmensberatung Accenture, deren leitender Mitarbeiter Noetzel seit 1. Juli 2015 war. Nicht alle Vorwürfe richten sich gegen die Firma Accenture; auch Konkurrent McKinsey erhielt Aufträge des Ministeriums unter etwas dubiosen Vergabepraktiken.Sven Becker / Matthias Gebauer, Affäre im Verteidigungsministerium: Der Berater und seine Freunde. Im Untersuchungsausschuss zur Berateraffäre kommen brisante Details ans Licht. Ex-Verteidigungsstaatssekretärin Katrin Suder gab dem Berater Timo Noetzel offenbar Hinweise, wie er neue Aufträge an Land ziehen könnte, in: Der Spiegel, 28. Juni 2019, 09.42 Uhr, https://www.spiegel.de/politik/deutschland/berateraffaere-katrin-suder-gab-timo-noetzel-offenbar-hinweise-a-1274746.html

Das Bundesverteidigungsministerium handelte ab Ende 2017 Verträge mit der Beratungsfirma Accenture aus, deren Geschäftsführer Timo Noetzel zu dieser Zeit war. Innerhalb von vier Jahren steigerte Noetzel Accentures Umsatz mit dem Kunden Bundeswehr von 459.000 Euro (2014) auf rund 20 Millionen Euro (2018).Sven Becker / Matthias Gebauer, Affäre im Verteidigungsministerium: Der Berater und seine Freunde. Im Untersuchungsausschuss zur Berateraffäre kommen brisante Details ans Licht. Ex-Verteidigungsstaatssekretärin Katrin Suder gab dem Berater Timo Noetzel offenbar Hinweise, wie er neue Aufträge an Land ziehen könnte, in: Spiegel Online, 28. Juni 2019, 09.42 Uhr, https://www.spiegel.de/politik/deutschland/berateraffaere-katrin-suder-gab-timo-noetzel-offenbar-hinweise-a-1274746.html

In seinem Lebenslauf von Mai 2015 listete Noetzel zwölf unterschiedliche Beratungsposten bei der Bundeswehr auf: von „Berater des Spezialkräftestabs“ im Jahr 2007 bis zu „Strategieberater und Coach des Abteilungsleiters Planung“ seit Oktober 2014.Sven Becker, Matthias Gebauer, „Diamantenjäger. Wie die Consulting-Firma Accenture im Verteidigungsministerium ohne Ausschreibung an Millionenaufträge kam. Ein Untersuchungsausschuss soll die mögliche Vetternwirtschaft im Verteidigungsministerium aufklären. Im Fokus steht die Consultingfirma Accenture. Interne Dokumente zeigen jetzt, wie sie ohne Ausschreibung an Millionenaufträge kam“, in: Der Spiegel, 26. Januar 2019, S. 22–25 Noetzel hatte mehrere Freunde und Duz-Bekanntschaften an einflussreichen Positionen im Bundesverteidigungsministerium.Sven Becker / Matthias Gebauer, Affäre im Verteidigungsministerium: Der Berater und seine Freunde. Im Untersuchungsausschuss zur Berateraffäre kommen brisante Details ans Licht. Ex-Verteidigungsstaatssekretärin Katrin Suder gab dem Berater Timo Noetzel offenbar Hinweise, wie er neue Aufträge an Land ziehen könnte, in: Spiegel Online, 28. Juni 2019, 09.42 Uhr, https://www.spiegel.de/politik/deutschland/berateraffaere-katrin-suder-gab-timo-noetzel-offenbar-hinweise-a-1274746.html

So gab Noetzel beispielsweise an, „eine starke, vertrauenswürdige Beziehung“ zu dem im BMVg tätigen Bundeswehr-General Dieter Warnecke zu haben.Sven Becker, Matthias Gebauer, „Diamantenjäger. Wie die Consulting-Firma Accenture im Verteidigungsministerium ohne Ausschreibung an Millionenaufträge kam. Ein Untersuchungsausschuss soll die mögliche Vetternwirtschaft im Verteidigungsministerium aufklären. Im Fokus steht die Consultingfirma Accenture. Interne Dokumente zeigen jetzt, wie sie ohne Ausschreibung an Millionenaufträge kam.“, in: Der Spiegel, 26. Januar 2019, S. 22–25

Vor dem Untersuchungsausschuss zur Berateraffäre sprach Timo Noetzel von seiner engen Freundschaft zu Gundbert Scherf (was dieser allerdings relativierte). Scherf wechselte im September 2014, gemeinsam mit seiner McKinsey-Kollegin Katrin Suder, von McKinsey ins Bundesverteidigungsministerium. Scherf vertrat Suder dort vorübergehend während ihrer Babypause; 2016 verließ er das Ministerium wieder und kehrte im Januar 2017 zu McKinsey zurück.Deutscher Bundestag, Online-Dienste (Hrsg.), „Kennverhältnisse in der Berateraffäre unter der Lupe“, in: Textarchiv 2019, https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2019/kw45-pa-verteidigung-1ua-665616

Zu Noetzels Bekanntschaften im Verteidigungsministerium zählten mit dem Bundeswehr-General Erhard Bühler und der Verteidigungsstaatssekretärin Katrin Suder auch zwei der zentralen Figuren der Berateraffäre.

Zu den Besonderheiten der Berateraffäre gehörte auch der Accenture interne Blog von Noetzel (für alle >500.000 Mitarbeiter von Accenture einsehbar). Hierin brüstete sich Noetzel mit seinen exzellenten Kontakten in allen Ebenen der Bundeswehr und besonders im Bundesministerium der Verteidigung sowie in die Rüstungsindustrie und stellte sich als großen „Dealmaker“ selbst dar. Für diese „prahlerische“ Darstellung entschuldigte sich Noetzel selbst in seinem Eingangsstatement bei seiner ersten Vernehmung im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss.

Bekanntschaft Noetzels mit General Erhard Bühler

Bühler war von 1. Oktober 2014 bis Ende 2018 Abteilungsleiter der Abteilung Planung im Bundesministerium der Verteidigung.„Generalleutnant Erhard Bühler, Abteilungsleiter Planung, wird zum 1. Februar 2019 Commander Allied Joint Forces Command in Brunssum.“, Pressemitteilung: Personalveränderungen in Spitzenstellen des Bundesministeriums der Verteidigung und der Bundeswehr, 16. März 2018, S. 2, https://www.bmvg.de/resource/blob/22972/5e81db27acfac64a455ecabdf75e858a/20180316-personalveraenderungen-in-spitzenstellen-data.pdf Strategieberater und Coach des Abteilungsleiters Planung war seit Oktober 2014 Timo Noetzel.Sven Becker, Matthias Gebauer, „Diamantenjäger. Wie die Consulting-Firma Accenture im Verteidigungsministerium ohne Ausschreibung an Millionenaufträge kam. Ein Untersuchungsausschuss soll die mögliche Vetternwirtschaft im Verteidigungsministerium aufklären. Im Fokus steht die Consultingfirma Accenture. Interne Dokumente zeigen jetzt, wie sie ohne Ausschreibung an Millionenaufträge kam“, in: Der Spiegel, 26. Januar 2019, S. 22–25