Endre Tót (* 5. November 1937 in Sümeg, Ungarn) ist ein ungarischer Künstler, der mit Fluxus und Konzeptkunst assoziiert wird und der seit 1978 in Deutschland, seit 1980 in Köln lebt. In den 2010er Jahren realisierte er künstlerische Demonstrationen in mehreren europäischen Großstädten, beispielsweise in Budapest 2013 die Zer0 Demo und 2017 die Gladness Demo, beide an der Boulevardstraße Andrássy út.
Leben und Werk Die 1960er Jahre: abstrakte Malerei Zwischen 1959 und 1965 studierte Tót in Budapest an der Hochschule für Angewandte Kunst (heute Moholy-Nagy-Universität für Kunsthandwerk und Gestaltung) mit dem Schwerpunkt Wandmalerei. In den 1960er Jahren schuf er informelle Malerei, kurz darauf folgten Collagen und Gemälde im Geiste der Pop Art und Minimal Art. In dieser Zeit, bereits während seines Studiums war Endre Tót mit dem Maler Dezső Korniss befreundet, der die Experimente des jungen Tót in der informellen Kunst schätzte. Korniss war in der unmittelbaren Nachkriegszeit Mitbegründer der Künstlergruppe Európai iskola (Europäische Schule). 1968 und 1969 beteiligte sich Endre Tót an den sogenannte Iparterv-Ausstellungen, an denen sich die neue Künstlergeneration der Neoavantgarde in Budapest erstmals ihre Werke präsentierte.
Tóts malerisches Frühwerk war 2004 in der Kunsthalle Szombathely in Ungarn in einer übergreifenden Ausstellung gezeigt worden.
Eine Retrospektive Tóts frühen Werke wurde 1989 im Kiscelli Múzeum in Budapest gezeigt. Seine Zeichnungen und Tuschemalereien wurden 2003 im Szent István Király Múzeum in Székesfehérvár ausgestellt. Im Jahr 2004 wurde die Ausstellung Vom bemalten Bild bis zum unbemalten Bild. Frühe Werke 1964–1971 in der Kunsthalle Szombathely samt zweisprachigen Ausstellungskatalog realisiert. Die Ausstellung gab einen umfassenden Überblick über Tóts sich rasch verändernden stilistischen Perioden bis zur Erschaffung des konzeptuellen Werks My Unpainted Canvases (1971). Viele seiner Gemälde gingen nach 1989, nach der politischen Wende, in den Bestand öffentlichen Sammlungen in Ungarn über.
Die 1970er Jahre: Konzeptkunst Endre Tót vollzog 1970/71 einen radikalen Bruch mit der Malerei und beschäftigte sich fortan mit Konzeptkunst.„Vielleicht war Endre Tót das phänomenalste Maler-Talent unter den von Amsterdam östlich lebenden Künstlern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Tót hat aber mit der Malerei freiwillig wegen einer inzwischen erkannten und wichtiger empfundenen Wahrheit aufgehört.“ (Géza Perneczky, in der ungarischen Zeitschrift Új Művészet, 2003 Jg. 14. Nr. 10.)Als Abschluss seiner Malerei erstellte er sein Künstlerbuch My Unpainted Canvases, in dem er seine unbemalten Leinwände präsentierte. My unpainted canvases ist ein 1971 in Budapest im Selbstverlag als Offsetdruck hervorgebrachtes Künstlerbuch Endre Tóts, das seinen nicht mehr ausgeführten Gemälden gewidmet ist. Das Heft beinhaltet ausschließlich unterschiedlich große, leere Rechteckkonturen mit dazugehörigen Maßangaben, die der tatsächlichen Größe der abgebildeten Rechtecke nicht entsprechen. Die Maße, der nun nur noch als Idee existierenden Gemälde Tóts waren, zumindest für seine damaligen Verhältnisse als nonkonformer Künstler in einem staatssozialistischen Gesellschaftssystem mit Planwirtschaft, recht groß, beispielsweise: 305 × 230 cm oder 230 × 260 cm.
In der ersten Hälfte der 1970er Jahre entstanden auch weitere Konzepte als wiederkehrendes Thema Tóts Kunst wie Nothing/Zer0, Rain und Gladnesse / TÓTalJOYS, die das Werk in den folgenden Jahrzehnten kennzeichneten. Absent Pictures, die 1972 in dem Buch Aktuelle Kunst in Ost-Europa beim DuMont Verlag in Köln veröffentlicht wurden und die er in den folgenden Jahrzehnten maßgeblich weiterentwickelte, werden von der Kritik bis heute unter den ersten Werke der Konzeptkunst in Osteuropa angesehen. Seine frühen konzeptionellen Arbeiten wurden in Achille Bonito Olivas Europe/America: The Different Avant-Gardes (Mailand, 1976) veröffentlicht.
In seiner Konzeptkunst setzt Tót in der Zeit neue mediale Formate ein wie Telegramm, Postkarte, T-Shirt, Xerokopien, Schreibmaschinen, Filme, Musik, Plakate, Graffiti, Banner, Aktionen, Künstlerbücher und Lichtzeitungen. Er beteiligt sich auch an der weltweiten Mail-Art-Bewegung. Mit seinen papierbasierten Mail-Art-Arbeiten, künstlerischen Druckerzeugnissen und durch seine Postkunst-Aktivitäten ist er „fast in der ersten Stunde in die Kunst der Mail Art eingestiegen“, schrieb der Kurator Jean-Marc Poinsot 1971 über Tót in dem Katalog Mail art, communication à distance, concept. Unter seinen Korrespondenzpartnern lassen sich solche bekannte Namen finden wie Ben Vautier, der später ein Freund wurde, John Armleder, George Brecht, Daniel Spoerri, Cosey Fanni Tutti, Genesis P-Orridge, Dieter Roth, Marina Abramovic und Ken Friedmann.
Mit seinen Künstlerbüchern, die in den 1970er Jahren in Budapest entstanden, erzielte er internationale Erfolge. Seine ersten Bücher wurden im Samisdat bzw. im Selbstverlag veröffentlicht, später erschienen sie bei westeuropäischen Avantgarde-Verlagen. Die bekanntesten davon sind: My Unpainted Paintings, The States of Zeros, Nothing ain’t Nothing (1971), Nothing, Incomplete Information (1972), Zero-Texts (1971–72), Night Visit to the National Gallery (Beau Geste Press, UK), Zero-Post, Rainproof Ideas (1971–74), TÓTalJOYS (1979), Very Special Drawings (1981), Evergreen Book (1990). 1974 erschienen im Schweizer Howeg-Verlag der Zero-Post Briefmarkenbogen von Endre Tót und somit eine die ersten Künstlerbriefmarken der internationalen Postkunst.
Auf Einladung von John Armleder und der Galerie Ecart verbrachte er 1976 sechs Monate in Genf. Dort realisierte er seine allererste Straßenaktion (TOTalJoys, 1976), deren Filmmaterial 2005 vom Pariser BDV (bureau des videos) auf DVD veröffentlicht wurde.
1998 erwarb die Pariser Bibliothèque nationale de France mehrere seiner Künstlerbücher. 2010 wurde die künstlerische Korrespondenz zwischen Endre Tót und John Armleder (Correspondance avec John Armleder, Ecart, Genf, 1974) an die Bibliothek des Centre Pompidou in Paris (Bibliotheque Kandinsky) übergeben. Seine Künstlerbücher wurden in zahlreichen Museumsausstellungen in Europa, in den Vereinigten Staaten und Kanada ausgestellt, u. a. im Rahmen der Ausstellung Livres d'Artistes im Centre Pompidou im Jahr 1985.
Er lebte noch in Budapest, als er 1977 in der Galerie Bama in Paris, ausstellte. Die Ausstellung wurde von Otto Hahn in der französischen Wochenzeitung L'Express besprochen. Seine internationalen Auftritte und seine Mail-Art-Tätigkeit machten ihn in den 1970er Jahren im Westen zu einem der bekanntesten Künstler aus dem Ostblock. Währenddessen waren in Ungarn seine Erfolge außerhalb seines Heimatlandes kaum bekannt und anerkannt.
1977 erschielt er das Stipendium des Berliner Künstlerprogramm des DAAD nach Westberlin. Allerdings wurden seine Visumanträge von den ungarischen Behörden mehrmals abgelehnt. Diese wiederholte Verweigerung der Reiseerlaubnis wurde zum Politikum und schließlich wurde ihm auf Druck der westeuropäischen Presse Tót ein Reisepass ausgestellt, so dass Tót das Stipendium 1978 antreten konnte. In Westberlin realisierte er Straßenaktionen unter dem Titel TÓTalJOYS, die vom Berliner Künstlerprogramm dokumentiert und publiziert worden sind und präsentierte eine Einzelausstellung in der Galerie René Block. Nach dem Stipendium entschied sich Tót für die Emigration und ließ sich 1980 in Köln nieder.
Der Humor und die Ironie seiner Aktionen im öffentlichen Raum und seine Mail-Art-Arbeiten verbinden ihn mit Fluxus in Deutschland, und er war auch der einzige osteuropäische Teilnehmer der Wanderausstellung Fluxus in Deutschland 1962–1992, die von René Block organisiert wurde.
Die 1980er Jahre: „Blackout“ in Köln Nach eineinhalb Jahren in Berlin zog er mit seiner Frau Herta nach Köln. Auf die aktive Zeit in Berlin folgten Jahre der Untätigkeit in Köln, wo er bis Mitte der 1980er Jahre kaum arbeitete. 1982 reiste er auf Einladung von Artist Place nach New York, wo er die Wände des Ausstellungsraums mit Kreide bemalte. Dort traf er eine Reihe von Künstlern, darunter Alan Kaprow und seinen alten Bekannten John Armleder.
Ab Ende der 1980er Jahre begann er wieder intensiv zu arbeiten. Er entwickelte die Idee des „Absent Pictures“ weiter, die auf Konzepte sich zurückführen lässt, die Tót noch in Budapest entwickelte. (My Unpainted Canvases, 1971 und Night Visit to the National Gallery, 1974, Museum Visit, 1974).
Mit den sogenannten abwesenden Bildern kehrt Tót zur Malerei zurück, wobei seine Rückkehr gleichzeitig auch die Zerstörung der Tradition des Tafelbildes bedeutete. Seine Blackout- und Katalogisierte-Gemälde sind von dem Versuch gekennzeichnet, die Abwesenheit, das Nichts, eine Fehlstelle durch eine Ästhetik des Verschwindens zu analysieren und darzustellen.
In der Ausstellung ICONOCLASH: Jenseits der Bilderkriege in Wissenschaft, Religion und Kunst (ZKM, Karlsruhe, 2002) wurde Tóts großformatiges Werk Dada Messe in Berlin neben den klassischen Gemälden von Dürer, Rembrandt, Goya, Duchamp, Malewitsch, Picabia, Warhol und Beuys ausgestellt. In der thematischen Ausstellung Who killed the painting (Museum für Moderne Kunst, 2010) in Bremen stellte sein Fluxus-Triptychon (2002, 3 × 200 × 125 cm) aus.
Die 1990er Jahre: retrospektive Ausstellungen und Kanonisierung In den 1990er Jahren und in den 2000er Jahren wurden Tóts Werke in seinem Heimatland, in Europa und in den USA oft ausgestellt. Nach der politischen Wende wurden Tóts Werke unter dem Titel Semmi sem Semmi (Nichts ist Nichts) in der Kunsthalle Budapest ausgestellt. Vier Jahre später folgte eine Ausstellung im Museum Ludwig in Köln mit dem Titel Who is afraid of Nothing? Diese Ausstellung wurde Ende 1999 auch in der Budapester Ludwig Museum präsentiert. Tót ist außerdem der erste ungarische Künstler, der eine Einzelausstellung im Museum Fridericianum in Kassel hatte, mit einem Ausstellungstitel in ungarischer Sprache Titel Semmi sem Semmi.
Örülök, hogy itt álltam („Ich freue mich, dass ich hier gestanden habe“) – so lautet die Inschrift auf der 1998 eingeweihten Bronzetafel im Bürgersteig vor dem ehemaligen Ausstellungsraum des Kunstforschungszentrums Artpool in Budapest (Paulai-Ede-Straße 64). Im September 2004 wurde in seiner Wahlheimat Köln auch eine Tafel mit einer ähnlich ironischen Inschrift enthüllt: „Ich freue mich, dass ich hier gestanden habe“, lautet die Inschrift im Pflaster der Dachterrasse des Museums Ludwig.
2000er Jahre: „Ich bin glücklich, einen Satz nach dem anderen schreiben zu können“ Im Jahr 2000 zeigte die internationale Ausstellung Protest & Survive in der Londoner Whitechapel Gallery eine fotografische Dokumentation von Tóts ersten Straßenaktionen. Am Eröffnungstag der Ausstellung wurden die Besucher von einem riesigen Banner vor dem Eingang der Galerie begrüßt: „We are glad if we can DEMONSTRATE“. Die Kuratoren wollten damit den politischen Aspekt in Tóts Freudenaktionen hervorheben: „Tót’s response to the censorship, isolation and suppression inherent in a totalitarian state was to produce his series of joy.“ (Zitat aus dem Ausstellungskatalog.) In der thematischen Ausstellung Superstars von Warhol bis Madonna (2005) im Kunstforum Wien hing seine Papierarbeit (Smile somewhere here) direkt neben Marcel Duchamps Mona Lisa mit Schnurrbart (Moustache and Beard of L.H.O.O.Q.).
Im Jahr 2009 wurden seine künstlerisch gestalteten Memoiren Örülök, ha egyik mondatot a másik után írhatom [Ich bin glücklich, einen Satz nach dem anderen schreiben zu können] beim Noran Verlag in ungarischer Sprache veröffentlicht.
2010er Jahre: Endre Tót in Sammlungen und Aktionen im öffentlichen Raum