mini|Erich Brauer Erich Brauer (* 28. Juni 1895 in Berlin; † 9. Mai 1942 in Petach Tikwa) war eher Ethnologe oder Ethnograph. Nach der im englischen Sprachraum vorherrschenden Auffassung gilt er aber auch als Anthropologe. Brauer beschäftigte sich ursprünglich mit dem Volk der Herero.
Nachdem er 1925 erstmals Palästina besucht hatte, ließ er sich dort 1934/1935 endgültig nieder. Zusammen mit Raphael Patai wurde er mit seinen Studien über die Juden im Jemen und die Juden Kurdistans zu einem der Pioniere der ethnographischen Forschung über jüdische Gruppen in Palästina.Orit Abuhav: Anthropology in Israel: Professionals in Stormy Days Brauer wurde auch als Graphiker, Maler und Fotograf bekannt, und seine Skizzen und Bilder dokumentieren unter anderem die frühe Entwicklung des Kibbuz Beit Zera.
Familie und Kindheit Erich Brauers Eltern waren der Kaufmann und Zelluloidwarenfabrikant Adolf Brauer (* 18. Mai 1857 in Biskupice (Zabrze) (Stadtteil von Zabrze); † 17. Dezember 1933 Berlin) und dessen Frau Fanny (geborene Krebs; * 15. Dezember 1863 in Tarnowitz; † 29. Juni 1944 in Petach Tikva). Zur Familie des seit dem 7. Februar 1888 verheirateten Paares gehörte neben dem Sohn Erich noch die Tochter Margarethe (* 7. Juli 1892 in Berlin; † 1. August 1982 in Santa Monica). Sie war Zionistin und eine Jugendfreundin von Gershom Scholem. Im Oktober 1924 emigrierte sie nach Palästina und schloss sich der Gruppe an, die später den Kibbuz Beit Zera gründete.
Wegen finanzieller Schwierigkeiten ihrer Eltern kehrte sie 1928 nach Berlin zurück. Sie heiratete 1932 den ihr aus der jüdischen Jugendbewegung her bekannten Mediziner Harry Heller (* 16. März 1899 in Berlin; † 3. März 1967 Hofit (Israel)).Jüdisches Museum Berlin (JMB): Findbuch zur Sammlung der Familien Brauer / Heller. Im März 1933 verließen Harry und Grete Heller Deutschland und erreichten über Zwischenstationen in Holland und Schottland Palästina, wo Harry Heller eine bedeutende Rolle im palästinensischen und später israelischen Gesundheitswesen spielte.Jüdische Ärzte aus Deutschland und ihr Anteil am Aufbau des israelischen Gesundheitswesens: Harry Heller. Heller und die Geschwister Brauer waren in ihrer Jugend Mitglieder im zionistisch orientierten Berliner Jung-Juda-Kreis.
Über Erich Brauers frühe Jahre ist wenig bekannt. Er war im Alter von 10 Jahren an der Scheuermann-Krankheit erkrankt,Vered Madar and Dani Schrire: From Leipzig to Jerusalem. deren Folgen eine Buckelbildung („hunchback“) waren.Seine körperlichen Gebrechen sind gut zu sehen auf den Fotos in dem Album Siblings of Grete Brauer Heller (siehe: Sammlung Heller Brauer). Im Findbuch heißt es, er habe sich schon als Schüler mit dem Zeichnen beschäftigt und eine Schülerzeitschrift illustriert. Er hatte zunächst eine Gemeindeschule besucht und dann das Friedrichs-Realgymnasium, das heutige Leibniz-Gymnasium. Das Abitur machte er 1914 am Königstädtischen Gymnasium.Katja Geisenhainer: Anmerkungen zu Erich Brauer.
Zionistische Jugend Der 1897 geborene Gershom Scholem schrieb, er sei „zwischen 1912 und 1917 und auch später noch, soweit ich in Berlin war“, im Kreis der Jung Juda engagiert gewesen.Gershom Scholem: Von Berlin nach Jerusalem. Dass auch Erich Brauer, nach Scholem einer seiner „engsten Freunde aus der Jung-Juda“, um diese Zeit zum Jung-Juda-Kreis stieß, ergibt sich aus den Eintragungen im Findbuch des Jüdischen Museums Berlin (JMB), in dem Rundbriefe und Einladungen dieses Kreises junger Zionisten aus dem Jahr 1912 verzeichnet sind. Ob die beiden aber auch die Gründer dieses Kreises waren, wie es im Findbuch heißt, ist ungewiss. Im Zusammenhang mit den zuvor erwähnten Rundbriefen und Einladungen tauchen Namen auf von Personen, die in den Anmerkungen zu Scholems Tagebüchern als Studenten vorgestellt werden (zum Beispiel Berthold Cohn oder Kurt Philippsberg), was die Vermutung nahelegt, dass – ähnlich wie beim jüdischen Wanderbund Blau-Weiß – auch Jung-Juda auf eine Initiative aus der jüdischen Studentenschaft zurückgeht.Gershom Scholem: Tagebücher, 1. Halbband.
Jung-Juda war ein kleiner Kreis zionistisch gesinnter Jugendlicher, vorwiegend bestehend aus Berliner Gymnasiasten und Studenten. Scholem sprach von einer „kleinen Gruppe – nur zwanzig oder dreißig Personen –“, die sich schließlich zu einem radikalen Zirkel entwickelt habe.Muki Tsur: With Gershom Scholem: An Interview, in: Gershom Scholem: On Jews and Judaism in Crisis, S. 8, S. 11. Die Mitglieder dieses Kreises – zu dem Mitte 1915 neben Brauer auch schon der oben erwähnte Harry Heller gehörte – waren erklärte Gegner des Ersten Weltkriegs, was sich sehr deutlich in einem Brief an die Redaktion der Jüdischen Rundschau vom 20. Februar 1915 zeigte.
Die sechzehn Unterzeichner, neben Scholem und Harry Heller auch Erich Brauer, wandten sich gegen den Artikel Der Krieg der Zurückgebliebenen von Heinrich MarguliesHeinrich Marguliues: Der Krieg der Zurückgebliebenen, Jüdische Rundschau, Heft 6 vom 15. Februar 1915, S. 6–7. Zu Heinrich Margulies siehe: Kein Himmelreich auf Erden. Heinrich Margulies und sein Wirken, in: DAVID. Jüdische Kulturszeitschrift, Heft 103, Dezember 2014. und kritisierten vor allem dessen Satz „Und so kam es, daß wir in den Krieg zogen, weil wir Zionisten waren, nicht aber, obwohl wir Juden sind.“ Dem stellten die Jung-Juda-Mitglieder ihre zionistische Sicht auf den Ersten Weltkrieg entgegen, wobei der Autor des Textes vermutlich Scholem war:
In diesem Umfeld und durch das gemeinsame Engagement von Scholem und Brauer entstand auch die Idee für die von den beiden dann herausgegebene Zeitung Die blauweiße Brille.
Laut dem Findbuch des Jüdischen Museums wurden die Artikel in Brauers Handschrift geschrieben und von ihm auch illustriert. Es gibt darüber hinaus auch eigene Beiträge von ihm, die er aber meist nicht mit seinem Namen unterzeichnete. Die Signatur CH deutet auf Chiram hin, einen Namen, den er sich später als zweiten Vornamen zulegte. In der Nummer 2 der blauweißen Brille gab es das Gedicht Die Fahrt, das von einem Ben Ir stammen sollte, in Wirklichkeit aber von Brauer war. Gerade dieses Gedicht fand jedoch im Jung-Juda-Kreis überhaupt keinen Gefallen, wie Scholem festhielt:
Während Geisenhainer die blauweiße Brille als „Anti-Kriegs-Zeitschrift“ bezeichnet – wofür sich zumindest bei den auf Flickr einsehbaren Ausgaben keine Anhaltspunkte ergeben –, spricht David Biale von einer „eher amateurhaften Zeitung […], die sich gegen die Blau-Weiß-Jugend Bewegung“ gerichtet habe.David Biale: Experience vs. Tradition: Reflections on the Origins of the Buber-Scholem Controversy. In: Jahrbuch des Simon-Dubnow-Instituts, Vol. 15 (2016), S. 33. Zu dieser Zeit waren Brauer und Scholem selber noch Mitglied im Blau-Weiß, wenngleich auch sehr kritische. Am 23. Januar 1916 skizzierte Scholem in seinem Tagebuch ironisch eine Alternative zum Blau-Weiß: „Der Wanderbund Weiß-Blau, beschränkte Mitgliederzahl: zwei, Bedingung: Redakteure der Blau-Weißen-Brille, mit den Idealen, die wir, d. h. Brauer und ich, vom Wandern ohne jeden Zwang durch Konvention, auch durch Wanderbundskonventionen haben. Mitglieder sind Scholem und Brauer, Führer brauchen wir nicht.“ Es dauerte dann aber noch bis zum 1. Oktober 1917, bis Brauer aus dem Blau-Weiß austrat. Offenbar tat das zur gleichen Zeit auch seine Schwester Grete, denn Gershom Scholem vermerkte am 18. Oktober 1917 in seinem Tagebuch den Blau-Weiß betreffend: „Grete ist ausgetreten, schon vor vierzehn Tagen – und mir hat sie bisher nicht ein Wort davon mitgeteilt. Ist das nun Absicht? Wenn es in diesem Tempo weitergeht, dann werden wir bald in der [Jüdischen] Rundschau einen Leitartikel lesen können, in dem vor uns gewarnt wird! Nun, wenn schon!“Gershom Scholem: Tagebücher, 2. Halbband.
Wie sehr die blauweiße Brille den Jugendverband Blau-Weiß ärgerte, ist nicht bekannt. Vorerst aber verschafften eine Brauer-Karikatur von Martin Buber und ein Artikel, in dem die deutschen Zionisten und deren die Kriegsanstrengungen unterstützende Haltung parodiert wurde, Scholem und Brauer eine Einladung von Buber, die am 16. Dezember 1915 zu einem Besuch in Bubers Villa in Berlin-Zehlendorf führte. Brauer, „der sonder erwarten gutbürgerlich aussah, mit dem berühmten neuen Wintermantel“, war von dem berühmten Mann und dem Ambiente offenbar stärker beeindruckt als Scholem, sodass der Besuch weitgehend in einen Diskurs zwischen Buber und Scholem mündete: „Brauer, der ein sehr scheuer Mensch war, verhielt sich ganz schweigend.“
Scholems Tagebücher vermitteln den Eindruck, dass es in der in ihnen festgehaltenen Zeit zwei enge und für ihn wichtige Freundschaften gab: die zu Walter Benjamin und die zu Erich Brauer. Es gab immer wieder Krisen in diesem Beziehungsgeflecht, und Scholem fühlte sich mal mehr von Benjamin, mal mehr von Brauer verstanden. Weniger eng scheinen die Beziehungen zwischen Benjamin und Brauer gewesen zu sein, und für eine der schwersten Verstimmungen sorgte ein gemeinsamer Besuch von Brauer und Scholem bei Benjamin und dessen Frau Dora am 2. November 1918, über den Scholem am nächsten Tag festhielt.
Die Hervorhebung Gretes, der Schwester von Erich Brauer, hängt damit zusammen, dass Scholem zu der Zeit ein sehr inniges Verhältnis zu ihr pflegte, wenngleich auch diese Beziehung nicht konfliktfrei war und es in den Tagebüchern viele Stellen gibt, die zeigen, dass Scholem über seinen Freund Brauer versuchte, Informationen über dessen Schwester einzuholen.
Worüber sich aber in Scholems Tagebüchern keine Hinweise finden, das ist Brauers Studium. Es scheint, als hätten die beiden Freunde darüber niemals diskutiert.
Wissenschaftlicher Werdegang Nach Madar/Schrire arbeitete Erich Brauer zwischen 1915 und 1917 im Bereich Grafikdesign,In dem Flickr-Album Erich Brauer: Graphic Design finden sich Hinweise, dass er sich selber als Grafik-Designer betrachtete und betätigte, sowie vermutlich von ihm gestaltete Anzeigen oder Entwürfe für solche. wurde aber an der Kunstschule in Berlin nicht angenommen. Er begann daraufhin im Oktober 1917 ein Studium der Ethnologie, Geographie, Kunstgeschichte und der semitischen Sprachen, das ihn an die Universitäten Berlin, Basel, Bern, Jena, Freiburg und schließlich Leipzig führte. Seine akademischen Lehrer waren unter anderem Eduard Hahn, Hans Meyer, Hans Stumme sowie Diedrich Westermann, Alfred Vierkandt, Felix von Luschan, Eduard Seler, Ernst Grosse, Max Schmidt, Walter Lehmann und Fritz Krause. Sein Doktorvater war Karl Weule, bei dem er 1924 in Leipzig mit der Dissertation über die Züge aus der Religion der Herero promoviert wurde.
Brauers Dissertation erschien 1925 in der Reihe Ethnographie und Ethnologie der Veröffentlichungen des Staatlich-Sächsischen Forschungsinstitutes für Völkerkunde in Leipzig und fand nach Madar/Schrire großes Interesse in der deutschen und internationalen akademischen Öffentlichkeit. Er verstand seine Dissertation, die er als couch anthropologist – als Anthropologe ohne eigene Feldforschung in Afrika – verfasst habe, als Beitrag zur Hamitentheorie und wollte durch ihn zeigen, dass das Volk der Herero aufgrund seiner Ökonomie hamitisch beeinflusst sei und sich dadurch von den anderen Bantu-Völkern in Südwestafrika unterscheide. Brauer habe aber versucht, über die ökonomische Beschreibung der Verwandtschaft der Herero mit den Hamiten hinauszugehen, indem er auch ihre religiöse Weltanschauung untersucht habe, die angeblich eine unabhängige Variable darstelle, und er habe die Kultur der Herero mit Einflüssen in Verbindung gebracht, die sie von außerhalb von Afrika erreicht hätten.