mini|x200px|Bauxitverladung im Hafen von Oriximiná, 2014
Die Aluminiumindustrie in Brasilien wurde nach Anfängen in den 1960er-Jahren in den 1980er-Jahren in großem Maßstab ausgebaut. Die drei Produktionsstufen mit dem Bauxitabbau, der Verarbeitung des Bauxits zu Aluminiumoxid (Tonerde) bis hin zur Erzeugung von Rohaluminium führt Brasilien im eigenen Land durch. Der weitaus größte Teil des Produktionsprozesses findet im Amazonasbecken statt, im weltweit größten zusammenhängenden tropischen Regenwaldgebiet.
Nahe den drei Zentren der Bauxit-Förderung befinden sich zumeist Raffinerien, die das Sedimentgestein mittels des Bayer-Verfahrens zu Aluminiumoxid verarbeiten sowie auch die Aluminiumhütten, die als großindustrielle Anlagen in der Schmelzelektrolyse Aluminium mit hohem Aufwand der meist aus Wasserkraftwerken stammenden Energie herstellen.
2007 wurden 90 Prozent des in Brasilien produzierten Aluminiums exportiert und die wirtschaftlich verwertbaren Ressourcen wurden auf 2,6 Gigatonnen geschätzt.
1992 benannte das Worldwatch Institute in Washington die Aluminium-Herstellung generell als eine der „umweltschädlichsten Aktivitäten der Menschheit“ – in Brasilien bezieht sich diese Deklaration insbesondere auf die Auswirkungen der dafür stattfindenden Abholzungen des Regenwaldes.Luitgard Marschall: Aluminium – Metall der Moderne. Raubbau am Amazonas, oekom verlag, München 2008, S. 247, 217 und 215. Die Angabe zum Worldwatch Institute in Frankfurter Rundschau, 5. März 1992.
Ökologische Wertungen mini|Abbaugebiet des Vale-Konzerns 2021 „In den westlichen Industrienationen thematisieren die Werbekampagnen der Aluminiumindustrie die Vorzüge des Metalls. Seine Leichtigkeit helfe – dies sei unbestritten – in den Bereichen Transport und Verkehr Ressourcen und Energie einzusparen. […] Auch durch seine hervorragende Rezyklierbarkeit lässt sich beim Konsumenten gut punkten. [… Doch] es gibt keine andere Nation, in der die Aluminiumherstellung ehemals intakten tropischen Regenwald in vergleichbarem Umfang direkt oder indirekt geschädigt und zerstört hat und dies noch immer tut.“ Die Bezeichnung von „Aluminium als ‚grünem‘ beziehungsweise nachhaltigem Metall“ verdeckt die Tatsache eines hochgradig naturflächenverbrauchenden, äußerst energieintensiven und mit hohen Abfallstoffen belasteten Produktionsprozesses. Die öffentlich in Europa verbreitete Empörung über die Zerstörung des Regenwaldes bedenkt kaum die schon länger währende Verursachung durch westliche Konzerne. Zwar reagieren auch die Unternehmen seit dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts auf Kritik und Maßnahmen von „Umwelt- und Verbraucherorganisationen, Banken und Konsumenten“, doch seien die im „‚Global Compact‘ - einer Art freiwilligem Pakt zwischen UNO und global agierenden Unternehmen – […] formulierten Selbstverpflichtungen […] nach Einschätzungen vieler NGOs viel zu vage formuliert, um wirkungsvoll greifen zu können.“Luitgard Marschall: Aluminium – Metall der Moderne, München 2008, S. 210 bis 223.
Geschichte Die Aluminiumgewinnung reicht in Brasilien mit dem Beginn des Bauxitabbaues am Rio Trombetas „auf das Jahr 1967 zurück, als das kanadische Unternehmen Alcan die gewaltigen Lagerstätten entdeckte und erste Pläne ersann, sie zu erschließen.“ Vorbereitungen wurden durchgeführt, „doch erst als sich die brasilianische Regierung 1972 – im Rahmen der systematischen infrastrukturellen Erschließung des Amazonasraumes – in großem Umfang finanziell beteiligte, schritt das Vorhaben weiter voran.“ Über 80 Prozent der Investitionen hatte bis 2007 der brasilianische Staat übernommen.Luitgard Marschall: Aluminium – Metall der Moderne, oekom, 2008, S. 216 f. Porto Trombetas wurde ab 1974 erschlossen, 1979 nahm die Mineracao Rio de Norte (MRN), ein Konsortium, unter der damaligen Führung von Alcoa und Norsk Hydro die Bauxitförderung dort auf.
1992 stellte das Werk der Alumar bei São Paulo 350.000 Tonnen Rohaluminium her, 2003 bereits 400.000 Tonnen.Moser 1998, S. 66 / Missbach 2004, S. 49. In: L. Marschall: Aluminium, S. 246.
Die Gesamtproduktion Brasiliens an Bauxit und Aluminium 2017:
+ Bauxit-Produktion in Tausend Tonnen (2017)United States Geological Survey: World Alumina Refinery and Bauxite Mine Production and Bauxite Reserves S. 31 Rang Land Produktion Reserven4 38.500 2.600.000
+ Aluminiumproduktion in Tausend Tonnen (2017)United States Geological Survey: World Smelter Production and Capacity. S. 21 Rang Land Produktion Kapazität4 801 1.400
Internationale Zusammenarbeit Um die Großprojekte zu finanzieren, umwarb und förderten Brasiliens Regierungen ausländische Banken und Privatinvestoren als Geldgeber.
„Die Konzessionen (wurden) zu Zeiten der brasilianischen Militärdiktatur (1964–1985) vergeben, was den multinationalen Konzernen erhebliche Subventionen in Gestalt von billiger Energie gewährte.“ Diese wird von Wasserkraftwerken erzeugt und kommt vorrangig der Aluminiumindustrie und anderen energieintensiven Industriezweigen zugute.
Die Aluminiumbranche wird von einflussreichen Global Playern wie Alcoa, Alcan, Norsk Hydro, Vale oder Rusal beherrscht. „Beim Aushandeln vorteilhafter Stromverträge mit dem staatlichen Energiekonzern Brasiliens – der Eletronorte – treten sie meist zu Konsortien verbündet auf, [… wobei] die Eletronorte regelmäßig Verluste einfährt.“(L. Marschall, 242). Eletronorte ist heute ein Teilunternehmen von Eletrobrás. (Website Eletronorte, Seite auf Portugiesisch, abgerufen am 6. Juli 2026).
Auf allen Ebenen wurden in Brasilien noch Ende des 20. Jahrhunderts internationalen Unternehmen Vorteile eingeräumt, von kostenloser Landvergabe, weitreichende Steuererlasse, Vorzugskonditionen für Ausrüstung und Subventionen durch Förderprogramme. Dem Bundesstaat Maranhão entgingen so in den ersten fünf Jahren der Ansiedlung der Aluminiumhütte Alumar Einnahmen in Höhe von 99 Millionen Dollar.Zitate im Kapitel: Marschall, S. 224 und 242.
Unternehmen mini|Zug des Vale-Konzerns bei Carajás Vale (Brasilien) Der brasilianische Konzern Vale hielt bis 2010 mehr als 50 % Anteil am größten brasilianischen Aluminiumproduzenten Alunorte, der im Staate Pará eine eigene Verladeanlage in Vila do Conde bei Belém betreibt. Infoblatt Hydro in Brasilien. Im Mai 2010 verkaufte Vale sein Aluminiumgeschäft an den norwegischen Konkurrenten Norsk Hydro.Norsk Hydro kauft Aluminium-Geschäft von Vale, Reuters, 13. Oktober 2021. Doch 2020 hält Vale bereits wieder 40 Prozent der Anteile an der Mineracao Rio de Norte (MRN), der Betreiberin der Bauxitminen von Porto Trombetas, Norsk Hydro dagegen nur noch 5 Prozent.JMDO Mining Datenlösungen: Unternehmensanteile am MRN. Abruf am 13. Oktober 2021.
Im Jahr 2012 war dem Konzern der Negativpreis Public Eye Award verliehen worden, da Vale den Belo-Monte-Damm baute. Dazu wurden 40.000 Menschen, die im Amazonasgebiet lebten, umgesiedelt und große, bewaldete Gebiete überflutet.
Norsk Hydro (Norwegen) Die Firma Alunorte ist seit 2011 eine Tochtergesellschaft der norwegischen Norsk Hydro und betreibt ein gleichnamiges Aluminiumoxidwerk sowie die mit diesem verbundene Aluminiumhütte Albras mit einer Kapazität von 460.000 t Primäraluminium pro Jahr. Heute befindet sich Alunorte im Besitz der Alumínio Brasileiro, einem Joint Venture von Norsk Hydro (51 Prozent) mit der japanischen Nippon Amazon Aluminium Co. Ltd. (NAAC) mit 49 Prozent. auf hydro.com, abgerufen am 14. Juli 2013.
mini|Die Schleuse 1 des Tucuruí-Staudamms im Bau 2005 Das Aluminiumoxidwerk Alunorte und die Aluminiumhütte Albras liegen nahe beieinander in der Nähe der Stadt Barcarena, im Bundesstaat Pará, am südlichen Ufer der Baía de Marajó. Ungefähr 20 km östlich befindet sich die Hauptstadt des Bundesstaates Pará, Belem mit dem Exporthafen an der Atlantikküste. Der Strom wird vom Wasserkraftwerk Tucuruí des Stromversorgers EletronorteEletronorte ist heute ein Tochterunternehmen von Eletrobrás, Seite auf Portugiesisch, abgerufen am 6. Juli 2026 bezogen. Ein Teil des erzeugten Aluminiums (50.000 t) geht an den Kabelhersteller Alubar, der sich ebenfalls in unmittelbarer Nähe der Aluminiumhütte Albras befindet.
Umweltschäden durch Alumínio Brasileiro Mitte Februar 2018 wurden nach starken Regenfällen, die zu einem Überlauf der Rückhaltebecken für Rotschlamm führten, Teile des Amazonasgebietes um Pará mit den Rückständen überschwemmt. Verursacher war das Aluminiumoxidwerk Alunorte. Bei Inspektionen fanden die Behörden zudem drei illegale Ablaufkanäle, über die verschmutztes Wasser vom Betriebsgelände in die Amazonas-Mündung abgeleitet wurde.Norsk Hydro gibt Verunreinigungen am Amazonas zu FAZ, 20. März 2018, abgerufen am 20. März 2018.
Am 20. März 2018 gab Norsk Hydro nach ersten Zurückweisungen zu, verunreinigtes Wasser in den Pará abgeleitet zu haben. Der damalige Präsident des Unternehmens, Svein Richard Brandtzæg, entschuldigte sich für das Vorgehen. Er kündigte eine interne Untersuchung an, für die das Unternehmen 52,6 Millionen Euro investieren wollte. Im Schlamm der übergelaufenen Becken wurde neben Bauxit-Resten auch Aluminiumrückstände, Phosphor, Fluoride und Nitrat in hohen Konzentrationen nachgewiesen. In der Nähe der Becken leben 5000 Menschen; viele klagten über Übelkeit, Hautjucken und Durchfall.
Das Werk Alunorte – nach eigenen Angaben größte Aluminiumoxid-Raffinerie der Welt – wurde in Folge des Vorfalls vom Gericht angewiesen, seine Produktion um 50 % zu verringern.reuters.com.
Topografie der Produktionsstufen „Ausgangspunkt der Produktionslinie Aluminium ist der Norden und Nordwesten des Landes. Inmitten des Amazonasregenwaldes liegen die Lagerstätten für Bauxit, dem Grundstoff der Aluminiumherstellung.“ Bauxit ist rotes Gestein, das in der Regel unter mehreren Metern Humus liegt und Aluminiumoxid enthält, das als „weißes, mehlartiges Pulver“ (Tonerde) in einem über 120 Jahre alten großtechnischen Prozess – dem Bayer-Verfahren – aus dem gemahlenen Gestein in mehreren Verarbeitungsschritten herausgelöst wird. Die Materialmengen und Werke mit ihren Einrichtungen sind großdimensioniert, das Abfallprodukt Rotschlamm fällt ebenfalls in großen Mengen an. Die Aluminiumoxidfabriken werden möglichst in der Nähe des Bauxitabbaus errichtet.
Dennoch nimmt der Energieaufwand für die Gewinnung der Tonerde aus Bauxit nur 17 Prozent des Gesamtbedarfs in Anspruch – 80 Prozent des Gesamtenergiebedarfs entfällt auf die anschließende Verhüttung der Tonerde zu Reinaluminium.Marschall, S. 213 und 247. Die Aluminiumhütten liegen gestaffelt bis zur Ostküste Brasiliens, damit der Transport des Endproduktes nach Übersee erleichtert wird. Die riesigen Energiemengen stammen jedoch ebenfalls aus dem Amazonasbecken, aus den dort ebenfalls angesiedelten Staudämmen und Wasserkraftwerken. Zwischen den Zentren der Produktionsstufen und entsprechenden Ansiedlungen von Arbeitskräften und der Verwaltung mit ihrer Infrastruktur gibt es einen hohen Transportbedarf für Material und Produkte sowie die Energieleitung. Dafür werden breite Schneisen in den Regenwald geschlagen.
mini|Abbaugebiet des Vale-Konzerns 2021 Bauxittagebau Der Bauxitabbau wird durch die Kombination großer Lagerstätten mit nutzbarer Energie zu niedrigen Kosten begünstigt. Der Auf- und Ausbau der industriellen Produktion in der gesamten Produktkette bis zur Herstellung von Reinaluminium wurde durch die Lage von Abbaugebieten, Fabriken, Wasserkraftwerken (Staudämmen) sowie der Transportlogistik „mitten im Amazonasregenwald“ vereinfacht, da hier keine Siedlungsgebiete mit moderner Infrastruktur angetroffen werden. Die Erschließungskosten teilen sich ab den 1970er-Jahren die brasilianischen Regierungen und internationale Konzerne, wobei die Gewinne bei den Konzernen verbleiben.Marschall, S. 217. Nachhaltigkeitsprojekte sind seit dem 21. Jahrhundert in ersten Anfängen.
Bauxitvorkommen, die abgebaut werden, befinden sich vor allem bei Porto Trombetas, in Juruti (seit 2008) und in kleinerem Maßstab im Südosten des Landes.