mini|hochkant=1.2|Reiche der Groß-, Rum- und Kerman-Seldschuken. Die hellere Färbung in Gelb (schwer erkennbar) zeigt indirekt beherrschte Gebiete wie das Reich der Karachaniden und Angriffsräume an, die dunklere das Ausgangsgebiet in Chorasan. Die Jahreszahlen zeigen die Schlachten von Dandanqan (1040), Manzikert (1071) und die Jahre der Kämpfe um die eroberte Stadt Nikaia an.
Die Seldschuken, auch seldschukische Türken,Tamara Talbot Rice: Die Seldschuken. Köln 1963, S. 10 Seldschuk-Türken oder Seldschuqen (, , , pl. ) waren eine von 1040 bis 1194 herrschende Fürstendynastie oghusischen Ursprungs, die das turko-persische Reich der GroßseldschukenJosef Matuz: Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte. Darmstadt 1985, S. 14. begründete, das sich über Mittelasien, Iran, den Irak, Syrien, Anatolien und Teile der Arabischen Halbinsel erstreckteTamara Talbot Rice: Die Seldschuken. Köln 1963, S. 22. und seine Blütezeit etwa zwischen 1047 und 1157 hatte.
Einige Seldschuken-Fürsten beherrschten das gesamte Großseldschukenreich, andere Teilgebiete wie Kerman und Syrien (bis zum Anfang des 12. Jahrhunderts) oder Anatolien (Sultanat von Rum bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts).Encyclopaedia of Islam, digitale Edition, Artikel Saldjukids – Einleitung mini|Seldschukischer Doppeladler als Emblem der Dynastie Die Seldschuken waren sunnitische Muslime und leiteten mit ihrem Sieg in der Schlacht von Manzikert im Jahr 1071 die Landnahme Anatoliens durch Turkvölker ein.Steinbach (1996), S. 22Matuz (1985), S. 16
Geschichte Aufstieg
Die Seldschuken waren ein Zweig des im 8. Jahrhundert in Transoxanien eingewanderten türkischen Stammesverbands der Oghusen, jener Nomaden, die noch im 10. Jahrhundert größtenteils in der heutigen Kasachensteppe umherzogen. Namensgeber der Dynastie war Seldschuk (um 1000), Khan des oghusischen Stammes der Kınık.Gronke (2003), S. 41 Gegen Ende des 10. Jahrhunderts trat Seldschuk mit seinen Leuten zum Islam über. Er hatte vier Söhne, Mîkâ'îl, Isrâ'îl (oder ArslanJohann August Vullers: Mirchond’s Geschichte der Seldschuken. Heyer, 1837, S. 6 f.), Mûsâ, und Yûnus. Bei den Auseinandersetzungen zwischen den türkischen Karachaniden und den persischen Samaniden spielten die Oghusen eine bedeutende Rolle, was zu politischen Spannungen unter den oghusischen Stämmen führte. Die zu Seldschuk gehörenden Nomaden und seine Krieger lösten sich aus dem Stammesverband der Oghusen und wanderten weiter. 1025 nahm Mahmud von Ghazni Seldschuks Sohn Arslan gefangen und nahm ihn als Geisel; dieser überlebte die Gefangenschaft nicht.
Unter den Söhnen Mîka'îls, Tughrul Beg (der Falke) und Tschaghri Beg brachten die Seldschuken 1034 Chorâsân unter ihre Herrschaft und verdrängten 1040 mit der siegreichen Schlacht von Dandanqan die Ghaznawiden.Tamara Talbot Rice: Die Seldschuken. Köln 1963, S. 12. 1055 zog Tughrul in Bagdad ein und beendete die über hundertjährige Schutzherrschaft der Bujiden. Damit wurden die Seldschuken die neue Schutzmacht über das Abbasiden-Kalifat in Bagdad. Unter Tughrul Beg unterwarfen die Seldschuken große Teile Persiens und 1055 den Irak. Vom Kalifen in Bagdad erhielt er den Titel eines Sultans verliehen. Tughrul verlegte die Hauptstadt des seldschukischen Reiches nach Rey in der Nähe des heutigen Teheran.
Die Gründung des Reiches der Großseldschuken und die türkische Dominanz in der islamischen Welt markieren einen Wendepunkt in der Geschichte der islamischen Zivilisation und der muslimischen Völker. Zu einem Zeitpunkt, als die Welt des Islams an inneren und äußeren Krisen litt, stellten die Seldschuken die politische Einheit der islamischen Welt wieder her.Peter Malcolm Holt, Ann Katharine Swynford Lambton, Bernard Lewis: The Cambridge History of Islam. Band 1A, 1977, S. 231
mini|hochkant=1.2|Charaghan-Türme, Grabstätten seldschukischer Prinzen, Iran, errichtet 1053
Blüte Alp Arslan (1063–1072) führte das Reich der Großseldschuken zum Höhepunkt seiner Macht. 1071 besiegte er in der Schlacht von Manzikert das Byzantinische Reich und leitete damit die türkische Besiedlung Anatoliens ein.Peter Malcolm Holt, Ann Katharine Swynford Lambton, Bernard Lewis: The Cambridge History of Islam. Vol 1A, 1977, Turkish Migration and First Raids on Anatolia und The Settlement of the Turks in Anatolia, S. 231f. Zwischen 1071 (Schlacht von Manzikert) und 1243 (Schlacht vom Köse Dağ) wanderten wellenweise verschiedene Turkvölker nach Anatolien ein. Ihre Zahl lässt sich nicht genau bestimmen. Es wird von einigen Hunderttausend ausgegangen. Sie bildeten nicht die ethnische Mehrheit in Anatolien, waren aber die einzige Gruppe, die sich über das gesamte Gebiet verteilt hatte.Carter V. Findley: Dünya Tarihinde Türkler. türk. Übersetzung von The Turks in World History, 2006, S. 91Peter B. Golden: An Introduction to the History of the Turkic Peoples. Ethnogenesis and State-Formation in Medieval and Early Modern Eurasia and the Middle East. 1992, S. 224–225 Die Landnahme Anatoliens durch die Seldschuken ab dem 11. Jahrhundert bildete den Gipfel der massiven Wanderungen der türkischen Völker, die ab dem 8. Jahrhundert erfolgten.Harald Haarmann: Weltgeschichte der Sprachen. München 2006, S. 271 Anatolien wurde in europäischen Quellen (erstmals in lateinischen) ab dem 12. Jahrhundert zur „Türkei“ (bzw. „Turchia“).Carter V. Findley: Dünya Tarihinde Türkler. türk. Übersetzung von The Turks in World History, S. 72 Unter Alp Arslan, seinem Nachfolger Malik Şâh (1072–1092) und dem persischen Wesir Nezâm al-Molk erreichte das Sultanat seinen politischen und kulturellen Höhepunkt.
Untergang mini|Seldschukische Büste, 12./13. Jahrhundert, Fundort Iran, New York Metropolitan Museum of Art Mit der Ermordung des Wesirs Nezâm al-Molk durch die Assassinen und dem Tod von Sultan Malik-Schah (1092) brachen bald Thronkämpfe innerhalb der Seldschuken aus. Diese führten 1118 zur Teilung des Reiches in Khorasan/Transoxanien und die beiden Irak (auf dem Gebiet des westlichen Irans und des Irak gelegen). Im 11. Jahrhundert entstand in Anatolien – mit der Hauptstadt Konya – das Sultanat der anatolischen Seldschuken.Kreiser (2003), S. 44.
Unter dem in Khorasan regierenden Sultan Sandschar (1118–1157), Sohn Malik-Schahs II., hatte die Seldschukenherrschaft eine letzte Blüte. Allerdings erlitt er 1141 bei Samarkand eine Niederlage gegen die Kara Kitai, wurde wenig später gestürzt und versuchte bis zu seinem Tod vergeblich, das Seldschukenreich wieder aufzurichten. Die Choresm-Schahs traten mit Söldnern der Kyptschaken und Oghusen sein Erbe an, eroberten bis Ende des 12. Jahrhunderts Mittelasien und Iran. 1194 beseitigten sie den letzten Seldschukenherrscher von Rey. In Anatolien gerieten die Rum-Seldschuken nach 1243 unter die Herrschaft der Ilchane; ihr Sultanat von Konya löste sich bis 1307 auf. Die aufstrebenden Osmanen traten zu Beginn des 14. Jahrhunderts das Erbe der Seldschuken in Anatolien an.
Organisation Abstufung der Macht: Sultān (selbständige Herrscher unter der Autorität des Kalifen) Wazīr Amīr (Heerführer) einheimische Adelige Die seldschukischen Türken, die aus Zentralasien kamen, wussten das Beste aus den bereits existierenden Verwaltungsstrukturen zu machen. Die Etablierung des Seldschukenreichs brachte unter anderem die Entthronung der arabischen Sprache als alleinige Lingua franca im Nahen Osten mit sich, da die Seldschuken, die kein eigenes hochentwickeltes türkisches Kultur- oder Literaturerbe mitbrachten,So war die türkische Sprache damals noch nicht verschriftlicht. – Vgl. Thorsten Roelcke: Variationstypologie. Ein sprachtypologisches Handbuch der europäischen Sprachen in Geschichte und Gegenwart. Walter de Gruyter, 2003, ISBN 3-11-016083-8, S. 919 das Kultur- und Literaturerbe Persiens übernahmen, so dass die persische Sprache zu ihrer Verwaltungs- und Kultursprache wurde. Dadurch trugen sie erheblich zur Verbreitung der persischen Sprache und Kultur in der Region bei. Die persische Kultur der Rum-Seldschuken in Anatolien gilt als besonders prächtig.
Erst seit dem Zerfall der seldschukischen Zentralmacht im 14. Jahrhundert entwickelte sich die türkische Sprache schrittweise als parallele Sprache in Regierungskreisen und in der Literatur.Thorsten Roelcke: Variationstypologie. Ein sprachtypologisches Handbuch der europäischen Sprachen in Geschichte und Gegenwart. Walter de Gruyter, 2003, ISBN 3-11-016083-8, S. 919 Die persische Prägung der osmanischen Zivilisation sollte noch bis ins 19. Jahrhundert stark bleiben.Encyclopaedia of Islam, digitale Edition, Artikel Saldjukids, Abschnitt The historical significance of the Saldjuks
Die Politik der Seldschuken wurde maßgeblich durch zwei Faktoren bestimmt: die Wünsche und Bedürfnisse des Sultāns und die seiner Berater und Administratoren auf der einen Seite, die Bedürfnisse der turkmenischen Nomaden, die weiterhin einen wichtigen Teil der seldschukischen Streitmacht stellten, auf der anderen Seite.
Die mühevolle Balance zwischen persisch-islamischen und türkisch-nomadischen Elementen konnte Konflikte nicht verhindern. Vor allem im Osten der persischen Welt, und ganz besonders in Transoxanien, gab es nach dem Zusammenbruch der Samaniden und Ghaznawiden, zumindest anfänglich, eine deutliche Dezentralisation der Macht und einen Rückfall in Richtung feudaler Strukturen.C.E. Bosworth: Barbarian Incursions. The Coming of the Turks into the Islamic World. In: D.S. Richards: Islamic Civilization. Oxford 1973, S. 10 ff. Die Seldschuken herrschten über ein Reich ohne feste Grenzen, und so konnte es auch vorkommen, dass bestimmte Gebiete in bestimmten Zeiten an die einheimischen Stämme zurückgegeben oder verkauft wurden. In der Regel durften in den Peripherien des Reiches die lokalen Fürsten und Prinzen als feudale Herren weiterherrschen. Sie waren dem seldschukischen Sultan aber tributpflichtig.
Kultur Sprache Die Seldschuken pflegten vor allem in der Frühzeit die nomadischen Traditionen ihrer oghusischen Vorfahren, die sie aber nach der Bekehrung zum Islam größtenteils aufgaben.Tamara Talbot Rice: Die Seldschuken. Köln 1963, S. 92 Obwohl sich die türkischen Seldschuken als aufstrebende Großmacht im Laufe der Zeit aufgrund der Etabliertheit der persischen Schriftsprache in der islamischen Welt zunehmend iranisierten, konnten sich dennoch, insbesondere unter der nomadisch lebenden Bevölkerung außerhalb der Städte, türkische Traditionen und Mundarten aufgrund ihrer oghusischen (türkischen) Vergangenheit lange erhalten.Cahen (1968), S. 292 Hofsprache der Seldschuken war nach Dynastiegründung das Persische, das sie schon zu Beginn angenommen hatten.
Literatur Die persische Literatur und Dichtkunst wurde von den Herrschern der Seldschuken großzügig gefördert.Gronke (2003), S. 46
Die Seldschuken übernahmen kulturelle Normen und höfische Etikette aus dem turko-persischen Reich der Ghaznavidensultane, sie wurden aber auch von historischen und sozialen Faktoren beeinflusst, insbesondere vom Ismailismus und Sufismus sowie dem Wachstum vieler städtischer Zentren. Politischen Entscheidungen, einschließlich der Dezentralisierung der Macht, führten zu einer erheblichen Diversifizierung der literarischen Werke dieser Periode.