Bernardo Giustinian (* 6. Januar 1408 in Venedig; † 10. März 1489, ebenda) war ein venezianischer Politiker und Geschichtsschreiber, der mehr als ein halbes Jahrhundert lang in diplomatischen Diensten und als Rhetor tätig war. In seinem letzten Lebensjahr war er, neben Agostino Barbarigo, einer der beiden Kandidaten für das Amt des Dogen.
Leben Herkunft und Ausbildung, Familie Seine Eltern waren Leonardo di Bernardo und Lucrezia di Bernardo Da Mula. Sein Onkel war der später heiliggesprochene Lorenzo.Dies und das Folgende nach Gino Pistilli.
Seine Ausbildung erhielt Bernardo bei Cristoforo de Scarpis (im Jahr 1416 und von Dezember 1418 bis Sommer 1420), Francesco Filelfo (Latein, Griechisch, Philosophie von 1417 bis 1419), Guarino Veronese (1424). Wegen eines Ausbruchs der Pest verließ er Verona vorzeitig und kehrte nach Venedig zurück. Wahrscheinlich hielt er sich um 1425 in Padua auf, wo sein Onkel Marco Podestà war. Ebenso wenig gesichert wie sein dortiger Studienabschluss ist eine Begegnung mit Francesco Della Rovere, dem späteren Papst Sixtus IV.
1429 hielt er sich in Verona auf, wo er bei Guarino den Eingangsvortrag über Augustinus’ De civitate dei hielt. Allerdings ist sein Vortrag nicht erhalten. Aus dieser Zeit stammen wohl die einzigen poetischen Versuche Giustinians. Zwar sind seine Terzette zu Ehren Jacopo Zenos nicht überliefert, doch lateinische Übersetzungen einiger Verse Homers und die Pacis congratulatio inter Venetos et Philippum Mariam ad ducem Venetum, die sich an den Dogen Francesco Foscari richtete. Darin feiert Giustinian in 97 lateinischen Versen den Friedensschluss zwischen Venedig und Mailand vom April 1428. Ludovico Gonzaga widmete er die recht freie lateinische Übersetzung der Rede des Isokrates (Isocratis sermo de regno ad Nicoclem regem), die Verhaltensmaßregeln für das Stadtregiment bot.Sie wurde von Guarino gelobt, ebenso vom Gonzaga (9. Januar 1432), aber auch von Traversi in einem Brief an Giustinians Vater, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband.
1432 folgte er seinem Vater, der den Posten eines Governatore übernommen hatte, bis zum Frühjahr 1433 nach Udine. 1433 heiratete er Elisabetta di Giovanni Priuli, mit der er vier Söhne (Leonardo, Lorenzo, Giovanni und Marco) und drei Töchter hatte; eine davon, Orsa, heiratete später Andrea Dandolo und wurde Mutter des Humanisten Marco.
Nur wenige Hinweise auf die sicherlich extensive wirtschaftliche Tätigkeit der Familie sind überliefert. Sie erscheinen im Oktober 1441 in den Quellen. Einige Waren der Giustinian waren konfisziert worden, und Bernardo Giustinian brauchte einen Rechtsgelehrten zur Unterstützung. Zunächst befasste er Jacopo Zen, Sohn des Carlo Zen, dann den Rechtsexperten Francesco Capodilista mit dem Vorgang. Partiell blieben diese Wirtschaftstätigkeiten auch deshalb undurchsichtig, weil um 1420 ein Namensvetter eine fraterna mit Polo und Gerolamo Giustinian, seinen Brüdern unterhielt. Aus einem Brief Filelfos geht immerhin hervor, dass der Fall Konstantinopels im Jahr 1453 zu großen Schäden auch der kommerziellen Aktivitäten der Giustinian geführt hatte.
Gesandter (1452–1477) und Orator, Savio grande del Consiglio (ab 1467), Prokurator von San Marco (1474) mini|Europa im Jahr 1490 Mit dem Eintritt in den Großen Rat im Jahr 1427 begann zwar seine über sechzigjährige politische Karriere. 1442 war Bernardo ein Savio agli Ordini, denn in einem Brief vom 14. April des Jahres an Georgios Trapezuntios klagt er über seine zahlreichen Aufgaben, die ihn vom Schreiben und Lesen abhalten würden. 1443 hatte er dementsprechend alle Hände voll zu tun, als Bernhardin von Siena zum letzten Mal in Venedig weilte. Bei dieser Gelegenheit besuchte er nämlich Lorenzo Giustinian, zu dieser Zeit Bischof von Castello. In einem Brief an Leonardo Vittorio aus dem Jahr 1444 unterstreicht Bernardo Giustinian, wie sehr ihn dieser Besuch geprägt habe.
Die politisch-diplomatische Tätigkeit begann er am 5. Januar 1452, als er die Aufgabe erhielt, Friedrich von Habsburg, der sich zur Kaiserkrönung auf dem Weg nach Rom befand, feierlich zu begrüßen. Gemeinsam mit drei anderen Nobili hielt er die Begrüßungsrede Oratio ad Fridericum III imperatorem ad coronas et nuptias Romam proficiscentem, in der der Kaiser aufgefordert wurde, die christlichen Mächte zusammenzufassen und in einem Kreuzzug gegen die Türken zu führen. Dabei betonte er die Loyalität Venedigs gegenüber dem Reich. Dementsprechend stimmte Giustinian nach der osmanischen Eroberung Konstantinopels (1453) gegen eine Annahme des Vertrages mit dem Sultan vom 18. April 1454. Er hätte, neben anderen wie Ludovico Foscarini und Paolo Morosini, eine aggressivere Außenpolitik bevorzugt. Seinen Vorschlag, die Inseln Lemnos und Imbros zu erwerben, lehnte der Senat ab. Auch seinen Vorschlag vom Dezember 1457, eine Legation zum Papst zu schicken, um ihn dazu zu bewegen, einen neuen Kreuzzug auszurufen, lehnte der Senat ab.
Als der Doge Francesco Foscari kurz nach seinem erzwungenen Rücktritt am 1. November 1457 starb, fiel Giustinian die Aufgabe zu, die Grabesrede zu halten (Oratio funebris habita in obitu Francisci Fuscari ducis), worin er die Rolle von dessen aggressiver Außenpolitik so deutete, dass der Verstorbene nicht durch Ehrgeiz oder Gier getrieben worden war, sondern, dass er die Freiheit verteidigt hätte, nämlich seine, die der Seinigen und die Italiens.
Am 21. Juli 1458 bahnte sich eine diplomatische Verwendung Giustinians in Süditalien an. Zusammen mit den Senatoren Matteo Vitturi und Vitale Lando schlug er vor, an den neuen König von Neapel, Ferdinand I., nicht nur ein Glückwunschschreiben zu veranlassen, sondern auch zwei Gesandte dorthin aufbrechen zu lassen. Zwar hatte der Senat bereits am 8. Juli ein solches Schreiben beschlossen, schob jedoch zunächst eine Gesandtschaft auf, weil Papst Calixtus III. den neuen König noch nicht anerkannt hatte. Auch eine Entscheidung über den wiederholten Vorschlag wurde am 12. August aufgeschoben. Erst als der neue Papst Pius II. die Anerkennung am 17. Oktober ausdrückte, wurden Bernardo Giustinian und Leone Viaro, der seinerzeit für Abwarten plädiert hatte, gemeinsam nach Neapel gesandt. Die beiden Männer erreichten Anfang Dezember Rom. Dort hielt Giustinian seine Oratio ad Pium pontificem. Am 12. Dezember brachen die Gesandten nach Süden auf, wo sie Andria erreichten. Am 28. Dezember hielt Giustinian die Oratio ad serenissimum regem Ferdinandum Siciliae regem in legatione habita. Man versuchte eine Einigung zwischen dem neuen König und dem Fürsten von Tarent Gian Antonio Orsini Del Balzo zustande zu bringen, von dem der Verdacht bestand, ihn hätten die Venezianer auch militärisch gegen den König unterstützt. In seiner Rede bot Giustinian dem König finanzielle und militärische Unterstützung an, jedoch blieb dieser misstrauisch. Vor allem im März 1459 kam es zu Spannungen mit Tarent, doch im folgenden Monat kam man zu einer Einigung. Am 4. Mai schrieb der Senat an die beiden Gesandten, eine Nennung im Vertragstext wäre zu vermeiden, vor allem aber die alten Immunitäten und Privilegien der königlichen Vorgänger wären durchzusetzen, insbesondere das Salzmonopol. In seiner Rede vom 1. August 1459, der Oratio ad serenissimum regem Ferdinandum pro discessione, stand dementsprechend diese Konzession im Vordergrund, für die Giustinian diplomatisch dankte. Als die Streitigkeiten zwischen den Prätendenten erneut aufflammten, hielt sich Venedig strikt neutral und verweigerte auch die von Giustinian zugesagte Unterstützung.
Während der Papst im März 1459 verstärkt für einen Kreuzzug gegen die Osmanen warb, brachte Giustinian im Senat einen Antrag durch, so dass der Papst aufgefordert wurde, für eine so wichtige Aufgabe alle italienischen Mächte zu gewinnen. Doch einer der Delegierten bei der Versammlung in Mantua, Ludovico Foscarini, erkannte beim Papst eine stark anti-venezianische Haltung. Immerhin gelang es Giustinian, Pius II. so weit für die venezianische Sache zu gewinnen, dass das Heiligsprechungsverfahren für Lorenzo Giustinian, um das sich Bernardo nunmehr bemühte, positiv aufgenommen wurde. Ende 1459 sagte Venedig eine starke Flottenhilfe zu, doch misstrauten andere italienische Staaten dieser übergroßen militärischen Macht.
Bernardo Giustinian wurde zwischen 1459 und 1460 in den beinahe allmächtigen Rat der Zehn gewählt. 1460 holte er den Sohn des Filelfo als Lehrer an die Dogenkanzlei, doch musste dieser den Posten bereits wenige Monate später wieder räumen. Giustinian, der zu dieser Zeit Savio di Terraferma war (so nannte man das oberitalienische Festland im Gegensatz zur Terra da Mar, dem östlichen Handelsraum Venedigs und seine Kolonien), verhalf nun Georgios Trapezuntios zu dieser wichtigen Lehrstelle. Noch 1468, als die Position vakant wurde, förderte er Giorgio Merula, der nun Rhetorik lehrte.
1461, nach dem Tod König Karls VII., wurde Ludwig XI. König von Frankreich. Am 28. August wählte man Giustinian und Paolo Barbo, den Bruder des späteren Papstes Paul II. (1464–1471), als Gesandte aus. Am 23. Oktober trafen die beiden in Mailand ein, wo sie Francesco Sforza, seine Frau Bianca Maria und seinen Sohn Galeazzo Maria trafen. Vom französischen König wollte man in Erfahrung bringen, welche Pläne er mit Genua und Neapel hatte, aber auch, wie er zum Kreuzzug stand. Anfang Dezember kamen die Gesandten in Tours an, wo Barbo am 8. Dezember die Begrüßungsrede für den König hielt. Von den Mailänder Gesandten versuchten die Venezianer in Erfahrung zu bringen, wie hoch die Einnahmen und Ausgaben der Franzosen waren, während der König versuchte, die Mailänder für die Eroberung Genuas zu gewinnen. Am 6. Januar 1462 hielt Giustinian seine Oratio ad serenissimum regem Franciae Ludovicum, worin er den Ritterschlag annahm, den er gegenüber dem Kaiser, dem Papst und dem Neapolitaner König abgelehnt hatte. Auch gab er seiner Hoffnung Ausdruck, der König werde sich an die Spitze des Kreuzzuges stellen. Doch dieser war mehr an Italien interessiert und verließ Tours Richtung Bordeaux, ohne die Gesandten einzuladen, ihm zu folgen. Daraufhin erhielten die Gesandten am 8. Februar die Aufforderung, nach Venedig zurückzukehren. Bei ihrem Weg kamen sie auch nach Paris, wo von der dortigen Universität durch Giovanni Giulierio eine Begrüßungsrede gehalten wurde, worauf Giustinian mit einer Oratio responsiva ad Universitatem Parisiensem antwortete. Die gescheiterten Gesandten kehrten am 8. Mai nach Venedig zurück. Dort wurde Giustinian nicht nur einer der drei Elektoren des Dogen Cristoforo Moro, sondern saß auch wieder im Rat der Zehn.