Die Musik in Vietnam wurde im 1. Jahrtausend durch die chinesische Herrschaft geprägt. Zuvor gehörte Vietnam zum Gebiet der durch archäologische Zeugnisse („Bronzetrommeln“) bekannten Dong-Son-Kultur. Der Einfluss der chinesischen Musik auf die höfische Musik des Nordreichs erreichte seinen Höhepunkt zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert. Weitere Elemente der unterschiedlichen vietnamesischen Musikstile sind einheimisch, manche haben ihren Ursprung im Königreich Champa, einem mittelalterlichen hinduistischen Reich im Süden des Landes, das durch malaiische und indische Einflüsse geprägt wurde. Europäische Übernahmen begannen mit französischen Missionaren und Siedlern im 16. Jahrhundert. Der französische Einfluss prägte die Musik Vietnams besonders während der französischen Kolonialherrschaft Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, als westliche Musikinstrumente und Musikstile eingeführt wurden. Populäre US-amerikanische und andere westliche Musikimporte trugen im Verlauf des 20. Jahrhunderts zur Marginalisierung der Musikkultur der Minderheitenvölker oder zu ihrer Adaption an eine internationale Aufführungsästhetik bei.
Mit 54 ethnischen Gruppen in Vietnam existieren entsprechend unterschiedliche traditionelle Musikstile, die nur zum Teil wissenschaftlich untersucht wurden. Die Musik der Mehrheitsbevölkerung Kinh umfasst Chèo (vietnamesisches Bauerntheater), Tuồng (klassische vietnamesische Oper), Xẩm („Volksmusik der blinden Bettler“), Đờn ca tài tử („Musik der Amateure“), Quan họ („abwechselnder Gesang“), Ca trù usw. Die traditionelle Musik lässt sich auch regional in Süden, Mitte, Zentrales Hochland, Norden usw. unterteilen.
Merkmale
Musikinstrumente mini|Traditionelles Orchester im Literaturtempel, Hanoi Viele archaische Instrumente sind in ihrem Ursprung und ihrer Benennung chinesisch. Wie in China wurden die Instrumente in acht Kategorien unterteilt: Stein, Metall, Seide, Bambus, Holz, Tierhaut, Kürbis und Ton. Ungefähr 300 von denen finden bis heute Verwendung.
Blasinstrumente Zu den Flöten gehören zum Beispiel die Bambusquerflöte sáo or địch (abgeleitet von der chinesischen di) und die zylindrische Längsflöte tiêu (abgeleitet von der chinesischen xiao). Weitere Blasinstrumente sind die Oboe kèn (ähnelt der chinesischen suona und es gibt von ihr mehrere Varianten), die Mundorgel khèn (gespielt von den ethnischen Minderheiten Thái und Triêng) und einige seitlich angeblasene Naturhörner wie die pí mo der Thái und die ki pá der Jarai. Die ethnischen Minderheiten Êđê und Mnông spielen ein der khèn ähnliches Instrument namens đing năm oder m'buố bestehend aus Bambusröhren und einer Windlade aus Flaschenkürbis.
Zu den Blasinstrumenten, die heute nicht mehr gespielt werden, gehören unter anderem die Mundorgel sinh (abgeleitet von der chinesischen sheng), das Büffellängshorn tù và und das Schneckenhorn hải loa.
Saiteninstrumente mini|Musiker mit einer đàn bầu mini|Đàn tranh spielende Musikerin Zu den Zitherinstrumenten gehören zum Beispiel die einsaitige Kastenzither đàn bầu oder đàn độc huyền, die 16-saitige Wölbbrettzither đàn tranh, die Erdzither trống quân (gespielt in Nordvietnam) und die Bambusröhrenzither roding, ding goong oder ding put (gespielt von ethnischen Minderheiten im zentralen Hochland).
Einige Beispiele für Lauten sind die zweisaitige mondförmige Langhalslaute đàn nguyệt, die đàn đoản („Kurzhalslaute“) oder đàn tầu („chinesische Laute“), welche vietnamesische Bezeichnungen für die chinesische yueqin darstellen, die dreisaitige Laute đàn tam oder tam huyền mit rundem Resonanzkörper (ähnelt der chinesischen sanxian), die dreisaitige Kastenlanghalslaute đàn đáy (gespielt in Nordvietnam und in Ca trù), die viersaitige birnenförmige Laute đàn tỳ bà (ähnelt der chinesischen pipa) und die Langhalslaute tính tẩu oder đàn tính (gespielt von den Thái und Nùng im Norden Vietnams) mit einem Resonanzkörper aus Flaschenkürbis.
Zu den Streichinstrumenten gehören zum Beispiel die zweisaitige Röhrenspießgeige đàn nhị oder đàn cò (ähnelt der chinesischen erxian) mit ihren vielen verschiedenen Varianten, das zweisaitige Streichinstrument đàn gáo (ähnelt der kambodschanischen tror u und der laotischen so u) mit einer leeren Kokosschale als Resonanzkörper und die vĩ cầm oder viô-lông (vietnamesische Bezeichnungen für die Violine).
Ein bekanntes Zupfinstrument ist die lục huyền cam („sechssaitiges Instrument“) oder ghi-ta, die eine Modifikation der europäischen Gitarre darstellt.
Membranophone Zu den einfelligen Trommeln gehören zum Beispiel die bồng mit Form einer Sanduhr (wird mit zwei Händen geschlagen), die trống cái (geschlagen mit einem Schlägel), die in der höfischen Musik von Huế in Südvietnam gespielt wird, und die baranưng (große Rahmentrommel aus dem Chàm-Volk).
Bekannte zweifellige Trommeln sind die đại cổ („große Trommel“, fassförmige Trommel geschlagen mit einem oder zwei Schlägeln), die tiểu cổ (kleine, zweifellige Trommel), die trống chiến („Kriegstrommel“, fassförmige Trommel für das traditionelle Theater), die trống nhạc (ein Paar flache, zylindrische Trommeln für die zeremonielle Musik), die trống cơm („Reistrommel“, fassförmige Trommel ähnlich der südindischen mṛdaṅgam) und die ganang (fassförmige Trommel aus dem Cham-Volk).
Idiophone Zu den Schlagidiophonen gehören die sinh tiền oder sênh tiền (Klapper aus drei Brettchen, den chinesischen paiban entsprechend), die sanh (ein Paar Holzklappern), die song lang (kleiner Holzblock geschlagen mit einem mit dem Block verbundenen kleinen Holzball), die mõ gia trì (Holzfisch für buddhistische Zeremonien, ähnelt der chinesischen muyu), die mõ (eine Schlitztrommel für Zeremonien), die mõ sứng (Teil eines ausgehöhlten Büffelhorns), die chung oder chuông (Glocken für die konfuzianische oder buddhistische Musik), die chiêng (Buckelgongs), die la (Flachgongs, den chinesischen luo entsprechend), die bạt (kleine Becken) und die chập chõa (große Becken in unterschiedlichen Größen).
Instrumentalensembles Ein wichtiger Bestandteil der vietnamesischen Musik ist die Vokalmusik, deren Lieder und gesungene Poesien im Prä- und Interludium von Kammermusik- und Theaterensembles gespielt werden. Die Theaterensembles unterscheiden sich je nach Theaterform (traditionelles Theater, Volkstheater oder modernes Theater). Die Unterhaltungs- bzw. Kammermusikensembles bestehen aus drei Instrumenten (16-saitige Zither, zweisaitige Fidel und Mondlaute bzw. birnenförmige Laute). Die Größe dieser Ensembles ist variabel. Bei einem fünfgliedrigen Ensemble spricht man von ngũ tuyệt und in dem werden sämtliche Instrumente des dreigliedrigen Ensembles und zusätzlich eine dreisaitige Laute bzw. ein Monochord gespielt. Bei einem sechsgliedrigen Ensemble kommt eine Querflöte hinzu.
Die Instrumentalmusik unterscheidet sich im Flach- und Hochland Vietnams, wobei im Flachland diese in religiösen Zeremonien und früher auch im königlichen Hof gespielt wurde. Im Hochland (genauer im zentralen Hochland) tritt sie hauptsächlich in Form von Gong-Ensembles der Minderheitenkulturen in Erscheinung.
Das Orchester des königlichen Hofs umfasst drei Instrumentalensembles: die đại nhạc („großes Ensemble“), die nhạc huyền (Ensemble aus Stabspielen mit Klangstäben aus Bronze und Stein) und die tiểu nhạc oder nhã nhạc („kleines Ensemble“). Die đại nhạc verwendet Trommeln, Gongs und Blasinstrumente (Oboen und Schneckenhörner). In einem typischen đại nhạc-Ensemble im 20. Jahrhundert kamen als Blasinstrumente Wasserbüffelhörner hinzu. Die đại nhạc- und nhạc huyền-Ensembles spielten nur an wichtigen Veranstaltungen. Das „kleine Ensemble“ nhã nhạc besteht aus zwei Querflöten, einer einsaitigen Fidel, einer mond- und birnenförmigen sowie einer dreisaitigen Laute, einer kleinen einfelligen Trommel, der sinh tiền und drei kleinen Gongs. In der Zitadelle von Huế treten heutzutage nur nhã nhạc-Ensembles auf. Die zeremonielle Musik in Südvietnam (nhạc lễ) besteht aus Streichinstrumenten (văn) und Schlaginstrumenten (võ).
Für die Minderheitenkulturen im zentralen Hochland spielen Gongs eine wichtige Rolle. Die Anzahl der Gongs und die Spielweise in einem Gong-Ensemble unterscheidet sich je nach ethnischer Minderheit oder Veranstaltung. Große Aufführungen mit bis zu 23 Gongs werden von den Jarai und Bahnar oftmals zum Wasserbüffel-Fest veranstaltet. Viele Minderheiten verwenden eine Trommel als Lead-Instrument, die den Beginn und das Ende einer Aufführung signalisiert. Des Weiteren wird die linke Hand verwendet, um den Klang der Gongs zu regulieren. Typische Gong-Ensembles sind die der Brâu, der Êđê und der Jarai. Die Chàm spielen zum Tanz zwei Gongs und eine handgeschlagene Trommel nach dem Call-and-Response-Prinzip.
Melodie Die vietnamesische Musik basiert auf mündlichen Überlieferungen und die schriftliche Notation dient lediglich als eine Art Ratgeber. Die Melodien bauen generell auf dem pentatonischen System auf (zum Beispiel C, D, F, G, A), zu der zwei Hilfstöne (E, B) hinzugefügt werden können, um andere pentatonische Melodien zu erzeugen. Ein Lied, dem für gewöhnlich ein Präludium vorangeht, kann langsam, im mäßigen Tempo oder schnell gesungen werden mit Halben oder Vierteln als Notenwert der Zählzeit. Eine einfache kontrapunktische Begleitung (Gegenstimme) mit Einklängen und Oktaven an den Anfangspunkten von Phrasen wird verwendet. Außerhalb der ersten Beats sind Quinten, Quarten, Terzen und sogar Sekunden erlaubt. Der Modus weist Ähnlichkeiten mit der javanesischen und der burmesischen Musik auf.
Geschichte mini|Dong-Son-Trommel aus der Dong-Son-Kultur (aus Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr.) Archäologische Funde im Dorf Đông Sơn weisen darauf hin, dass im 3. bis 1. Jahrhundert v. Chr. in Vietnam Musikinstrumente wie Bronzetrommeln, Holzklappern, Mundorgeln und Schneckenhörner verwendet wurden. Vom 10. bis zum 15. Jahrhundert kamen chinesisch-indische Musikelemente hinzu. Die chinesische guqin (siebensaitige Zither) wurde von einer zweifelligen Trommel (chinesisch gu) oder einer Trommel, welche die Champa-Melodie spielte, begleitet. Zu dieser Zeit wurden zwei traditionelle chinesische Ensemble-Formationen und eine rudimentäre chinesische Theaterkunst eingeführt.
Vom 15. bis zum 18. Jahrhundert erreichte der chinesische Einfluss seinen Höhepunkt in Form von Hofmusik, der Nhã nhạc, die von zwei Orchestern gespielt wurde. Das erste Orchester bestand aus einem Lithophon aus 12 Klangkörpern, 12 Glocken, der se (25-saitige Zither), der guqin, Flöten, der Panflöte, einem Schraptiger, einer zweifelligen Trommel, einer Mundorgel und einer Gefäßflöte. Das zweite Orchester bestand aus 16 Windspielen aus Eisen, einer 20-saitigen Harfe, der viersaitigen pipa, einer Doppelflöte, einer zweiköpfigen Trommel und einer Mundorgel.
Nach der Hofmusik ging die zeremonielle Musik hervor. In buddhistischen Zeremonien wurden Gebete auf drei verschiedenen Wegen vorgetragen: als Rezitation in leiser Stimme, als Kantillation (Sprechgesang), die die sechs Töne der vietnamesischen Sprache befolgt, und als Gesang begleitet von einem Orchester bestehend aus zwei Trommeln, einer Glocke, einem Gong, Becken und Fideln.
Vom 19. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg nahm die vietnamesische Musik wieder zunehmend Charakter an. Die Hofmusik wurde verboten und es wurde die populäre Musik bevorzugt. Unterschiedliche Musikstile entwickelten sich in Nord- und Südvietnam. Es kamen westliche Einflüsse hinzu, die sich in der Einführung von Instrumenten wie der Mandoline, der Konzertgitarre und der Violine sowie der Einführung der europäischen klassischen Musik und der westlichen Komposition zeigten. Im späten 20. Jahrhundert kam es zu einem Rückgang der traditionellen vietnamesischen Musik. Versuche einer Wiederbelebung begannen in den frühen 1970er-Jahren.