Die Uhrig-Römer-Gruppe war eine reichsweite kommunistische Widerstandsgruppe gegen den Nationalsozialismus. Sie hatte ihren Kern in Berlin und Brandenburg. Robert Uhrig und Josef Römer führten diese Widerstandsgruppe an.
Geschichte Die Widerstandsgruppe Uhrig-Römer wurde 1938 durch Robert Uhrig gegründet. Dabei baute er in den nachfolgenden Jahren ein Netz von verschiedenen Widerstandsgruppen in vielen Berliner Betrieben zur Uhrig-Gruppe auf. In Berlin, Brandenburg, Südbayern und in Tirol war die Widerstandsgruppe aktiv und hatte an allen Standorten zusammen eine größere dreistellige Mitgliederanzahl. Uhrig leitete damit eine der größten antifaschistischen Widerstandsorganisationen in Deutschland und Österreich. Die Uhrig-Organisation arbeitete außerdem mit Gruppen in Essen, Hannover, Hildesheim, Dortmund, Leipzig (Willy Gebel) und Hamburg zusammen. Nach Dänemark, in die Tschechoslowakei und in die Niederlande gab es auch paneuropäische, kommunistische Kontakte.
Viele Mitglieder waren bereits in der Vergangenheit in kommunistischen Widerstandsgruppen aktiv gewesen. Sie hatten ausreichend Erfahrung in Sachen Widerstandsarbeit. Die Mitarbeit in der Gruppe war weder von einer Parteizugehörigkeit oder einer sozialer Herkunft abhängig. Als Beispiele für parteilose Gruppenmitglieder können Charlotte Eisenblätter, Engelbert Kimberger, Viktor da Pont, Hans Hartwimmer, Johann Reisinger, Gustav Straub, Philipp Zöllner, Georg Klinner, Erich Kühne, Ignaz Zloczower, Alfred Mehlhemmer, Gustav Kensy, Karl Hübener, Raimund Gstür, Max Drescher, Otto Puchert, und Paul Seher genannt werden. Natürlich gab es in der Gruppe auch viele Kommunisten und einige Sozialdemokraten. In der Gruppe sind viele Arbeiter und Handwerker zu finden. Aber auch andere Berufsfelder wie Ingenieure, Künstler, Offiziere oder Beamte finden sich bei der Gruppe. Allerdings dominierten kommunistisch orientierte Metallarbeiter die Gruppe.
Das Ziel der Gruppe war die Errichtung eines sozialistischen Staates nach dem Sturz der Hitler-Diktatur. Dazu rief die Gruppe zu Sabotageakten auf und bemühte sich, Informationen zur wirtschaftlichen und militärischen Lage zu bekommen und an die Arbeiter weiterzugeben. Die Gruppe brachte ab dem Spätsommer 1941 das Untergrund-Blatt Informationsdienst zweimal im Monat heraus. Das Redaktionsteam bestand aus Karl Frank, Otto Klippenstein und Willy Sachse. Auch der Schriftsteller Alexander Graf Stenbock-Fermor („Der rote Graf“) arbeitete beim Informationsdienst redaktionell mit. Im Februar 1942 wurde der letzte Informationsdienst fertiggestellt.
Zellen der Uhrig-Römer-Gruppe
Es war die Aufgabe von Robert Uhrig, in Berlin und Brandenburg Betriebszellen aufzubauen. Es gab auch sieben Wohngebietszellen der Uhrig-Römer-Gruppe. Die Leiter dieser Wohngebietszellen waren unter anderen Heinrich Preuss, Alfred Strege, Erich Rochler, Helmut Masche, Hermann Michaelis und Alois Wiesen.
Fusion mit der „Römer-Gruppe“ Die Zusammenarbeit mit der „Römer-Gruppe“ begann im Jahr 1941. Im Frühjahr 1941 vermittelte Alexander Graf Stenbock-Fermor Dr. Römer den Kontakt zu Willy Sachse und seinen Freunden. Ab Herbst 1941 gab es eine enge Zusammenarbeit mit Beppo Römer und seiner Gruppe. Es wurde vereinbart, dass beide Gruppen relativ selbstständig bleiben durften. Uhrig konnte über Römer seine Verbindungen nach München zur Hartwimmer-Olschewski-Gruppe und schließlich bis Tirol ausdehnen. Es begann aber eine schwierige und kurze Zusammenarbeit.
Zusammenarbeit mit der Münchener Gruppe
Die Verbindungen der Berliner Kommunisten mit den Oberbayerischen Kommunisten entwickelten sich erst im 2. Halbjahr 1941 stärker. Willy Sachse und Beppo Römer führten dort intensive Gespräche mit den dortigen Antifaschisten. Im Oktober 1941 fuhr auch Robert Uhrig nach München. Ansprechpartner waren zumeist Wilhelm Olschewski senior sowie Hans Hartwimmer, aber auch andere Kommunisten in entsprechenden Funktionen. Themen waren die Ansichten zur Innenpolitik, zur Außenpolitik und die Stoßrichtung und die Ziele des gemeinsamen Widerstandes.
Folgende Personen gehörten unter anderem zu dieser Widerstandsgruppe: Wilhelm Olschewski senior, Wilhelm Olschewski junior, Hans Hartwimmer, Otto Binder, Johann Hintzen, Karl Huber, Alfons Gaar, Alfons Bichlmeier, Otto Trögl, Jakob Blendl, Simon Hutzler, Raimund Gstür, Richard Plötz, Martin Scheungrab, Gustav Straub, Johann Reisinger, Robert Deggenfelder, Otto Carus, ein gewisser Hubauer und die Soldaten Ludwig Stark, Franz Espertshuber, Siebenhüter und Klingeisen, Kreszenz (Centa) Beimler (Ehefrau von Hans Beimler/Spanienkämpfer), Anton Schinharl, Otto Aster, Viktoria Hösl, Wilhelm Wastlhuber, Anna Kemeter, Ludwig Bader, Johann Bauer, Willi Brink, Franz Eggl, Hans Feulner, Franz Grandl, Hans Herker, Engelbert Kimberger, Stefan Marschall, Hans Raab, Georg Rahm und Karl Stadelmann.
Die Zusammenarbeit mit der Tiroler Gruppe mini|Stolperstein Leopold Tomschik Dunckerstraße 58 Der Österreicher Leopold Tomschik, der in Deutschland lebte, machte im Frühjahr 1941 Heimaturlaub. Dort traf er über Bekannte den Alt-Bürgermeister von Kitzbühel Josef Pair. Dabei erfuhr er das es im Bundesland Tirol zahlreiche (kommunistische) Widerstandsgruppen gab. mini|Adele Stürzl In der nachfolgenden Tabelle wird versucht, die Mitglieder nach den KPÖ-Ortsgruppen zu sortieren. Zuweilen war es nicht einfach wie am Beispiel Anton Rausch zu sehen ist. Er scheint in Kitzbühel gearbeitet zu haben. Seine Braut Anna Koidl hatte eine Wohnung in Wörgl und eigentlich kam er aus Kirchbichl. Ort/KPÖMitgliederOrt/KPÖMitgliederHäringWörglMichael Fürst (Schuhmachermeister), Anna Koidl, Franz Toman (Magazinaufseher), Erwin FederspielHopfgarten (Hohe Salve)Alois Graus (Postfacharbeiter), Anton Dummer (Eisenbahner)Innsbruck (Landeshauptstadt)Josef Werndl (Malermeister), Andreas Obernauer (Eisenbahnschaffner)KirchbergKufsteinAdele Stürzl (Hausfrau), Georg Gruber (Fahrdienstleiter), Adalbert Horejs (Metalldrucker), Hans Vogl (Hauptschuldirektor/Zell am Ziller), Thomas Salvenmoser (Eisenbahner), Alois Ehrenstrasser (Telegrafenleitungsaufseher)KirchbichlMathias PflugerZuordnung noch nicht möglichMichael Fürst Elisabeth Bachmann Anton Pockenauer (Eisenbahnmitarbeiter) Elisabeth SalvenmoserKitzbühelFranz Stocker (Gärtner), Josef Pair (Ehemaliger Bürgermeister), Anton Rausch (Verkaufsleiter, Angestellter), Ignaz Zloczower (Friseur), Viktor da Pont (Friseurmeister), Adele Obermayr (Bundesrätin/Landtagsabgeordnete),Sie standen im selben Verfahren zusammen mit anderen Mitgliedern vor Gericht: siehe auch VGH, 10 (9) J819/43 (Prozess) – 6H28/44 (Urteil). Auch hier ist eine Zuordnung dem Autor nicht möglich.Franz Wurzenrainer, Georg Rieder, Norbert Mayr, Peter Juffinger, Wilhelm Jelinek
Robert Uhrig vertiefte die Kontakte nach Österreich während zweier „Urlaube“ in Tirol.
Willy Sachse besuchte die österreichischen Genossen auch öfters. Manchmal fuhr auch Otto Klippenstein (früher: SPD) mit. Wohnen konnten sie bei diesen Besuchen in Wörgl. Die Braut eines Mitglieds (Anna Koidl) bot diese illegale Unterkunft.
Leitungsstruktur der „neuen“ Gruppe Funktion PersonenPolitische LeitungUhrig-Römer-BudeusOrg. LeitungLehmann-Riedel (später Gesche)-GriebAgit.Prop.Frank-Sachse-Klippenstein (Schriftenherausgabe)TechnikerErich Kurz (Schriftenanfertigung) (nicht zu verwechseln mit dem Spitzel Hans Kurz)AbwehrleitungMett (mit mehreren Mitarbeitern) mini|Paul Gesche
Treffen bei Tiefensee (Gamengrund/Gamensee/Blumenthaler Forst) Ein kühnes und mutiges Unterfangen ging auf die Initiative von Dr. Römer aus. Ein Autor schreibt sogar von einem einzigartigen Ereignis im Berliner Widerstand zu Kriegszeiten. Römer wollte eine öffentliche – aber möglichst sichere – Begegnung von möglichst vielen Mitgliedern der Gruppe bzw. mit vielen Betriebszellen. Grund für dieses einmalige Treffen war das mögliche Auseinanderbrechen der Gruppe. Am 24. August 1941 fand das Treffen an dem geheimen Ort statt. Es war ein Erholungsgebiet (Blumenthaler Forst) bei Tiefensee. Laut Martha Butte waren es etwa 60 Personen. Erich Wichmann schätzte die Menge auf mehr als 50 Personen. Natürlich war der geheime Treffpunkt durch Beobachtungsposten abgesichert. Bei dem Treffen ging es um die Themen Wirtschaft und die militärische Lage. Willy Sachse referierte über verschiedene Wirtschaftsfragen und Dr. Römer kommunizierte über die aktuelle militärische Lage. Im Gamengrund gibt es seit 1974 einen Gedenkstein der an die Kommunisten Josef Römer, Willy Sachse, Fritz Riedel und Kurt Ritter erinnert.
Trennung von der Römer-Gruppe Die Zusammenarbeit der Partnergruppen endete aber schon im Januar 1942 kurz vor den Verhaftungen im Februar 1942. Die Missachtung der konspirativen Verhaltensregeln war der Grund für die Trennung. Kurt Ehemann, Josef Römer und andere Freunde fielen „häufige Unvorsichtigkeiten und sehr gefährliche Vorgehensweisen im Umfeld des leitenden Betriebsverantwortlichen Franz Mett“, auf. Sie sollten Recht behalten.
Aufdeckung und Beginn der Verhaftungen am 4. Februar 1942 Im Februar 1942 wurde die Gruppe gesprengt. Die Verhaftungen dauerten von Februar 1942 bis April 1942. In Tirol bis Juli 1942. Die Spitzel Hans Kurz, Willi Lukow und ein gewisser „Ihwo“„Ihwo“ auch „Ihno“, vielleicht „Ivo“ [Anmerkung des Verfassers] waren für die Aufdeckung der Uhrig-Römer-Gruppe verantwortlich. Hans Kurz arbeitete als Techniker bei der Firma Lorenz. Er gewann das Vertrauen der Abwehrleitung (Franz Mett) und wurde dessen Hilfe. Über Willi Lukow gibt es sehr wenige Informationen. Es ist nur bekannt, dass er die Spitznamen „Ernst“ und „Pustel-Willi“ hatte. „Als die Gruppe gemerkt hat, dass ein Spitzel in den Kreis eingedrungen war, war es zu spät,“ bemerkte der Schlosser Willy Gohlke nach dem Krieg. Aus 22 Unternehmen mit Betriebszellen wurden Funktionäre verhaftet.
Haftzeit und Prozesse Anfang Februar 1942 wurden die ersten Mitglieder festgenommen. Uhrig und etwa 40 seiner Gefährten kamen als Häftlinge in das KZ Sachsenhausen bei Oranienburg. Trotzdem dauerte es bis zum Beginn der Prozessserie vor dem Volksgerichtshof im Juni 1944 fast zweieinhalb Jahre. Grund für die Verzögerungen war angeblich die Suche nach den verschiedenen Auslandsbeauftragten der KPD und ihren Mithelfern und Quartiergebern. Es gab insgesamt vier Volksgerichtshofverfahren und mindestens zehn Kammergerichtsverfahren.
Hier die Verfahren am Volksgerichtshof, der wegen Kriegsschäden in Potsdam tagte:
Prozess A gegen Robert Uhrig und elf andere mit Prozessbeginn am 7. Juni 1944
Prozess B gegen Fritz Plön und zehn andere mit Prozessbeginn am 6. Juli 1944
Prozess C gegen Erich Wichmann und zehn andere mit Prozessbeginn am 21. Juni 1944
Prozess D gegen Otto Schmirgal und zwölf andere mit Prozessbeginn am 5. September 1944
Bei den Verfahren A-D am VGH waren 47 Mitglieder angeklagt. 31 von Ihnen wurden zum Tode verurteilt.
In den Kammergerichtsverfahren wurden 24 weitere Angehörige der Widerstandsgruppe zur Verantwortung gezogen. Die Verhandlungen wurden aufgrund von Bombenschäden nach Landsberg an der Warthe und Potsdam (VGH-Prozesse) ausgelagert.
Die Vollstreckungen der Todesurteile und weitere Schicksale mini|Gedenktafel Werner Seelenbinder Glatzer Straße 6 (Friedrichshain) mini|Stolperstein Willy Sachse Corker Straße 29 (Wedding)