Das verlorene Paradies, im englischsprachigen Original Paradise, ist ein zuerst 1994 in London und 1998 auf Deutsch erschienener Roman des Literaturnobelpreisträgers 2021 Abdulrazak Gurnah. Der Roman schildert das Coming-of-Age eines Jungen in Deutsch-Ostafrika am Beginn des 20. Jahrhunderts, der als Schuldsklave eines Kaufmanns aus den gesellschaftlichen Grenzen seiner Zeit ausbricht und sich den deutschen Kolonialtruppen anschließt.

Der 1994 in London unter dem Titel Paradise erschienene Roman bedeutete für Gurnah den Durchbruch als Schriftsteller.

mini|Deutsche Kolonien in Afrika mit Deutsch-Ostafrika (rot) Handlung Als Yusuf in die Erzählung eintritt, lebt er als Zwölfjähriger mit seinen Eltern weniger als eine Tagesreise mit dem Zug von der Ostküste Afrikas entfernt auf der Höhe von Sansibar. Seine Eltern führen ein kleines Gasthaus, die letzte der gescheiterten Unternehmungen seines Vaters, der sich beim Kaufmann Aziz verschuldet hat. Yusuf spricht die Bantusprache Kiswahili (Kisuaheli) der ostafrikanischen Küstenbewohner. Er hat von sieben bis zwölf eine Koranschule besucht, aber noch einige Schwierigkeiten beim Lesen, die er später als schneller Lerner spielend überwindet.

Ohne das Warum zu verstehen, wird Yusuf von seinem Vater, dem Schuldner, an dessen Gläubiger, den Kaufmann Aziz, als Schuldsklave übergeben und reist mit ihm zu dessen Wohnort an die Küste. Der von ihm „Onkel“ genannte Kaufmann„Zunächst einmal ist er nicht dein Onkel“, berichtigt der Ladenhelfer Khalil den in wirtschaftlichen Fragen völlig unerfahrenen Yusuf. Gurnah: Das verlorene Paradies, S. 35 f., G 228. führt seine Karawanen von der Ostküste des damaligen Deutsch-Ostafrikas monatelang ins Landesinnere über mehr als tausend Kilometer, um dort Tuche, Eisenwaren, Tand, Gewehre, Pulver, Munition und andere Schmuggelware gegen Kautschuk, damals Rohstoff für Regenmäntel und Gummistiefel, gegen Elfenbein, Felle und Gold zu tauschen.Gurnah: Das verlorene Paradies, S. 62, 118 f, 156 f., 223, 228 f.

Yusuf begleitet eine besonders anstrengende und gefährliche Karawane ins Hinterland, die monatelang Hitze, Trockenheit, Krankheiten und einen Überfall durch einen Stamm im Binnenland überstehen muss, den sie nur durch das Eingreifen deutscher Kolonialtruppen überleben.mini|Arabische Händler tauschen Elfenbein gegen Tuchballen in Deutsch-Ostafrika 1890 (Grafik von Heinrich Leutemann)Der inzwischen siebzehnjährige und als ungewöhnlich schön geltende Yusuf bleibt während der folgenden Reise im Laden des Kaufmanns wieder als Gehilfe. Er wird von der ersten Ehefrau des Kaufmanns mehr und mehr begehrt – sowohl wegen seines Aussehens wie auch als vermeintlicher Heiler für ihr durch eine Krankheit entstelltes Gesicht. Bei seinen Besuchen im Privathaus lernt er des anderen Ladenhelfers Schwester, Amina, kennen, in die er sich verliebt. Zudringlichkeit und Lügen der Hauptfrau nach ihrer Zurückweisung durch Yusuf machen seine Anwesenheit im Haus des Kaufmanns unmöglich und als ein Trupp deutscher Soldaten durch die Stadt zieht, schließt er sich ihnen an.

Titel In einer ersten Bedeutung entspricht dem verlorenen Paradies, so der deutsche Titel, der Beginn der Schuldknechtschaft für Yusuf, als er mit zwölf Jahren von seinem Vater als Schuldsklave aus seiner Familie gerissen wird, für ihn eine Vertreibung aus einem zweifelhaften Paradies. Obgleich sein Leben bis dahin durch Armut gekennzeichnet ist und er erst im Haus des Kaufmanns genug zu essen bekommt, beginnt mit seiner Sklaverei eine tief wurzelnde Einsamkeit.Gurnah: Das verlorene Paradies, S. 307, 321.

Mehrfach wird auch ein gut bewässerter, artenreicher und auf mehreren Ebenen angelegter Garten als Paradies, als „Hain der Sehnsucht“ bezeichnet.Gurnah: Das verlorene Paradies, S. 107, 239. Indem Yusuf sich im letzten Satz des Romans entschließt, das Haus des Kaufmanns und damit den Paradiesgarten zu verlassen, hat er damit wieder ein Paradies verloren. Aber die tiefere und durch das Verhalten der Figuren gestützte poetische Bedeutung des Paradieses ist eine andere, wesentlich menschlichere, eine im Leiden entstandene Sehnsucht:

Yusuf reflektiert in einer Situation äußerster Bedrohung, „wie sie alle […] gequält von Sehnsucht und getröstet von Traumbildern eines verlorenen Ganzen“ die Fesseln des Lebens zu ertragen versuchen. Er fragt sich, „wonach die Leute sich so sehr sehnten, dass sie, nur um Handel treiben zu können, ein derartiges Grauen niederkämpfen konnten.“Gurnah: Das verlorene Paradies, S. 228, 234. In der erzählten Welt gibt es nur einen Trost in des Lebens Misere – und das ist die gleichnishafte Schönheit Yusufs: Diese überwindet sogar ethnische Grenzen, gilt unterschiedlichen Ethnien als Verkörperung ihrer je verschiedenen Ideale von Schönheit und als Vorschein eines besseren Lebens. Yusuf ermöglicht allen seinen männlichen und weiblichen Bewunderern, ihre jeweiligen Sehnsüchte für Augenblicke mit seiner Gestalt, seinen Bewegungen, seinem Gesicht oder seiner Stimme zu verbinden.Gurnah: Das verlorene Paradies, S. 59, 66 f., 68, 88 f., 103, 106, 110 f, 135 f., 139, 154, 201 ff, 216 ff, 237.

So wird die Figur Yusufs zu einem „Engel Gottes“,Gurnah: Das verlorene Paradies, S. 271, 275, 278. zur Allegorie eines allgemeinen Traums und damit zu einer außerweltlichen Existenz. In diesem Blick durch den Türspalt des Paradieses zeigt sich für Momente die gemeinsame Basis der Conditio humana, die im realen Handeln nicht einmal in Ansätzen spürbar wird: Denn wer lebte dann in diesem Paradies? „Wilde und Diebe, die unschuldige Händler berauben und ihre eigenen Brüder für irgendwelchen Krimskrams verschachern“, kritisiert Khalil Yusufs Visionen.Gurnah: Das verlorene Paradies, S. 236. Die dreifache Auszeichnung des Yusuf im Koran oder des Joseph in der Bibel durch Klugheit, Schönheit und die Fähigkeit zur Traumdeutung hat vor allem Thomas Mann in seinem dreibändigen Werk Joseph und seine Brüder literarisch vertieft.

Erzählweise Der auktoriale Erzähler steht überwiegend neben der Hauptperson Yusuf, dessen Gedanken, Sorgen und Ängste er kennt, während der die anderen Figuren nur „von außen“, in ihren Dialogen und ihrem Verhalten beschreibt. Das erste Drittel der Erzählung zeichnet die Armut fast aller Figuren, die Boshaftigkeit ihrer Diskussionen über den richtigen Glauben und ihre gegenseitigen rassistischen Vorurteile, das zweite Drittel widmet sich einer sehr langen und gefährlichen Reise Yusufs mit einer der Karawanen ins Landesinnere und das letzte Drittel seiner leidenschaftlichen und hoffnungslosen Verliebtheit in Khalils Schwester und der Versuche der ersten Hausdame, Yusuf zu verführen. mini|Sayyid Chalid ibn Barghash (Foto nach 1906), für drei Tage Sultan auf Sansibar, geflohen nach dem von Deutschland unterstützten, aber gescheiterten Putsch gegen England. Der Roman erzählt aus einer Zeit nach der Wende zum 20. Jahrhundert im Gebiet Deutsch-Ostafrikas am Ende der Inbesitznahme durch Deutschland. Einen ersten Teil der Reisen mit dem Kaufmann Azis ins Landesinnere legt Yussuf mit der Eisenbahn zurück, die ab 1906 von Daressalam in Richtung der großen Seen im Landesinneren gebaut wird. Da der Roman mit der Zwangsrekrutierung von Küstenbewohnern vor dem Ersten Weltkrieg endet, wird die fiktive Welt von den ostafrikanischen Umständen zwischen etwa 1908 und 1914 inspiriert.

Die weit herumkommenden Kaufleute haben über den Charakter der deutschen Kolonisatoren keine Illusionen: Sie sprechen „mit Verwunderung von den Europäern, eingeschüchtert von ihrer Wildheit und Rücksichtslosigkeit“; sie sind „wie ein Heuschreckenschwarm“, nehmen sich das beste Land, bauen ein Gefängnis, eine Kirche und einen Posten für die Marktpolizei, um Steuern erheben zu können. „Bei ihrem Streit um die Reichtümer der Erde werden sie uns alle zermalmen. Ein Narr, der glaubt, sie seien hier, um irgendwie etwas Gutes zu tun.“Gurnah: Das verlorene Paradies, S. 96, 115 ff., 125, 224.

Dennoch repräsentiert die deutsche Kolonialverwaltung nicht nur für die einheimischen Eliten eine in Teilen verlässlichere Ordnung, die die traditionellen und in Stammesgebiete und Sultanate zersplitterten Herrschaftsformen der Region nicht bieten. Es geht der Erzählung nicht vorrangig um die Schattenseiten der europäischen Dominanz, sondern um die Defizite der ostafrikanischen Zivilität. Das Thema des Romans ist die Unmöglichkeit eines Lebens in Toleranz und Würde schon unter präkolonialen Bedingungen: „Jahrhundertelang hatte eine arabisch-muslimische Schicht die Macht.“ Es sei die Stärke des Romans, die damalige Welt „in der ihr gemäßen Komplexität“ darzustellen und nicht den deutschen Kolonialismus moralisierend ins Zentrum zu rücken.Jan Drees, Deutschlandfunk, 12.12.2021

Koloniale und traditionelle Ausbeutung Nach der Abgrenzung der Interessen zwischen England, Frankreich und dem Sultanat von Sansibar und nach Abschluss einiger „Schutzverträge“ beansprucht die deutsche Kolonialverwaltung die Macht ab 1890 in einem riesigen Gebiet, das größer als das Deutsche Reich war, sodass sich Plantagen und siedelnde Bauern unter militärischen Schutz entwickeln. Die Grausamkeit der Deutschen wird von den Einheimischen zwar mehrfach erwähnt, aber es ist auch eine deutsche Truppe, die einen schwarzen Häuptling dazu zwingt, die geraubten Waren an die Karawane des Kaufmanns zurückzugeben, und es ist die deutsche Verwaltung, die den in arabischer Hand liegenden, von Sansibar aus organisierten Sklavenhandel und die Tributforderungen lokaler Herrscher verbietet – das erste, um nicht potenzielle Arbeitskräfte zu verlieren, das zweite, um den Handel nicht durch weitere Abgaben neben den von der deutschen Verwaltung auferlegten Steuern zu belasten.Gurnah: Das verlorene Paradies, S. 216, 220 ff., 229. mini|Deutsch-Ostafrika, Ablieferung von Kautschuk durch PlantagenarbeiterAber das Verbot der Sklaverei und der Schuldknechtschaft gilt nicht rückwirkend, sodass die bestehenden Abhängigkeiten von den Deutschen nicht aufgehoben werden. Nicht nur Yusuf, sondern auch dem Ladengehilfen Khalil, seiner Schwester Amina und dem Gärtner Mzee Hamdani wurden infolge von Menschenraub oder Verschuldung ihrer Familien der Status von Sklaven aufgezwungen. Amina ist wie ihr Bruder von ihrem Vater seiner Schulden wegen dem Kaufmann Aziz übergeben worden. Amina erlebt sich als zweite Ehefrau des Kaufmanns wie in einer „Hölle“, aber in einer Flucht mit Yusuf sieht sie keine realistische Perspektive. Die vierte Figur jener Sklaven dagegen, der den Traumgarten des Kaufmanns pflegende Mzee Hamdani, hat die ihm angebotene Freiheit abgelehnt: Was könnte jene Freiheit ihm mehr geben als die Arbeit in jenem wundervollen Garten?Gurnah: Das verlorene Paradies, S. 290, 296 f.

Kulturelle und ethnische Gegensätze