Am 22. Oktober und 29. Oktober 1911 fand im Reichsland Elsaß-Lothringen die erste und einzige Wahl zur zweiten Kammer des Landtags statt.

Einrichtung des Landtags

Der Landtag war durch das Gesetz über die Verfassung Elsaß-Lothringens vom 31. Mai 1911 eingerichtet worden. Dadurch war der bisherige Landesausschuss aufgehoben worden. Der Landesausschuss war durch kaiserlichen Erlass vom 29. Oktober 1874 gebildet worden und hatte nur beratende Funktion gehabt. Der neue Landtag war dagegen ein mit vollen Gesetzgebungskompetenzen ausgestattetes Verfassungsorgan. Nach 40 Jahren Zugehörigkeit zum Deutschen Kaiserreich hatte Elsaß-Lothringen damit ein vollwertiges gewähltes Selbstverwaltungsorgan erhalten. Die elsaß-lothringische Verfassung wurde in vielen Aspekten als vergleichsweise fortschrittlich und liberal beurteilt. In der ersten Kammer, in der Vertreter verschiedener gesellschaftlicher Gruppen kraft Amtes oder per Ernennung vertreten waren, waren unter anderem – einzigartig für ein damaliges deutsches Landesparlament – Repräsentanten der Gewerkschaften und der jüdischen Gemeinden vertreten. Für die zweite, gewählte Kammer galt das allgemeine gleiche Wahlrecht für Männer (ein Frauenwahlrecht gab es in Deutschland erst ab 1918), das nur in wenigen deutschen Bundesstaaten Gültigkeit hatte (in Preußen beispielsweise galt bis 1918 das Dreiklassenwahlrecht). Stark kritisiert wurde jedoch der Umstand, dass die neue elsaß-lothringische Verfassung ohne Mitsprache der Bevölkerung von oben oktroyiert worden war. Der Kaiser blieb weiterhin Oberhaupt des Reichslandes und ernannte die Regierung, die dem Landtag nicht verantwortlich war. Durch den Landtag beschlossene Gesetze bedurften der Gegenzeichnung des Kaisers, bevor sie Gesetzeskraft erlangten. Kritiker der Verfassung argumentierten, dass damit weiterhin keine echte Selbstbestimmung der elsaß-lothringischen Bevölkerung gegeben sei.

Wahlrecht, Wahlmodus und Wahlkreise mini|Das Landtagsgebäude in Straßburg (heute Théâtre national de Strasbourg) Das aktive Wahlrecht zur zweiten Kammer hatten alle männlichen Einwohner, die die deutsche Reichsangehörigkeit hatten, mindestens 25 Jahre alt und seit mindestens drei Jahren im Reichsland wohnhaft waren. Für Inhaber eines öffentlichen Amtes, Religionslehrer oder Lehrer an öffentlichen Schulen reichte ein Wohnsitz von mindestens einem Jahr aus. Aktive Militärpersonen mit Ausnahme von Militärbeamten waren nicht wahlberechtigt, ebenso wenig Personen, die Steuerschulden hatten, Armenunterstützung bezogen, rechtskräftig verurteilt waren, die bürgerlichen Ehrenrechte verloren hatten oder entmündigt waren. Für das passive Wahlrecht galten dieselben Bestimmungen. Zusätzlich mussten die zu Wählenden direkte Steuerzahler sein und das 30. Lebensjahr vollendet haben.

Der Wahlmodus folgte im Wesentlichen dem Modus der Reichstagswahl. Gewählt wurde in Ein-Personen-Wahlkreisen nach dem absoluten Mehrheitswahlrecht. Wenn kein Kandidat im ersten Wahlgang die Stimmenmehrheit erzielt hatte, wurde eine Woche später ein zweiter Wahlgang notwendig. Im Unterschied zu den Reichstagswahlen gab es beim zweiten Wahlgang keine Beschränkung in Bezug auf die Zahl der Kandidaten. Es handelte sich nicht um eine Stichwahl zwischen den beiden höchstplatzierten Kandidaten, sondern im zweiten Wahlgang reichte die relative Stimmenmehrheit aus.Die Landtagswahlen von 1911 in Elsaß-Lothringen, S. 7–8

Bei der Landtagswahl waren 378.036 Personen wahlberechtigt, entsprechend 21,1 % der Zivilbevölkerung. Bei der letzten Reichstagswahl 1907 waren 397.255 Personen (22,6 %) wahlberechtigt gewesen. Die geringere Zahl war Folge der einschränkenden Bedingung eines dreijährigen Wohnsitzes in Elsaß-Lothringen. Diese Bedingung führte dazu, dass ländliche Wahlkreise mit ganz überwiegend dauerhaft ortsansässiger Bevölkerung einen höheren Anteil an Wahlberechtigten hatten als industrielle Regionen, insbesondere die lothringischen Montangebiete, die eine höhere Bevölkerungsfluktuation durch Wanderarbeiter aufwiesen. Hinsichtlich des Anteils der Wahlberechtigten unterschieden sich die Wahlkreise daher erheblich. Den niedrigsten Anteil wies mit 12,2 % der industrielle 52. Wahlkreis Fentsch-Aldingen in Lothringen auf und mit 24,5 % den höchsten der ländliche 48. Wahlkreis Château-Salins-Delme-Vic, ebenfalls in Lothringen.Die Landtagswahlen von 1911 in Elsaß-Lothringen, S. 9–10

In Bezug auf die Konfession, die beim Wahlverhalten eine große Rolle spielte, wies die große Mehrheit der 60 Wahlkreise eine katholische Mehrheit auf. Sieben Wahlkreise (darunter Straßburg I bis IV) waren konfessionell ungefähr ausgeglichen (d. h. weniger als 10 % Abstand zwischen Katholiken und Protestanten) und nur zwei Wahlkreise im „krummen Elsass“ wiesen eine protestantische Mehrheit auf. mini|hochkant=2|Wahlkreiseinteilung zur Landtagswahl +Demografische Daten der WahlkreiseDie Landtagswahlen von 1911 in Elsaß-Lothringen, S. 32–36NrWahlkreisBevölkerungohne Militärpersonen1910KatholikenEvangelischeWahlberechtigteZahlin %Zahlin %Zahlin %1Pfirt-Hirsingen24.51823.58896,2 %4711,9 % 5.657 23,1 %2Altkirch-Dammerkirch27.22526.03895,6 %8293,0 % 6.318 23,2 %3Stadt Colmar32.62223.61472,4 %7.72023,7 % 5.729 17,6 %4Colmar-Münster-Winzenheim34.65121.51462,1 %12.63036,4 % 8.010 23,1 %5Neubreisach-Andolsheim24.62117.71471,9 %6.16425,0 % 5.873 23,9 %6Gebweiler-Sulz29.70527.47192,5 %1.7065,7 % 6.359 21,4 %7Bollweiler-Ensisheim-Rufach31.95130.49995,5 %8862,8 % 7.172 22,4 %8Stadt Mülhausen I26.34022.81486,6 %3.59813,7 % 5.699 21,6 %9Stadt Mülhausen II34.62326.27375,9 %6.60619,1 % 7.116 20,6 %10Stadt Mülhausen III29.47820.82770,7 %7.16324,3 % 5.827 19,8 %11Mülhausen-Land33.32530.75492,3 %2.2176,7 % 6.789 20,4 %12Hüningen-Sierenz30.54626.61287,1 %3.16110,3 % 5.861 19,2 %13Habsheim-Landser29.78226.92290,4 %2.5258,5 % 6.584 22,1 %14Rappoltsweiler-Kaysersberg28.19323.12382,0 %4.84617,2 % 6.406 22,7 %15Markirch-Schnierlach29.95724.37081,3 %5.34817,9 % 6.762 22,6 %16Sennheim-Masmünster29.52928.41496,2 %8803,0 % 6.284 21,3 %17Thann-St. Amarin30.05128.48194,8 %1.2434,1 % 6.473 21,5 %18Stadt Straßburg I26.53513.22749,8 %11.05141,6 % 5.575 21,0 %19Stadt Straßburg II25.76212.53448,7 %12.37948,1 % 5.125 19,9 %20Stadt Straßburg III27.28114.29752,4 %11.94043,8 % 5.559 20,4 %21Stadt Straßburg IV24.96613.35053,5 %9.00636,1 % 5.339 21,4 %22Stadt Straßburg V29.65817.68959,6 %11.63139,2 % 5.999 20,2 %23Stadt Straßburg VI29.23415.35952,5 %13.63246,6 % 6.347 21,7 %24Schiltigheim34.10817.71851,9 %15.62545,8 % 6.976 20,5 %25Brumath29.81317.25057,9 %12.03440,4 % 6.709 22,5 %26Truchtersheim-Hochfelden32.93719.39158,9 %12.62238,3 % 7.984 24,2 %27Erstein-Benfeld30.53326.23385,9 %3.68912,1 % 7.034 23,0 %28Geispolsheim-Oberehnheim34.31825.24373,6 %8.30924,2 % 8.203 23,9 %29Hagenau26.76021.88181,8 %4.05115,1 % 5.151 19,2 %30Bischweiler28.45517.81662,6 %10.06335,4 % 6.315 22,2 %31Niederbronn20.85910.70851,3 %9.51745,6 % 4.770 22,9 %32Schirmeck-Saales-Rosheim31.17125.75582,6 %4.90815,7 % 7.105 22,8 %33Molsheim-Wasselnheim35.17326.96676,7 %7.49521,3 % 8.277 23,5 %34Schlettstadt-Markolsheim34.64129.28884,5 %4.77013,8 % 8.009 23,1 %35Barr-Weiler32.12026.77283,3 %4.75214,8 % 7.731 24,1 %36Weißenburg-Lauterburg-Selz30.19022.44174,3 %7.09123,5 % 7.043 23,3 %37Sulz unterm Walde-Wörth24.40612.55751,5 %11.37746,6 % 5.832 23,9 %38Zabern-Maursmünster28.83521.77775,5 %6.48822,5 % 6.495 22,5 %39Saarunion-Drulingen28.4658.41929,6 %19.70769,2 % 6.732 23,7 %40Buchsweiler-Lützelstein28.8925.90420,4 %22.03276,3 % 6.749 23,4 %41Metz I28.18820.30372,0 %6.71623,8 % 4.858 17,2 %42Metz II26.77720.98778,4 %4.77017,8 % 4.663 17,4 %43Gorze-Verny-Pange36.22034.36294,9 %1.5914,4 % 8.412 23,2 %44Montigny-Sablon32.14924.87177,4 %7.00621,8 % 6.099 19,0 %45Vigy-Rombach34.06428.64184,1 %5.16815,2 % 5.919 17,4 %46Bolchen-Falkenberg21.31020.62096,8 %2921,4 % 5.104 24,0 %47Busendorf-Teterchen20.51519.67995,9 %5882,9 % 4.771 23,3 %48Château-Salins-Delme-Vic22.17221.49196,9 %4181,9 % 5.441 24,5 %49Albesdorf-Dieuze20.43718.88092,4 %1.2546,1 % 4.899 24,0 %50Diedenhofen-Großhettingen29.01224.03182,8 %4.56015,7 % 5.307 18,3 %51Kattenhofen-Sierck-Metzerwiese30.57229.79197,4 %4071,3 % 6.958 22,8 %52Fentsch-Algringen44.24537.61385,0 %6.49214,7 % 5.412 12,2 %53Hayingen-Großmoyeuvre43.98041.21693,7 %2.4815,6 % 6.618 15,0 %54Forbach30.81828.50592,5 %2.1136,9 % 5.419 17,6 %55St. Avold30.43127.16689,3 %2.9869,8 % 4.703 15,5 %56Großtänchen-Saaralben25.58423.88093,3 %1.2695,0 % 6.024 23,5 %57Saarburg-Lörchingen28.37124.94487,9 %2.7959,9 % 5.870 20,7 %58Pfalzburg-Finstingen-Rixingen33.04827.77184,0 %4.81114,6 % 7.177 21,7 %59Saargemünd36.46132.37988,8 %3.2108,8 % 6.953 19,1 %60Bitsch-Rohrbach-Wolmünster35.15532.44892,3 %2.4987,1 % 7.451 21,2 %

Parteien und Kandidaten Bei der Wahl spielten politische Parteien eine wichtige Rolle. Dazu gab es auch viele parteilose Kandidaten. Es gab keine landesweiten Bündnisse zwischen den Parteien, aber aufgrund des Mehrheitswahlrechts kam es zu vielen taktischen Wahlabsprachen in einzelnen Wahlkreisen. Die wichtigsten Parteien mit politischem Programm waren die folgenden:Die Landtagswahlen von 1911 in Elsaß-Lothringen, S. 13–15 die Elsaß-Lothringische Zentrumspartei, der elsaß-lothringische Ableger des politischen Katholizismus mit engen Verbindungen zur reichsdeutschen Zentrumspartei der Elsaß-Lothringische Nationalbund (Union nationale d’Alsace-Lorraine) – der Nationalbund wurde am 25. Juni 1911 gegründet und vertrat ausgesprochen partikularistische Ziele mit anti-reichsdeutscher Haltung unter Ablehnung der neuen elsaß-lothringischen Verfassung. Spiritus rector des Nationalbunds war der von Colmar aus agierende ehemalige katholische Geistliche und Publizist Emile Wetterlé. die Lothringer unabhängige Gruppe (Parti lorrain indépendant), vor 1907 bekannt als Lothringer Block, eine lose Vereinigung bürgerlicher, liberal-konservativer frankophiler und größtenteils frankophoner Notabeln die Liberaldemokratische Partei, ein Zusammenschluss der Liberalen Landespartei in Elsaß-Lothringen und der Elsaß-Lothringischen Demokratischen Partei die Sozialdemokratische Partei, die als Landesverband der reichsweiten SPD organisiert war und auch deren Ziele vertrat, die unabhängigen wirtschaftlichen Parteien Elsaß-Lothringens.

Die parteilosen Kandidaten konnten je nach politischer Ausrichtung eingeteilt werden in: durch das Zentrum unterstützte Unabhängige durch die Liberaldemokraten unterstützte Unabhängige rechtsstehende (dem Zentrum nahe) Unabhängige fortschrittliche (den Liberaldemokraten nahe) Unabhängige sonstige Unabhängige

Bei der Wahl standen sich im Allgemeinen zwei große Blöcke gegenüber: auf der einen Seite Sozialdemokraten, Liberaldemokraten und unabhängige Liberale, und auf der anderen das Zentrum, das die Erstgenannten als „kirchenfeindlich“ bzw. „religionsfeindlich“ bekämpfte. Liberale und Sozialdemokraten unterstützten sich häufig gegenseitig bzw. trafen Wahlabsprachen insbesondere in den Nachwahlen. Der Nationalbund, der seine Wurzeln in der katholisch-partikularistischen Opposition der Anfangsjahre des Reichslandes hatte, wurde zum Teil vom Zentrum unterstützt. Eine Sonderrolle nahm der Lothringer Bund ein, der kein fest umrissenes Parteiprogramm hatte, sondern mehr eine lockere Notabelnversammlung war. Seine Kandidaten wurden zum größeren Teil vom Zentrum unterstützt, zum Teil traten sie aber auch in Konkurrenz zu diesem und wurden dann von den Liberaldemokraten unterstützt. Grob gesagt konnten die Parteien und Kandidaten eingeteilt werden in solche, die die weitere Integration Elsaß-Lothringens in das Deutsche Reich befürworteten (Liberaldemokraten und Sozialdemokraten, sowie der größere Teil des Zentrums) und solche, die diese ablehnten und einen frankophilen Partikularismus pflegten (besonders dezidiert der Nationalbund, größtenteils der Lothringer Bund sowie auch ein kleinerer Teil des Zentrums).

Wahlergebnisse Bezirk Oberelsaß