mini|Gaslaterne Für die Gasversorgung von Städten und Industrien in Deutschland waren historisch verschiedene Substanzen von Bedeutung. Bis Ende des 19. Jahrhunderts basierte die Gasversorgung für Gaslaternen, Gasherde und Gasofen vor allem auf sogenanntem Stadtgas, das durch Steinkohlevergasung lokal erzeugt und in Rohrleitungsnetzen örtlich begrenzt verteilt wurde. Heutzutage wird die Gasversorgung vorrangig durch über weite Distanzen importiertes fossiles Erdgas (Methan) sichergestellt. Des Weiteren wird Gas als Brennstoff auch in Gasflaschen genutzt, meist als bei geringem Druck verflüssigtes Flüssiggas (Propan, Butan, Autogas/LPG). Alle diese chemisch unterschiedlichen Stoffe werden umgangssprachlich und in Sinne dieses Artikels als Gas bezeichnet.

Vorindustrielle Experimente und Entdeckungen Lange bevor mit der industriellen Revolution in England die wirtschaftliche Produktion und systematische Nutzung von Gas begann, war es einigen Wissenschaftlern und Entdeckern in Europa bekannt geworden, dass organische Substanzen vergast werden können und das entstehende Gas unter anderem zur Beleuchtung genutzt werden kann.

Der erste war möglicherweise der flämische Chemiker und Naturforscher Johan Baptista van Helmont (1577–1644), der einen „wilden Geist“ beschreibt, der aus erhitztem Holz und Kohle ausströme. Er bezeichnet ihn in seinem Buch Ursprünge der Medizin (1609) als „Gas“ (abgeleitet von griechisch χάος, d. h. Chaos). Auch der deutsche Arzt und Chemiker Johann Joachim Becher (1635–1682) entdeckte unabhängig davon, dass man holländischen Torf und englische Steinkohle zu Koks oder Teer verarbeiten kann und dass dabei ein Gas entsteht, mit dem man Metall oder Glas schmelzen kann.

Im Jahr 1763 soll in Newcastle das bei der Verkohlung in geschlossenen Öfen austretende Gas zur Beleuchtung verwendet worden sein. Ähnliche Berichte gibt es von dem Gut des Lords Dundonald 1781.

Der Würzburger Apotheker Johann Georg Pickel forschte 1775 an einer Beleuchtung mit Gas, das er aus der Trockendestillation von Knochen gewonnen hatte.

Der holländische Apotheker Jan Pieter Minckelaers beleuchtete 1785 den Hörsaal der Universität Löwen mit Steinkohlengas.

In Italien beschrieb Felix Fontana um 1780 die Gewinnung von Wassergas, das für die Ballonfahrt dienen konnte.

In Frankreich beschäftigte sich der Straßen- und Brückenbauingenieur Philippe Lebon (1769–1804) mit der Gaserzeugung und entwickelte die 1799 patentierte Thermolampe.

Der Freiberger Professor Wilhelm August Lampadius (1772–1842) baute auf die Erfindungen von Lebon auf und beleuchtete zunächst sein Wohnhaus, später Teile des Obermarktes in Freiberg und dann mit einer eigenen Gasanstalt ein Amalgamierwerk im Nachbarort mit Gas. Das Verfahren basierte auf Steinkohlevergasung.

Industrielle Gasbeleuchtung in England Die industrielle Gaserzeugung und -nutzung begann Anfang des 19. Jahrhunderts in England. Die Pioniere der industriellen Gasbeleuchtung waren die Engländer William Murdock (1754–1839) und dessen Mitarbeiter Samuel Clegg (1781–1861).

Murdock arbeitete in der Maschinenfabrik von James Watt, dem Erfinder der Dampfmaschine. So kam er in die Bergwerke von Cornwall und begann mit den dortigen Kohlen zu experimentieren und durch Erhitzen Gas herzustellen. Dieses soll er in Schweinsblasen abgefüllt haben, aus denen er eine helle Flamme erzeugte, die er als Laterne für den abendlichen Heimritt verwendete. 1792 beleuchtete er sein Wohnhaus mit Gas. Um 1803 gelang es ihm die Maschinenfabrik Boulton & Watt mit Gasbeleuchtung auszustatten, der bald weitere Anlagen folgten.

Für den kaufmännischen Erfolg dieser Erfindung sorgte auch der Deutsch-Engländer Friedrich Albert Winsor. Er gründete mehrere große Aktiengesellschaften, um die Gasbeleuchtung zu vermarkten. Die erste davon ging Pleite. Doch dann gelang es Clegg das Gas mit Kalkmilch zu reinigen und so von seinem Gestank zu befreien und Gasuhren zur Messung des Verbrauchs zu entwickeln. Zusammen hatten sie schließlich auch wirtschaftlich Erfolg.

Um letztendlich städtische Straßen mit Gas zu beleuchten, mussten jedoch noch die Parlamentarier von der Ungefährlichkeit des Brennstoffes überzeugt werden. Dies gelang Clegg durch eine dramatische Demonstration: Er führte die Parlamentarierkommission in einen geschlossenen Raum, dessen Schlüssel er vorher demonstrativ in die Tasche steckte. Dort stand ein gefüllter kleiner Gasbehälter, in den er mit einem Pickel ein Loch schlug und dann zum Entsetzen der Anwesenden das ausströmende Gas entzündete. Dieses brannte mit ruhiger Flamme und erlosch erst, als der kleine Behälter leer gebrannt war.

Silvester 1813 brannte dann auf der Westminster-Brücke die erste öffentliche Beleuchtung. Schon 1816 gab es in London fast 7000 öffentliche Laternen, um die 20000 Brennstellen in Gebäuden und ca. 45 englische Meilen (72,5 km) Gasrohrleitungen. Die von Winsor dazu gegründete Aktiengesellschaft konnte erste Gewinnanteile auszahlen.

Um 1821 verfügte England bereits über 42 Gasgesellschaften, die in 52 Städten Gasanstalten betrieben.

Gasbeleuchtung auf dem Kontinent In den 1820er Jahren wurden erste Gaswerke auf dem Kontinent errichtet. 1822 wurde die Pariser Oper als erstes Theater auf dem Kontinent mit Gas beleuchtet. Die ersten Städte mit Gasanstalt und Gas-Straßenbeleuchtung waren Hannover (1825), Berlin (1826), Aachen und Leipzig (1838). Bis 1850 folgten Stuttgart, Hamburg, Breslau, Düsseldorf, München, Mannheim und 40 weitere Städte.

Maßgeblich beteiligt am Ausbau der Gasversorgung auf dem Kontinent war die Imperial Continental Gas Association. Diese hatte sich in ihrer Gründungsurkunde zum Ziel gesetzt, die größeren Städte des Kontinents mit Gas zu versorgen. In Deutschland errichtete sie erste Gaswerke in Hannover, Berlin, Aachen, Köln, Stolberg und Frankfurt am Main. Weiterhin errichtete sie Gaswerke in Amsterdam, Rotterdam, Brüssel, Gent, Antwerpen, Lille, Bordeaux, Toulouse und Wien.

Schon bald sorgten jedoch Streitigkeiten über Tarife, fällige Vergütungen der Städte für Beleuchtung und neu zu bauende Anlagen, sowie über den Anschluss von weniger lukrativ erscheinenden Straßen für Unstimmigkeiten zwischen den Kommunen und den privaten Betreibern von Gasanlagen. So beschloss der Magistrat im Einverständnis der Stadtverordnetenversammlung von Berlin bereits im März 1842 eigene Anlagen für die Gaslichtbeleuchtung zu bauen.

mini|Aktie über 200 Gulden der AG für Gasbeleuchtung zu Fürth vom 1. Oktober 1858 Diese Entwicklung wurde maßgeblich durch den deutschen Ingenieur Rudolf Sigismund Blochmann ermöglicht und vorangetrieben. Im Jahr 1828 erbaute Blochmann in Dresden die erste öffentliche Gasanstalt in Deutschland, die vom Ausland unabhängig arbeitete. Die ersten 36 Laternen wurden im April auf dem Schloßplatz und vor dem Zwinger aufgestellt. Im gleichen Jahr war im benachbarten Dorf Burgk eine Gaserzeugungsanlage auf Basis des lokalen Steinkohlebergbaus in Betrieb genommen und eine Gasbeleuchtung eingeführt worden. Die technische Leitung dieser Gasanstalt lag bis 1849 in seinen Händen. Es folgte die Einrichtung einer Gasanstalt in Leipzig im Jahr 1837 sowie die Schaffung weiterer Gaswerke in Berlin, Breslau und Prag in den Jahren ab 1844.

Nach und nach übernahmen deutschlandweit die Kommunen die Gasversorgung. Im Jahre 1862 waren in Deutschland etwa ein Viertel, 1908 zwei Drittel, 1920 drei Viertel der Gaswerke in kommunaler Hand. In Westfalen waren bereits vor dem Ersten Weltkrieg fast alle Gaswerke in kommunaler Hand.

Entwicklung von Gasverbrauch und Gasnutzung mini|Glühstrumpf in einer Lübecker Gaslaterne mini|282x282px|Alter Gasometer in Zwickau

Mit der Sicherstellung der Gasversorgung in den Großstädten stieg der Verbrauch rasant an und neue Nutzungsmöglichkeiten entstanden. So verfünffachte sich die Gasabnahme in Berlin von 1847 bis zum Jahr 1859.

Mit Gas wurde sowohl privat als auch in Großküchen gekocht. Beim Kochen war die Leuchteigenschaft der Gasflamme nicht erwünscht, stattdessen soll maximale Hitze erzeugt werden. Dazu dient eine Apparatur, die beim Entzünden der Gasflamme automatisch Luft ansaugt, so dass ein Gas-Luft-Gemisch entsteht. Dies ist das Prinzip des von Michael Faraday erfundenen und von Robert Wilhelm Bunsen perfektionierten Bunsenbrenners.

Zur Heizung öffentlicher Räume wurden Gasheizöfen genutzt. Die Weltausstellung in London präsentierte unter anderem gasbetriebene Kühlschränke und Waschmaschinen. 1867 konstruierte Nikolaus Otto einen Gasmotor für kleinere Werkstätten. 1874 wurde der von dem Engländer Benjamin Maughan erfundene Wasserheizer patentiert. Den noch heute gebräuchlichen Durchlauferhitzer erfand 20 Jahre später der Engländer Thomas Fletcher.

Auch die Gasbeleuchtung wurde perfektioniert. 1886 erfand der österreichische Chemiker Carl Auer von Welsbach den Glühstrumpf im Gaslicht. Gasstrümpfe wurden auf Strumpfstrickmaschinen hergestellt und dann mit Chemikalien getränkt. Beim vorsichtigen Abbrennen des Gewebes bleibt ein kristallines Skelett zurück, dass bei Erhitzung hell glüht. Das so erzeugte Licht war 8 mal heller als eine offene Gasflamme bei 40 % geringerem Verbrauch.

Durch die Erfindung des Glühstrumpfs blieb die Gasbeleuchtung auch gegenüber der aufkommenden elektrischen Beleuchtung konkurrenzfähig, zumal lange Zeit nur wenige Haushalte über einen Stromanschluss verfügten.

Um in Großstädten eine flächendeckende Versorgung zu garantieren und den Druck in den Gasleitungen zu regulieren, wurden Gasometer gebaut, die über ein Jahrhundert das Stadtbild prägten.

Die Kokserzeugung des Ruhrgebietes erzeugten naturgemäß Gas als Abfallprodukt, das entweder im Betrieb selbst oder an benachbarte Orte abgegeben wurde. Zum Ende des 19. Jhdts wurden immer längere Leitungen wirtschaftlich, die mit immer höherem Druck betrieben wurden. Anfang des 20. Jhdts besaßen die beiden Firmen Thyssen und RWE im Ruhrgebiet bereits ein Gasnetz mit 460 km Länge. Zwei Drittel davon gehörte der RWE. Erster Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 und insbesondere mit dem Kriegseintritt Englands wurde Deutschland zu einer belagerten Festung. Die Ernährung der Bevölkerung war ohne Importe kritisch, zahlreiche Rohstoffe waren knapp oder mussten durch Substitute ersetzt werden, die Gasversorgung wurde auf minderwertigere einheimische Kohle umgestellt. Die Gasabgabe folgte den Anforderungen der Kriegswirtschaft und der private Gasverbrauch wurde teilweise rationiert. Trotzdem wuchs das Gasnetz auch zu Kriegszeiten. Gas blieb für die Bevölkerung verfügbarer als andere Energiequellen wie Strom und Kohle. Die Anlagen zur Kokserzeugung und Vergasung wurden zusätzlich zur kriegswichtigen Benzolgewinnung genutzt.

Nach dem Ersten Weltkrieg traf die große Weltwirtschaftskrise von 1929 auch Deutschland und die Gaswirtschaft. Die Arbeitslosigkeit war hoch. Die Gaserzeugung war zwar durch Rationalisierungsmaßnahmen und technischen Fortschritt billiger geworden, aber der wirtschaftliche Niedergang ließ den Absatz sinken. Viele Städte waren stark verschuldet. So bemühte sich die Stadt Berlin im Jahr 1931 ernsthaft, ihre Gaswerke zu verkaufen, konnte jedoch keinen Käufer finden. Das Ruhrgebiet wurde von den Franzosen besetzt. Auch hier war der Absatz von Steinkohle und Koks zurückgegangen.

Ferngas und die Ruhrgas AG