Gendern im deutschsprachigen Literaturbetrieb behandelt den Umgang mit geschlechtergerechter Schreibung bei Verlagen, im Lektorat, bei Übersetzungen, im Bibliothekswesen und in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Nur in vereinzelten Büchern wird gegendert.

Es gibt Schreibweisen, die der amtlichen Rechtschreibung entsprechen (neutrale Formen, Beidnennung, Schrägstrich mit Ergänzungsstrich). In den letzten Jahrzehnten sind neue Formen aufgekommen, die nicht vom amtlichen Regelwerk abgedeckt werden (Genderstern, Doppelpunkt, Unterstrich, Binnen-I, einfacher Schrägstrich). Insbesondere seit der rechtlichen Anerkennung der dritten Geschlechtsoption „divers“ 2018 in Deutschland und 2019 in Österreich wird beim Gendern unterschieden zwischen zweigeschlechtlichen, binären Schreibweisen und mehrgeschlechtlichen Kurzformen mit Genderzeichen, die neben männlichen und weiblichen auch nichtbinäre Personen ansprechen und einbeziehen wollen. Allgemein werden neutrale Formen bevorzugt, weil sie ohne Geschlechtsbezug auskommen und den Lesefluss nicht hemmen (Beschäftigte, Leserschaft).

Verlage Anfang 2019 fragte der Berliner Tagesspiegel bei deutschsprachigen Verlagen nach, ob sie beim Gendern von Sprache eine Hauspolitik haben (in Klammern die Antwortenden):Redaktion: Gendern in deutschen Verlagen: Das Kreuz mit dem Sternchen. In: Tagesspiegel.de. 20. März 2019, abgerufen am 20. Oktober 2021. AvivA in Berlin (Britta Jürgs): Binnen-I oder Beidnennung (Paarform) Droschl in Graz (Annette Knoch): Beidnennung Galiani in Berlin (Wolfgang Hörner): wollte bisher niemand, wäre aber möglich Mairisch in Hamburg (Daniel Beskos): jedem freigestellt, gerne Genderstern Matthes & Seitz in Berlin (Andreas Rötzer): keine Hauspolitik Mikrotext in Berlin (Nikola Richter): Beidnennung, mindestens Verbrecher in Berlin (Jörg Sundermeier): jedem freigestellt, gerne Genderstern Wagenbach in Berlin (Susanne Schüssler): Beidnennung, die Reihe DaCapo mit Binnen-I

Der Unrast Verlag in Münster verlangt seit Ende 2018 in seinen Satz- und Formatierungsvorgaben Gendersternchen.Unrast Verlag: Satz- und Formatierungsvorgaben. Münster, 29. November 2018, S. 1 ( auf unrast-verlag.de).

Der pädagogische Verlag an der Ruhr in Mülheim erklärte Mitte 2020: „… haben wir uns für die Nutzung des Gendersternchens entschieden. […] Eine Ausnahme bilden bislang jegliche Texte für Schüler*innen und Senior*innen …“Verlag an der Ruhr: Geschlechtergerechte Sprache beim Verlag an der Ruhr. In: VerlagRuhr.de. August 2020, abgerufen am 20. Oktober 2021.

Anfang 2021 stellte Rainer Moritz, Leiter des Literaturhauses Hamburg fest: „Wir sind das einzige Literaturhaus in Deutschland, das kein Sternchen in Editorials und Einführungstexten setzt.“, er greife stattdessen auf die Beidnennung zurück.Gabriele Diewald und Rainer Moritz im Gespräch: Gendern und Sprache: Sternchen leuchten da nur wenig. In: Chrismon.evangelisch.de. 27. Januar 2021, abgerufen am 20. Oktober 2021 (Debatte).

Mitte 2021 fragte das Börsenblatt in einem Spezial zur Belletristik bei einigen Verlagen nach:Spezial: Belletristik. In: Börsenblatt. Heft 24, 17. Juni 2021 (Leseproben). Kiepenheuer & Witsch in Köln verwendet in der offiziellen Verlagskommunikation nach außen den Genderstern; bisher sei aber nur in einem Roman gegendert worden, und nur an zwei Stellen.Sabine van Endert: Gendern in der Belletristik (7): „Es passiert nichts Schlimmes, wenn die einen gendern und die anderen es nicht tun“. In: Börsenblatt. 24. Juni 2021, abgerufen am 20. Oktober 2021. Auch der Orlanda Verlag in Berlin nutzt den Genderstern, würde aber nicht in literarische Texte eingreifen, die nicht gegendert sind.Sabine van Endert: Annette Michael: „Es wird so viel Rassismus und Sexismus über Sprache transportiert“. In: Börsenblatt. 22. Juni 2021, abgerufen am 20. Oktober 2021. Der Aufbau Verlag in Berlin gendert in der offiziellen Kommunikation mit Doppelpunkt; Verlagsleiterin Constanze Neumann zur Frage, ob Autoren in ihren Romanen gendern möchten: „Ja, einige gendern, andere möchten das nicht. Beides respektieren wir, es ist nicht nur Teil der künstlerischen Freiheit, sondern auch Ausdruck einer persönlichen Haltung, die wir weder zensieren noch normieren.“Sabine Cronau: Constanze Neumann: „Natürlich kann gegenderte Literatur gute Literatur sein“. In: Börsenblatt. 17. Juni 2021, abgerufen am 20. Oktober 2021. Auch der Kanon Verlag in Berlin nutzt den Doppelpunkt; Verleger Gunnar Cynybulk: „Ich bin neugierig auf überzeugende Versuche, kenne aber keine gute gegenderte Literatur. Vielleicht kann es sie irgendwann geben. […]“Sabine Cronau: Gunnar Cynybulk: „Gendern ist gut - aber ich möchte auch nicht in ‚Woke-istan‘ leben“. In: Börsenblatt. 21. Juni 2021, abgerufen am 20. Oktober 2021.

Wissenschaftsverlage Anfang 2020 bezog sich die Evangelische Verlagsanstalt in Berlin auf die erforderliche wissenschaftliche Genauigkeit und lehnte Gendern aus grammatischen und ästhetischen Gründen ab.Marianne Eppelt (Lektorin): Vom Gendern im Lektorat. In: Genderleicht.de. 11. März 2020, abgerufen am 20. Oktober 2021. Ende 2021 erklärte der Frankfurter Suhrkamp-Verlag als einer der größten Wissenschaftsverlage im deutschsprachigen Raum: „Der Autor entscheidet“; bei Sammelbänden werde aber eine gewisse Einheitlichkeit bezüglich gendergerechter Schreibung befürwortet. Der Springer-Verlag in Wiesbaden hat sich intern für die Nutzung einer inklusiven Schreibweise mit Genderstern entschieden: „Unseren Autor*innen steht es aber weiterhin frei, Sprache nach ihrem eigenen Ermessen zu verwenden“.Raffael Schuppisser: Streit: Wem gehört die Sprache? Der Kampf gegen den Genderstern. In: Tagblatt.ch. 2. Dezember 2021, abgerufen am 4. Dezember 2021. Die literaturwissenschaftliche Zeitschrift Literatur für Leser benannte sich 2021 in Literatur für Leser:innen um.

Schulbuchverlage Schulbuchverlage halten sich an die Vorgaben des Dudens und an die amtlichen Rechtschreibregeln (verbindlich für Schulen, Behörden und Rechtspflege).

Eine Sprecherin der Westermann-Gruppe in Braunschweig erklärte Anfang 2021 zur Frage, wie gendergerecht und diskriminierungsfrei formuliert werden könne: „Das sind die beiden großen Entwicklungen, die wir im Moment sehen. Und das kann man schon bemerken, wenn man sich nur Bücher aus der Jahrtausendwende ansieht. Da war gendergerechte Sprache noch kaum oder so gut wie gar nicht Thema. Da hat man ganz klar von Schülern und Lehrern gesprochen oder von Partnerarbeit. Das sind alles Begriffe, die wir jetzt immer hinterfragen müssen. Genauso so Begriffe wie Indianer und Schwarze.“Janek Wiechers: Sprachwandel auch in Schulbüchern. In: NDR.de. 16. Februar 2021, abgerufen am 22. November 2021 („Sprachwandel spielt bei der Konzeption von Schulbüchern eine wichtige Rolle“).

Der Klett Verlag in Stuttgart vermerkte Mitte 2021, dass eine geschlechtergerechte Schreibweise das Erlernen der deutschen Sprache nicht zusätzlich erschweren dürfe.Margret Kiosz: Neuer Erlass angekündigt – Keine Gender-Sternchen an Schulen: Karin Prien will Verbot durchsetzen. In: SHZ.de. 6. September 2021, abgerufen am 20. Oktober 2021.

Gendern und Urheberrechte Die Belletristik-Recherche des Börsenblatts bei einigen Verlagen und Schriftstellern kam Mitte 2021 zum Ergebnis: „Autor*innen, die es möchten, können gendern, wie sie wollen – die anderen lassen es eben bleiben“.Meldung (dpa): Gendern in der Literatur? Wie die Branche damit umgeht. In: Redaktionsnetzwerk Deutschland. 11. Oktober 2021, abgerufen am 27. Oktober 2021. Und: „Die Verlage/Lektorate richten sich nach den Autor*innen, so das Ergebnis unserer Recherche.“

Susanne Barwick, stellvertretende Justiziarin des Börsenvereins, erklärte dem Börsenblatt zur Frage, ob ein Verlag das Manuskript eines Autors ohne dessen Wissen nachträglich gendern und so veröffentlichen darf:

Ein Urheber könne die Auslieferung eines Werks stoppen, wenn es trotz erklärter Ablehnung des Genderns vom Verlag gegendert worden wäre. Sollten ältere übersetzte Werke neu gegendert werden, sei die Zustimmung des Übersetzers einzuholen.

Landgericht Hamburg 2022

Im Mai 2022 wurde ein entsprechendes Klageverfahren beim Landgericht Hamburg mit einem Vergleich abgeschlossen:LG Hamburg, Vergleich vom 18. Mai 2022, Az. 308 O 176/21. Der Bonner Verlag Manager Seminare hatte die Formulierung einer Autorin entgegen deren ausdrücklichem Wunsch mehrfach in eine geschlechtsneutrale Form geändert (Zeichner zu zeichnende Person). Nachdem das Gericht im mündlichen Termin darauf hingewiesen hatte, dass damit „unstrittig“ gegen Urheber- und Persönlichkeitsrecht verstoßen worden sei, stimmte der Verlag dem von der Autorin vorgeschlagenen Vergleich zu und verpflichtete sich, auf seiner Website die ursprüngliche Textversion herzustellen. Im Gegenzug verzichtete die Klägerin darauf, die bereits gedruckten Exemplare aus dem Verkehr ziehen zu lassen; sie dürften weiterhin verbreitet werden.Redaktion: Verfahren vor dem LG Hamburg endet mit Vergleich: Verlag muss Gendern rückgängig machen. In: Legal Tribune Online. 20. Mai 2022, abgerufen am 25. Mai 2022.Redaktion:

Lektorat In Bezug auf das Lektorieren von Manuskripten und Texten haben Verlage meist ihre eigenen Vorgaben zur Hausorthografie (siehe Verlagslektor). Wissenschaftslektorate haben vor allem die Einhaltung der fachwissenschaftlichen Standards zu gewährleisten. Die freie Lektorin Marianne Eppelt merkt Mitte 2020 an: „Ob im freien Lektorat gegendert wird, ist am Ende vor allem eine Frage des Auftrags und wird schlicht als mögliche Dienstleistung betrachtet. Ein pragmatischer Ansatz, der sich meines Wissens durchgesetzt hat. […] Nicht zuletzt brauche ich Informationen über das Geschlecht der Personen und den Textkontext, um korrekt gendern zu können. Das bedeutet Recherche = Zeit = Kosten.“

Der deutsche Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL) fordert Mitte 2021 die Versachlichung der öffentlichen Debatte über das Gendern. Er empfiehlt für Personen, die sich an Genderzeichen stören, alltagstaugliche Lösungen statt Genderverbote.Meldung: Praktische Lösungen statt Genderverbot: Lektoratsverband fordert sachliche Debatte über das Gendern. In: Börsenblatt. 8. Juni 2021, abgerufen am 20. Oktober 2021. Der VFLL weist auf die Wichtigkeit der Zielgruppe hin: „Auch wenn Sie sich mit Sonderzeichen wie dem Sternchen nicht anfreunden mögen, können Sie trotzdem sprachlich gerecht formulieren. Es gibt nämlich sehr viele verschiedene Möglichkeiten zu gendern. […] Ihre Zielgruppe hat meist mehr Aspekte als gedacht.“Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL): Mit geschlechtergerechten Texten alle ansprechen. In: VFLL.de. Abgerufen am 20. Oktober 2021.

Katharina Gerhardt, freie Belletristik-Lektorin und Universitätsdozentin in Hamburg, erklärt zum Gendern: „Letztlich geht es immer um Lesbarkeit und Sprachgefühl. Wenn ein Text durch viele Beugeformen unleserlich wird, würde ich es wahrscheinlich in Absprache mit allen an der Textproduktion Beteiligten eher lassen. Ich bin kein Fan von Extremen. Ideologie ist nie gut, auch nicht in der Sprache. Aber selbst wenn es viele nicht glauben wollen: Es lässt sich tatsächlich elegant und geschickt gendern!“Sabine Cronau: Katharina Gerhardt: „Hinter dem Furor steht auch eine gewisse Rotstift-Haltung“. In: Börsenblatt. 25. Juni 2021, abgerufen am 20. Oktober 2021. Einen ganzen Roman durchgängig mit Genderzeichen könne sie sich nur schwer vorstellen: „Die Buchbranche ist eher konservativ.“ Eine Grenze sei für die meisten erreicht, „wenn sich das Schriftbild so verändert, dass die Lesbarkeit leidet“. Das wolle besonders in der Literatur niemand.

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