mini|Adelaide Maraini-Pandiani, 1881 Adelaide Maraini-Pandiani (* 30. Juni 1836 in Mailand als Adelaide Pandiani; † 24. März 1917 in Rom; heimatberechtigt ab 1862 in Lugano) war eine italienisch-schweizerische Bildhauerin.

Leben und Werk

Jugend Sie wurde 1836 als Tochter des bekannten Bildhauers Giovanni Pandiani und der Marianna de Gasperis in Mailand geboren. Ihre erste Ausbildung erhielt sie beim Vater; später besuchte sie Kurse an der Accademia di Brera.Giulio Foletti: Arte nell’Ottocento. La pittura e la scultura del Cantone Ticino (1870–1920). Armando Dadò, Locarno 2001, S. 311–319. Im Jahr 1862 heiratete sie den Luganer Geschäftsmann und Politiker Clemente Maraini (1838–1905) und nahm die Schweizer Staatsbürgerschaft an, lebte aber nie dauerhaft in der Schweiz. Nach der Heirat zog sie mit ihrem Mann nach Rom, wo sie einen der lebendigsten Solons der Hauptstadt führte, in dem auch der befreundete Schriftsteller Carlo Dossi verkehrte. Auf der Weltausstellung 1867 in Paris präsentierte sie das Werk Die Engel des Gebets und die Engel der Auferstehung. 1864 gebar sie den Sohn Clemente, 1868 die Tochter Adelaide. Zwischen 1875 und 1880 liess ihr Gatte in Lugano die klassizistische Villa Maraini erbauen, in der sie oft die Sommermonate verbrachte. Sie nahm regen Anteil am kulturellen Leben Luganos und des Tessins.

Durchbruch mit «Sappho» 1877 mini|hochkant|Sappho (1877), St. Galler Version, Fotografie von 1894 1877 präsentierte Maraini auf der Nationalen Kunstausstellung in Neapel eine Marmorstatue der Sappho. Der Schriftsteller Mario Pratesi war zutiefst beeindruckt und verglich sie mit der Laokoon-Gruppe und dem Sterbenden Gallier:

Die Statue wurde auch auf der Weltausstellung 1878 in Paris präsentiert und dort von Baron Alphonse de Rothschild erworben. Der Verbleib dieses Originals ist heute unklar. Die einzige von Maraini selbst hergestellte Replik gelangte in den Besitz des Schweizer Generalkonsuls in Turin Ulrich Geiser,Conrad Wilhelm Kambli: Sappho. Jahres-Bericht des Kunstvereins St. Gallen. Zollikofer, St. Gallen 1896, S. 16. der sie bei seinem Tod 1894 dem Kunstverein St. Gallen vermachte. Sie stand lange im Vestibül des Kunstmuseums St. Gallen. 1974 schlugen Vandalen ihre Nase ab und sie galt in der Folge als nicht restaurierbar. Der Kunstverein verbrachte sie in den Park der Villa am Berg und löschte sie aus dem Museumskatalog. 2010 wurde sie gereinigt.

Höhepunkt 1881–1883 mini|links|hochkant|Fragment der Sappho (1881/82) Maraini fertigte auch ein Fragment der toten Sappho, wie sie nach dem Suizid mit aufgelöstem Haar im Meer treibt. Es handelt sich dabei um ihr eigentliches Hauptwerk. Eine erste Version in Marmor zeigte sie 1881 in Mailand, eine 1882 vollendete Bronzeversion 1883 in Rom.Adelaide Mariani e la sua Saffo. In: L’Illustrazione Italiana. Band 10, Nr. 9, 4. März 1883, S. 130 (Digitalisat). Das Werk weist Einflüsse der Romantik und der späten Scapigliatura auf. Die Rückbesinnung auf die Antike mit gelehrtem und archäologischem Interesse ist zudem typisch für die damalige römisch-neapolitanische Schule. 1890 wurde Maraini für das Fragment auf der Beatrice-Kunstausstellung in Florenz mit einer Goldmedaille geehrt.Emilio Motta: Maraini, Adelaide. In: Schweizerisches Künstler-Lexikon. Zweiter Band: H–R. Huber, Frauenfeld 1908, S. 322 (Digitalisat). Es war auch auf der Schweizerischen Kunstausstellung 1891 in Lugano zu sehen.Schweizerische Kunstausstellung in Lugano. In: Der Bund. Erstes Blatt. Band 42, Nr. 241, 1. September 1891, S. 3 (online).

1881 präsentierte Maraini auf der Italienischen Ausstellung (Esposizione Italiana) in Mailand ein allegorisches Grabmal. Es stellt eine Frau in weitem Gewande dar, die einen Säulenstumpf, ein Symbol der den Tod überdauernden Erinnerung, umschlingt und hoffnungsvoll zum Himmel aufblickt.Figura monumentale di A. Maraini. In: Esposizione Italiana Milano. Nr. 6, 1881, S. 1 (Digitalisat).

mini|hochkant|Die Braut des Hohelieds (1882), Palazzo Civico, Lugano Um 1882 schuf Maraini die Statue Die Braut des Hohelieds (La sposa dei cantici). Ippolito Pederzolli lobpries das Werk 1883 im Gedicht Drei Statuen (Tre statue) neben Vincenzo Velas Skulpturen Spartakus (Spartaco) und La Desolazione. Die letzten vier Verse lauten:

1883 stellte Maraini in Rom die Skulptur Te precor (lateinisch für «Ich bete dich an») aus, den Akt einer jungen Frau (vermutlich die Göttin der Baumfrüchte Pomona), die zärtlich eine mit Efeu und Akanthus umwachsene Herme mit Frauenkopf umarmt.Esposizione di belle arti in Roma. In: G. Cugnoni, P. E. Castagnola (Hrsg.): La scuola romana. Rom 1883, S. 81 ff., hier 84 (Digitalisat). Das Werk fiel durch seine elegante Modellierung akademischer Prägung auf. Spätwerk und Tod 1894 zeigte Maraini auf einer Ausstellung in Mailand die Bronzebüste Die Schmerzensmutter (Mater dolorosa),Kleine Chronik. In: Neue Zürcher Zeitung. Zweites Abendblatt. Nr. 206, 27. Juli 1894, S. 2 (online). die 1896 auch auf der Schweizerischen Landesausstellung in Genf zu sehen war.Exposition Nationale. In: La Suisse libérale. Band 33, Nr. 191, 13. August 1896, S. 1 f. (online). Die Eidgenossenschaft kaufte sie 1896 an und hinterlegte sie im Januar 1897 im Musée cantonal in Freiburg.Musée cantonal. In: La Liberté. Nr. 11, 15. Januar 1897, S. 3 (online). Derzeit befindet sich das Werk als Leihgabe im Museo Vincenzo Vela in Ligornetto.

Auf dem Ersten nationalen Kongress italienischer Frauen hielt sie am 28. April 1908 eine Rede zum Thema Die Frau in der Bildhauerei (La donna nella scultura).

Auf der ersten Kunstausstellung der Italienischen Schweiz, die 1913 in der Villa Ciani in Lugano abgehalten wurde, präsentierte Maraini eine Büste Carlo Cattaneos.Zur ersten Kunst-Ausstellung der Italienischen Schweiz. In: Zürcher Wochen-Chronik. Nr. 46, 15. November 1913, S. 9 (online).

Sie behielt auch nach dem Tod ihres Gatten 1905 ihren Hauptwohnsitz in Rom bei, wo sie 1917 im Alter von 80 Jahren starb.

Nachlass Bei ihrem Tod vermachte sie der Stadt Lugano ihre Marmorstatue Die Braut des Hohelieds, die 1928 am oberen Ende der Haupttreppe im Rathaus platziert wurde. Ferner hinterliess sie der Stadt Mark Antokolskis Skulptur Der sterbende Sokrates (1876). Bis 1998 stand das Original im Parco Ciani. Aufgrund wiederholten Vandalismus wurde es schliesslich entfernt und 2007 durch eine Replik aus Glasfaserkunststoff ersetzt.

Die Villa Maraini und der dazugehörige Park (Parco Maraini) in Lugano wurden im Mai 1929 von Marainis Sohn Clemente verkauft. Er hatte die Immobilie zunächst erfolglos der Stadt angeboten. Die Villa, der obere Teil des Gartens und der Reitstall wurden vom Bundesrichter Agostino Soldati erworben, das «Chalet» und der Rest des Gartens von der Banca Popolare di Lugano. Das «ägyptische Museum», das in einem Saal der Villa untergebracht war, ging an einen Amerikaner. Anlässlich der Veräusserung schenkte Clemente Maraini der Stadt Lugano die beiden Marmorbüsten von Romeo und Julia,Il parco e la villa Maraini venduti. In: Popolo e Libertà. 11. Mai 1929, S. 2. die Adelaide Maraini in den Jahren 1879 und 1880 gefertigt hatte. Bis auf den kleinen Aussichtsturm «Belvedere» wurden später alle Gebäude abgerissen. In einem Teich vor dem Turm steht Marainis Skulptur Te precor.

Rezeption Auch wenn sie den Grossteil ihres Lebens in Italien verbrachte, wurde Maraini im Schweizer Geistesleben als Tessiner Künstlerin betrachtet und akzeptiert. Zu ihren Lebzeiten, insbesondere in den 1880er Jahren, war sie hochangesehen und wurde den zeitgenössischen Tessiner Bildhauern Raimondo Pereda, Pietro Bernasconi und Alessandro Rossi gleichgestellt, stand in der Bewertung aber unter Vincenzo Vela.Unsere Fratelli ticinesi. In: Bündner Nachrichten. Nr. 43, 20. Februar 1887, S. 1 (online).

Neben Adèle d’Affry («Marcello») gilt Maraini als bedeutendste Schweizer Bildhauerin des 19. Jahrhunderts.

Werke

1875: Büste einer jungen Frau, Privatbesitz 1877: Sappho, Marmorstatue, Original verschollen, eigenhändige Replik in St. Gallen, Villa am Berg, Rosenbergstrasse 38 1879/80: Romeo und Julia, Marmorbüsten, im Besitz der Stadt Lugano 1880–83: Te precor, Marmorstatue, eine Version im Teich vor dem Belvedere der ehemaligen Villa Maraini in Lugano, eine weitere Version als Pomona mit einer bacchischen Herme in Privatbesitz 1880er: Grabmal ihrer Mutter Marianna Pandiani, Marmorstatue, Campo Verano, Rom 1881/82: Sappho (Saffo), «Fragment», Galleria Nazionale d’Arte Moderna, Rom 1882: Die Braut des Hohelieds (La sposa dei cantici), auch Sulamith (Sulamite), Marmorstatue, Palazzo Civico, Lugano 1884: Bildnis von César Thomson, Gipsbüste, Museo d’arte della Svizzera italiana, Lugano 1890: Hero in Erwartung Leanders (Ero che aspetta Leandro), Bronzeplastik, Galleria Nazionale d’Arte Moderna, Rom 1894: Die Schmerzensmutter (Mater dolorosa), Bronzebüste, Museo Vincenzo Vela, Mendrisio-Ligornetto (Depositum des Bundes) Grabmal von Attilio Lemmi, Statue Die Jugend, am Grabe des Verstorbenen weinend (La Giovinezza che piange sulla tomba dell’estinto), Protestantischer Friedhof, Florenz Büsten u. a. von Carlo Cattaneo (Lugano), Giuseppe Civinini (Pistoia), König Viktor Emanuel II. (Technisches Institut in Rom) und Ferenc Deák (Ungarisches Parlament in Budapest)

Literatur

Caterina Pigorini Beri: Una scultrice. In: L’Illustrazione italiana. Band 8, Nr. 49, 4. Dezember 1881, S. 363 (Digitalisat). Emilio Motta: Maraini, Adelaide. In: Schweizerisches Künstler-Lexikon. Zweiter Band: H–R. Huber, Frauenfeld 1908, S. 322 (Digitalisat). Biografisches Lexikon der Schweizer Kunst. Unter Einschluss des Fürstentums Liechtenstein. Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft, Zürich und Lausanne (Hrsg.). Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 1998, S. 677 f. Rudy Chiappini: L’affermazione di un’identità, 1870–1914 (= Arte in Ticino 1803–2003. Band 2). Katalog des Museo delle Belle Arti, Lugano, 8. November 2002–27. April 2003. Salvioni, Bellinzona 2002, S. 162, 164 f., 300. Giulio Foletti: Arte nell’Ottocento. La pittura e la scultura del Cantone Ticino (1870–1920). Armando Dadò, Locarno 2001, S. 311–319.

Weblinks

Anna Giussani: Adelaide Maraini Pandiani. In: Eciclopedia delle donne. 2018. Werke von Adelaide Pandiani Maraini (mit Fotos) auf artnet.de

Einzelnachweise

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