Die ICD-10 ist die 10. Version der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD für ), einer medizinischen Klassifikationsliste der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Sie enthält Codes für Krankheiten, Anzeichen und Symptome, auffällige Befunde, Beschwerden, soziale Umstände und äußere Ursachen von Verletzungen oder Krankheiten. Die Arbeit an der ICD-10 begann 1983, wurde 1990 von der 43. Weltgesundheitsversammlung gebilligt und erstmals 1994 von den Mitgliedstaaten verwendet.

Die WHO ersetzte sie mit dem 1. Januar 2022 durch die ICD-11.who.int Der konkrete Zeitpunkt einer Einführung der ICD-11 in den klinischen Alltag in Deutschland steht noch nicht fest. Laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) wird die Evaluierung und Einführung – insbesondere für die Codierung von Krankheiten – mindestens fünf Jahre in Anspruch nehmen und bis dahin weiterhin mit der ICD-10 gearbeitet.

Während die Weltgesundheitsorganisation die Basisversion der ICD-10 verwaltete und veröffentlichte, haben mehrere Mitgliedstaaten sie an ihre Bedürfnisse angepasst. In der Basisklassifikation erlaubte das Codeset mehr als 14.000 verschiedene Codes und die Verfolgung vieler neuer Diagnosen im Vergleich zum Vorgänger ICD-9. Durch die Verwendung optionaler Unterklassifizierungen ermöglichte die ICD-10 Spezifität hinsichtlich Ursache, Manifestation, Ort, Schwere und Art der Verletzung oder Erkrankung. Die angepassten Versionen unterschieden sich in vielerlei Hinsicht, und einige nationale Ausgaben haben den Codesatz noch weiter erweitert; einige gingen sogar so weit, Prozedurcodes hinzuzufügen. Die eigene nationale Variante der Vereinigten Staaten ICD-10-CM zum Beispiel hat über 70.000 Codes.

Die Weltgesundheitsorganisation stellt über ihre Website detaillierte Informationen zur ICD bereit – einschließlich eines ICD-10-Onlinebrowsers und ICD-Schulungsmaterialien. Die Online-Schulung umfasst ein Support-Forum, ein Selbstlerntool und ein Benutzerhandbuch.

Kapitel Die folgende Tabelle listet die Kapitelnummer (mit römischen Zahlen), den Codebereich jedes Kapitels und den Kapiteltitel aus der internationalen Version der ICD-10 auf. Kapitel Gliederung TitelIA00–B99Bestimmte infektiöse und parasitäre KrankheitenIIC00–D48NeubildungenIIID50–D89Krankheiten des Blutes und der blutbildenden Organe sowie bestimmte Störungen mit Beteiligung des ImmunsystemsIVE00–E90Endokrine, Ernährungs- und StoffwechselkrankheitenVF00–F99Psychische und VerhaltensstörungenVIG00–G99Krankheiten des NervensystemsVIIH00–H59Krankheiten des Auges und der AugenanhangsgebildeVIIIH60–H95Krankheiten des Ohres und des WarzenfortsatzesIXI00–I99Krankheiten des KreislaufsystemsXJ00–J99Krankheiten des AtmungssystemsXIK00–K93Krankheiten des VerdauungssystemsXIIL00–L99Krankheiten der Haut und der UnterhautXIIIM00–M99Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems und des BindegewebesXIVN00–N99Krankheiten des UrogenitalsystemsXVO00–O99Schwangerschaft, Geburt und WochenbettXVIP00–P96Bestimmte Zustände, die ihren Ursprung in der Perinatalperiode habenXVIIQ00–Q99Angeborene Fehlbildungen, Deformitäten und ChromosomenanomalienXVIIIR00–R99Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sindXIXS00–T98Verletzungen, Vergiftungen und bestimmte andere Folgen äußerer UrsachenXXV01–Y98Äußere Ursachen von Morbidität und MortalitätXXIZ00–Z99Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen und zur Inanspruchnahme des Gesundheitswesens führenXXIIU00–U85Schlüsselnummern für besondere Zwecke

Aufbau Die ICD-10 ist ein einachsiges und monohierarchisches Klassifikationssystem und liegt in drei Bänden vor:

Band I: Systematisches Verzeichnis Band II: Regelwerk Band III: Alphabetisches Verzeichnis Sie gliedert sich in:

eine dreistellige allgemeine Systematik (zum Beispiel A95: Gelbfieber) eine vierstellige ausführliche Systematik (zum Beispiel A95.0: Buschgelbfieber) gelegentlich fünfstellige Verfeinerungen (zum Beispiel M23.31: Sonstige Meniskusschädigungen, vorderes Kreuzband oder Vorderhorn des Innenmeniskus)

Diese „untergeordneten fünfstelligen Schlüsselnummern“ dürfen im ambulanten Bereich trotz des dadurch entstehenden Informationsverlustes durch die „übergeordneten vierstelligen Schlüsselnummern“ ersetzt werden.ICD-10-GM 2010 Systematisches Verzeichnis, Deutscher Ärzteverlag, Köln 2010, S. LXXI. Dort spricht man vom sogenannten Fünfsteller.

Die Notation ist alphanumerisch. Die erste Stelle ist ein Buchstabe, die Stellen zwei bis fünf enthalten Ziffern. Die vierte Stelle ist von der dritten Stelle durch einen Punkt abgetrennt. Dieser Punkt muss im Schriftwechsel mit der Deutschen Rentenversicherung weggelassen werden.

Die Bereiche U00–U49 bzw. U50–U99 sind für Erweiterungen oder Forschungszwecke reserviert. Die ICD-10 enthält:

22 Krankheitskapitel 261 Krankheitsgruppen (zum Beispiel E10–E14: Diabetes mellitus) 2.037 dreistellige Krankheitsklassen (Kategorien) (zum Beispiel E10.-: Primär insulinabhängiger Diabetes mellitus [Typ-I-Diabetes]) 12.161 vierstellige Krankheitsklassen (Subkategorien) (zum Beispiel: E10.1: Primär insulinabhängiger Diabetes mellitus [Typ-I-Diabetes] mit Ketoazidose)

Die Einteilungs-Kriterien wechseln zwischen Topographie, Ätiologie und Pathologie.

Die Klassifikation selbst hat keine temporalen oder dynamischen Aspekte, sondern umfasst lediglich eine Beschreibung zeitinvarianter Merkmale.DL. Jones: Classification of velopharyngeal status in speakers with cleft palate. The relationship between temporal aspects of oral-nasal balance and classification of velopharyngeal status in speakers with cleft palate. In: Cleft Palate Craniofac J., 2000 Jul, 37(4), S. 363–369, PMID 10912715. Das systematische Verzeichnis enthält eine Zusatzklassifikation (M-Achse), mit der Neubildungen histologisch klassifiziert werden können. Hierbei handelt es sich um einen sechsstelligen Schlüssel, der mit dem Buchstaben „M“ beginnt. Darauf folgen vier Ziffern zur Codierung der Neubildung, gefolgt von einem Schrägstrich (/) und einer Ziffer zur Codierung des pathologischen Verhaltens (zum Beispiel: M8051/3: verruköses Karzinom o. n. A.). Der Aufbau der M-Achse entspricht weitgehend der Klassifikation nach ICD-O bzw. nach SNOMED.

Ergänzende Zeichen Das Kreuz-Stern-System ermöglicht es, einer Erkrankung mehrere Diagnoseschlüssel zuzuweisen. Dabei kann ein durch ein Kreuz (†) gekennzeichneter Primärcode der Krankheitsursache durch einen mit einem Stern (*) gekennzeichneten Sekundärcode der Krankheitsmanifestation ergänzt werden. In der deutschen Version (ICD-GM; German Modification) gibt es zudem über ein nachgestelltes Ausrufezeichen (!) Sekundärcodes, die andere Zusatzinformationen kodieren können. Sekundärcodes dürfen nicht alleine verwendet werden.

Beispiel Sternschlüsselnummer: Die Anämie bei Neubildungen (D63.0*) muss stets mit einer verursachenden Tumorerkrankung codiert werden, zum Beispiel Multiples Myelom (C90.0). Der Gesamtcode lautet dann C90.0†D63.0*.

Beispiel Ausrufezeichenschlüsselnummer: Eine Rehabilitationsmaßnahme bei Herzkrankheit (Z50.0!) muss stets mit der ursächlichen Herzerkrankung, zum Beispiel Ischämische Kardiomyopathie (I25.5) kombiniert werden. Der Gesamtcode lautet dann I25.5†Z50.0!.

Die ICD-GM sieht zudem weitere Kennzeichnungen durch nachgestellte Buchstaben vor:

Zusatzkennzeichen zur Diagnosesicherheit müssen und dürfen in Deutschland ausschließlich im ambulanten Bereich verwendet werden:

A = Ausschluss einer solchen Erkrankung G = gesicherte Diagnose V = Verdacht auf Z = symptomfreier Endzustand nach einer Erkrankung

Zusatzkennzeichen zur Lokalisation dürfen in Deutschland ambulant und stationär verwendet werden:

R = rechts L = links B = beidseits

Doppelklassifikation Einige Erkrankungen werden in ICD-10 mit einer Doppelklassifikation abgebildet. Die primäre Einteilung erfolgt nach der Ätiologie, die sekundäre nach der Organmanifestation. In der Systematik wird der Primärschlüssel mit einem Kreuz (†) abgebildet, der Sekundärschlüssel mit einem Stern (*). Diese Notation wird als Kreuz-Stern-System bezeichnet.

Beispiel: Der ICD-10-Code A17.0† (tuberkulöse Meningitis) ist bezüglich der Ätiologie eine Infektionskrankheit, und bezüglich der Organmanifestation eine Krankheit des Nervensystems (G01*).

Beispiel: Ein Augenarzt, der eine diabetische Retinopathie behandelt und nicht die Grunderkrankung (Diabetes mellitus), ist vorrangig am klinischen Sekundärschlüssel interessiert:

Ätiologie: E10.30† Diabetes mellitus Typ I mit Augenkomplikation, nicht als entgleist bezeichnet. Organmanifestation: H36.0* Retinopathia diabetica.

Die Kreuz-Notation wird für statistische Zwecke verwendet. Die Stern-Notation hat einen größeren klinischen Bezug und wird u. a. für die Leistungsverrechnung verwendet.

Nationale Abwandlungen Ungefähr 27 Länder verwenden die ICD-10 für die Kostenerstattung und Ressourcenzuweisung in ihrem Gesundheitssystem, und einige haben Änderungen an der ICD vorgenommen, um ihrem Nutzen besser gerecht zu werden. Die unveränderte internationale Version der ICD-10 wird in 117 Ländern für die Erstellung von Todesursachenmeldungen und Statistiken verwendet.

Die nationalen Fassungen können sich von der Basisklassifikation im Detaillierungsgrad, der unvollständigen Übernahme einer Kategorie oder der Hinzufügung von Verfahrenscodes unterscheiden.

Australien Die 1998 eingeführte ICD-10 Australian Modification (ICD-10-AM) wurde vom National Center for Classification in Health an der Universität Sydney entwickelt. Es wird derzeit vom Australian Consortium for Classification Development verwaltet.

Die australische ICD-10-AM wurde auch von Neuseeland, Irland, Saudi-Arabien und mehreren anderen Ländern übernommen.

Brasilien Brasilien führte die ICD-10 1996 ein.

China, Volksrepublik Die Volksrepublik China übernahm die ICD-10 2002.

Deutschland ICD-10-GM Seit 2004 heißt die deutsche ICD-Ausgabe ICD-10-GM (GM für ). Sie ist eine Adaption der Vierstelligen Ausführlichen Systematik (VAS) der deutschsprachigen ICD-10-WHO, der sie in Aufbau und Struktur entspricht. Sie wurde anfangs, ebenso wie der Operationen- und Prozedurenschlüssel (OPS), vom Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) weiterentwickelt und herausgegeben, das 2020 im Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) aufgegangen ist. In dessen per Internet zugänglichem Bereich der Kodiersysteme/Klassifikation sind auch ältere, in Ost- und West-Deutschland verwendete ICD-Versionen archiviert und einsehbar.

Da die ICD-GM nebst Anpassungen durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auch Vorschläge von Fachgesellschaften, Berufsverbänden, Krankenhäusern und Krankenkassen berücksichtigt, welche zu ICD-Code-Neuaufnahmen, Streichungen, Klarstellungen und redaktionellen Anpassungen führen, gibt das BfArM im Gegensatz zur WHO jedes Jahr eine neue rechtsverbindliche Version heraus, das heißt: Seit dem 1. Januar 2026 ist die vom BfArM herausgegebene ICD-10-GM Version 2026 für die Verschlüsselung verbindlich. Darüber hinaus gibt es in Deutschland ein alphabetisches Verzeichnis zur ICD-10-GM, den sogenannten Diagnosenthesaurus. Für verschiedene Fachbereiche (Pädiatrie, Neurologie) existieren Spezialausgaben. Für die Todesursachenverschlüsselung gilt in Deutschland weiterhin die jeweils aktuelle ICD-10-WHO-Version, seit dem 1. Januar 2019 die Ausgabe 2019. Für die systematische EDV-verträgliche Klassifikation existiert die auf XML basierende Markup-Sprache ClaML.

Nach den Abs. 1 und Abs. 2 Fünftes Buch Sozialgesetzbuch sind in Deutschland Vertragsärzte, Vertragspsychotherapeuten und Krankenhäuser zur Diagnoseverschlüsselung nach ICD verpflichtet. Wurde dies in der Anfangszeit meist durch Ärzte gemacht, wird diese Aufgabe heute auch von Kodierfachkräften wahrgenommen.