Unter dem Begriff Gashandel versteht man die Tätigkeit eines Unternehmens, Erdgas am Großhandelsmarkt zu kaufen und zu verkaufen. Vom Gashandel zu unterscheiden ist der Energievertrieb, bei dem Haushalts- und Gewerbekunden mit Erdgas beliefert werden.

Geschichte der Gasversorgung in Deutschland

Steinkohlevergasung Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts beginnt die Geschichte der Gasversorgung. Sie ist somit älter als die Stromversorgung, die erst Ende des 19. Jhdts beginnt. In beiden Fällen war das treibende Bedürfnis, Häuser, Wohnungen und Städte zu beleuchten. Die englische Firma Imperial Continental Gas Association setzte sich bereits in den 1820er Jahren in ihrer Gründungsurkunde das Ziel, die größeren Städte des Kontinents mit Gas zu versorgen. Technische Grundlage dafür war bis Mitte des 20. Jahrhunderts die Steinkohlevergasung. Als Speicher- und Druckbehälter wurden in den Großstädten sogenannte Gasometer gebaut, die über ein Jahrhundert das Stadtbild prägten. Die deutschen Kommunen begannen Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend eigene Gasversorgungsanlagen zu bauen und mit den Engländern und anderen privaten Betreibern in Konkurrenz zu treten. Ab den 1920er Jahren wurden Ferngasversorgungen wirtschaftlich. Im Jahr 1926 wurde die Ruhrgas AG gegründet, die sich zum Ziel setzte, aus den Kokereien des Ruhrgebietes eine großräumige Ferngasversorgung aufzubauen.

Die Energienutzung von Erdgas spielte in Westdeutschland bis Ende der 1960er Jahre eine völlig untergeordnete Rolle. Bis in die 1970er Jahre wurde die Gasversorgung der meisten westdeutschen Städte durch Stadtgas aus Steinkohlevergasung und Ferngas aus Kokereien sichergestellt. In den ostdeutschen Städten erfolgte die Umstellung auf Erdgas teilweise erst in den 1990er Jahren. Letzte deutsche Stadt war 1996 Berlin (West). Zunächst kamen für die Erdgasversorgung Westdeutschlands nur deutsche und holländische Vorkommen in Frage. Erst mit der Entdeckung größerer Vorkommen in der Nordsee und in der Sowjetunion änderte sich in den 1970er Jahren die Situation grundlegend.

Erdgasimportverträge mit der Sowjetunion In den 1930er Jahren entdeckte die Sowjetunion große neue Ölfelder in Baku. Bereits in den 1950er Jahren übertraf die dortige Förderung die der restlichen Sowjetunion. 1965 wurden weitere, noch größere Ölfelder in Westsibirien entdeckt. Zur Erschließung und Vermarktung der riesigen Erdöl- und Erdgasvorkommen war westliche Technologie und westliches Kapital und insbesondere der Bau eines Pipelinenetzes erforderlich, mit dem Gas und Öl aus den abgelegenen und unwirtlichen Lagerstätten nach Westen transportiert werden konnte.

Eine neue Ära begann mit dem Geschäftsabschluss der Konzerne Ruhrgas AG, Mannesmann und Deutsche Bank mit sowjetischen Regierungsvertretern im Jahr 1970. Dabei verpflichtete sich Mannesmann 1,2 Mio. t Großrohre für eine Gaspipeline von 2000 km Länge in die Sowjetunion zu liefern. Die Deutsche Bank finanzierte das Geschäft mit einem Kredit über 1,2 Mird. DM. Im Gegenzug verpflichtete sich die Sowjetunion über einen Zeitraum von 20 Jahren 52 Mird m³ Gas im Wert von 2,5 Mrd. DM nach Westdeutschland zu liefern. Die Ruhrgas AG übernahm in Monopolstellung die Verteilung des sowjetischen Gases.

Westdeutsches Kapital und Knowhow ermöglichten so der Sowjetunion die Erschließung riesiger neu entdeckter Erdöl- und Gasfelder in Westsibirien. Ein bedeutender Teil des Öls und Gases wurde auch in die westliche Länder exportiert. Ab 1957 begann die Sowjetunion Erdöl billig in Italien zu verkaufen. Seit den 60er-Jahren stieg der Ölausfuhr in die westlichen Länder. Noch schneller wuchs der sowjetische Gasexport: 1970 waren es drei Milliarden Kubikmeter, im Jahr 1975 19, im Jahr 1980 54 und im Jahr 1990 bereits 110 Milliarden Kubikmeter.

Erdgas in der Nordsee, im Europäischen Nordmeer und in der Barentssee Die Entdeckung großer Erdgasvorkommen in der Nordsee Ende der 1970er Jahre verringerte die Abhängigkeit Westdeutschlands und Westeuropas von der russischen Versorgung. Mit der immer größeren Verfügbarkeit von Erdgas stellten die Kommunen ihre Gasversorgung auf Erdgas um und das westdeutsche und europäische Versorgungsnetz wurde weiter ausgebaut. Auch hierbei nahm die Ruhrgas AG eine führende Rolle ein und lieferte in Folge auch holländisches und norwegisches Gas.

Erdgas in Deutschland In Deutschland wird vor allen Dingen in Niedersachsen Erdgas gefördert. Die Förderung erreichte um das Jahr 1980 ihren Höhepunkt und beträgt heute etwa ein Viertel der damaligen Förderung (siehe Abschnitt Förderung im Lemma Erdgas/Tabellen und Grafiken). Hiermit deckt Deutschland etwa 5 % seines Gasverbrauchs.

Importverträge mini|368x368px|Gasimporte nach Deutschland zwischen 1991 und 2015 Gas wird nur in wenigen Ländern gefördert. Somit spielen internationale Importverträge in der Gaswirtschaft eine große Rolle. Langfristige Verträge ermöglichen dabei den Förderländern die Planung und Finanzierung langfristiger Investitionen in die Erschließung der Quellen und den Pipelinebau unter vertretbaren Risiken. Bei der Preisgestaltung entschied man sich lange Zeit fast immer für die Ölpreisbindung. Weiterhin beinhalteten die Verträge typischerweise eine Take-or-Pay-Klausel, d. h. eine Mindestmenge musste entweder abgenommen oder jedenfalls bezahlt werden. Für Öl gab es einen funktionierenden Weltmarkt, dessen Preisbildung auch für Großmächte kaum manipulierbar war. Weiterhin ist Öl ein gutes Substitut für Gas, so dass von einer ähnlichen Wertentwicklung ausgegangen werden kann.

Die Gasimporteure hatten somit ein nachvollziehbares Interesse, lange Fristigkeiten und Ölpreisbindungen auch auf der Abnehmerseite durchzusetzen. Langfristige Verträge mit Ölpreisbindung repräsentierten sichere Verfügbarkeit zu einem fairen Preis. Auch die inländischen Abnehmern, die Stadtwerke, waren diesen Vertragsstrukturen nicht abgeneigt. Sie boten Kalkulationssicherheit für ihre ebenfalls langfristigen Netz- und Kraftwerksinvestitionen. Im Endkundenvertrieb waren die Stadtwerke durch ihre garantierten Versorgungsgebiete abgesichert.

Die 1998 unter dem Stichwort „Liberalisierung der Energiewirtschaft“ angestoßene Neuregulierung der Branche stieß somit zunächst in allen Teilen der Wertschöpfungskette auf wenig Gegenliebe.

Die aktuelle Situation mini|368x368px|Gasimporte nach Deutschland 2022 bis Feb. 2025 Gas ist in Deutschland ein sehr bedeutender Energieträger. Gas deckte laut AG Energiebilanzen im Jahr 2022 in Deutschland 23,4 % des Endenergiebedarfs und 23,3 % des Primärenergieverbrauchs. Im Vergleich wurde 2022 nur 20,1 % des Endenergiebedarfs durch Strom gedeckt.

Ein Import ist über Pipelines aus Russland, Norwegen, den Niederlanden und Belgien und über LNG möglich, derzeit wird kein Gas über russische Pipelines importiert. Als Flüssigerdgas (LNG) wird Gas aus den Niederlanden, Belgien und den USA importiert und mit Schiffen geliefert. Auch andere Länder wie Indien können als Lieferanten oder Zwischenhändler auftreten. Das eigentliche Produktionsland ist bei LNG oftmals nicht feststellbar. Etwa ein Viertel des deutschen Gasbedarfs wird Stand 2022 in Strom- und Heizkraftwerken verbraucht (24,9 %), etwas mehr verbrauchte die produzierende Industrie (26,4 %), der größte Posten ist der Verbrauch in Haushalt und Gewerbe für die Heizung (46,8 %). Im Verkehr wird weniger als 1 % des deutschen Erdgasbedarfs verbraucht, weitere kleinere Posten sind z. B. die stoffliche Verwertung in der chemischen Industrie und der Verbrauch im Bergbau.

Auswirkungen des Ukrainekrieges

Vor dem Ausbruch des Krieges 2022 war Russland der größte Gaslieferant für Deutschland. Bereits im Juni 2022 begann Russland, die Gaslieferungen über die Pipeline Nord Stream 1 schrittweise zu drosseln. Dies geschah mit der Begründung, dass technische Probleme an den Turbinen vorlägen, obwohl viele Experten und Politiker dies als Vorwand ansahen, um den Druck auf Europa zu erhöhen. Später, im September 2022, wurde die Pipeline ganz abgeschaltet. Am 26. September 2022 wurden die Pipelines Nord Stream 1 und 2 durch einen vermutlich den USA zuzurechnenden Sabotageakt gesprengt. Russland machte klar, dass es nicht länger bereit war, Gas zu den zuvor vereinbarten Konditionen zu liefern. Dies führte zu einer massiven Unsicherheit auf den Energiemärkten. Ein weiterer Grund für ausfallende Lieferungen waren westliche Sanktionen. Ab März 2022 forderte Russland von den westlichen Ländern die Zahlung von Gaslieferungen in Rubel, anstatt in Euro oder Dollar, was von vielen westlichen Staaten als wirtschaftlicher Druck und als Versuch, die Sanktionen zu umgehen, betrachtet wurde. Deutschland und andere EU-Staaten lehnten dies ab, was zu weiteren Spannungen führte. Die deutschen Gaspreise stiegen extrem an und verblieben auch nach dem Preisschock 2022 auf einem mehr als doppelt so hohen Preisniveau wie vor dem Krieg.

Die Verträge deutscher Gasversorger bestanden jedoch nicht mit Russland direkt, sondern mit der deutschen Tochter von Gasprom, der Gasprom Germania. Deutschland versuchte sich zunächst auf den Standpunkt zu stellen, dass die Lieferkonditionen mit der Gasprom Germania vertraglich fixiert wären, und Russland somit weiterhin verpflichtet wäre, zu diesen Konditionen zu liefern. Russland kündigte daraufhin an, die Lieferungen aus Russland zu beenden oder preislich anzupassen und die Tochter Gasprom Germania in die Insolvenz gehen zu lassen, in deren Büchern dann die Preisdifferenz zwischen verteuerten Kauflieferverträgen aus Russland bzw. dann notwendigen Marktkäufen und den unveränderten Verkaufslieferverträgen an die deutschen Versorger landet.

In dieser Situation entschied die deutsche Regierung im April 2022, die Gazprom Germania zu verstaatlichen. Auf diese Weise blieben jedenfalls die Verkaufslieferverträge an die deutschen Versorger weiterhin garantiert und eine Insolvenzwelle der deutschen Gasversorger und Stadtwerke wurde verhindert. Verluste aus dem Ausfall russischer Lieferverpflichtungen oder einer Anpassung der Lieferkonditionen russischer Bestandsverträge landeten weiterhin in den Büchern von Gasprom Germania und somit jetzt beim Staat. Weiterhin verlor Russland durch diese Maßnahme den Zugriff auf deutsche Gasspeicher, über die Gazprom Germania verfügte.

Der Ausfall Russlands als Lieferant führte dennoch zu großen finanziellen Verlusten, die in großen Teilen den Staatshaushalt belasteten. Für alle künftigen Käufe hatte sich das Preisniveau drastisch erhöht, was zu einem ebenso deutlichen Rückgang des deutschen Gasverbrauchs führte. Leidtragend ist vor allem die produzierende Industrie, deren Produktion Stand 2025 unter das Coronaniveau gesunken ist. In der Stromerzeugung konnte auf Gaskraftwerke nicht verzichtet werden, so dass das Gaspreisniveau eins zu eins auf den Strompreis durchschlug, der sich erst mit der stückweisen Senkung der Gaspreise in den folgenden Jahren wieder langsam absenkte, wobei der Strompreis an der Börse Stand 2025 weiterhin weit über dem Vorkriegsniveau liegt.

Die künftige Gasversorgung Deutschlands und Europas und damit die Zukunft der produzierenden Industrien ist weiterhin unklar. Der Winter 2025 sah nicht nur hohe Preise, sondern auch frühzeitig entleerte Speicher und Versorgungsengpässe.

Rahmenbedingungen der europäischen Handelsmärkte seit 1998 Seit 1998 wurde der Endkundenmarkt rechtlich geöffnet, das heißt Haushaltskunden war es rechtlich möglich, bei einem neuen Anbieter abzuschließen. Allerdings verzeichneten Regierung und Öffentlichkeit noch 2006 kaum neue Wettbewerber, keine Preistransparenz, fast keinen Handel, das Fortbestehen langfristiger Lieferverträge und unzureichende Netzzugangsregelungen.

Kartellrechtliche Aufhebung langfristiger Lieferverträge