mini|Landsknechte und ein türkischer Reiter (um 1495, Albrecht Dürer) In einer Schlacht bei Villach sollen kaiserliche Truppen und ein innerösterreichisches Aufgebot im Jahr 1492 osmanische Streiftrupps besiegt haben. Die Historizität der Schlacht ist nicht belegt.
Türkeneinfälle in Kärnten
mini|An frühere Türkeneinfälle der Jahre 1476 und 1478 unter Mihaloğlu İskender Pascha erinnert das „Tatarmandl“ in Albeck. Nach der Einnahme Konstantinopels hatten die osmanischen Türken trotz einer Niederlage vor Belgrad u. a. Serbien und Bosnien erobert. Während ihres Krieges gegen Venedig und Ungarn waren sie seit 1469 wiederholt durch (das zu Ungarn gehörende) Kroatien hindurch auch in die zum Heiligen Römischen Reich gehörenden habsburgischen Erblande Krain, Kärnten und Steiermark (Innerösterreich) eingefallen.David Nicolle: Die Osmanen - 600 Jahre islamisches Weltreich. Tosa-Verlag, Wien 2008, S. 112 f.Donald Edgar Pitcher: An Historical Geography of the Ottoman Empire. Brill, Leiden 1972, S. 91 ff.Franz Ilwof: Die Einfälle der Osmanen in die Steiermark, In: Mittheilungen des Historischen Vereins Steiermark. Zehntes Heft. August Hesse, Graz 1861, S. 207–264.Fran Levec: Die Einfälle der Türken in Krain und Istrien, in: Jahresbericht der k.k. Staats-Oberrealschule in Laibach... Verlag der k.k. Staats-Oberrealschule, Laibach 1891, S. 9–58. Um die österreichischen Erblande mussten der Habsburger-Kaiser Friedrich III. und sein Sohn und Nachfolger Maximilian I. zunächst auch mit revoltierenden steirischen Adligen, aufständischen Kärntner Bauern und dem ungarischen König Matthias Corvinus kämpfen. Nachdem der Kaiser die Adelsrevolte und die Türken den Bauernaufstand niedergeschlagen hatten, besetzten die Ungarn die Steiermark, Krain, Kärnten, Niederösterreich und Wien. In den nach Corvinus’ Tod 1490 ausgebrochenen Erbfolgekrieg in Ungarn griff neben Friedrich und Maximilian auch der osmanische Sultan Bayezid II. ein. Gegen die „Türkennot“ hatten Friedrich und Maximilian (vergeblich) zur „Reichstürkenhilfe“ aufgerufen. Da Maximilian mehr mit den Ungarn beschäftigt war, blieb die Abwehr der Türken zunächst vornehmlich regionalen Adelsaufgeboten überlassen. Vor allem dem regionalen Adel verbundene regionale Chronisten übertrieben fortan Anzahl und Ausmaß der Türkeneinfälle.Heinrich Hermann: Handbuch der Geschichte des Herzogthums Kärnten, II. Abteilung. J. Leon, Klagenfurt 1843, S. 233 ff. und 253.Der Standard online vom 17. April 2020: Blutrünstige Türken und heldenhafte Steirer: Türkensagen in der Steiermark So wurde nicht nur die Rolle des geltungssüchtigen Regionaladels bei den tatsächlichen Türkeneinfällen ausgeschmückt und verherrlicht, sondern es wurden auch weitere Türkeneinfälle hinzuerfunden, vor allem später während der Gegenreformation, als sich der bis dahin teilweise protestantische Adel der Region beim katholischen Kaiser hervorzuheben versuchte.Wilhelm Neumann: Die Türkeneinfälle nach Kärnten - Wahrheit und Dichtung in der Kärntner Geschichtsschreibung von Jakob Unrest bis zur Gegenwart Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschungen, Regensburg 1955 (suedost-forschungen.de).Arno Strohmeyer: Konfessionalisierung in Ostmitteleuropa. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1999, S. 242 (suedost-forschungen.de PDF).Hans-Åke Persson: Reflections on Europe - Defining a Political Order in Time and Space. Peter Lang, Brüssel 2007, S. 221.
Bei den oft als „Türken“ bezeichneten Angreifern handelte es sich zumeist nicht um reguläre Teile des osmanischen Heeres oder dem osmanischen Sultan direkt unterstehende Truppen und oft auch nicht um osmanische Türken, sondern um Akıncı. Diese Akıncı waren mehr oder weniger selbständig agierende und nur leicht bewaffnete Streiftrupps und Vorausabteilungen, die sich auch aus muslimischen Vasallenvölkern wie griechischen und bulgarischen Konvertiten, Tataren, Bosniern und Albanern rekrutierten. Nachkommen griechischer Konvertiten waren beispielsweise die Akıncı-Beys Mihaloğlu Ali Bey und sein Bruder Mihaloğlu İskender Pascha.Joseph von Hammer-Purgstall: Geschichte des Osmanischen Reiches, Zweiter Band. Hartleben, Pest 1828, S. 79, 304 ff, 321f und 610 f. Den auch als „Renner und Brenner“ überlieferten Akıncı ging es weniger um Glaubenskrieg oder Eroberung und Besiedlung von Gebieten als vielmehr um Streif- und Beutezüge sowie Verwüstung, Demoralisierung und Destabilisierung der gegnerischen Grenzgebiete. Bei ihren Überfällen verschleppten sie oft auch christliche Bewohner der verwüsteten Gebiete als Sklaven in das Osmanische Reich. Allein in der Steiermark seien zwischen 1469 und 1490 mindestens 120.000 Bewohner getötet oder verschleppt worden – bei damals kaum einer halben Million Einwohner.Hans Pirchegger: Geschichte der Steiermark. Leykam, Graz 1996, S. 47f und 105. Insgesamt bis zu 200.000 Gefangene sollen im 15. Jahrhundert aus Innerösterreich verschleppt worden sein.Dušan Nećak, Božo Repe: Slowenien. Wieser Verlag, Klagenfurt 2006, S. 40–44.
Schilderung der Schlacht mini|Bewohner Innerösterreichs werden von türkischen Reitern in die Sklaverei entführt (um 1530, Niklas Stör) Obwohl z. B. der Kärntner Chronist Jakob Unrest, ein Zeitgenosse der Türkeneinfälle, für Kärnten die fünf realen Türkeneinfälle von 1473, 1476, 1478, 1480 und 1483 sowie für Krain auch Einfälle in den Folgejahren von 1491 bis 1494 zuverlässig dokumentiert hatte, erwähnte er für 1492 keinen weiteren Türkeneinfall in Kärnten und keine Schlacht bei Villach. Dennoch schilderte der Geschichtsschreiber Hieronymus Megiser 1612 in seinen Annales Carinthiae den Türkeneinfall und die Schlacht ausführlich und berief sich dabei auf den protestantischen Prediger Gothard Christalnick, der schon 1588 im Dienste verschiedener Kärntner Adeliger eine Chronik geschrieben hatte. Megiser schmückte seine Schilderungen mit den damals üblichen, aber historisch abwegigen Schauergeschichten angeblicher türkischer Gräueltaten aus (aufgespießte Kinder, abgeschlagene Köpfe, ausgeweidete und gebratene Folteropfer und sogar Kannibalismus). Demgegenüber erwähnte sein Zeitgenosse Martin Zeiller (auch er ein protestantischer Chronist im Dienst innerösterreichischer Adelsfamilien) für 1492 andere Ereignisse der Geschichte Villachs, aber keine Türkenschlacht.Martin Zeiller: Topographia Provinciarum Austriacaru[m] Austriae Styriae, Carinthiae, Carniolae, Tyrolis etc. Johan Arnold Cholin, Frankfurt am Main 1677, S. 60f.
Für September und Oktober 1491 ist stattdessen ein anderer Türkeneinfall belegt, der viele Ähnlichkeiten zu Megisers späteren Schilderungen über 1492 aufweist: Auf ihrem Rückweg von Plünderungen in Krain wurden knapp 10.000 mit Beute und Gefangenen beladene Akıncı offenbar vom kroatischen Grafen Bernardin Frankopan am Vrpile-Pass abgefangen. Die Akıncı verloren mehrere Tausend Mann sowie all ihre 18.000 Gefangenen, stattdessen gerieten 1500 von ihnen in Gefangenschaft. Ihr Bey Hassan Mihaloğlu konnte nur mit Mühe verwundet entkommen.
Nach einem weiteren erfolglosen Angriff auf Belgrad (März 1492) sollen die Türken Megiser zufolge dann im Spätsommer oder FrühherbstWeder Christalnick bzw. Megiser noch Valvasor oder Caesar konnten ein Datum angeben. Hermann erwähnte aber das letzte Regierungsjahr Friedrichs III. und Hammer-Purgstall (verlegte Mihaloğlus Tod in) das islamische Jahr 897. Die vermeintliche Schlacht hätte demnach zwischen dem 20. August (Beginn des letzten Regierungsjahres) und dem 22. Oktober (Ende des islamischen Jahres) stattfinden müssen. 1492 mit drei Marschkolonnen erneut in Innerösterreich eingefallen sein. Eine der Kolonnen sei demnach in Krain bis Laibach vorgestoßen (was Krainer Historiker später bezweifeltenAugust Dimitz: Geschichte Krains von der ältesten Zeit bis auf das Jahr 1813, Erster Theil. I.v. Kleinmayr & F. Bamberg, Laibach 1876, S. 252f und 261–270.), eine weitere in der Untersteiermark bis Cilli (was wiederum steirische Geschichtsforscher zurückwiesen). Die größte der drei Kolonnen soll Mihaloğlu Ali Bey durch das WeißenfelsertalM. Unterweger: Viel "Ach…" in Villach, In: Urania - Wochenschrift für Volksbildung, Nr. 38 vom 20. September 1913. Urania, Wien 1913, S. 620. nach Kärnten geführt haben (von Megiser als Hali Pascha bezeichnet). Nach kurzem Kampf plünderten und brandschatzten die Türken angeblich zunächst Tarvis und das Kloster in Arnoldstein. Auf ihrem Rückmarsch sollen sie 15.000 christliche Gefangene fortgeführt haben. Ihnen soll sich ein von Rudolf von Khevenhüller befehligtes Aufgebot aus mehreren Hundert oder einigen Tausend Kärntnern und Steirern entgegengestellt haben, denen Maximilian weitere 5000 Landsknechte und 2000 ReiterAquilin Julius Caesar: Staat- und Kirchengeschichte des Herzogthum Steyermarks, Sechster Band, Weingand und Ferstl, Graz 1788, S. 269. zur Unterstützung geschickt habe. Als die mit Beute schwer beladenen Türken auf ihrem Rückmarsch vor Villach rasteten, sollen sie zwischen Villach und dem Fluss GailDieter Neumann: Neues aus Alt-Villach - Beiträge zur Stadtgeschichte, 47. Jahrbuch. Museum der Stadt Villach, Villach 2010, S. 1–6. von den kaiserlichen und innerösterreichischen Truppen angegriffen worden sein, woraufhin sich sofort auch die mitgeführten Gefangenen erhoben und in den Kampf eingegriffen hätten. In dem vermeintlichen Gemetzel seien 10.000 TürkenM.A. Cook (Hrsg.): A History of the Ottoman Empire to 1730. Cambridge University Press, Cambridge 1976, S. 57 f. sowie 6000 bis 7000 Christen getötet worden und weitere 7000 verwundete Türken in Gefangenschaft geraten. Von den überlebenden Christen soll fast jeder verwundet worden sein. Die verwundeten Türken seien vor allem deswegen gefangen genommen worden, um sie später gegen Lösegeld eintauschen zu können.Julius Franz Schneller: Staatengeschichte des Kaiserthums Österreich von der Geburt Christi an bis zum Sturze Napoleon Bonapartes, Dritter Teil. Verlag Müller, Graz 1818, S. 423 f. Auch Mihaloğlu Ali Bey sei verwundet in Gefangenschaft geraten, bald aber seinen Wunden erlegen. Nur wenige Türken sollen entkommen sein.Ausgerechnet diese verwundeten und versprengten Türken sollen sich auf dem längeren Weg über das Lavanttal in die Steiermark zurückgezogen und dabei noch die Pfarrkirche Kamp entweiht haben.
Folgen
mini|Auch Zell in Kärnten soll 1492 vom angeblichen Türkeneinfall getroffen worden sein (Gedenkkapelle mit Erinnerungsmalerei).