Haßleben ist eine Gemeinde im Landkreis Sömmerda in Thüringen.
Geografie Haßleben liegt im Thüringer Becken etwa 18 km nördlich von der thüringischen Landeshauptstadt Erfurt entfernt. Die Schmale Gera (ein Nebenarm der „Erfurter“ Gera) durchfließt den Ort.
Das Gebiet wird beherrscht vom Tal der Unstrut und ihren Zuflüssen. Die fruchtbaren Böden ermöglichen eine intensive Landwirtschaft auf ausgedehnten Feldern. Gebiete mit Nadel- und Mischwald, Auen, Wiesen, Trockenrasengebiete, kleinere stehende und fließende Gewässer und zum Teil bewaldetes Hügelland in der näheren Umgebung der Gemeinden bilden ein reizvolles, abwechslungsreiches Landschaftsbild.
Nördlich des Ortes, in der Niederung der Schmalen Gera, liegt das NSG Haßlebener Ried, ein Kalkniedermoor und Vogelschutzgebiet.
Obwohl nicht an diesem Fluss gelegen, führt der Unstrut-Radweg durch Haßleben.
Geschichte mini|260px|Ortsansicht (2009) mini|links|Wappen des Fürstentums Schwarzburg-Sondershausen an der ehem. Gemeindebäckerei aus dem Jahr 1576
Die Wortendung -leben deutet auf eine Ortsgründung durch germanische Angeln oder Warnen aus dem heutigen Norddeutschland. Die erste urkundliche Erwähnung des Ortes Haßleben datiert aus den Jahren 780 bis 802. In dieser Amtszeit eines dortigen Abtes wurde laut Urkundenbuch Haßleben dem Kloster Fulda geschenkt.
Bereits Jahrhunderte vorher jedoch muss auf dem Gebiet des jetzigen Ortes schon gesiedelt worden sein, was belegbar ist durch das 1912 entdeckte Gräberfeld von Haßleben, datiert aus dem 3. Jahrhundert nach Christus. Auf einem kleinen Friedhof mit 23 teilweise reich ausgestatteten germanischen Körpergräbern befand sich auch die Grablege einer jungen Frau. Ihre Grabausstattung mit kostbaren Schmuckstücken aus Gold und Silber, römischen Gläsern und Metallgefäßen übertraf alles, was bis dahin bekannt war. Der Fund von Haßleben blieb für fast 100 Jahre das reichste germanische Fürstengrab in Deutschland.
Hardrad († nach 786), ein Thüringer Graf, soll umfangreichen Grundbesitz bei Haßleben besessen haben. Er war der Anführer einer Rebellion Thüringer Adliger gegen Karl den Großen, die als einer der Gründe angesehen wird, die den Kaiser 802/803 zur Anerkennung des Thüringischen Volksrechts bewegten.
874 bestätigte König Ludwig der Deutsche auf der Reichsversammlung zu Ingelheim am Rhein angeblich dem Ort Hastingisleybin und 24 weiteren Orten die Zahlung des Zehnten an das Kloster Fulda. Tatsächlich handelt es sich bei dieser Urkunde um eine Fälschung aus dem 11. Jahrhundert.Paul Kehr: Die Urkunden der deutschen Karolinger. Band 1: Die Urkunden Ludwigs des Deutschen, Karlmanns und Ludwigs des Jüngeren (= Monumenta Germaniae Historica. Diplomata.). Weidmann, Berlin 1934, Mit dem Ort Hastingisleybin ist zweifelsohne Haßleben gemeint, eine weitere Schreibweise für Haßleben in alten Urkunden ist Hastenisleiba oder Hasteneleben. 1249 erfolgte eine Schenkung an das Kloster Georgenthal, 1274 an das Kloster Pforta. 1306 bekam Erfurt die Gerichtsbarkeit über Haßleben. Um 1300 gab es eine schon länger bestehende einfache Wasserburg mit Rittergut im Ort. 1320 wird ein Burgmann Ritter Dietrich der Jüngere, genannt Ryntfraz, erwähnt. Im weiteren Verlauf des 14. Jahrhunderts kam es zur Übereignung von Gütern und Ländereien an das Marien- und das Ursulinenkloster in Erfurt.
Für die weitere Geschichte von Haßleben spielte das Fürstentum Schwarzburg-Sondershausen eine besondere Rolle, das zunächst als Grafschaft im Jahre 1160 entstanden war. Im 14. Jahrhundert wurde erstmals eine Vogtei Haßleben erwähnt, die der Grafschaft angehörte. Haßleben war eine Exklave der Schwarzburg-Sondershäuser Unterherrschaft, was so viel bedeutet, dass das Gebiet um Haßleben von fremden Gebieten umgeben war, also bei Verlassen von Haßleben eine Landesgrenze überschritten werden musste.
Die „Sächsische Straße“ von Hamburg über Erfurt nach Nürnberg hatte einen Abzweig von Alperstedt nach Haßleben (Ausspanne), bevor sie weiter, östlich an Werningshausen vorbei, über die Gramme führte. Dort befindet sich noch ein alter Geleitstein vor der Brücke.
Der Grundstein zur heutigen Kirche St. Michael wurde 1593 gelegt, 1595 war sie vollendet. Anfang des 16. Jahrhunderts hatte Haßleben bereits 500 Einwohner, die an 134 „Feuerstätten“ lebten. Erstaunlich war, wie schnell sich die Gemeinde von den Leiden des Dreißigjährigen Krieges erholen konnte, als durch Tod und Flucht ganze 47 Einwohner übrig geblieben waren.
Um 1700 war Haßleben durch Gräben und teilweise eine Mauer geschützt. Einlass gab es durch ein Ober- und ein Untertor. Es war ein Marktflecken, in dem auf dem Töpfermarkt und der Langen Gasse dreimal im Jahr Markttage stattfanden. 1784 äscherte ein Großbrand 70 Gebäude ein, darunter das Pfarrhaus mit seinen Kirchenbüchern, dem schriftlichen Gedächtnis des Ortes. Haßleben wurde – auch mit Spenden aus Nachbargemeinden – wieder aufgebaut.
Um 1800 begann die Torfstecherei, besonders östlich des Dorfes (im „Pfuhl“). Sie war so ergiebig, dass Torf „exportiert“ werden konnte, so später an die Salzsiedereien in Stotternheim. 1821 wurde ein fossiles „Ochsenskelett aus dem Torfmoore bei Haßleben“ geborgen, das durch Johann Wolfgang von Goethe nach Jena vermittelt wurde und sich heute im dortigen Phyletischen Museum befindet.
1811 erhielt das Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach den Ort Haßleben, welches ihn dem Amt Großrudestedt angliederte. Haßleben beendete damit seine Existenz als Exklave des Fürstentums Schwarzburg-Sondershausen. Es zählte damals schon 1150 Einwohner. Ein im Jahre 1822 ausgebrochener verheerender Brand vernichtete mit 188 Gebäuden, davon 77 Wohnhäusern, einen Großteil des Dorfes. Wieder kamen Hilfsgüter und Spenden aus anderen Thüringer Orten. Dem Großbrand ist es auch zuzuschreiben, dass beim Wiederaufbau die für Haßleben typischen breiten Straßen der Neuen Anlage oder der Neustadt entstanden, besonders aus Gründen der Brandsicherheit. Das Projekt für den Wiederaufbau war dem bekannten Oberbaudirektor Clemens Wenzeslaus Coudray aus Weimar übertragen worden.
1841 erwarb die Gemeinde das Fürstliche Kammergut, das dann abgerissen wurde. Übrig blieben die beiden Säulen, die noch heute den Eingang zu der 1848 auf diesem Gelände gebauten Schule zieren. Ungefähr um 1880 wurde das Schulgebäude erweitert. Dann fand nochmals 1933 und 1934 eine Vergrößerung der Schule statt.
1912 wurde bei der Gewinnung von Kies südöstlich des Ortes das germanische Gräberfeld mit dem „Fürstinnengrab von Haßleben“ entdeckt. 1913 wurde ein Erinnerungsdenkmal zur Völkerschlacht bei Leipzig 1813 unter Teilnahme von zwölf Militärvereinen mit Festumzug und Parade feierlich eingeweiht. Seit 1927 ist Haßleben an den Bus-Verkehr angeschlossen, Anfang der 1930er Jahre erfolgte die Elektrifizierung.
Während des Zweiten Weltkrieges mussten 57 Frauen und Männer aus Polen, Russland, Jugoslawien und Italien bei Bauern Zwangsarbeit verrichten. Ein Opfer der Zwangsarbeit wurde auf dem Friedhof begraben.
Infolge der Aktion Gitter wurde Robert Lein (Jg. 1897) am 22. August verhaftet und im KZ Buchenwald inhaftiert. Nach einigen Wochen wurde er im September 1944 wieder entlassen.Thüringer Verband der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten und Studienkreis deutscher Widerstand 1933–1945 (Hrsg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933–1945. Band 8: Thüringen. VAS – Verlag für Akademische Schriften, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-88864-343-0, S. 270.
Im Februar 1945 gingen in Haßleben zwei Bomben nieder. Am 10. April 1945 besetzte die US-Armee nach kurzem Artillerie-Beschuss und der darauf folgenden Hissung der Weißen Flagge auf dem Kirchturm den Ort. Ende Juni/Anfang August 1945 wurde die amerikanische durch die Rote Armee abgelöst. Die Zugehörigkeit zur SBZ, ab 1949 zur DDR, bestimmte von jetzt an das Leben im Dorf. 1955/56 richtete die Sowjetarmee einen Kilometer östlich von Haßleben, beidseits der Straße nach Alperstedt, einen Militärflugplatz ein. Dieser wurde bis 1980 als „Ausweichflugplatz“ von Düsenjägern angeflogen und war dann mit Hubschraubern belegt.
Die Zwangskollektivierung der Bauern mit Bildung der LPG „Gemeinsamer Weg“ konnte erst 1960 nach Einsatz einer auswärtigen Agitatorenbrigade durchgesetzt werden. 1975 bis 1985 mussten Reparaturarbeiten am Dach und im Inneren der Kirche St. Michael vorgenommen werden, die barocke Turmhaube wurde durch ein flaches Notdach ersetzt. 1988 bis 1992 erfolgte der Anschluss an die zentrale Wasserversorgung mit Wasser von der Ohra-Talsperre.
1990 löste eine Agrargenossenschaft die LPG ab. Von 1991 bis 1995 erhielten alle Häuser Telefonanschluss und die Straßen wurden neu gepflastert, 1996/1997 erfolgte der Anschluss des Ortes an das Erdgasnetz. 1992 weihte die Gemeinde auf dem Friedhof ein Erinnerungsmal für ihre 96 Gefallenen und Vermissten beider Weltkriege ein. Auch das Erinnerungsdenkmal von 1913 an das 100-jährige Jubiläum der Völkerschlacht bei Leipzig vor der Kirche wurde renoviert. Ebenfalls 1992 löste die Sowjetarmee ihren Hubschrauberstützpunkt auf, Personal und Technik wurden abtransportiert. Ab 2002 erfolgten durch die Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen die Abrissarbeiten der Gebäude, danach das großflächige Abtragen von verseuchtem Erdreich über das Bundesvermögensamt. Schließlich wurde – als „Ersatzmaßnahme Tanklager Haßleben“ zum Bau der nahen Bundesautobahn 71 – ein Biotop mit drei Teichen der Natur überlassen („Sukzession“).
Die Staatliche Grundschule Haßleben erhielt am 18. Oktober 2003 den neuen Namen Heinz-Sielmann-Schule Haßleben. Der bekannte Naturfilmer Heinz Sielmann reiste dazu persönlich an, um diese Auszeichnung seiner Stiftung zu überreichen.
Die Häuser von Haßleben wurden nach der Wende saniert, ein freundliches Ortsbild ist wieder entstanden. Das Kirchenschiff ist renoviert und neu gedeckt, der Kirchturm trägt wieder eine barocke Haube. Die Schule und andere historische Gebäude im Ortskern werden erneuert. Im Jahre 2002 beging Haßleben den 1200. Jahrestag seiner urkundlichen Ersterwähnung. Ein Gedenkstein mit Bronzetafeln auf dem zentralen Dorfplatz erinnert daran.
Einwohnerentwicklung 1994 – 1.089 1995 – 1.089 1996 – 1.103 1997 – 1.097 1998 – 1.098 1999 – 1.089 2000 – 1.081 2001 – 1.071 2002 – 1.078 2003 – 1.072 2004 – 1.077 2005 – 1.076 2006 – 1.051 2007 – 1.045 2008 – 1.039 2009 – 1.032 2010 – 1.024 2011 – 997 2012 – 995 2013 – 1.010 2014 – 1.010 2015 – 1.004 2016 – 1.046 2017 – 1.037 2018 – 975 2019 – 1.001 2020 – 958 2021 – 975 2022 – 975 2023 – 963 2024 – 930 Datenquelle: Thüringer Landesamt für Statistik, Verwaltungsgemeinschaft Straußfurt.
Politik Die Gemeinde gehört der Verwaltungsgemeinschaft Straußfurt an, die ihren Verwaltungssitz in der Gemeinde Straußfurt hat.
Gemeinderat Der Gemeinderat von Haßleben wurde bei der Kommunalwahl am 26. Mai 2024 in einer Mehrheitswahl bestimmt. Alle acht Gemeinderatsmitglieder gehören der Freien Wählergemeinschaft Haßleben an.
Bürgermeister Der ehrenamtliche Bürgermeister Norman Mönchgesang wurde am 5. Juni 2016 gewählt.
Wappen Das Wappen wurde am 6. Juni 1994 genehmigt.
Blasonierung: „In Blau ein schräglinker goldener Wellenbalken; oben ein wachsender goldener Löwe, unten ein goldenes Flammenschwert, links beseitet von drei goldenen Scheiben.“