Renée Gailhoustet (* 15. September 1929 in Oran, Französisch-Nordafrika; † 4. Januar 2023 in Ivry-sur-Seine, Département Val-de-Marne) war eine französische Architektin und Stadtplanerin, die durch ihre Sozialwohnungsbauten in der Pariser Banlieue bekannt wurde.

Beeinflusst von den Ideen der Architektengruppe Team 10 leitete sie die Stadterneuerung in Ivry-sur-Seine. Hierbei lehnte sie die in den großen Wohnanlagen der Zeit vorherrschenden Prinzipien der Funktionstrennung gemäß der Charta von Athen ausdrücklich zugunsten einer Nutzungsvielfalt ab.

Leben mini|Le Liégat (Bild: 2023) Renée Gailhoustet studierte zunächst Literaturwissenschaft an der Sorbonne, danach seit 1952 an der École nationale supérieure des beaux-arts de Paris. Sie trat in das Atelier von Marcel Lods ein, welches damals als Einziges bereit war, eine Studentin zu akzeptieren. Dort lernte sie Jean Renaudie kennen, mit dem sie bis 1968 eine Beziehung hatte, aus der zwei Töchter hervorgingen. Während ihrer Universitätskarriere waren beide in der Kommunistischen Partei Frankreichs. 1958 begann sie, bei Jean Faugeron zu arbeiten und 1961 machte sie ihr Diplom als Architektin zum Thema Sozialwohnungen.

Sie begann ihre Arbeitstätigkeit im Planungs- und Bauamt des Départements Seine-et-Oise unter der Leitung von Roland Dubrulle, der sich seit 1962 mit Stadterneuerungsplänen für Ivry-sur-Seine befasste. 1969 übernahm sie auf seine Empfehlung die Position der Chefarchitektin dieser Stadt und lud Jean Renaudie ein, an dem Großprojekt teilzunehmen, das sich über 30 Jahre hinzog.

Von 1973 bis 1975 lehrte sie an der École spéciale d'architecture. Sie lebte jahrzehntelang in dem von ihr entworfenen Komplex Le Liegat in Ivry.

Gaihoustet starb am 4. Januar 2023 im Alter von 93 Jahren in Ivry-sur-Seine.Florian Hertweck: Architektur als politisches Projekt. Zum Tod von Renée Gailhoustet. BauNetz, 12. Januar 2023; abgerufen am 12. Januar 2023.

Einflüsse Gailhoustet wurde von den neuartigen Konzepten von Team 10, von den Ideen von Georges Candilis, Alexis Josic und Shadrach Woods, mit denen sie zusammenarbeitete, sowie den unveröffentlichten Überlegungen von Jean Renaudie beeinflusst. Letzterer vertrat die Devise „La ville est une combinatoire“; eine Stadt sei durch typologische Vielfalt und Ausstattung, gemeinsame Dienstleistungen, öffentliche Räume und Geschäfte zu gestalten. Eine Mischnutzung begünstige Begegnungen, Austausch und Wohlbefinden. Gailhoustets Architektur war geprägt von der terrassierten Bauweise, wobei die Erdgeschosse vielfach für Geschäfte genutzt wurden.

Fast alle Projekte von Gailhoustet befanden sich in den Vororten von Paris, insbesondere in Ivry-sur-Seine. Weiter gab es Bauten in Villejuif, Romainville und Villetaneuse. Bemerkenswert sind auch die 1984 fertiggestellte Entwicklung des Stadtteils La Maladrerie in Aubervilliers, die 2008 vom Kultusministerium zum Patrimoine du XXe siècle erklärt wurdeQuartier La Maladrerie; ferner die Erneuerung des Ilot Basilique in Saint-Denis (1981–1985), sowie zwei städtebauliche Studien für Réunion. Bauten in Ivry 1968: Tour Raspail 1970: Tour Lenine 1973: Cité Spinoza 1976: Tour Jeanne Hachette 1976: Tour Casanova 1982: Ensemble Le Liegat 1986: Ensemble Marat

Auszeichnungen 2019: Großer Kunstpreis Berlin der Akademie der Künste BerlinDie Stadt als Schaltnetz. In: taz 2022: Royal Academy Architecture Award

Veröffentlichungen Des racines pour la ville. Éditions de l’Épure, 1998 Éloge du logement. Éditions Massimo Riposati, 1993 Le panoramique et l’Observatoire de la ville. Éditions Ne Pas Plier, 2000

Literatur Bénédicte Chaljub: La Politesse des maisons: Renée Gailhoustet. ACTES SUD, 2009 Bénédicte Chaljub: Renée Gailhoustet – Une poétique du logement. PATRIMOINE, 2019 Öffentlichkeit ist eine große Quelle den Freiheit. Interview in Archplus, Heft 231/2018.

Einzelnachweise

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