Unter Lohntheorie versteht man in der Volkswirtschaftslehre eine Vielzahl von Theorien, welche die Ursachen für die Höhe und die Veränderungen des Arbeitslohns im Zeitablauf beschreiben und untersuchen.
Allgemeines Grundlage aller Lohntheorien sind die Lohnkosten eines Arbeitnehmers, unabhängig von der Form (Lohn, Gehalt oder Dienstbezüge). Einheit des Lohns ist der Lohnsatz als Entgelt für eine geleistete Arbeitsstunde. Zugrunde gelegt werden die Faktorkosten des Produktionsfaktors Arbeit. Lohntheorien berücksichtigen deshalb oft die Arbeitskosten abzüglich der Lohnnebenkosten. In diesem Zusammenhang untersuchen Lohntheorien insbesondere drei Aspekte mit Hilfe einer Total- oder Partialanalyse. Sie analysieren erstens, auf welche Bestimmungsgründe das Lohnniveau und dessen Veränderungen zurückzuführen sind.Bernhard Külp, Lohntheorie, in: Willi Albers (Hrsg.), Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaft, Band 5, 1980, S. 73 ff. Zweitens wird untersucht, wie sich Veränderungen im Lohn auf andere volkswirtschaftliche Kennzahlen (wie Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage auf dem Arbeitsmarkt, Ausbringung, Auslastungsgrad, Beschäftigungsgrad, Preisniveau) auswirken. Schließlich wird die Frage analysiert, bei welchem Lohnniveau man von einem „gerechten Lohn“ oder „natürlichen Lohn“ sprechen könne. Nur der erstgenannte Aspekt wird von den Lohntheorien im engeren Sinne behandelt, während die anderen Aspekte etwa der Beschäftigungstheorie bzw. der Wohlfahrtstheorie überlassen werden.
Arten Man unterscheidet zwischen den klassischen Lohntheorien, den neoklassischen Lohntheorien und der Keynesschen Lohntheorie. Die Lohntheorie des Sozialismus wird im Rahmen der klassischen Lohntheorien behandelt.
Klassische Lohntheorien Überlegungen zum Lohn gab es bereits bei Aristoteles und Thomas von Aquin. Beide forderten, dass der Lohn den standesgemäßen Unterhalt sicherstellen müsse (Subsistenzlohn).Anton Tautscher, Geschichte der Volkswirtschaftslehre, 1950, S. 255 François Quesnay bezog seine Aussagen zum Existenzminimum auf die Agrarproduktion. Er war 1758 der Auffassung, dass der Lohn vom Getreidepreis bestimmt werde.Hansgeorg Köster, Die Kreislauftheorien von Francois Quesnay und Wassily W. Leontief, 1982, S. 80 Adam Smith vertiefte diese Ansätze in seinem im März 1776 erschienenen Werk Der Wohlstand der Nationen, legte jedoch keine geschlossene Lohntheorie vor.Adam Smith, An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations, Kapitel: Der Lohn der Arbeit, 1776, S. 3 Für Smith ist Arbeit der einzige wertschaffende Produktionsfaktor, so dass die Arbeit die Ursache für Reichtum und Wertschöpfung darstelle. Im Ansatz findet sich bei Smith die Lohnfondstheorie, die von James Mill vertretene Existenzminimumtheorie oder die Produktivitätstheorie.Bernhard Külp, Lohntheorie, in: Willi Albers (Hrsg.), Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaft, Band 5, 1980, S. 75 Wichtigster Vertreter der Lohnfondstheorie war 1848 John Stuart Mill, der älteste Sohn von James Mill.
David Ricardo befasste sich 1817 mit der Theorie des Existenzminimums im Rahmen des natürlichen Lohns. Ein erhöhter Lohn lasse das Arbeitsangebot ansteigen, führe aber zu einem Bevölkerungswachstum, durch das der Lohnfonds auf mehr Arbeiter verteilt werden müsse und deshalb jedem Arbeiter weniger Lohn zukomme.Bernhard Külp, Lohntheorie, in: Willi Albers (Hrsg.), Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaft, Band 5, 1980, S. 78 Auf den Überlegungen Ricardos baute schließlich Karl Marx von 1859 bis 1864 seine Arbeitswerttheorie auf, nach der primär die verausgabte Arbeit die Höhe der Arbeitswerte zur Ermittlung einer gerechten Entlohnung bestimme. Zu einer Verringerung der Löhne komme es durch Freisetzung der Arbeiter wegen technischem Fortschritts und damit verbundener Rationalisierung und Ausbeutung der Arbeiter.Werner Heun (Hrsg.), Evangelisches Staatslexikon, 2006, Sp. 1459 Ferdinand Lassalle als Vertreter des wissenschaftlichen Sozialismus übernahm die von Ricardo aufgestellten Thesen und prägte hierfür 1863 den Begriff „Ehernes Lohngesetz“.Bernhard Külp, Lohntheorie, in: Willi Albers (Hrsg.), Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaft, Band 5, 1980, S. 79 Diesem zufolge könne auf lange Frist der durchschnittliche Arbeitslohn den Subsistenzlohn weder unter- noch überschreiten.
Die Malthusianische Lohntheorie des Thomas Robert Malthus basiert auf seinem Bevölkerungsgesetz und geht von der Lohnfondstheorie aus.Gerhard Stavenhagen, Geschichte der Wirtschaftstheorie, 1969, S. 79 f. Er definierte 1820 den natürlichen Preis als Durchschnittspreis, der ein durchschnittliches Arbeitsangebot von Arbeitern erzeuge, das der tatsächlichen Arbeitsnachfrage genüge.Thomas Robert Malthus, Principles of Political Economy, 1820, S. 247 Für Malthus stand im Bevölkerungsgesetz fest, dass ein hohes Lohnniveau das Bevölkerungswachstum fördere, was über ein höheres Arbeitsangebot zur Ermäßigung des Lohnniveaus führe.
Neoklassische Lohntheorien Für die neoklassischen Lohntheorien ist Arbeit ein Gut wie jedes andere, so dass das allgemeine Gleichgewichtsmodell der Gütermärkte auf den Arbeitsmarkt übertragen werden könne. Angenommen wird ein polypolistischer Arbeitsmarkt mit vielen Marktteilnehmern bei Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage. Entsprechend stellt der Lohn als Faktorpreis einen Gleichgewichtspreis dar, der auf der Seite der Arbeitsnachfrage gewinnmaximales und auf der Seite des Arbeitsangebots nutzenmaximales Handeln der Marktteilnehmer unterstellt. Der Reallohn entspricht bei vollkommener Konkurrenz dem Grenzprodukt der Arbeit.Werner Glastetter (Hrsg.), Handwörterbuch der Volkswirtschaft, 1978, Sp. 1387 Mithin wird der Produktionsfaktor Arbeit nach seiner Grenzproduktivität entlohnt.
Die Grenzproduktivitätstheorie geht von den Annahmen aus, dass Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage homogen und atomistisch sind, Arbeitgeber Gewinnmaximierung und Arbeitnehmer Nutzenmaximierung betreiben, das Arbeitsangebot völlig unelastisch auf den Lohn reagiert, der Bestand an Sachkapital konstant bleibt und die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital untereinander frei substituierbar sind.Gerhard Brinkmann, Berufsausbildung und Arbeitseinkommen, 1967, S. 26 Die Grenzproduktivitätstheorie befasst sich mit der Ableitung der Arbeitsnachfragekurve eines einzelnen Unternehmens.Bernhard Külp, Lohntheorie, in: Willi Albers (Hrsg.), Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaft, Band 5, 1980, S. 85 Es kann seinen Gewinn maximieren, wenn die Grenzkosten den Grenzerlösen entsprechen. Bei gegebenem Lohnsatz entsprechen die Grenzkosten für eine zusätzliche Arbeitskraft gerade dem vorgegebenen Lohnsatz. Die Unternehmen stellen bei ihrer Arbeitsnachfrage solange Personal ein, bis der Grenzertrag der hergestellten Produkte den Arbeitskosten entspricht.Werner Heun (Hrsg.), Evangelisches Staatslexikon, 2006, Sp. 1460 Das Arbeitsangebot ergibt sich aus der Wahl des Arbeitnehmers zwischen Freizeit und durch Arbeit erzielbarem Einkommen. Der Gleichgewichtslohn entspricht bei vollkommenem Wettbewerb dem Grenzprodukt der Arbeit.
Neuere neoklassische Lohntheorien sind die Humankapitaltheorie, die Kontrakttheorie und die Effizienzlohntheorien.Werner Sesselmeier/Gregor Blauermel, Arbeitsmarkttheorien, 1990, Kapitel V und VI
Lohntheorie von Keynes John Maynard Keynes hielt zunächst an der Grenzproduktivitätstheorie des Lohnes im Fall der Vollbeschäftigung fest. Keynes‘ Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des GeldesJohn Maynard Keynes, General Theory of Employment, Interest and Money, 1936, S. 1 ff. vom Februar 1936 beinhaltete mehr eine makroökonomische Beschäftigungstheorie als Form einer Lohntheorie. In seinem bahnbrechenden Werk erkannte er vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise (1929 bis 1933), dass Arbeitslosigkeit nicht das Ergebnis überhöhter Löhne ist, sondern als abgeleitetes (derivatives) makroökonomisches Phänomen zu verstehen sei.Heinz-J. Bontrup, Lohn und Gewinn, 2008, S. 259 ff. Solange keine Steigerungen der Arbeitsproduktivität vorkommen (und damit keine Verschiebung der Produktionsfunktion erfolgt), impliziert eine Erhöhung des Arbeitseinsatzes eine sinkende Grenzproduktivität.Heinz-J. Bontrup, Lohn und Gewinn, 2008, S. 260 Keynes zufolge entspricht unter der Annahme eines gegebenen Kapitalstocks bei einer gewinnmaximalen Beschäftigung und vollkommener Konkurrenz der Reallohn dem Grenzprodukt der Arbeit.Dirk Piekenbrock (Hrsg.), Gabler Kompakt-Lexikon Volkswirtschaft, 2002, S. 200
Steigt die Arbeitsproduktivität, lässt sich auch eine Erhöhung der Beschäftigung mit steigenden Reallöhnen vereinbaren. Die Arbeitsnachfrage steigt mithin bei sinkenden Reallohn, das Arbeitsangebot steigt mit steigendem Reallohn. Bei sinkenden Reallöhnen (also bei gegebenen Nominallöhnen und steigendem Preisniveau) bleibt der Angebotsüberhang auf dem Arbeitsmarkt (Arbeitslosigkeit) bestehen und wird eben nicht – wie die Neoklassiker annahmen – durch einen Rückgang des Arbeitsangebots abgebaut.
Weitere Theorien Johann Heinrich von Thünen präsentierte 1850 eine Formel für den „naturgemäßen Lohn“.Johann Heinrich von Thünen, Der isolirte Staat, Band II, 1850, S. 154, 202 Die Formel besagte, dass dem Arbeiter das geometrische Mittel aus dem Existenzminimum einerseits und der durchschnittlichen Arbeitsproduktivität andererseits gezahlt werden solle. Damit handelt es sich um einen Mittelwert aus dem niedrigsten und höchsten denkbaren Lohn. Dieser „natürliche Arbeitslohn“ entspringt also nicht – wie es die klassische Lohntheorie annahm – lediglich dem Verhältnis von Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage auf dem Arbeitsmarkt, sondern geht aus der „freien Selbstbestimmung der Arbeiter“ hervor.Günter Schmölders, Geschichte der Volkswirtschaftslehre, 1961, S. 41 Die Kaufkrafttheorie der Löhne entstand ab 1928 insbesondere durch Fritz Tarnow. Sie geht davon aus, dass bei Unterauslastung der Produktionsfaktoren einer Volkswirtschaft durch die Erhöhung von Löhnen auf Höhe des Produktivitätsfortschritts inflationsfrei die Kaufkraft und somit die Nachfrage nach Konsumgütern gesteigert werden könne. Nach der Produktivitätstheorie des Lohns sollen die Löhne in dem Ausmaß steigen, in dem die Arbeitsproduktivität gestiegen ist, weil sich so das Verhältnis, mit dem die Wertschöpfung der Unternehmen sich auf Gewinne und Löhne aufteile, nicht ändere (sog. „produktivitätsorientierte Lohnpolitik“). Für Ludwig Erhard waren im Jahre 1964 Lohnerhöhungen gemäß einer gesteigerten Ergiebigkeit der Volkswirtschaft Teil der Marktwirtschaft.Ludwig Erhard, Wohlstand für Alle, 8. Auflage 1964, S. 211 Diesen Zusammenhang zwischen Lohnhöhe und Produktivitätssteigerung versucht die Effizienzlohntheorie zu beschreiben. Für sie sind die Arbeitgeber die Ursache von Lohnsenkungen. Im Gegensatz dazu sind bei der 1984 entwickelten Insider-Outsider-Theorie die Arbeitnehmer der Auslöser für Lohnsenkungen. Die Grenzproduktivitätsentlohnung befasst sich mit der Nachfrage eines Unternehmens nach zusätzlicher Arbeit und begründet das interdependente Zusammenspiel der Arbeitsnachfrage, abhängig vom Lohnsatz und der Kapitalnachfrage (der Investitionen), abhängig von den Kapitalkosten (dem Zinssatz).Bernd Fitzenberger/Alfred Garloff/Karsten Kohn, Beschäftigung und Lohnstrukturen nach Qualifikationen und Altersgruppen: Eine empirische Analyse auf der Basis der IAB-Beschäftigtenstichprobe, in: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zu “Löhne und Beschäftigung”, 2003
Lohntheorie und Arbeitsmigration