mini|Erstausgabe der Liechtensteinischen Volkswirtschaftlichen Zeitung (12. September 1931) Die Anfänge der Freiwirtschaftsbewegung im Fürstentum Liechtenstein gehen auf die 1920er Jahre zurück. Einer größeren Öffentlichkeit wurde sie bekannt durch die Gründung des Liechtensteinischen Freiwirtschaftsbundes im Jahr 1931 sowie durch die Herausgabe der Liechtensteinischen Volkswirtschaftlichen Zeitung (später: Liechtensteinische Freiwirtschaftliche Zeitung). Ziel der Bewegung war es, die kleine Alpenmonarchie gemäß der von Silvio Gesell (1862–1930) entwickelten Natürlichen Wirtschaftsordnung umzugestalten. Geschichte In Deutschland war bereits 1909 die erste Organisation innerhalb der Freiwirtschaftsbewegung gegründet worden. Es handelte sich dabei um den von Georg Blumenthal (1872–1929) initiierten Verein für physiokratische Politik, der später in Physiokratischer Kampfbund (auch Fisiokratischer Kampfbund geschrieben) umbenannt wurde. Es folgte der vom ehemaligen römisch-katholischen Priester Paulus Klüpfel (1876–1918) ins Leben gerufene Freiland-Freigeld-Bund (FFB), der 1919 mit einem anderen freiwirtschaftlichen Verband zum Deutschen Freiland-Freigeld-Bund (DFFB) verschmolz. 1921 ging der DFFB mit anderen Zusammenschlüssen in der Einheitsorganisation Freiwirtschaftsbund auf.Günter Bartsch: Die NWO-Bewegung Silvio Gesells. Geschichtlicher Grundriß 1891–1992/93. Band 1 in der Reihe Studien zur Natürlichen Wirtschaftsordnung. Gauke Fachverlag für Sozialökonomie: Lütjenburg 1994. S. 38
Nur wenige Wochen nach Gründung des deutschen FFB wurde in der Schweiz eine weitere Organisation gegründet; sie trug den Namen Freiland und Freigeld – Schweizerischer Bund zur Schaffung des Rechtes auf den vollen Arbeitsertrag durch Bodenbesitz- und Geldreform; der Kurzname lautete: Schweizer Freiland-Freigeld-Bund (SFFB). Erste Mitglieder waren der Arzt und Mathematiker Theophil Christen (1873–1920),(Web-Archive.org) Lebensreform.ch / Edi Muster, Edi Goetschel: Schweizer Freiland-Freigeld-Bund (15. November 2013); eingesehen am 27. Juni 2020 Fritz Trefzer, Vizedirektor beim Eidgenössischen Versicherungsamt und der Pädagoge Ernst Schneider (1878–1957).Günter Bartsch: Die NWO-Bewegung Silvio Gesells. Geschichtlicher Grundriß 1891–1992/93. Band 1 in der Reihe Studien zur Natürlichen Wirtschaftsordnung. Gauke Fachverlag für Sozialökonomie: Lütjenburg 1994. S. 88.
Die österreichische Bewegung um die Natürliche Wirtschaftsordnung Silvio Gesells organisierte sich 1922 als Österreichischer Freiwirtschaftsbund (ÖFB). Erster Obmann des Bundes wurde Ludwig Bock (1881–1947), der auch als Hauptredakteur die Zeitschrift „Blätter für Natürliche Wirtschaftsordnung“ verantwortete.Wissenschaftsuniversität Wien: Virtuelle Ausstellung „Freiwirtschaftliche Markierungen“ – hier: „Österreichischer Freiwirtschaftsbund“; eingesehen am 12. Oktober 2021.
Liechtensteinischer Freiwirtschaftsbund mini|Jakob Sprenger, einer der Initiatoren des Liechtensteiner Freiwirtschaftsbundes Erste freiwirtschaftliche Veröffentlichungen im Fürstentum datieren auf 1927. Sie erschienen im „kurzlebigen Blättchen“ Heimatland. Der Untertitel der von Hans Nescher (1906–1984) herausgegebenen Zeitschrift lautete Unabhängiges Wirtschaftsblatt für das Fürstentum Liechtenstein.Peter Geiger: Heraus aus der Krise! Die liechtensteinische Freiwirtschaftsbewegung und der Fall Ude (1930-1933). In: Kleinstaat und Menschenrechte. Festgabe für Gerard Batliner zum 65. Geburtstag. Helbing & Lichtenhahn: Basel/Frankfurt am Main, 1993. S. 68; Anmerkung 13
Die eigentliche Gründung des Liechtensteinischen Freiwirtschaftsbundes (LFB) erfolgte 1930. Impulse dazu kamen von Schweizer und österreichischen Anhängern Silvio Gesells, namentlich vom Appenzeller Volapükisten Jakob Sprenger sowie vom Grazer römisch-katholischen Moraltheologen Johannes Ude. Ude galt unter den liechtensteinischen FreiwirtenDer Begriff Freiwirt ist eine der Selbstbezeichnungen der Anhänger Silvio Gesells. als „unser prominentester Führer“ und Sprenger als der „andere Führer“.Peter Geiger: Heraus aus der Krise! Die liechtensteinische Freiwirtschaftsbewegung und der Fall Ude (1930-1933). In: Kleinstaat und Menschenrechte. Festgabe für Gerard Batliner zum 65. Geburtstag. Helbing & Lichtenhahn: Basel/Frankfurt am Main, 1993. S. 68 Sowohl Sprenger als auch Ude suchten die Reformideen Silvio Gesells mit der christlichen Soziallehre in Verbindung zu bringen.Siehe dazu: Christof Karner: Katholizismus und Freiwirtschaft. Das Lebensreformprogramm des Johannes Ude. Band 928 in der Reihe 3 der Europäischen Hochschulschriften (Geschichte und ihre Hilfswissenschaften). Peter Lang GmbH: Frankfurt am Main, 2002. ISBN 3-631-38923-X. S. 251–276 Auch die liechtensteinischen Freiwirte verstanden sich als „christlichsoziale Reformbewegung“, die auf „sittlich-einwandfreiem Wege eine natürlich-vernünftige Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung“ herzustellen beabsichtigte, und zwar „vornehmlich durch eine Festwährung“. Das „kapitalistische Ausbeutungssystem“ lehnte man ebenso wie die sozialistische Ideologie ab. Die guten Absichten des Sozialismus wusste man zwar zu würdigen, kritisierte aber, dass er mit „falschen Mitteln“ für ein „falsches Endziel“ kämpfte.Zitiert nach Peter Geiger: Heraus aus der Krise! Die liechtensteinische Freiwirtschaftsbewegung und der Fall Ude (1930-1933). In: Kleinstaat und Menschenrechte. Festgabe für Gerard Batliner zum 65. Geburtstag. Helbing & Lichtenhahn: Basel/Frankfurt am Main, 1993. S. 67f
Zum ersten Obmann des Freiwirtschaftsbundes, der seine lokalen Schwerpunkte in Triesen, Schaan und Eschen, wurde 1931 der bereits erwähnte Hans Nescher gewählt.Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online / Wilfried Marxer: Liechtensteinischer Freiwirtschaftsbund (31. Dezember 2011); eingesehen am 15. Oktober 2021 Nescher hatte 1927 (gemeinsam mit Josef SausgruberGutenberg.li: Über uns; eingesehen am 15. Oktober 2021) die Schaaner Druckerei Gutenberg gegründet.Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein / Donat Büchel: Nescher, Hans (Johann Anton) (31. Dezember 2011); eingesehen am 15. Oktober 2021 Sein Nachfolger war ab 1932 der ebenfalls aus Schaan stammende Baumeister Josef Hilti, der in diesem Amt bis zur Auflösung des LFB im Sommer 1933 verblieb.
Der „Fall Ude“ Im September 1932 lud der LFB den „ebenso berühmten wie eigensinnigen geistlichen Erfolgsredner und Propheten einer christlich fundierten Freiwirtschaft“ zu einer Vortragsreise nach Liechtenstein ein. Mindestens zweimal zuvor war Ude im Alpenfürstentum öffentlich aufgetreten: Mitte 1931 hatte er einen Vortrag zur Zinsfrage gehalten, der in den ersten beidem Nummern der Liechtensteinischen Volkswirtschaftlichen Zeitung abgedruckt worden und in der Öffentlichkeit nicht ohne Erfolg geblieben war. Ein weiterer Vortrag Udes folgte im März 1932. Ude, der als überzeugter „Republikaner, Pazifist, Abstinenzler, Tierschützer [...]“ und Freiwirt an verschiedenen Fronten kämpfte, wollte nun zum dritten Mal im Fürstentum referieren. Das Thema des geplanten Vortrags lautete: „Die Freiwirtschaft (FFF) als Mittel zur Überwindung des Kapitalismus und der Weltwirdschaftskrise“.Christof Karner: Katholizismus und Freiwirtschaft. Das Lebensreformprogramm des Johannes Ude. Band 928 in der Reihe 3 der Europäischen Hochschulschriften (Geschichte und ihre Hilfswissenschaften). Peter Lang GmbH: Frankfurt am Main, 2002. S. 268 Die Regierung des Alpenstaates lehnte das Vorhaben jedoch ab. Josef Hilti und Johannes Ude besuchten deshalb am 14. September 1932 den damaligen Liechtensteiner Regierungschef Josef Hoop (1895–1959) und seinen Stellvertreter Ludwig Marxer, um in einem persönlichen Gespräch ihre Absichten zu erläutern und so doch noch eine Bewilligung für den geplanten Vortrag zu erhalten. Hoop und Marxer baten darum, auf Vorträge zu freiwirtschaftlichen Themen zu verzichten. Sie gaben ihrer Sorge Ausdruck, dass die Umsetzung der Gesellschen Wirtschaftsordnung die Interessen der „Staatswirtschaft“ des Fürstentums gefährden könnten. Ude und Hilti lenkten jedoch nicht ein, sondern kündigten einen Vortrag noch am Abend desselben Tages in Ruggell an. Hoop informierte den Liechtensteiner Landtag, der zufällig an diesem Tag sich zu einer Sitzung versammelt hatte, über das Vorhaben der beiden Freiwirtschaftler, woraufhin dieser sich dafür aussprach, „dem Redeverbot mit allen Mitteln Nachachtung zu verschaffen“. Johannes Ude wurde durch den Polizeiweibel in Hiltis Wohnung festgenommen und „als lästiger und unerwünschter Ausländer“ bei Tisis über die Grenze zur Schweiz hin abgeschoben. Der offizielle Ausweisungsbeschluss wurde erst nach der vom Regierungschef persönlich überwachten Aktion schriftlich abgefasst und Ude nachgesandt.Ausweisungsverfügung gegen Johannes Ude, 14. September 1932; eingesehen am 19. Oktober 2021Zitate und Fakten nach Peter Geiger: Heraus aus der Krise! Die liechtensteinische Freiwirtschaftsbewegung und der Fall Ude (1930-1933). In: Kleinstaat und Menschenrechte. Festgabe für Gerard Batliner zum 65. Geburtstag. Helbing & Lichtenhahn: Basel/Frankfurt am Main, 1993. S. 69f Zwei Tage später reagierte Johannes Ude mit einem Protestschreiben, in dem er handschriftlich darüber beklagte, dass „Tat-Christen“ im Fürstentum wie Verbrecher behandelt werden, während „Devisenschmuggler und Steuerhinterzieher“ gerne geduldet würden.Johannes Udes Protestschreiben vom 16. September 1932 an den Liechtensteiner „Regierungschef“ Josef Hoop; eingesehen am 19. Oktober 2021 Auch die Antwort Hoops, in der er sich über die Uneinsichtigkeit und das taktlose Verhalten der beiden Freiwirte beklagte, ist erhalten geblieben.Peter Geiger: Heraus aus der Krise! Die liechtensteinische Freiwirtschaftsbewegung und der Fall Ude (1930-1933). In: Kleinstaat und Menschenrechte. Festgabe für Gerard Batliner zum 65. Geburtstag. Helbing & Lichtenhahn: Basel/Frankfurt am Main, 1993. S. 71