Stefan Pfänder (* 4. August 1969 in Gelsenkirchen) ist ein deutscher Romanist.

Leben Stefan Pfände hat Französisch, Spanisch, Russisch und Geschichte studiert, erwarb 1993 das Licence an der Universität Aix; 1999 wurde er an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg mit seiner Arbeit zum Frankokreol zum Dr. phil. promoviert und hat 2004 in Halle-Wittenberg mit einer Schrift zum Sprachkontakt Spanisch-Quechua habilitiert.

Seit 2005 ist er ordentlicher Professor (W3) an der Universität Freiburg (Lehrstuhl für Romanische und Allgemeine Sprachwissenschaft). Er ist ordentliches Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften seit 2019.

Forschung Pfänder arbeitet gerne dort, wo Sprache an ihre Ränder stößt: in mehrsprachigen Kolonialsituationen, in denen die Kolonialsprache unter schwersten Bedingungen erlernt werden muss, bei Kleinkindern im ersten Lebensjahr, bei Menschen mit fortgeschrittenem Alzheimer und bei Traumatisierten, die in der Therapie schwer Worte finden. Überall trägt der Körper Bedeutung, lange eine Leerstelle der Linguistik, und Pfänder hat dieser Leerstelle eine Methodik gegeben: videobasierte Interaktionsanalyse, multimodale Annotation, longitudinale Gesprächsforschung, verbunden mit quantitativen Auswertungen und präziser Visualisierung. So werden Synchronisierung, Redezug-Design, prosodische Führung und räumliche Organisation mess- und lehrbar, er arbeitet dabei in zwölf Sprachen, überwiegend romanische, daneben Russisch, Kreolisch, Quechua, Wolof und Arabisch.

Empirisch hat Pfänder früh auf multimodale Korpora, Videoethnografie und präzise annotierte Datensammlungen gesetzt, lange bevor „multimodal“ zum Schlagwort wurde. Er verbindet dichte qualitative Analysen mit quantitativen Auswertungen und experimentellen Designs. In enger Kooperation mit Rechen- und Informationswissenschaften erprobt er neue Werkzeuge für die Erfassung, Modellierung und Visualisierung von Interaktion: von fein aufgelösten Sprecherwechsel-Profilen über prosodische Konturen bis zu räumlich-leiblichen Arrangements in Ko-Präsenz- und Online-Umgebungen. Ausgangspunkt seines Programms ist eine folgenreiche Einsicht: Sprache ist nicht nur Wort und Satz, sondern verkörperte, medial gerahmte Praxis. Wer so denkt, rückt jene Formen ins Zentrum, die lange als defizitär galten: das Sprechen unter Zwang, das Erinnern ohne Worte, das Verstehen jenseits der Schrift. Pfänder hat diese vermeintlichen Ränder in den Kern des Fachs geholt und damit unser Bild von sprachlicher Kompetenz, Variation und Wandel neu gezeichnet.

Seine Bücher stehen für diese Bewegung: Gramática mestiza (Spanischbasierte Kontaktsprachen Bolivien, Peru, Ecuador) für Sprachmischung verstanden nicht mehr als ‚Lerndefizite von Indigenen‘, sondern als Potentialfeld für neue Sprachstrukturen; Le français cosmopolite (frankophones Nordafrika) für die Abkehr vom Exzeptionalismus und die Anerkennung kolonial entstandener Sprachen als reguläre Entwicklungen; Wiedererzählen als kulturelle Praxis für eine interaktionale, multimodale Erzählforschung in Alltag, Kunst und Psychotherapie; die Arbeiten zu kreolischen Rekonfigurationen in Übersee für historisch-gebrauchsbasierte Erklärungen sprachlicher Innovation ohne Defizitnarrativ, so bspw. in der Monographie Innovation and Inheritance (frankophone Karibik).

Dass diese Perspektive gesellschaftlich trägt, zeigen seine Verbundprojekte: Die von Deutschland und der Schweiz über viele Jahre geförderten Programme zur schweren Sagbarkeit der Erinnerung von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der Shoah; internationale Initiativen zur Routinisierung sprachlicher Muster, zur Synchronisierung in verkörperter Interaktion in der Psychotherapie sowie zu ökologischen Korpora gesprochener Sprache bspw. für das Französische auf vier Kontinenten. Sie stehen für Infrastruktur, für offene und vergleichbare Daten und für die Verbindung dichter Beobachtungen mit quantitativen Verfahren und Visualisierung.

Der theoretische Beitrag liegt in der doppelten Korrektur eines hartnäckigen Vorurteils: Erstens, dass neue Formen nur aus Mangel entstehen, und zweitens, dass es ohne Wörter keine Sprache gebe. Pfänder zeigt das Gegenteil. Kreolsprachen sind Antworten auf extreme soziale Lagen; sie sind systematisch, funktional, lern- und lehrbar. Gebärdensprachen sind voll ausgebaute Sprachen ohne Lautwörter, mit Grammatik in Raum, Blick und Körperprosodie. Die von ihm mitkuratierte „Schornsteinfegerreihe“ versammelt Lebensgeschichten von Menschen, denen öffentlich lange nicht zugehört wurde: Frauen im Zweiten Weltkrieg, Hausangestellte in Peru, Handwerker in Italien, die französische Community in Ägypten, Migrantinnen im Maghreb und in Frankreich sowie Überlebende von Lagern und Zwangsarbeit des Nationalsozialismus. Die Analysen zeigen, wie sich Erinnerung und Zeugenschaft multimodal stabilisieren, wie Gesprächsführung, Medienwahl und körperliche Ausdrucksressourcen (z. B. Mimik und Gestik) erst Verständigung sichern – und wie daraus Maßstäbe für gute Praxis in Wissenschaft und Bildung entstehen.

Pfänder denkt Barrierefreiheit nicht additiv, sondern als Grundprinzip von Forschung und Lehre und leistet so einen Beitrag zur inkludierenden Sprachwissenschaft. In laufenden Lehr-/Forschungsprojekten zu der Lengua de Signos, American Sign Language und Pidgin Signed English und zu atypischen Kommunikationslagen (Aphasie, Stottern, Demenz, Trauma) zeigt er, dass multimodale Ressourcen keine Randphänomene, sondern zentrale Träger von Sinnherstellung, Positionierung und der Aushandlung von Common Ground sind. Aus dieser Einsicht leitet er konkrete Handlungsempfehlungen ab: von der Gestaltung multimodaler Lernumgebungen über die Qualifizierung von gymnasialen Lehrkräften bis zu Leitlinien für öffentliche Kommunikation, Medienpraxis und Justiz. Forschung wird so zum Gesellschaftswissen, das Zugang schafft, Teilhabe ermöglicht und die demokratische Öffentlichkeit stärkt.

Pfänder ist im Vorstand des Freiburger DH Lab für digitale und multimodale Empirie, in denen Studierende, Promovierende und internationale Gäste gemeinsam neue Methoden testen; das DH Lab steht für offene Daten, reproduzierbare Analysen und verantwortungsvolle Digitalisierung sensibler Sprachdaten.

Die von Pfänder begleiteten Wissenschaftler auf früher Karrierestufe denken selbstverständlich über Disziplingrenzen denkt, methodisch souverän ist und wissenschaftliche wie gesellschaftliche Verantwortung verbindet. Zahlreiche Promotions- und Habilitationsprojekte, die aus seinem Umfeld hervorgegangen sind, arbeiten heute anderorts daran, empirische Beschreibungen herausfordernder Interaktionen dingfest zu machen, an denen sich Politik, Bildung und Kulturpraxis orientieren können, u. a. in den Feldern interkulturelles und intergenerationelles Verstehen Interkomprehension, Barrierefreiheit und Fairness.

Schriften (Auswahl) Pfänder, S. Interaction Beyond Words Expressive Movements in Everyday and Clinical Contexts (in Vorbereitung)

Pfänder, S. Improvisation im Gespräch. Stuttgart: Kröner Verlag. (im Druck)

Pfänder, S., Schumann, E., Freyburger, P., Behrens, H. & Buchheim, A. (2024). Participation practices in mother-child interactions: longitudinal case studies. In: European Journal of Psychology of education, 39 (3), pp. 1673-1697 doi:10.1007/s10212-023-00787-1.

Gülich, E. & Pfänder, S. (2022). Erinnerungsmarkierungen in Zeitzeugenerzählungen. Episodische Rekonstruktion und epistemische Authentifizierung in Gesprächen mit Überlebenden der NS-Zwangsarbeitslager. In: Romanistisches Jahrbuch, 73(1), 108-147. doi:10.1515/roja-2022-0004.

Scheidt, C.-E., Pfänder, S.; Ballati, A. & Lahmann, C. (2021). Language and movement synchronization in dyadic psychotherapeutic interaction – a qualitative review and a proposal for a classification. In: Frontiers in psychology, 12, 696448. doi:10.3389/fpsyg.2021.696448.

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