mini|Das als Peitschenhieb bekannt gewordene Motiv von 1895 mini|Hermann Obrist und Berthe Ruchet: Wandbehang (1895)

Berthe Ruchet (12. Januar 1855 in Bex/Waadt; † 28. August 1932 in Lausanne) war eine Kunsthandwerkerin und führte ein Stickatelier in Florenz und München.

Ruchet setzte Entwürfe von Hermann Obrist in Seidenstickereien um. Ein serpentinenartig geschwungenes Motiv mit Elementen der Alpenveilchen wurde als Peitschenhieb bezeichnet und international als charakteristisches Stilelement des Jugendstils bekannt. Der originale Wandbehang befindet sich in der Sammlung des Stadtmuseums München.

Leben und Werk Berthe Ruchet war die Gesellschaftsdame von Alice Jane Grant Duff of Eden, der Mutter des von der Arts-and-Crafts-Bewegung beeinflussten Naturwissenschaftlers, Kunstgewerblers und Bildhauers Hermann Obrist (1862–1927). Mit ihm gründete sie 1892 eine Kunststickerei in Florenz und übernahm die Führung für die von Obrist und Ruchet beschäftigten italienischen Kunststickerinnen. Im Herbst 1894 verlegten sie ihr Stickatelier nach München in das Haus der Frauenrechtlerin Sophia Goudstikker und Mitbesitzerin des Fotoateliers Elvira. In diesem Haus in der Kaulbachstraße 51a wohnte Ruchet ebenfalls.

Vom 12. bis 15. März 1896 wurden im Münchner Kunstsalon Littauer am Odeonsplatz 3 mindestens 29 StickarbeitenAbweichende Quellen sprechen von 35 Stickereien, siehe: Kathrin Bloom Heisinger: Die Meister des Münchner Jugendstils. Prestel, München 1988, ISBN 3-7913-0887-4, S. 79. des Ateliers präsentiert. Die Ausstellung war ab dem 25. März im Lichthof des Kunstgewerbemuseums Berlin zu sehen. Anschließend wurde sie in der Arts and Crafts Exhibition Gallery in London gezeigt. Die Kritiken bezeichnete die Wanderausstellung als „Geburt einer neuen angewandten Kunst“.zitiert nach Kathrin Bloom Heisinger 1988, S. 79.

Neuartig war die Interpretation der Naturdarstellung in den Motiven, die der Naturwissenschaftler und Künstler Obrist Formen aus dem Pflanzen- und Tierreich entlieh und daraus bewegt wirkenden, künstlerische Ornamente gestaltete.

mini|120 × 180 cm großer Wandbehang mit Seidenstickerei (genannt „Peitschenhieb“), 1895 1895 entstand das berühmt gewordene Gemeinschaftswerk einer Seidenstickerei mit floralem Motiv. Der Wandbehang nimmt Pflanzenteile der Alpenveilchen (lat. cyclamen) als Vorlage für stilisierte Pflanzenmotive, die dynamisch entlang einer serpentinenartigen Linie zu wirbeln scheinen – fein verästelte Wurzeln und Blätter, einen sich windenden Stängel sowie Blüten und Blütenteile. Der gelernte Bildhauer Obrist fertigte als Vorlage für die Stickarbeit unter anderem ein Tonrelief an. Ruchet gestaltete den Entwurf als goldene Stickerei auf grobem türkisfarbenem Baumwollgewebe. Die Kombination verschiedener Stickstiche und Stickrichtungen mit Unterfütterungen wirkt reliefartig. Die Stiche wurden in fließenden Übergängen ineinander gearbeitet oder kontrastreich flach nebeneinander gesetzt.Abbildung mit Lichtreflektion alamy.com

Ein Kritiker der Kunstzeitschrift des Jugendstil Pan schrieb: „Wie die jähen, gewaltsamen Windungen der Schnur beim Knallen eines Peitschenhiebes erscheint uns diese rasende Bewegung.“ Seitdem werden sowohl der Wandbehang mit Alpenveilchen als auch allgemein die ausgreifend geschwungenen Linien der floralen Motive des Jugendstil als „Peitschenhieb“ bezeichnet (engl. , franz. ).Presse-Infos | Kultur: mitteilung.php?urlID=17592 Das Glanzlicht: ein "Peitschenhieb" - LWL-Landesmuseum zeigt die Entwicklung vom Jugendstil zum Expressionismus, LWL-Newsroom, Mitteilung vom 12.10.07, Landschaftsverband Westfalen-LippeSiehe hierzu auch den Artikel der englischen Wikipedia: :en:Whiplash (decorative art)

Auf der „VII. Internationalen Kunstausstellung“ im Münchner Glaspalast 1897 stellten Obrist und Ruchet wieder Textilarbeiten aus. Ihre Arbeiten waren vorbildlich für viele Textilkünstlerinnen um 1900 wie Margarethe von Brauchitsch oder auch für das gewaltige Fassadenrelief von August Endell für das Atelier Elvira in der Von-der-Tann-Straße 15.Kathrin Bloom Heisinger 1988, S. 9.

Berthe Ruchet gab ihr Atelier im Jahr 1900 auf.Digitalisat Reto Niggl: Herrmann Obrist – Spitzenwirbelspirale. Kassel, 1996, S. 29f. nach Helena Horn: Theodor Schmuz-Baudiß (1859-1942): vom Maler in München zum künstlerischen Direktor der Königlichen Porzellanmanufaktur Berlin, Kunsthistorisches Institut der Universität Stuttgart, 2009.

Werke (Auswahl) 1895 Kissenbezug, Entwurf: Obrist, Ausführung: RuchetDigitalisat Museum für Gestaltung Zürich, eGuide 1897 Tischdecke, Entwurf: Obrist, Ausführung: Ruchet 1897 Bettüberwurf, Entwurf: Obrist, Ausführung: RuchetMary Logan Hermann Obrist's Embroidered Decorations in: The Studio, Bd. 9, Nr. 44, November 1896, S. 98, 99, 100, 101, 102, 103, 104, 105. 1897 Stickerei, Entwurf: Obrist, Ausführung: Ruchet 1897 Wandbehang, Entwurf: Obrist, Ausführung: Ruchet 1897 Wandbehang Libelle, Entwurf: Obrist, Ausführung: Ruchet 1897 Wandbehang, Entwurf: Obrist, Ausführung: Ruchet 1897 Tischdecke, Entwurf: Obrist, Ausführung: Ruchet 1897 Applikation, Entwurf: Obrist, Ausführung: Ruchet 1898 Feuerlilien, Entwurf: Obrist, Ausführung: RuchetKathrin Bloom Heisinger 1988, S. 85. 1898 Kissen in Grüner Seide auf weißem Brokat, Entwurf: Obrist, Ausführung: RuchetDigitalisat Dekorative Kunst. 2. 1898, S. 147. 1898 Kissen Tuch auf Wollstoff appliziert, Entwurf: Obrist, Ausführung: RuchetDigitalisat Dekorative Kunst. 2. 1898, S. 148. 1898 Tischdecke, Entwurf: Obrist, Ausführung: Ruchet 1898 Kissen in mehrfarbiger Stickerei auf brauner Seide, Entwurf: Obrist, Ausführung: Ruchet 1898 Fußkissen, Entwurf: Obrist, Ausführung: RuchetDigitalisat Dekorative Kunst. 2. 1898, S. 216. 1898 Polster, Entwurf: Obrist, Ausführung: RuchetDigitalisat MAK Sammlung online

Literatur Georg Fuchs, Wilhelm Bode: Hermann Obrist, in: Pan <Berlin> — 1.1895–96 (Heft III, IV und V), S. 317–328. Digitalisat Mary Logan: Hermann Obrist's Embroidered Decorations in: The Studio, Bd. 9, Nr. 44, November 1896, S. 98–105. Digitalisat L. Deubner: Modern German embroidery, in: Studio: international art — 57.1913, S. 39–51. Digitalisat Jo-Anne Birnie Danzker und Dr. Wolfgang Till (Hrsg.), Margot Th. Brandlhuber (Wiss. Red.): Schönheit der Formen: Textilien des Münchner Jugendstils. Villa Struck, München 2004, S. 61. ISBN 3-923244-22-3

Weblinks

Autoren: 1896: Die Münchner Frauenbewegung und der Jugendstil – Kap. 9 aus Leidenschaftliche Herzen, feurige Seelen von Ingvild Richardsen, Literatur Radio Bayern

Einzelnachweise

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